Sehendes Sehen: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 11: Zeile 11:
<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen-->
<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen-->
==»Sehendes Sehen«==
==»Sehendes Sehen«==
Der Ausdruck ‘sehendes Sehen’ wurde geprägt von Max Imdahl (1925-1988), einem deutschen Kunsthistoriker, der zeitweise auch als bildender Künstler tätig war. Für Imdahls Methode der Werkanalyse, von ihm als ‘Ikonik’ bezeichnet, spielt der Begriff des »sehenden Sehens« im Zusammenhang mit Imdahls Auffassung eines »wiedererkennenden Sehens« eine grundlegende Rolle. Im Folgenden soll ein Überblick gegeben werden über die folgenden Aspekte: Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«, Bezug zur »Ikonik«, Imdahls Bezugnahme auf und Kritik an Autoren wie Fiedler oder Panofsky, Rezeption von Imdahls Methode, mögliche Anknüpfungspunkte für die aktuelle bildwissenschaftliche Forschung.
Der Ausdruck ‘sehendes Sehen’ wurde geprägt von Max Imdahl (1925-1988), einem deutschen Kunst&shy;historiker, der zeit&shy;weise auch als bildender Künstler tätig war. Für Imdahls Methode der Werk&shy;analyse, von ihm als ‘Ikonik’ bezeichnet, spielt der Begriff des »sehenden Sehens« im Zusammen&shy;hang mit Imdahls Auf&shy;fassung eines »wieder&shy;erkennenden Sehens« eine grund&shy;legende Rolle. Im Folgenden soll ein Über&shy;blick gegeben werden über die folgenden Aspekte: Imdahls Ent&shy;wicklung des Begriffes »sehendes Sehen«, Bezug zur »Ikonik«, Imdahls Bezug&shy;nahme auf und Kritik an Autoren wie Fiedler oder Panofsky, Rezeption von Imdahls Methode, mögliche Anknüpfungs&shy;punkte für die aktuelle bild&shy;wissenschaftliche Forschung.




==Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«==
==Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«==
Imdahl entwickelt und konturiert den Begriff des »sehenden Sehens« durch Bezugnahme auf sein Verständnis von einem »wiedererkennenden Sehen« (erstmals in einem Aufsatz von 1974; vgl. <bib id='Imdahl 1996a'></bib>). Ausgangspunkt ist für Imdahl dabei die Annahme einer »prinzipiell möglichen Unterscheidung« (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) zwischen den beiden Weisen zu Sehen. Für Imdahls weiterführende Überlegungen, einmal im Zusammenhang mit – für ihn immer zentralen – konkreten Bildanalysen und dann im Besonderen grundlegend zur Ikonik, ist ihm die genaue Bestimmung des variablen Verhältnisses zwischen den beiden Sichtweisen von besonderem Interesse. Dabei steht das »wiedererkennende Sehen« – in Bezugnahme auf das normale, „zur Gewohnheit gewordene(n) Gegenstandssehen“ – für eine Haltung, die eine Einlösung des „im Sehenden schon vorgefaßte[n] Konzept[es]“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) mit sich bringt. Im Unterschied dazu wäre dann für ein »sehendes Sehen« charakteristisch, sich bei der Bildbetrachtung eben nicht auf schon vorgegebene Konzepte zu beziehen, sondern Teile einer Bildkonstruktion als „optisch autonome, immanent geregelte“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) zu begreifen. Beispielgebend für die Darstellung eine derartigen Bildkonstruktion führt Imdahl etwa die Malerei Cézannes an, wobei hier die „Wechselbeziehung zwischen optisch autonomer Bildkonstruktion und Gegenstand bedingt [ist] in einer Abwandlung jener normalen Verbindung zwischen sehendem und wiedererkennenden Sehen“, wie sie im normalen Gegenstandsehen zu beobachten wäre, wobei hierbei die Bildkonstruktion „in eben dieser Umwertung zugleich mit dem Gegenstande verbunden“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) bliebe. Wie bereits erwähnt, ist es ein zentrales Anliegen Imdahls, seine Analysemethoden immer am konkreten Werk zu entwickeln und zu überprüfen. Erkennbar ist diese Haltung auch am Titel des Aufsatzes von 1974, der eben die Namen der zu besprechenden Künstler an den Beginn stellt, und nicht etwa das für die Analyse zugrundeliegende Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. Exemplarisch für Imdahls Anwendung seiner Überlegungen, nachfolgend eine Passage zum Vergleich der Werke Cézannes und Bracques:
Imdahl entwickelt und konturiert den Begriff des »sehenden Sehens« durch Bezug&shy;nahme auf sein Verständnis von einem »wieder&shy;erkennenden Sehen« (erst&shy;mals in einem Aufsatz von 1974; vgl. <bib id='Imdahl 1996a'></bib>). Ausgangs&shy;punkt ist für Imdahl dabei die Annahme einer »prinzipiell möglichen Unter&shy;scheidung« (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) zwischen den beiden Weisen zu Sehen. Für Imdahls weiter&shy;führende Über&shy;legungen, einmal im Zusammen&shy;hang mit – für ihn immer zentralen – konkreten Bild&shy;analysen und dann im Besonderen grund&shy;legend zur Ikonik, ist ihm die genaue Bestimmung des variablen Verhält&shy;nisses zwischen den beiden Sicht&shy;weisen von besonderem Interesse. Dabei steht das »wieder&shy;erkennende Sehen« – in Bezug&shy;nahme auf das normale, „zur Gewohnheit gewordene(n) Gegenstands&shy;sehen“ – für eine Haltung, die eine Ein&shy;lösung des „im Sehenden schon vorgefaßte[n] Konzept[es]“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) mit sich bringt. Im Unter&shy;schied dazu wäre dann für ein »sehendes Sehen« charakteristisch, sich bei der Bild&shy;betrachtung eben nicht auf schon vorge&shy;gebene Konzepte zu beziehen, sondern Teile einer Bild&shy;konstruktion als „optisch autonome, immanent geregelte“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) zu begreifen. Beispiel&shy;gebend für die Darstellung eine derar&shy;tigen Bild&shy;konstruktion führt Imdahl etwa die Malerei Cézannes an, wobei hier die „Wechsel&shy;beziehung zwischen optisch autonomer Bild&shy;konstruktion und Gegen&shy;stand bedingt [ist] in einer Abwand&shy;lung jener normalen Verbindung zwischen sehendem und wieder&shy;erkennenden Sehen“, wie sie im normalen Gegen&shy;stand&shy;sehen zu beobachten wäre, wobei hierbei die Bild&shy;konstruktion „in eben dieser Um&shy;wertung zugleich mit dem Gegen&shy;stande verbunden“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) bliebe. Wie bereits erwähnt, ist es ein zentrales Anliegen Imdahls, seine Analyse&shy;methoden immer am konkreten Werk zu entwickeln und zu über&shy;prüfen. Erkennbar ist diese Haltung auch am Titel des Auf&shy;satzes von 1974, der eben die Namen der zu besprechenden Künstler an den Beginn stellt, und nicht etwa das für die Analyse zugrunde&shy;liegende Verhältnis zwischen Bild&shy;autonomie und Gegenstands&shy;sehen. Exemplarisch für Imdahls Anwendung seiner Über&shy;legungen, nachfolgend eine Passage zum Vergleich der Werke Cézannes und Bracques:
:
:
:''Eben im Rahmen dieser grundsätzlichen Vergleichbarkeit lassen sich die Bilder Cézannes und Braques aber auch deutlich voneinander unterscheiden, ja beide Bilder repräsentieren geradezu verschiedene Grundtypen einer Malerei, die auf eine optisch autonome, um Abbildung prinzipiell unbekümmerte Bildkonstruktion abzielt und diese dennoch auf den Gegenstand bezogen hält. Im Falle Cézannes besteht – gemäß der Aussage des Malers – die Bildkonstruktion als eine optisch autonome, immanent geregelte Zusammenhangbildung von nur dem gegenstandsfreien Sehen sich zeigenden Sichtbarkeitswerten des Gegenstandes: (...) dessen Wahrnehmung ein zwar gegenständliches, aber das wiedererkennende dem sehenden Sehen unterordnendes Sehen erzwingt (...). Im Falle Braques besteht dagegen – gemäß der Aussage des Malers – die optisch autonome, immanente geregelte Bildkonstruktion als das Produkt eines vom Grund auf entwerfenden, von aller wie immer gesehenen Vorgegebenheit sich befreienden Formwillens, jedoch enthält die Bildkonstruktion solche gegenständlichen Bezeichnungswerte, die das weniger sehende als vielmehr wiedererkennende Sehen des Gegenstandes gleichermaßen beanspruchen wie auch die diesem Sehen mögliche Gegenstandserfahrung unterbieten.'' (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 326)
:''Eben im Rahmen dieser grundsätzlichen Vergleich&shy;barkeit lassen sich die Bilder Cézannes und Braques aber auch deutlich voneinander unter&shy;scheiden, ja beide Bilder repräsentieren geradezu verschiedene Grund&shy;typen einer Malerei, die auf eine optisch autonome, um Abbildung prinzipiell unbe&shy;kümmerte Bild&shy;konstruktion abzielt und diese dennoch auf den Gegen&shy;stand bezogen hält. Im Falle Cézannes besteht – gemäß der Aussage des Malers – die Bild&shy;konstruktion als eine optisch autonome, immanent geregelte Zusammen&shy;hang&shy;bildung von nur dem gegen&shy;stands&shy;freien Sehen sich zeigenden Sicht&shy;bar&shy;keits&shy;werten des Gegen&shy;standes: (...) dessen Wahr&shy;nehmung ein zwar gegen&shy;ständliches, aber das wieder&shy;erkennende dem sehenden Sehen unter&shy;ordnendes Sehen erzwingt (...). Im Falle Braques besteht dagegen – gemäß der Aussage des Malers – die optisch autonome, immanente geregelte Bild&shy;konstruktion als das Produkt eines vom Grund auf ent&shy;werfenden, von aller wie immer gesehenen Vor&shy;gegeben&shy;heit sich befreien&shy;den Form&shy;willens, jedoch enthält die Bild&shy;konstruktion solche gegen&shy;ständlichen Bezeichnungs&shy;werte, die das weniger sehende als viel&shy;mehr wieder&shy;erkennende Sehen des Gegenstandes gleichermaßen beanspruchen wie auch die diesem Sehen mögliche Gegenstands&shy;erfahrung unterbieten.'' (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 326)




==»Erkennendes Sehen« und »Ikonik«, Bezüge zu und Kritik an Fiedler und Panofsky==
==»Erkennendes Sehen« und »Ikonik«, Bezüge zu und Kritik an Fiedler und Panofsky==
Das »sehende Sehen« im Sinne Imdahls steht für eine Sichtweise, die sich von der Praxis, das betrachtete Objekt Begriffen unterzuordnen, grundlegend distanziert. In der Kritik an einer solchen Praxis sieht sich Imdahl den Auffassungen Konrad Fiedlers (1841-1895) nahestehend, der es scharf verurteilt, „die Anschauung als Mittel, zum Begriff zu gelangen“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 55, 312), aufzufassen. In dieser Kritik sieht Imdahl den „Ausgangspunkt der Fiedlerschen Lehre“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 55). Eingefordert wäre hier,  
Das »sehende Sehen« im Sinne Imdahls steht für eine Sicht&shy;weise, die sich von der Praxis, das betrachtete Objekt Begriffen unter&shy;zuordnen, grund&shy;legend distanziert. In der Kritik an einer solchen Praxis sieht sich Imdahl den Auf&shy;fassungen Konrad Fiedlers (1841-1895) nahestehend, der es scharf verurteilt, „die Anschauung als Mittel, zum Begriff zu gelangen“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 55, 312), aufzufassen. In dieser Kritik sieht Imdahl den „Ausgangs&shy;punkt der Fiedlerschen Lehre“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 55). Eingefordert wäre hier,  
:
:
:''daß die Anschauung eine von aller (begrifflichen) Abstraktion unabhängige Bedeutung habe, daß das Vermögen der Anschauung so gut wie das abstrakte Denkvermögen ein recht habe, zu einem geregelten und bewußten Gebrauch ausgebildet zu werden (...)'' (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 312).
:''daß die Anschauung eine von aller (begrifflichen) Abstrak&shy;tion unab&shy;hängige Bedeutung habe, daß das Vermögen der Anschauung so gut wie das abstrakte Denk&shy;vermögen ein recht habe, zu einem geregelten und bewußten Gebrauch ausge&shy;bildet zu werden (...)'' (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 312).
:
:
Thematisch werden damit – aus heutiger Sicht formuliert –  grundlegende Fragen zur Natur nicht-propositionaler Erkenntnisformen, in Bezug auf die Wahrnehmung von Kunstwerken. Auf dieser erkenntnistheoretischen Ebene dürften auch Anknüpfungspunkte zu aktuellen bildwissenschaftlichen Debatten zu finden sein, dazu später mehr.  
Thematisch werden damit – aus heutiger Sicht formuliert –  grund&shy;legende Fragen zur Natur nicht-propositionaler Erkenntnis&shy;formen, in Bezug auf die Wahrnehmung von Kunst&shy;werken. Auf dieser erkenntnis&shy;theoretischen Ebene dürften auch Anknüpfungs&shy;punkte zu aktuellen bild&shy;wissen&shy;schaft&shy;lichen Debatten zu finden sein, dazu später mehr.  
:
:
Imdahl beruft sich somit auf einer erkenntnistheoretischen Ebene und in Bezug auf seine Werkauffassung explizit und wiederholt auf Fiedler (siehe etwa <bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 42-113), aber für die Formulierung seiner »Ikonik«, distanziert er sich zu einem späteren Zeitpunkt in entscheidenden Punkten wiederum grundlegend, nämlich bezogen auf Fiedlers „Definitionen von Form und Komposition“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 92). Seine Kritik trifft in diesen Punkten und im selben Zusammenhang auch Panofsky. Beide Autoren diskutiert Imdahl in den Passagen, die seine „ikonische Betrachtungsweise“, die »Ikonik«, begründen, im Kapitel «Ikonographie – Ikonologie – Ikonik» seines Buches über Giotto (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 84-98). Imdahls Kritik an Panofskys ikonographisch-ikonologischer Interpretationsmethode ist dabei genau genommen, bei aller diplomatischen Bezugnahme in den vorhergehenden Passagen, grundlegend, da laut Imdahl „[b]eide Interpretationen (...) jeweils einseitig, (...) die der Malerei mögliche Bildleistung [verfehlen]“ (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 91.).<ref> Ein sehr differenzierter Beitrag zum Verhältnis Imdahl/Panofsky findet sich in <bib id='Thürlemann 2009a'></bib>.</ref> Diese mögliche Bildleistung sieht Imdahl gegeben im Zusammenwirken von sehendem und wiedererkennenden Sehen, dem »erkennenden Sehen«:
Imdahl beruft sich somit auf einer erkenntnis&shy;theore&shy;tischen Ebene und in Bezug auf seine Werk&shy;auffassung explizit und wieder&shy;holt auf Fiedler (siehe etwa <bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 42-113), aber für die Formulierung seiner »Ikonik«, distanziert er sich zu einem späteren Zeitpunkt in ent&shy;scheidenden Punkten wiederum grundlegend, nämlich bezogen auf Fiedlers „Definitionen von Form und Komposition“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 92). Seine Kritik trifft in diesen Punkten und im selben Zusammen&shy;hang auch Panofsky. Beide Autoren diskutiert Imdahl in den Passagen, die seine „ikonische Betrachtungs&shy;weise“, die »Ikonik«, begründen, im Kapitel «Ikono&shy;graphie – Ikono&shy;logie – Ikonik» seines Buches über Giotto (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 84-98). Imdahls Kritik an Panofskys ikono&shy;graphisch-ikono&shy;logischer Inter&shy;pretation&shy;smethode ist dabei genau genommen, bei aller diplomatischen Bezug&shy;nahme in den vorher&shy;gehenden Passagen, grund&shy;legend, da laut Imdahl „[b]eide Interpretationen (...) jeweils einseitig, (...) die der Malerei mögliche Bild&shy;leistung [verfehlen]“ (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 91.).<ref> Ein sehr differenzierter Beitrag zum Verhältnis Imdahl/Panofsky findet sich in <bib id='Thürlemann 2009a'></bib>.</ref> Diese mögliche Bild&shy;leistung sieht Imdahl gegeben im Zusammen&shy;wirken von sehendem und wieder&shy;erkennenden Sehen, dem »erkennenden Sehen«:
:
:
: [Diese mögliche Bildleistung] ''besteht aber dann, wenn sich die Erfahrungen eines autonomen, sehenden Sehens und eines heteronomen, wiedererkennenden Gegenstandsehens und die ihnen entsprechenden syntaktischen und semantischen Sinnebenen zu einer durch nichts anderes zu substituierenden Bildidentität ineinander vermitteln, wenn das wiedererkennende Sehen und das sehende Sehen zu den ungeahnten oder gar unvordenklichen Erfahrungen eines erkennenden Sehens zusammenwirken (...)'' (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 92)
: [Diese mögliche Bildleistung] ''besteht aber dann, wenn sich die Erfahrungen eines autonomen, sehenden Sehens und eines hetero&shy;nomen, wieder&shy;erkennen&shy;den Gegenstand&shy;sehens und die ihnen entsprechenden syntaktischen und semantischen Sinn&shy;ebenen zu einer durch nichts anderes zu substituierenden Bild&shy;identität ineinander vermitteln, wenn das wieder&shy;erkennende Sehen und das sehende Sehen zu den ungeahnten oder gar unvor&shy;denklichen Erfahrungen eines erkennenden Sehens zusammenwirken (...)'' (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 92)
:
:
Erst im ''vermittelten Verhältnis'' von sehendem und wiedererkennendem Sehen sieht Imdahl also seine ikonische Betrachtungsweise realisiert:
Erst im ''vermittelten Verhältnis'' von sehendem und wieder&shy;erkennendem Sehen sieht Imdahl also seine ikonische Betrachtungs&shy;weise realisiert:
:
:
:''[D]er Ikonik wird das Bild zugänglich als ein Phänomen, in welchem gegenständliches, wiedererkennendes Sehen, und formales, sehendes Sehen sich ineinander vermitteln zur Anschauung einer höheren, die praktische Seherfahrung sowohl einschließenden als auch prinzipiell überbietenden Ordnung und Sinntotalität.'' (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 92-93)
:''[D]er Ikonik wird das Bild zugänglich als ein Phänomen, in welchem gegen&shy;ständliches, wieder&shy;erkennendes Sehen, und formales, sehendes Sehen sich ineinander vermitteln zur Anschauung einer höheren, die praktische Seh&shy;erfah&shy;rung sowohl ein&shy;schließenden als auch prinzipiell über&shy;bietenden Ordnung und Sinn&shy;totalität.'' (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 92-93)




==Rezeption von Imdahls Methodik==
==Rezeption von Imdahls Methodik==
Affirmativ etwa <bib id='Boehm 1995a'></bib> in dem von ihm herausgegebenen Band «Was ist ein Bild», durch Abdruck des Beitrages von Imdahl «Ikonik. Bilder und ihre Anschauung» (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 300-324). Im selben Band auch mit direkter Bezugnahme und weiterführenden Überlegungen Waldenfels mit seinem Aufsatz «Ordnungen des Sichtbaren» (<bib id='Waldenfels 1994a'></bib>), speziell der Teil «Kunsttheoretisches Vorspiel: Sehendes und wiedererkennendes Sehen» (234-237).<ref>Ob es legitim ist, Imdahl explizit einer phänomenologischen Position zuzuordnen, bliebe aus meiner Sicht noch zu diskutieren. So wäre etwa Imdahls eher analytischer Bezug auf syntaktische und semantische Sinnebenen im Zusammenhang mit seiner »Ikonik« der Phänomenologie doch eher fremd. Bezieht sich Imdahl irgendwo auf Phänomenologie?</ref>. Gottfried Boehm bietet eine Einführung zum Band «Reflexion, Theorie, Methode» (<bib id='Imdahl 1996c'></bib>: S. 7-41), wobei er dort Imdahls Unterscheidung von sehendem und wiedererkennenden Sehen auf dem Weg zur Ikonik als „die wohl wichtigste, im übrigen auch die erfolgreichste Etappe“ einstuft (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 92-29). Zur Kritik an Imdahls Geschichtsauffassung siehe etwa <bib id='Rosenberg 2006a'></bib>. Kritisch und sehr differenziert zum Verhältnis Imdahl/Panofsky: <bib id='Thürlemann 2009a'></bib>. Einmal aus analytischer Sicht, aber dann Imdahl kritisch bewertend: <bib id='Steinbrenner 1997a'></bib>. Naheliegend aus analytischer Sicht ist dabei die Verbindung von »Ikonik« zu Goodmans Begriff der [[Referenz, Denotation, Exemplifikation|Exemplifikation]].
Affirmativ etwa <bib id='Boehm 1995a'></bib> in dem von ihm heraus&shy;gegebenen Band «Was ist ein Bild», durch Abdruck des Bei&shy;trages von Imdahl «Ikonik. Bilder und ihre An&shy;schauung» (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 300-324). Im selben Band auch mit direkter Bezug&shy;nahme und weiter&shy;führenden Über&shy;legungen Walden&shy;fels mit seinem Aufsatz «Ordnungen des Sicht&shy;baren» (<bib id='Waldenfels 1994a'></bib>), speziell der Teil «Kunst&shy;theoretisches Vor&shy;spiel: Sehendes und wieder&shy;erkennendes Sehen» (234-237).<ref>Ob es legitim ist, Imdahl explizit einer phänomeno&shy;logischen Position zuzuordnen, bliebe aus meiner Sicht noch zu diskutieren. So wäre etwa Imdahls eher analytischer Bezug auf syntaktische und semantische Sinn&shy;ebenen im Zusammenhang mit seiner »Ikonik« der Phäno&shy;meno&shy;logie doch eher fremd.</ref>. Gottfried Boehm bietet eine Ein&shy;führung zum Band «Reflexion, Theorie, Methode» (<bib id='Imdahl 1996c'></bib>: S. 7-41), wobei er dort Imdahls Unter&shy;scheidung von sehendem und wieder&shy;erkennenden Sehen auf dem Weg zur Ikonik als „die wohl wichtigste, im übrigen auch die erfolg&shy;reichste Etappe“ einstuft (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 92-29). Zur Kritik an Imdahls Geschichts&shy;auffassung siehe etwa <bib id='Rosenberg 2006a'></bib>. Kritisch und sehr differenziert zum Verhältnis Imdahl/Panofsky: <bib id='Thürlemann 2009a'></bib>. Einmal aus analytischer Sicht, aber dann Imdahl kritisch bewertend: <bib id='Steinbrenner 1997a'></bib>. Nahe&shy;liegend aus analytischer Sicht ist dabei die Verbindung von »Ikonik« zu Good&shy;mans Begriff der [[Referenz, Denotation, Exemplifikation|Exem&shy;pli&shy;fika&shy;tion]].


{{GlossarSiehe}}
{{GlossarSiehe}}
* [[Anschauung und Begriff]]
* [[Beobachtung]]
* [[Beobachtung]]
* [[Bild in reflexiver Verwendung]]
* [[Blick]]
* [[Blick]]
* [[Perspektivik]]
* [[Perspektivik]]

Version vom 12. Februar 2013, 15:20 Uhr

Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht


»Sehendes Sehen«

Der Ausdruck ‘sehendes Sehen’ wurde geprägt von Max Imdahl (1925-1988), einem deutschen Kunst­historiker, der zeit­weise auch als bildender Künstler tätig war. Für Imdahls Methode der Werk­analyse, von ihm als ‘Ikonik’ bezeichnet, spielt der Begriff des »sehenden Sehens« im Zusammen­hang mit Imdahls Auf­fassung eines »wieder­erkennenden Sehens« eine grund­legende Rolle. Im Folgenden soll ein Über­blick gegeben werden über die folgenden Aspekte: Imdahls Ent­wicklung des Begriffes »sehendes Sehen«, Bezug zur »Ikonik«, Imdahls Bezug­nahme auf und Kritik an Autoren wie Fiedler oder Panofsky, Rezeption von Imdahls Methode, mögliche Anknüpfungs­punkte für die aktuelle bild­wissenschaftliche Forschung.


Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«

Imdahl entwickelt und konturiert den Begriff des »sehenden Sehens« durch Bezug­nahme auf sein Verständnis von einem »wieder­erkennenden Sehen« (erst­mals in einem Aufsatz von 1974; vgl. [Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
). Ausgangs­punkt ist für Imdahl dabei die Annahme einer »prinzipiell möglichen Unter­scheidung« ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 304) zwischen den beiden Weisen zu Sehen. Für Imdahls weiter­führende Über­legungen, einmal im Zusammen­hang mit – für ihn immer zentralen – konkreten Bild­analysen und dann im Besonderen grund­legend zur Ikonik, ist ihm die genaue Bestimmung des variablen Verhält­nisses zwischen den beiden Sicht­weisen von besonderem Interesse. Dabei steht das »wieder­erkennende Sehen« – in Bezug­nahme auf das normale, „zur Gewohnheit gewordene(n) Gegenstands­sehen“ – für eine Haltung, die eine Ein­lösung des „im Sehenden schon vorgefaßte[n] Konzept[es]“ ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 304) mit sich bringt. Im Unter­schied dazu wäre dann für ein »sehendes Sehen« charakteristisch, sich bei der Bild­betrachtung eben nicht auf schon vorge­gebene Konzepte zu beziehen, sondern Teile einer Bild­konstruktion als „optisch autonome, immanent geregelte“ ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 304) zu begreifen. Beispiel­gebend für die Darstellung eine derar­tigen Bild­konstruktion führt Imdahl etwa die Malerei Cézannes an, wobei hier die „Wechsel­beziehung zwischen optisch autonomer Bild­konstruktion und Gegen­stand bedingt [ist] in einer Abwand­lung jener normalen Verbindung zwischen sehendem und wieder­erkennenden Sehen“, wie sie im normalen Gegen­stand­sehen zu beobachten wäre, wobei hierbei die Bild­konstruktion „in eben dieser Um­wertung zugleich mit dem Gegen­stande verbunden“ ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 304) bliebe. Wie bereits erwähnt, ist es ein zentrales Anliegen Imdahls, seine Analyse­methoden immer am konkreten Werk zu entwickeln und zu über­prüfen. Erkennbar ist diese Haltung auch am Titel des Auf­satzes von 1974, der eben die Namen der zu besprechenden Künstler an den Beginn stellt, und nicht etwa das für die Analyse zugrunde­liegende Verhältnis zwischen Bild­autonomie und Gegenstands­sehen. Exemplarisch für Imdahls Anwendung seiner Über­legungen, nachfolgend eine Passage zum Vergleich der Werke Cézannes und Bracques:

Eben im Rahmen dieser grundsätzlichen Vergleich­barkeit lassen sich die Bilder Cézannes und Braques aber auch deutlich voneinander unter­scheiden, ja beide Bilder repräsentieren geradezu verschiedene Grund­typen einer Malerei, die auf eine optisch autonome, um Abbildung prinzipiell unbe­kümmerte Bild­konstruktion abzielt und diese dennoch auf den Gegen­stand bezogen hält. Im Falle Cézannes besteht – gemäß der Aussage des Malers – die Bild­konstruktion als eine optisch autonome, immanent geregelte Zusammen­hang­bildung von nur dem gegen­stands­freien Sehen sich zeigenden Sicht­bar­keits­werten des Gegen­standes: (...) dessen Wahr­nehmung ein zwar gegen­ständliches, aber das wieder­erkennende dem sehenden Sehen unter­ordnendes Sehen erzwingt (...). Im Falle Braques besteht dagegen – gemäß der Aussage des Malers – die optisch autonome, immanente geregelte Bild­konstruktion als das Produkt eines vom Grund auf ent­werfenden, von aller wie immer gesehenen Vor­gegeben­heit sich befreien­den Form­willens, jedoch enthält die Bild­konstruktion solche gegen­ständlichen Bezeichnungs­werte, die das weniger sehende als viel­mehr wieder­erkennende Sehen des Gegenstandes gleichermaßen beanspruchen wie auch die diesem Sehen mögliche Gegenstands­erfahrung unterbieten. ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 326)


»Erkennendes Sehen« und »Ikonik«, Bezüge zu und Kritik an Fiedler und Panofsky

Das »sehende Sehen« im Sinne Imdahls steht für eine Sicht­weise, die sich von der Praxis, das betrachtete Objekt Begriffen unter­zuordnen, grund­legend distanziert. In der Kritik an einer solchen Praxis sieht sich Imdahl den Auf­fassungen Konrad Fiedlers (1841-1895) nahestehend, der es scharf verurteilt, „die Anschauung als Mittel, zum Begriff zu gelangen“ ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 55, 312), aufzufassen. In dieser Kritik sieht Imdahl den „Ausgangs­punkt der Fiedlerschen Lehre“ ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 55). Eingefordert wäre hier,

daß die Anschauung eine von aller (begrifflichen) Abstrak­tion unab­hängige Bedeutung habe, daß das Vermögen der Anschauung so gut wie das abstrakte Denk­vermögen ein recht habe, zu einem geregelten und bewußten Gebrauch ausge­bildet zu werden (...) ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 312).

Thematisch werden damit – aus heutiger Sicht formuliert – grund­legende Fragen zur Natur nicht-propositionaler Erkenntnis­formen, in Bezug auf die Wahrnehmung von Kunst­werken. Auf dieser erkenntnis­theoretischen Ebene dürften auch Anknüpfungs­punkte zu aktuellen bild­wissen­schaft­lichen Debatten zu finden sein, dazu später mehr.

Imdahl beruft sich somit auf einer erkenntnis­theore­tischen Ebene und in Bezug auf seine Werk­auffassung explizit und wieder­holt auf Fiedler (siehe etwa [Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 42-113), aber für die Formulierung seiner »Ikonik«, distanziert er sich zu einem späteren Zeitpunkt in ent­scheidenden Punkten wiederum grundlegend, nämlich bezogen auf Fiedlers „Definitionen von Form und Komposition“ ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 92). Seine Kritik trifft in diesen Punkten und im selben Zusammen­hang auch Panofsky. Beide Autoren diskutiert Imdahl in den Passagen, die seine „ikonische Betrachtungs­weise“, die »Ikonik«, begründen, im Kapitel «Ikono­graphie – Ikono­logie – Ikonik» seines Buches über Giotto ([Imdahl 1996b]Imdahl, Max (1996): Giotto. Arenafresken. Fink, München.
: S. 84-98). Imdahls Kritik an Panofskys ikono­graphisch-ikono­logischer Inter­pretation­smethode ist dabei genau genommen, bei aller diplomatischen Bezug­nahme in den vorher­gehenden Passagen, grund­legend, da laut Imdahl „[b]eide Interpretationen (...) jeweils einseitig, (...) die der Malerei mögliche Bild­leistung [verfehlen]“ ([Imdahl 1996b]Imdahl, Max (1996): Giotto. Arenafresken. Fink, München.
: S. 91.).[1] Diese mögliche Bild­leistung sieht Imdahl gegeben im Zusammen­wirken von sehendem und wieder­erkennenden Sehen, dem »erkennenden Sehen«:

[Diese mögliche Bildleistung] besteht aber dann, wenn sich die Erfahrungen eines autonomen, sehenden Sehens und eines hetero­nomen, wieder­erkennen­den Gegenstand­sehens und die ihnen entsprechenden syntaktischen und semantischen Sinn­ebenen zu einer durch nichts anderes zu substituierenden Bild­identität ineinander vermitteln, wenn das wieder­erkennende Sehen und das sehende Sehen zu den ungeahnten oder gar unvor­denklichen Erfahrungen eines erkennenden Sehens zusammenwirken (...) ([Imdahl 1996b]Imdahl, Max (1996): Giotto. Arenafresken. Fink, München.
: S. 92)

Erst im vermittelten Verhältnis von sehendem und wieder­erkennendem Sehen sieht Imdahl also seine ikonische Betrachtungs­weise realisiert:

[D]er Ikonik wird das Bild zugänglich als ein Phänomen, in welchem gegen­ständliches, wieder­erkennendes Sehen, und formales, sehendes Sehen sich ineinander vermitteln zur Anschauung einer höheren, die praktische Seh­erfah­rung sowohl ein­schließenden als auch prinzipiell über­bietenden Ordnung und Sinn­totalität. ([Imdahl 1996b]Imdahl, Max (1996): Giotto. Arenafresken. Fink, München.
: S. 92-93)


Rezeption von Imdahls Methodik

Affirmativ etwa [Boehm 1995a]Boehm, Gottfried (1995): Bildbeschreibung. Über die Grenzen von Bild und Sprache. In: Boehm, G. & Pfotenhauer, H. (Hg.), Beschreibungskunst, Kunstbeschreibung: Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Fink, München.
in dem von ihm heraus­gegebenen Band «Was ist ein Bild», durch Abdruck des Bei­trages von Imdahl «Ikonik. Bilder und ihre An­schauung» ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 300-324). Im selben Band auch mit direkter Bezug­nahme und weiter­führenden Über­legungen Walden­fels mit seinem Aufsatz «Ordnungen des Sicht­baren» ([Waldenfels 1994a]Waldenfels, Bernhard (1994): Ordnungen des Sichtbaren. Zum Gedenken an Max Imdahl. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München.
), speziell der Teil «Kunst­theoretisches Vor­spiel: Sehendes und wieder­erkennendes Sehen» (234-237).[2]. Gottfried Boehm bietet eine Ein­führung zum Band «Reflexion, Theorie, Methode» ([Imdahl 1996c]Imdahl, Max (1996): Reflexion, Theorie, Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Mit e. Beitr. v. H. R. Jauß. Hrsg. u. eingel. v. G. Boehm
: S. 7-41), wobei er dort Imdahls Unter­scheidung von sehendem und wieder­erkennenden Sehen auf dem Weg zur Ikonik als „die wohl wichtigste, im übrigen auch die erfolg­reichste Etappe“ einstuft ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Wiederauflage der Schrift von 1974
: S. 92-29). Zur Kritik an Imdahls Geschichts­auffassung siehe etwa [Rosenberg 2006a]Rosenberg, Raphael (2006): Ikonik und Geschichte. Zur Frage der historischen Angemessenheit von Max Imdahls Kunstbetrachtung .
Webadresse: archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2006/193
. Kritisch und sehr differenziert zum Verhältnis Imdahl/Panofsky: [Thürlemann 2009a]Thürlemann, Felix (2009): Ikonographie, Ikonologie, Ikonik: Max Imdahl liest Erwin Panofsky. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien: Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.
. Einmal aus analytischer Sicht, aber dann Imdahl kritisch bewertend: [Steinbrenner 1997a]Steinbrenner, Jakob (1997): Doppelbilder: Manet und Imdahl. In: Steinbrenner, J. & Winko, U. (Hg.), Bilder in der Philosophie & in anderen Künsten & Wissenschaften. Schöningh, Paderborn.
. Nahe­liegend aus analytischer Sicht ist dabei die Verbindung von »Ikonik« zu Good­mans Begriff der Exem­pli­fika­tion.

Anmerkungen
  1. ↑ Ein sehr differenzierter Beitrag zum Verhältnis Imdahl/Panofsky findet sich in [Thürlemann 2009a]Thürlemann, Felix (2009): Ikonographie, Ikonologie, Ikonik: Max Imdahl liest Erwin Panofsky. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien: Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    .
  2. ↑ Ob es legitim ist, Imdahl explizit einer phänomeno­logischen Position zuzuordnen, bliebe aus meiner Sicht noch zu diskutieren. So wäre etwa Imdahls eher analytischer Bezug auf syntaktische und semantische Sinn­ebenen im Zusammenhang mit seiner »Ikonik« der Phäno­meno­logie doch eher fremd.
Literatur
[Boehm 1995a]Boehm, Gottfried (1995): Bildbeschreibung. Über die Grenzen von Bild und Sprache. In: Boehm, G. & Pfotenhauer, H. (Hg.), Beschreibungskunst, Kunstbeschreibung: Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Fink, München.[Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Imdahl 1996b]Imdahl, Max (1996): Giotto. Arenafresken. Fink, München.[Imdahl 1996c]Imdahl, Max (1996): Reflexion, Theorie, Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Rosenberg 2006a]Rosenberg, Raphael (2006): Ikonik und Geschichte. Zur Frage der historischen Angemessenheit von Max Imdahls Kunstbetrachtung .[Steinbrenner 1997a]Steinbrenner, Jakob (1997): Doppelbilder: Manet und Imdahl. In: Steinbrenner, J. & Winko, U. (Hg.), Bilder in der Philosophie & in anderen Künsten & Wissenschaften. Schöningh, Paderborn.[Thürlemann 2009a]Thürlemann, Felix (2009): Ikonographie, Ikonologie, Ikonik: Max Imdahl liest Erwin Panofsky. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien: Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Waldenfels 1994a]Waldenfels, Bernhard (1994): Ordnungen des Sichtbaren. Zum Gedenken an Max Imdahl. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München.

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Eva Schürmann — (Hinweis)