Beobachtung: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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==Das Publikum ==
==Das Publikum ==


Von einem Publikum spricht man dann, wenn man ein Personenkollektiv vor sich hat, das durch den gleichzeitigen Konsum eines bestimmten Erlebnisangebotes wie ein Konzert, eine Vernissage, einen Kinofilm oder ein Fußballspiel gekennzeichnet ist (<bib id='Schulze 2000a'></bib>: S. 460). Die zeitliche Dauer des Zuschauens kann unterschiedlich lange währen. Je nach der Länge der Veranstaltung kann sie von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden dauern. Bei Zeitschriften kann die Teilnahmedauer in Tagen und Wochen gezählt werden. Bei Modeartikeln, Büchern oder Musikkonserven in Monaten, bei Autos, Möbelstücken oder Moden sogar in Jahren. Meistens lässt sich der Zeitpunkt, zu dem ein Publikum entsteht oder zusammenkommt, durch das Erlebnisangebot selbst relativ genau bestimmen, während sein Ende und das Zerstreuen und Auseinanderfallen von Publika schwerer abzugrenzen sind. Publika stellen jedenfalls temporär verdichtete Szenen dar, die sich aus Anlass des kollektiven Konsums eines Erlebnisangebotes an einem bestimmten Ort treffen und versammeln, um gemeinsam als soziale Gruppe das Ereignis zu erleben.<ref>Dieser Text ist ein Auszug aus einem neuen, noch unpublizierten Manuskript mit dem Titel «Der Zugang zum Schönen. Bilder in der Erlebnisgesellschaft».</ref>
Von einem Publikum spricht man dann, wenn man ein Per&shy;sonen&shy;kollek&shy;tiv vor sich hat, das durch den gleich&shy;zeitigen Konsum eines bestimm&shy;ten Er&shy;lebnis&shy;ange&shy;botes wie ein Konzert, eine Vernis&shy;sage, einen Kino&shy;film oder ein Fuß&shy;ball&shy;spiel gekenn&shy;zeichnet ist (<bib id='Schulze 2000a'></bib>: S. 460). Die zeit&shy;liche Dauer des Zu&shy;schauens kann unter&shy;schied&shy;lich lange währen. Je nach der Länge der Ver&shy;anstal&shy;tung kann sie von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden dauern. Bei Zeit&shy;schriften kann die Teil&shy;nahme&shy;dauer in Tagen und Wochen gezählt werden. Bei Mode&shy;artikeln, Büchern oder Musik&shy;konserven in Monaten, bei Autos, Möbel&shy;stücken oder Moden sogar in Jahren. Meistens lässt sich der Zeit&shy;punkt, zu dem ein Publi&shy;kum ent&shy;steht oder zusammen&shy;kommt, durch das Er&shy;lebnis&shy;ange&shy;bot selbst relativ genau bestimmen, während sein Ende und das Zer&shy;streuen und Aus&shy;einander&shy;fallen von Publika schwerer abzu&shy;grenzen sind. Publika stellen jeden&shy;falls temporär verdich&shy;tete Szenen dar, die sich aus Anlass des kollek&shy;tiven Konsums eines Erle&shy;bnisange&shy;botes an einem bestimmten Ort treffen und ver&shy;sammeln, um gemein&shy;sam als soziale Gruppe das Ereignis zu er&shy;leben.<ref>Dieser Text ist ein Aus&shy;zug aus einem neuen, noch un&shy;publi&shy;zier&shy;ten Manu&shy;skript mit dem Titel «Der Zugang zum Schönen. Bilder in der Er&shy;leb&shy;nis&shy;ge&shy;sell&shy;schaft».</ref>


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Version vom 28. Februar 2013, 18:04 Uhr

Unterpunkt zu: Bildwahrnehmung


Das Beobachten

Die aufmerksamste und am intensivsten an einem Geschehen betei­ligte visuelle Akti­vität ist das Be­obachten. Das deutsche Uni­versal­wörter­buch kennt vier ver­schiedene Bedeu­tungen von ‘beobachten’. Erstens: ‹etwas über eine gewisse Zeit auf­merksam und genau betrach­ten, mit den Augen ver­folgen›. Zweitens: ‹über eine gewisse Zeit zu einem bestimm­ten Zweck auf etwas oder jeman­den achten, jeman­den oder etwas kontrol­lieren oder über­wachen›, zum Bei­spiel in der Rede­wendung: ‘einen Patienten beob­achten’, ‘jemanden beob­achten lassen’, ‘jemanden zur Beob­achtung ins Kranken­haus ein­weisen’. Drittens: ‹eine bestimm­te Fest­stellung an jemandem oder an etwas machen, etwas bemerken›. Viertens: ‹eine Vor­schrift, Ab­machung oder ähn­liches beachten oder ein­halten› ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Nicht angezeigt: 8. völlig neu bearbeitete Auflage
: S. 261).

Der Sozialpsychologe Carl Friedrich Graumann hat den Begriff der Beob­achtung 1966 wie folgt definiert:

Die absichtliche, aufmerksam-selektive Art des Wahr­nehmens, die ganz bestimmte Aspekte auf Kosten der Bestimmt­heit von anderen beobach­tet, nennen wir Beob­achtung. Gegen­über dem üblichen Wahr­nehmen ist das beobach­tende Verhal­ten plan­voller, selek­tiver, was eine Such­haltung bestimmt und von vorne­herein auf die Möglich­keit der Aus­wertung des Beobach­teten im Sinne der über­greifenden Absicht gerichtet. ([Graumann 1966a]Graumann, Carl Friedrich (1966): Grundzüge der Verhaltensbeobachtung. In: Meyer, E. & Maier, H. (Hg.), Fernsehen in der Lehrerbildung, Neue Forschungsansätze in Pädagogik. Manz, München.
: S. 86)

‘Beobachten’ als eine aktive, senso­motorische Tätig­keit bezeichnet also eine längere, aufmerk­same, selek­tive und vor allem auf ein Ergeb­nis hin ausge­richtete Tätig­keit. Inte­ressant ist hier der Zusammen­hang mit dem aus dem 17. Jahr­hundert stammenden Sub­stan­tiv ‘Obacht’, das von ‘Acht’ kommt und ›Vor­sicht‹ oder ›Auf­merk­sam­keit‹ meint. Es kommt heute nur noch im süd­deutschen ‘Obacht geben’ vor, was soviel wie ›auf­passen, aufmerk­sam, wach­sam sein‹ bedeutet ([Drosdowski 1989a]Drosdowsi, Günther (1989): Duden Etymologie. Herkunftwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Nicht angezeigt: 2. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage
: S. 493). Nach Kluge gibt ‘Obacht’ in größerem Umfang das lateinische ‘obser­vare’ und das franzö­sische ‘obser­ver’ wieder ([Kluge 2002a]Seebold, E. (Hg.) (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. de Gruyter, Berlin, New York.
Nicht angezeigt: 24. durchgesehene und erweiterte Auflage
: S. 109). In Beob­achten ist also ein besonders auf­merk­samer, wach­samer, kontrol­lie­render oder über­wachender Aspekt vorhanden. Auch die anderen euro­päischen Sprachen besitzen ein eigenes Wort für ein auf­merk­sames, kontrol­lieren­des, über­wachendes oder wach­sames Sehen: griech. ‘skopein’, das latei­nische ‘obser­vare’, das italie­nische ‘guardare’ und das franzö­sische ‘garder’.


Das Betrachten

Die Tätigkeit des Betrachtens ist hinsicht­lich ihrer Seman­tik eine deut­lich ent­spann­tere und kon­tem­plati­vere Tätig­keit. Das «Stil­wörter­buch der deutschen Sprache» umschreibt ‘betrach­ten’ in dreier­lei Hin­sicht. Erstens: ‹jeman­den, sich, etwas längere Zeit an­sehen›. Zweitens: ‹jeman­den, sich, etwas für etwas halten›: zum Beispiel ‘er betrach­tet sich als meinen Freund’, ‘jeman­den als Verbün­deten betrach­ten’, ‘jeman­den als politisch tot betrach­ten’, ‘jeman­den als einen Betrü­ger betrach­ten’, ‘jeman­den als enterbt betrach­ten’. Drittens: ‹etwas genauer erör­tern oder beur­teilen›, wie in ‘etwas objek­tiv betrach­ten’, ‘etwas unter einem anderen Aspekt betrach­ten’, ‘etwas von zwei Seiten betrach­ten’, ‘die finan­zielle Situ­ation der Firma betrach­ten’, ‘genau betrach­tet ist die Sache etwas anders’ ([Drosdowski 1988a]Drosdowski, Günther (1988): Die Verwendung der Wörter im Satz. In: Drosdowski, G. (Hg.), Duden Stilwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Notiz: (= Duden Bd. 2)
Nicht angezeigt: 7., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage
: S. 156).

Betrachten ist also ein Vorgang, der wie das Beob­achten zwar eben­falls längere Zeit benötigt, aber stärker als das auf­merk­same, ge­spannte und er­gebnis­orien­tierte Beob­achten in sich gekehrt ist und mit Über­legen, Ein­schätzen und Beur­teilen zu tun hat. Betrach­ten hängt eng mit den latei­nischen Verben ‘con­templari’ und ‘con­siderare’ zusammen, besitzt also eine deut­lich kon­templa­tivere und nach­denk­lichere Kon­nota­tion. Das Verb ent­steht im 8. Jahr­hundert und ist eine Ver­stärkung des ein­fachen ‘trachten’. Es bedeutet zunächst ›er­wägen‹. Erst in früh­neu­hoch­deutscher Zeit, also etwa um 1350, kommt es zu der heutigen Bedeu­tung von ›beim Anschauen erwägen‹. In dieser Zeit wird es allmählich mehr und mehr mit dem visuellen Sinn in Ver­bindung gebracht. Das Substan­tiv ‘Betracht’, wie in der Rede­wendung ‘in Betracht ziehen’ oder ‘in Betracht kommen’, bewahrt noch heute die ältere Bedeu­tung von ›erwägen‹. Adverb und Adjek­tiv ‘beträcht­lich’ entwickeln sich aus der ursprüng­lichen Bedeutung mit Über­legung zu der allgemei­neren Bedeutung ›erheb­lich‹. Das Abstrak­tum ‘Betrach­ten’ bezieht sich dagegen stärker auf das inhalt­liche Betrach­ten ([Kluge 2002a]Seebold, E. (Hg.) (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. de Gruyter, Berlin, New York.
Nicht angezeigt: 24. durchgesehene und erweiterte Auflage
: S. 116).


Das Blicken

Wie steht es mit der Tätigkeit des Blickens? Das deutsche Uni­versal­wörter­buch charakte­risiert das Sub­stantiv als ‹ein kurzes An­schauen oder Hin­schauen›, als ‹einen Aus­druck der Augen›, ‹einen Aus­blick oder eine Aus­sicht› und als ‹eine Form der Urteils­kraft› im Sinne von ‹ein sicherer Blick› oder ‹einen Blick für etwas haben› ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Nicht angezeigt: 8. völlig neu bearbeitete Auflage
: S. 298). Auf­fällig ist, dass es sich beim Blicken um einen, zeit­lich gesehen, relativ kurzen Vorgang handelt, während Beob­achten, Betrach­ten und Zu­schauen beide als zeit­lich länger an­dauern­de Tätig­keiten ver­standen werden. Ein Blick ist also etwas Kurzes und etwas Aktives. Er kann sich auf etwas richten. Das Verb ‘blicken’ hat im Wesent­lichen drei Bedeu­tungen: Erstens: ‹bewusst seinen Blick irgend­wo hin richten›. Zweitens: ‹in einer bestimmten Weise drein­schauen›, wie in ‘freund­lich blicken’, ‘kühl blicken’ oder ‘streng blicken’. Die dritte Bedeu­tung ist jugend­sprach­lich und meint ‹begrei­fen, kapie­ren, schnallen›, wie ‘der blickt es nicht’, oder ‘ich blick da nicht durch’ ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Nicht angezeigt: 8. völlig neu bearbeitete Auflage
: S. 298). Interessant ist hier, dass es zwar das Sub­stantiv ‘der Blick’ gibt, aber kein nomen agentis, also keinen Blicker. Ähnlich verhält es sich mit den sinn­ver­wandten Verben wie ‘äugen’, ‘glotzen’, ‘gucken’, ‘kieken’, ‘linsen’, ‘luchsen’, ‘lugen’, ‘schauen’, ‘schielen’, ‘sehen’, ‘starren’ oder ‘stieren’ ([Müller 1985a]Müller, Wolfgang (1985): Duden Bedeutungswörterbuch . Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Notiz: (= Duden Bd. 10)
Nicht angezeigt: völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage
: S. 151). Sie alle kennen kein nomen agentis.


Das Schauen

‘Schauen’ ist ein Ausdruck, der vor­wiegend im süd­deutschen, öster­reichi­schen oder schweize­rischen Sprach­raum Verwen­dung findet. Das Stil­wörter­buch des Duden unter­scheidet sechs ver­schie­dene Bedeu­tungs­varian­ten von ‘Schauen’. Erstens: ‹blicken, irgend­wohin schauen›; zweitens: ‹etwas an­sehen, betrach­ten› (‘ich habe den ganzen Abend Fern­sehen geschaut’); drittens: ‹auf etwas Wert legen› (wie zum Bei­spiel ‹auf Ordnung, Pünkt­lich­keit oder Äußer­lich­keiten schauen›); viertens: ‹zusehen› (‘er soll schauen, dass er damit fertig wird’); fünftens: ‹etwas schauen› (zum Bei­spiel die Herr­lich­keit Gottes) und sechstens: ‹nach jeman­dem schauen, sich um jeman­den oder etwas kümmern› ([Drosdowski 1989a]Drosdowsi, Günther (1989): Duden Etymologie. Herkunftwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Nicht angezeigt: 2. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage
: S. 622f.). Ety­molo­gisch gesehen, bezeichnet das west­germa­nische Verb (mittel­hoch­deutsch ‘schouwen’ oder alt­hoch­deutsch ‘scou­wen’) den Bedeu­tungs­komplex ›sehen, betrach­ten‹. Das englische Verb ‘to show’ (‘zeigen’) gehört mit den beiden alt­islän­dischen Verben ‘skygn’ (‘scharf­sichtig’) und ‘skygna’ (‘spähen’) zu einer gemein­samen Wurzel [s]keu- (‹auf etwas achten, auf­passen, bemer­ken›), die auch der Wort­sippe von ‘schön’ zugrunde liegt (eigent­lich ‘an­sehn­lich’). Im Unter­schied zu ‘sehen’ bezeich­net ‘schauen’ meist das absicht­liche Beob­achten und Blicken. In gehobe­ner Sprache steht ‘schauen’ auch für das innere, geistige Sehen ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Nicht angezeigt: 8. völlig neu bearbeitete Auflage
: S. 663f.). Ablei­tungen stellen die Worte ‘Schau’, ‘an­schauen’, ‘anschau­lich’, ‘veran­schauli­chen’, ‘Anschauung’, ‘beschauen’, ‘Beschauer’, ‘beschau­lich’, ‘Schau­fenster’, ‘Schau­platz’, ‘Schau­spieler’, aber auch ‘zu­schauen’ und ‘Zu­schauer’ dar.


Das Zuschauen

Der Zuschauer wird im «Universal­wörter­buch der deutschen Sprache» als jemand defi­niert, der einem Vor­gang, beson­ders einer Auf­füh­rung, einer Vor­füh­rung oder etwas Ähn­lichem zusieht ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Nicht angezeigt: 8. völlig neu bearbeitete Auflage
: S. 1881). Das Ent­scheiden­de am Zu­schauer ist, dass er nicht aktiv in das von ihm beobach­tete Geschehen ein­greift, sondern passiv bleibt. Er bleibt unbe­teiligt. Zu­schauer sind zwar eben­falls relativ auf­merk­same Beob­achter, aber nicht alle Beob­achter sind Zu­schauer. Der Psycho­loge Bernd Strauss definiert Zu­schauer folgendermaßen:

Zuschauer sind Beobachter, die erstens während des Ereig­nisses, das sie beob­achten, nicht imma­nenter Bestand­teil des beob­ach­teten Gesche­hens sind und in diesem Sinne inak­tiv sind und die zwei­tens im wesent­lichen aus person­internen Gründen und nicht aus person­externen Gründen beob­achten und die drittens rele­vante Kosten für das Beo­bachten auf­wenden müssen. ([Strauß 1998a]Strauß, Bernd (Hg.) (1998): Zuschauer. Hogrefe, Göttingen [u.a.].
: S. 16)

Etymologisch stammt ‘Zuschauer’ von ‘schauen’, dem mittel­hoch­deutschen ‘scouwen’. Außer­germa­nisch lässt sich das Wort mit dem grie­chischen ‘thyo-skóos’ der ‘Opfer­schauer’ und ohne anlau­tendes ‘s-’ ‘koéo’ (‘ich bemerke, fasse auf’) ver­gleichen. Latei­nisch stehen ‘cavere’ und even­tuell das alt­italie­nische ‘akuvate’ (‘beab­sichtigt’) nahe. Als Sub­stantive kennen wir ‘Schau’ oder ‘An­schauung’, als alter­tümliche nomina agentis den ‘Be­schauer’, englisch ‘be­holder’, als Adjek­tiv das Wort ‘beschau­lich’.


Das Sehen

Der Ausdruck ‘Sehen’ ist das am meisten und im um­fassend­sten Sinne ge­brachte Wort für die visuelle Tätig­keit eines Beob­achters. Das Wort bedeutete wohl ur­sprüng­lich ›mit den Augen ver­folgen‹. Denn es ist mit dem latei­nischen ‘sequi’ (‘folgen’) verwandt. Wahr­schein­lich liegt hier ein altes Wort der Jäger­sprache zu Grunde, das sich auf den verfol­genden und spüren­den Hund bezog. Das «Uni­versal­wörter­buch der deutschen Sprache» kennt elf unter­schied­liche Bedeu­tungen und Ver­wendungs­weisen des Verbs, was für seine verbrei­teten, wichtigen und viel­fältigen Ein­satz im Deutschen spricht. Erstens: ‹mit dem Ge­sichts­sinn, mit den Augen optische Ein­drücke wahr­nehmen›. Zweitens: ‹den Blick irgend­wohin richten, ge­richtet halten›; ‹blicken, um etwas fest­zustellen oder zu er­mitteln›, sowie ‹seine Auf­merk­sam­keit, sein Inte­resse, seine Erwar­tung auf jeman­den oder auf etwas gerich­tet halten›. Drittens: ‹aus etwas heraus ragen und zu sehen sein, hervor­sehen›. Viertens: ‹eine Lage mit Blick in eine bestimm­te Rich­tung haben›. Fünftens: ‹er­blicken, bemer­ken, als vor­handen fest­stellen›. Sechstens: ‹sich jeman­den oder etwas an­sehen, betrach­ten› oder ‹durch Sehen in einen bestimm­ten Zustand gelangen›, wie bei ‘satt sehen’ oder ‘müde sehen’. Siebtens: ‹er­leben›. Achtens: ‹bemer­ken, fest­stellen›, aber auch ‹beur­teilen, ein­schätzen, er­kennen, er­fassen, über­legen und prüfen›. Neuntens: ‹zu jeman­dem oder etwas hin­gehen und sich darum kümmern› wie im Aus­druck ‘nach den Kindern sehen’. Zehntens: ‹auf etwas beson­ders achten, beson­deren Wert legen›, aber auch ‹auf jeman­den oder etwas auf­passen, etwas im Auge behal­ten›. Elftens: ‹sich darum kümmern, etwas Bestimm­tes zu errei­chen›, wie bei ‘sieh zu, dass du bald fertig wirst’ ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Nicht angezeigt: 8. völlig neu bearbeitete Auflage
: S. 1432f.).

Etymologisch betrachtet, beruht das gemein­germa­nische, mittel­hoch­deutsche Verb ‘sehen’ (alt­hoch­deutsch ‘sehan’) mit ver­wandten Wörtern in anderen indo­germa­nischen Sprachen auf der indo­germa­nischen Wurzel ‘sek-’ (‘be­merken’, ‘sehen’). Deren eigent­liche Bedeu­tung ›mit den Augen ver­folgen‹ ergibt sich aus den ver­wandten Wort­sippen von latei­nisch ‘sequi’ (‘folgen’, ‘ver­folgen’), dem alt­indischen ‘sacaté’ (‘er begleitet, folgt’) und dem lettischen ‘sekt’ (‘folgen’, ‘spüren’, ‘wittern’). Aus der Bedeu­tung ›be­merken‹ hat sich weiter­hin über ‘zeigen’, ‘ankün­digen’ die Bedeu­tung ‘sagen’ ent­wickelt ([Drosdowski 1989a]Drosdowsi, Günther (1989): Duden Etymologie. Herkunftwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Nicht angezeigt: 2. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage
: S. 662).


Das Publikum

Von einem Publikum spricht man dann, wenn man ein Per­sonen­kollek­tiv vor sich hat, das durch den gleich­zeitigen Konsum eines bestimm­ten Er­lebnis­ange­botes wie ein Konzert, eine Vernis­sage, einen Kino­film oder ein Fuß­ball­spiel gekenn­zeichnet ist ([Schulze 2000a]Schulze, Gerhard (2000): Die Erlebnis-Gesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Campus, Frankfurt/M., New York.
Nicht angezeigt: 8. Aufl. Studienausg.
: S. 460). Die zeit­liche Dauer des Zu­schauens kann unter­schied­lich lange währen. Je nach der Länge der Ver­anstal­tung kann sie von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden dauern. Bei Zeit­schriften kann die Teil­nahme­dauer in Tagen und Wochen gezählt werden. Bei Mode­artikeln, Büchern oder Musik­konserven in Monaten, bei Autos, Möbel­stücken oder Moden sogar in Jahren. Meistens lässt sich der Zeit­punkt, zu dem ein Publi­kum ent­steht oder zusammen­kommt, durch das Er­lebnis­ange­bot selbst relativ genau bestimmen, während sein Ende und das Zer­streuen und Aus­einander­fallen von Publika schwerer abzu­grenzen sind. Publika stellen jeden­falls temporär verdich­tete Szenen dar, die sich aus Anlass des kollek­tiven Konsums eines Erle­bnisange­botes an einem bestimmten Ort treffen und ver­sammeln, um gemein­sam als soziale Gruppe das Ereignis zu er­leben.[1]

Siehe auch:

Anmerkungen
  1. ↑ Dieser Text ist ein Aus­zug aus einem neuen, noch un­publi­zier­ten Manu­skript mit dem Titel «Der Zugang zum Schönen. Bilder in der Er­leb­nis­ge­sell­schaft».
Literatur
[Drosdowski 1988a]Drosdowski, Günther (1988): Die Verwendung der Wörter im Satz. In: Drosdowski, G. (Hg.), Duden Stilwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].[Drosdowski 1989a]Drosdowsi, Günther (1989): Duden Etymologie. Herkunftwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].[Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].[Graumann 1966a]Graumann, Carl Friedrich (1966): Grundzüge der Verhaltensbeobachtung. In: Meyer, E. & Maier, H. (Hg.), Fernsehen in der Lehrerbildung, Neue Forschungsansätze in Pädagogik. Manz, München.[Kluge 2002a]Seebold, E. (Hg.) (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. de Gruyter, Berlin, New York.[Müller 1985a]Müller, Wolfgang (1985): Duden Bedeutungswörterbuch . Dudenverlag, Mannheim [u.a.].[Schulze 2000a]Schulze, Gerhard (2000): Die Erlebnis-Gesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Campus, Frankfurt/M., New York.[Strauß 1998a]Strauß, Bernd (Hg.) (1998): Zuschauer. Hogrefe, Göttingen [u.a.].

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