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Die Tätigkeit des Betrachtens ist hinsicht­lich ihrer Seman­tik eine deut­lich ent­spann­tere und kon­tem­plati­vere Tätig­keit. Das | Die Tätigkeit des Betrachtens ist hinsicht­lich ihrer Seman­tik eine deut­lich ent­spann­tere und kon­tem­plati­vere Tätig­keit. Das «Stil­wörter­buch der deutschen Sprache» umschreibt ‘betrach­ten’ in dreier­lei Hin­sicht. Erstens: ‹jeman­den, sich, etwas längere Zeit an­sehen›. Zweitens: ‹jeman­den, sich, etwas für etwas halten›: zum Beispiel ‘er betrach­tet sich als meinen Freund’, ‘jeman­den als Verbün­deten betrach­ten’, ‘jeman­den als politisch tot betrach­ten’, ‘jeman­den als einen Betrü­ger betrach­ten’, ‘jeman­den als enterbt betrach­ten’. Drittens: ‹etwas genauer erör­tern oder beur­teilen›, wie in ‘etwas objek­tiv betrach­ten’, ‘etwas unter einem anderen Aspekt betrach­ten’, ‘etwas von zwei Seiten betrach­ten’, ‘die finan­zielle Situ­ation der Firma betrach­ten’, ‘genau betrach­tet ist die Sache etwas anders’ (<bib id='Drosdowski 1988a'></bib>: S. 156). | ||
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Betrachten ist also ein Vorgang, der wie das Beob­achten zwar eben­falls längere Zeit benötigt, aber stärker als das auf­merk­same, ge­spannte und er­gebnis­orien­tierte Beob­achten in sich gekehrt ist und mit Über­legen, Ein­schätzen und Beur­teilen zu tun hat. Betrach­ten hängt eng mit den latei­nischen Verben ‘con­templari’ und ‘con­siderare’ zusammen, besitzt also eine deut­lich kon­templa­tivere und nach­denk­lichere Kon­nota­tion. Das Verb ent­steht im 8. Jahr­hundert und ist eine Ver­stärkung des ein­fachen ‘trachten’. Es bedeutet zunächst ›er­wägen‹. Erst in früh­neu­hoch­deutscher Zeit, also etwa um 1350, kommt es zu der heutigen Bedeu­tung von ›beim Anschauen erwägen‹. In dieser Zeit wird es allmählich mehr und mehr mit dem visuellen Sinn in Ver­bindung gebracht. Das Substan­tiv ‘Betracht’, wie in der Rede­wendung ‘in Betracht ziehen’ oder ‘in Betracht kommen’, bewahrt noch heute die ältere Bedeu­tung von ›erwägen‹. Adverb und Adjek­tiv ‘beträcht­lich’ entwickeln sich aus der ursprüng­lichen Bedeutung mit Über­legung zu der allgemei­neren Bedeutung ›erheb­lich‹. Das Abstrak­tum ‘Betrach­ten’ bezieht sich dagegen stärker auf das inhalt­liche Betrach­ten (<bib id='Kluge 2002a'></bib>: S. 116). | Betrachten ist also ein Vorgang, der wie das Beob­achten zwar eben­falls längere Zeit benötigt, aber stärker als das auf­merk­same, ge­spannte und er­gebnis­orien­tierte Beob­achten in sich gekehrt ist und mit Über­legen, Ein­schätzen und Beur­teilen zu tun hat. Betrach­ten hängt eng mit den latei­nischen Verben ‘con­templari’ und ‘con­siderare’ zusammen, besitzt also eine deut­lich kon­templa­tivere und nach­denk­lichere Kon­nota­tion. Das Verb ent­steht im 8. Jahr­hundert und ist eine Ver­stärkung des ein­fachen ‘trachten’. Es bedeutet zunächst ›er­wägen‹. Erst in früh­neu­hoch­deutscher Zeit, also etwa um 1350, kommt es zu der heutigen Bedeu­tung von ›beim Anschauen erwägen‹. In dieser Zeit wird es allmählich mehr und mehr mit dem visuellen Sinn in Ver­bindung gebracht. Das Substan­tiv ‘Betracht’, wie in der Rede­wendung ‘in Betracht ziehen’ oder ‘in Betracht kommen’, bewahrt noch heute die ältere Bedeu­tung von ›erwägen‹. Adverb und Adjek­tiv ‘beträcht­lich’ entwickeln sich aus der ursprüng­lichen Bedeutung mit Über­legung zu der allgemei­neren Bedeutung ›erheb­lich‹. Das Abstrak­tum ‘Betrach­ten’ bezieht sich dagegen stärker auf das inhalt­liche Betrach­ten (<bib id='Kluge 2002a'></bib>: S. 116). | ||
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==Das Schauen== | ==Das Schauen== | ||
‘Schauen’ ist ein Ausdruck, der vor­wiegend im süd­deutschen, öster­reichi­schen oder schweize­rischen Sprach­raum Verwen­dung findet. Das Stil­wörter­buch des Duden unter­scheidet sechs ver­schie­dene Bedeu­tungs­varian­ten von ‘Schauen’. Erstens: ‹blicken, irgend­wohin schauen›; zweitens: ‹etwas an­sehen, betrach­ten› (‘ich habe den ganzen Abend Fern­sehen geschaut’); drittens: ‹auf etwas Wert legen› (wie zum Bei­spiel ‹auf Ordnung, Pünkt­lich­keit oder Äußer­lich­keiten schauen›); viertens: ‹zusehen› (‘er soll schauen, dass er damit fertig wird’); fünftens: ‹etwas schauen› (zum Bei­spiel die Herr­lich­keit Gottes) und sechstens: ‹nach jeman­dem schauen, sich um jeman­den oder etwas kümmern› (<bib id='Drosdowski 1989a'></bib>: S. 622f.). Ety­molo­gisch gesehen, bezeichnet das west­germa­nische Verb (mittel­hoch­deutsch ‘schouwen’ oder alt­hoch­deutsch | ‘Schauen’ ist ein Ausdruck, der vor­wiegend im süd­deutschen, öster­reichi­schen oder schweize­rischen Sprach­raum Verwen­dung findet. Das Stil­wörter­buch des Duden unter­scheidet sechs ver­schie­dene Bedeu­tungs­varian­ten von ‘Schauen’. Erstens: ‹blicken, irgend­wohin schauen›; zweitens: ‹etwas an­sehen, betrach­ten› (‘ich habe den ganzen Abend Fern­sehen geschaut’); drittens: ‹auf etwas Wert legen› (wie zum Bei­spiel ‹auf Ordnung, Pünkt­lich­keit oder Äußer­lich­keiten schauen›); viertens: ‹zusehen› (‘er soll schauen, dass er damit fertig wird’); fünftens: ‹etwas schauen› (zum Bei­spiel die Herr­lich­keit Gottes) und sechstens: ‹nach jeman­dem schauen, sich um jeman­den oder etwas kümmern› (<bib id='Drosdowski 1989a'></bib>: S. 622f.). Ety­molo­gisch gesehen, bezeichnet das west­germa­nische Verb (mittel­hoch­deutsch ‘schouwen’ oder alt­hoch­deutsch ‘scou­wen’) den Bedeu­tungs­komplex ›sehen, betrach­ten‹. Das englische Verb ‘to show’ (‘zeigen’) gehört mit den beiden alt­islän­dischen Verben ‘skygn’ (‘scharf­sichtig’) und ‘skygna’ (‘spähen’) zu einer gemein­samen Wurzel [s]keu- (‹auf etwas achten, auf­passen, bemer­ken›), die auch der Wort­sippe von ‘schön’ zugrunde liegt (eigent­lich ‘an­sehn­lich’). Im Unter­schied zu ‘sehen’ bezeich­net ‘schauen’ meist das absicht­liche Beob­achten und Blicken. In gehobe­ner Sprache steht ‘schauen’ auch für das innere, geistige Sehen (<bib id='Dudenredaktion 2003a'></bib>: S. 663f.). Ablei­tungen stellen die Worte ‘Schau’, ‘an­schauen’, ‘anschau­lich’, ‘veran­schauli­chen’, ‘[[Anschauung]]’, ‘beschauen’, ‘Beschauer’, ‘beschau­lich’, ‘Schau­fenster’, ‘Schau­platz’, ‘Schau­spieler’, aber auch ‘zu­schauen’ und ‘Zu­schauer’ dar. | ||
==Das Zuschauen== | ==Das Zuschauen== | ||
Der Zuschauer wird im | Der Zuschauer wird im «Universal­wörter­buch der deutschen Sprache» als jemand defi­niert, der einem Vor­gang, beson­ders einer Auf­füh­rung, einer Vor­füh­rung oder etwas Ähn­lichem zusieht (<bib id='Dudenredaktion 2003a'></bib>: S. 1881). Das Ent­scheiden­de am Zu­schauer ist, dass er nicht aktiv in das von ihm beobach­tete Geschehen ein­greift, sondern passiv bleibt. Er bleibt unbe­teiligt. Zu­schauer sind zwar eben­falls relativ auf­merk­same Beob­achter, aber nicht alle Beob­achter sind Zu­schauer. Der Psycho­loge Bernd Strauss definiert Zu­schauer folgendermaßen: | ||
:''Zuschauer sind Beobachter, die erstens während des | :''Zuschauer sind Beobachter, die erstens während des Ereig­nisses, das sie beob­achten, nicht imma­nenter Bestand­teil des beob­ach­teten Gesche­hens sind und in diesem Sinne inak­tiv sind und die zwei­tens im wesent­lichen aus person­internen Gründen und nicht aus person­externen Gründen beob­achten und die drittens rele­vante Kosten für das Beo­bachten auf­wenden müssen.'' (<bib id='Strauß 1998a'></bib>: S. 16) | ||
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Etymologisch stammt ‘Zuschauer’ von ‘schauen’, dem | Etymologisch stammt ‘Zuschauer’ von ‘schauen’, dem mittel­hoch­deutschen ‘scouwen’. Außer­germa­nisch lässt sich das Wort mit dem grie­chischen ‘thyo-skóos’ der ‘Opfer­schauer’ und ohne anlau­tendes ‘s-’ ‘koéo’ (‘ich bemerke, fasse auf’) ver­gleichen. Latei­nisch stehen ‘cavere’ und even­tuell das alt­italie­nische ‘akuvate’ (‘beab­sichtigt’) nahe. Als Sub­stantive kennen wir ‘Schau’ oder ‘An­schauung’, als alter­tümliche nomina agentis den ‘Be­schauer’, englisch ‘be­holder’, als Adjek­tiv das Wort ‘beschau­lich’. | ||
==Das Sehen== | ==Das Sehen== | ||
Der Ausdruck ‘[[Sehen]]’ ist das am meisten und im | Der Ausdruck ‘[[Sehen]]’ ist das am meisten und im um­fassend­sten Sinne ge­brachte Wort für die visuelle Tätig­keit eines Beob­achters. Das Wort bedeutete wohl ur­sprüng­lich ›mit den Augen ver­folgen‹. Denn es ist mit dem latei­nischen ‘sequi’ (‘folgen’) verwandt. Wahr­schein­lich liegt hier ein altes Wort der Jäger­sprache zu Grunde, das sich auf den verfol­genden und spüren­den Hund bezog. Das «Uni­versal­wörter­buch der deutschen Sprache» kennt elf unter­schied­liche Bedeu­tungen und Ver­wendungs­weisen des Verbs, was für seine verbrei­teten, wichtigen und viel­fältigen Ein­satz im Deutschen spricht. Erstens: ‹mit dem Ge­sichts­sinn, mit den Augen optische Ein­drücke wahr­nehmen›. Zweitens: ‹den Blick irgend­wohin richten, ge­richtet halten›; ‹blicken, um etwas fest­zustellen oder zu er­mitteln›, sowie ‹seine Auf­merk­sam­keit, sein Inte­resse, seine Erwar­tung auf jeman­den oder auf etwas gerich­tet halten›. Drittens: ‹aus etwas heraus ragen und zu sehen sein, hervor­sehen›. Viertens: ‹eine Lage mit Blick in eine bestimm­te Rich­tung haben›. Fünftens: ‹er­blicken, bemer­ken, als vor­handen fest­stellen›. Sechstens: ‹sich jeman­den oder etwas an­sehen, betrach­ten› oder ‹durch Sehen in einen bestimm­ten Zustand gelangen›, wie bei ‘satt sehen’ oder ‘müde sehen’. Siebtens: ‹er­leben›. Achtens: ‹bemer­ken, fest­stellen›, aber auch ‹beur­teilen, ein­schätzen, er­kennen, er­fassen, über­legen und prüfen›. Neuntens: ‹zu jeman­dem oder etwas hin­gehen und sich darum kümmern› wie im Aus­druck ‘nach den Kindern sehen’. Zehntens: ‹auf etwas beson­ders achten, beson­deren Wert legen›, aber auch ‹auf jeman­den oder etwas auf­passen, etwas im Auge behal­ten›. Elftens: ‹sich darum kümmern, etwas Bestimm­tes zu errei­chen›, wie bei ‘sieh zu, dass du bald fertig wirst’ (<bib id='Dudenredaktion 2003a'></bib>: S. 1432f.). | ||
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Etymologisch betrachtet, beruht das | Etymologisch betrachtet, beruht das gemein­germa­nische, mittel­hoch­deutsche Verb ‘sehen’ (alt­hoch­deutsch ‘sehan’) mit ver­wandten Wörtern in anderen indo­germa­nischen Sprachen auf der indo­germa­nischen Wurzel ‘sek-’ (‘be­merken’, ‘sehen’). Deren eigent­liche Bedeu­tung ›mit den Augen ver­folgen‹ ergibt sich aus den ver­wandten Wort­sippen von latei­nisch ‘sequi’ (‘folgen’, ‘ver­folgen’), dem alt­indischen ‘sacaté’ (‘er begleitet, folgt’) und dem lettischen ‘sekt’ (‘folgen’, ‘spüren’, ‘wittern’). Aus der Bedeu­tung ›be­merken‹ hat sich weiter­hin über ‘zeigen’, ‘ankün­digen’ die Bedeu­tung ‘sagen’ ent­wickelt (<bib id='Drosdowski 1989a'></bib>: S. 662). | ||
Version vom 28. Februar 2013, 18:00 Uhr
Unterpunkt zu: Bildwahrnehmung
Das BeobachtenDie aufmerksamste und am intensivsten an einem Geschehen beteiligte visuelle Aktivität ist das Beobachten. Das deutsche Universalwörterbuch kennt vier verschiedene Bedeutungen von ‘beobachten’. Erstens: ‹etwas über eine gewisse Zeit aufmerksam und genau betrachten, mit den Augen verfolgen›. Zweitens: ‹über eine gewisse Zeit zu einem bestimmten Zweck auf etwas oder jemanden achten, jemanden oder etwas kontrollieren oder überwachen›, zum Beispiel in der Redewendung: ‘einen Patienten beobachten’, ‘jemanden beobachten lassen’, ‘jemanden zur Beobachtung ins Krankenhaus einweisen’. Drittens: ‹eine bestimmte Feststellung an jemandem oder an etwas machen, etwas bemerken›. Viertens: ‹eine Vorschrift, Abmachung oder ähnliches beachten oder einhalten› ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.]. Der Sozialpsychologe Carl Friedrich Graumann hat den Begriff der Beobachtung 1966 wie folgt definiert:
‘Beobachten’ als eine aktive, sensomotorische Tätigkeit bezeichnet also eine längere, aufmerksame, selektive und vor allem auf ein Ergebnis hin ausgerichtete Tätigkeit. Interessant ist hier der Zusammenhang mit dem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Substantiv ‘Obacht’, das von ‘Acht’ kommt und ›Vorsicht‹ oder ›Aufmerksamkeit‹ meint. Es kommt heute nur noch im süddeutschen ‘Obacht geben’ vor, was soviel wie ›aufpassen, aufmerksam, wachsam sein‹ bedeutet ([Drosdowski 1989a]Drosdowsi, Günther (1989): Duden Etymologie. Herkunftwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Das BetrachtenDie Tätigkeit des Betrachtens ist hinsichtlich ihrer Semantik eine deutlich entspanntere und kontemplativere Tätigkeit. Das «Stilwörterbuch der deutschen Sprache» umschreibt ‘betrachten’ in dreierlei Hinsicht. Erstens: ‹jemanden, sich, etwas längere Zeit ansehen›. Zweitens: ‹jemanden, sich, etwas für etwas halten›: zum Beispiel ‘er betrachtet sich als meinen Freund’, ‘jemanden als Verbündeten betrachten’, ‘jemanden als politisch tot betrachten’, ‘jemanden als einen Betrüger betrachten’, ‘jemanden als enterbt betrachten’. Drittens: ‹etwas genauer erörtern oder beurteilen›, wie in ‘etwas objektiv betrachten’, ‘etwas unter einem anderen Aspekt betrachten’, ‘etwas von zwei Seiten betrachten’, ‘die finanzielle Situation der Firma betrachten’, ‘genau betrachtet ist die Sache etwas anders’ ([Drosdowski 1988a]Drosdowski, Günther (1988): Die Verwendung der Wörter im Satz. In: Drosdowski, G. (Hg.), Duden Stilwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.]. Betrachten ist also ein Vorgang, der wie das Beobachten zwar ebenfalls längere Zeit benötigt, aber stärker als das aufmerksame, gespannte und ergebnisorientierte Beobachten in sich gekehrt ist und mit Überlegen, Einschätzen und Beurteilen zu tun hat. Betrachten hängt eng mit den lateinischen Verben ‘contemplari’ und ‘considerare’ zusammen, besitzt also eine deutlich kontemplativere und nachdenklichere Konnotation. Das Verb entsteht im 8. Jahrhundert und ist eine Verstärkung des einfachen ‘trachten’. Es bedeutet zunächst ›erwägen‹. Erst in frühneuhochdeutscher Zeit, also etwa um 1350, kommt es zu der heutigen Bedeutung von ›beim Anschauen erwägen‹. In dieser Zeit wird es allmählich mehr und mehr mit dem visuellen Sinn in Verbindung gebracht. Das Substantiv ‘Betracht’, wie in der Redewendung ‘in Betracht ziehen’ oder ‘in Betracht kommen’, bewahrt noch heute die ältere Bedeutung von ›erwägen‹. Adverb und Adjektiv ‘beträchtlich’ entwickeln sich aus der ursprünglichen Bedeutung mit Überlegung zu der allgemeineren Bedeutung ›erheblich‹. Das Abstraktum ‘Betrachten’ bezieht sich dagegen stärker auf das inhaltliche Betrachten ([Kluge 2002a]Seebold, E. (Hg.) (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. de Gruyter, Berlin, New York.
Das BlickenWie steht es mit der Tätigkeit des Blickens? Das deutsche Universalwörterbuch charakterisiert das Substantiv als ‹ein kurzes Anschauen oder Hinschauen›, als ‹einen Ausdruck der Augen›, ‹einen Ausblick oder eine Aussicht› und als ‹eine Form der Urteilskraft› im Sinne von ‹ein sicherer Blick› oder ‹einen Blick für etwas haben› ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Das Schauen‘Schauen’ ist ein Ausdruck, der vorwiegend im süddeutschen, österreichischen oder schweizerischen Sprachraum Verwendung findet. Das Stilwörterbuch des Duden unterscheidet sechs verschiedene Bedeutungsvarianten von ‘Schauen’. Erstens: ‹blicken, irgendwohin schauen›; zweitens: ‹etwas ansehen, betrachten› (‘ich habe den ganzen Abend Fernsehen geschaut’); drittens: ‹auf etwas Wert legen› (wie zum Beispiel ‹auf Ordnung, Pünktlichkeit oder Äußerlichkeiten schauen›); viertens: ‹zusehen› (‘er soll schauen, dass er damit fertig wird’); fünftens: ‹etwas schauen› (zum Beispiel die Herrlichkeit Gottes) und sechstens: ‹nach jemandem schauen, sich um jemanden oder etwas kümmern› ([Drosdowski 1989a]Drosdowsi, Günther (1989): Duden Etymologie. Herkunftwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Das ZuschauenDer Zuschauer wird im «Universalwörterbuch der deutschen Sprache» als jemand definiert, der einem Vorgang, besonders einer Aufführung, einer Vorführung oder etwas Ähnlichem zusieht ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Etymologisch stammt ‘Zuschauer’ von ‘schauen’, dem mittelhochdeutschen ‘scouwen’. Außergermanisch lässt sich das Wort mit dem griechischen ‘thyo-skóos’ der ‘Opferschauer’ und ohne anlautendes ‘s-’ ‘koéo’ (‘ich bemerke, fasse auf’) vergleichen. Lateinisch stehen ‘cavere’ und eventuell das altitalienische ‘akuvate’ (‘beabsichtigt’) nahe. Als Substantive kennen wir ‘Schau’ oder ‘Anschauung’, als altertümliche nomina agentis den ‘Beschauer’, englisch ‘beholder’, als Adjektiv das Wort ‘beschaulich’.
Das SehenDer Ausdruck ‘Sehen’ ist das am meisten und im umfassendsten Sinne gebrachte Wort für die visuelle Tätigkeit eines Beobachters. Das Wort bedeutete wohl ursprünglich ›mit den Augen verfolgen‹. Denn es ist mit dem lateinischen ‘sequi’ (‘folgen’) verwandt. Wahrscheinlich liegt hier ein altes Wort der Jägersprache zu Grunde, das sich auf den verfolgenden und spürenden Hund bezog. Das «Universalwörterbuch der deutschen Sprache» kennt elf unterschiedliche Bedeutungen und Verwendungsweisen des Verbs, was für seine verbreiteten, wichtigen und vielfältigen Einsatz im Deutschen spricht. Erstens: ‹mit dem Gesichtssinn, mit den Augen optische Eindrücke wahrnehmen›. Zweitens: ‹den Blick irgendwohin richten, gerichtet halten›; ‹blicken, um etwas festzustellen oder zu ermitteln›, sowie ‹seine Aufmerksamkeit, sein Interesse, seine Erwartung auf jemanden oder auf etwas gerichtet halten›. Drittens: ‹aus etwas heraus ragen und zu sehen sein, hervorsehen›. Viertens: ‹eine Lage mit Blick in eine bestimmte Richtung haben›. Fünftens: ‹erblicken, bemerken, als vorhanden feststellen›. Sechstens: ‹sich jemanden oder etwas ansehen, betrachten› oder ‹durch Sehen in einen bestimmten Zustand gelangen›, wie bei ‘satt sehen’ oder ‘müde sehen’. Siebtens: ‹erleben›. Achtens: ‹bemerken, feststellen›, aber auch ‹beurteilen, einschätzen, erkennen, erfassen, überlegen und prüfen›. Neuntens: ‹zu jemandem oder etwas hingehen und sich darum kümmern› wie im Ausdruck ‘nach den Kindern sehen’. Zehntens: ‹auf etwas besonders achten, besonderen Wert legen›, aber auch ‹auf jemanden oder etwas aufpassen, etwas im Auge behalten›. Elftens: ‹sich darum kümmern, etwas Bestimmtes zu erreichen›, wie bei ‘sieh zu, dass du bald fertig wirst’ ([Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.]. Etymologisch betrachtet, beruht das gemeingermanische, mittelhochdeutsche Verb ‘sehen’ (althochdeutsch ‘sehan’) mit verwandten Wörtern in anderen indogermanischen Sprachen auf der indogermanischen Wurzel ‘sek-’ (‘bemerken’, ‘sehen’). Deren eigentliche Bedeutung ›mit den Augen verfolgen‹ ergibt sich aus den verwandten Wortsippen von lateinisch ‘sequi’ (‘folgen’, ‘verfolgen’), dem altindischen ‘sacaté’ (‘er begleitet, folgt’) und dem lettischen ‘sekt’ (‘folgen’, ‘spüren’, ‘wittern’). Aus der Bedeutung ›bemerken‹ hat sich weiterhin über ‘zeigen’, ‘ankündigen’ die Bedeutung ‘sagen’ entwickelt ([Drosdowski 1989a]Drosdowsi, Günther (1989): Duden Etymologie. Herkunftwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].
Das PublikumVon einem Publikum spricht man dann, wenn man ein Personenkollektiv vor sich hat, das durch den gleichzeitigen Konsum eines bestimmten Erlebnisangebotes wie ein Konzert, eine Vernissage, einen Kinofilm oder ein Fußballspiel gekennzeichnet ist ([Schulze 2000a]Schulze, Gerhard (2000): Die Erlebnis-Gesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Campus, Frankfurt/M., New York. Siehe auch: |
Anmerkungen
Literatur
[Drosdowski 1988a]Drosdowski, Günther (1988): Die Verwendung der Wörter im Satz. In: Drosdowski, G. (Hg.), Duden Stilwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].[Drosdowski 1989a]Drosdowsi, Günther (1989): Duden Etymologie. Herkunftwörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].[Dudenredaktion 2003a]Duden (Hg.) (2003): Duden. Das Stilwörterbuch. Dudenverlag, Mannheim [u.a.].[Graumann 1966a]Graumann, Carl Friedrich (1966): Grundzüge der Verhaltensbeobachtung. In: Meyer, E. & Maier, H. (Hg.), Fernsehen in der Lehrerbildung, Neue Forschungsansätze in Pädagogik. Manz, München.[Kluge 2002a]Seebold, E. (Hg.) (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. de Gruyter, Berlin, New York.[Müller 1985a]Müller, Wolfgang (1985): Duden Bedeutungswörterbuch . Dudenverlag, Mannheim [u.a.].[Schulze 2000a]Schulze, Gerhard (2000): Die Erlebnis-Gesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Campus, Frankfurt/M., New York.[Strauß 1998a]Strauß, Bernd (Hg.) (1998): Zuschauer. Hogrefe, Göttingen [u.a.]. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Franziska Kurz, Eva Schürmann und Marcel Lemmes — (Hinweis) |