Sehendes Sehen: Unterschied zwischen den Versionen
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Imdahl beruft sich somit auf einer erkenntnistheoretischen Ebene und in Bezug auf seine Werkauffassung explizit und wiederholt auf Fiedler (siehe etwa <bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 42-113), aber für die Formulierung seiner »Ikonik«, distanziert er sich zu einem späteren Zeitpunkt in entscheidenden Punkten wiederum grundlegend, nämlich bezogen auf Fiedlers „Definitionen von Form und Komposition“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 92). Seine Kritik trifft in diesen Punkten und im selben Zusammenhang auch Panofsky. Beide Autoren diskutiert Imdahl in den Passagen, die seine „ikonische Betrachtungsweise“, die »Ikonik«, begründen, im Kapitel «Ikonographie – Ikonologie – Ikonik» seines Buches über Giotto (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 84-98). Imdahls Kritik an Panofskys ikonographisch-ikonologischer Interpretationsmethode ist dabei genau genommen, bei aller diplomatischen Bezugnahme in den vorhergehenden Passagen, grundlegend, da laut Imdahl „[b]eide Interpretationen (...) jeweils einseitig, (...) die der Malerei mögliche Bildleistung [verfehlen]“ (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 91.).<ref> Ein sehr differenzierter Beitrag zum Verhältnis Imdahl/Panofsky findet sich in <bib id='Thürlemann 2009a'></bib>.</ref> Diese mögliche Bildleistung sieht Imdahl gegeben im Zusammenwirken von sehendem und wiedererkennenden Sehen, dem »erkennenden Sehen«: | Imdahl beruft sich somit auf einer erkenntnistheoretischen Ebene und in Bezug auf seine Werkauffassung explizit und wiederholt auf Fiedler (siehe etwa <bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 42-113), aber für die Formulierung seiner »Ikonik«, distanziert er sich zu einem späteren Zeitpunkt in entscheidenden Punkten wiederum grundlegend, nämlich bezogen auf Fiedlers „Definitionen von Form und Komposition“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 92). Seine Kritik trifft in diesen Punkten und im selben Zusammenhang auch Panofsky. Beide Autoren diskutiert Imdahl in den Passagen, die seine „ikonische Betrachtungsweise“, die »Ikonik«, begründen, im Kapitel «Ikonographie – Ikonologie – Ikonik» seines Buches über Giotto (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 84-98). Imdahls Kritik an Panofskys ikonographisch-ikonologischer Interpretationsmethode ist dabei genau genommen, bei aller diplomatischen Bezugnahme in den vorhergehenden Passagen, grundlegend, da laut Imdahl „[b]eide Interpretationen (...) jeweils einseitig, (...) die der Malerei mögliche Bildleistung [verfehlen]“ (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 91.).<ref> Ein sehr differenzierter Beitrag zum Verhältnis Imdahl/Panofsky findet sich in <bib id='Thürlemann 2009a'></bib>.</ref> Diese mögliche Bildleistung sieht Imdahl gegeben im Zusammenwirken von sehendem und wiedererkennenden Sehen, dem »erkennenden Sehen«: | ||
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: [Diese mögliche Bildleistung] ''besteht aber dann, wenn sich die Erfahrungen eines autonomen, sehenden Sehens und eines heteronomen, wiedererkennenden Gegenstandsehens und die ihnen entsprechenden syntaktischen und semantischen Sinnebenen zu einer durch nichts anderes zu substituierenden Bildidentität ineinander vermitteln, wenn das wiedererkennende Sehen und das sehende Sehen zu den ungeahnten oder gar unvordenklichen Erfahrungen eines erkennenden Sehens zusammenwirken (...)'' (<bib id='Imdahl | : [Diese mögliche Bildleistung] ''besteht aber dann, wenn sich die Erfahrungen eines autonomen, sehenden Sehens und eines heteronomen, wiedererkennenden Gegenstandsehens und die ihnen entsprechenden syntaktischen und semantischen Sinnebenen zu einer durch nichts anderes zu substituierenden Bildidentität ineinander vermitteln, wenn das wiedererkennende Sehen und das sehende Sehen zu den ungeahnten oder gar unvordenklichen Erfahrungen eines erkennenden Sehens zusammenwirken (...)'' (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 92) | ||
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Erst im ''vermittelten Verhältnis'' von sehendem und wiedererkennendem Sehen sieht Imdahl also seine ikonische Betrachtungsweise realisiert: | Erst im ''vermittelten Verhältnis'' von sehendem und wiedererkennendem Sehen sieht Imdahl also seine ikonische Betrachtungsweise realisiert: | ||
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:''[D]er Ikonik wird das Bild zugänglich als ein Phänomen, in welchem gegenständliches, wiedererkennendes Sehen, und formales, sehendes Sehen sich ineinander vermitteln zur Anschauung einer höheren, die praktische Seherfahrung sowohl einschließenden als auch prinzipiell überbietenden Ordnung und Sinntotalität.'' (<bib id='Imdahl | :''[D]er Ikonik wird das Bild zugänglich als ein Phänomen, in welchem gegenständliches, wiedererkennendes Sehen, und formales, sehendes Sehen sich ineinander vermitteln zur Anschauung einer höheren, die praktische Seherfahrung sowohl einschließenden als auch prinzipiell überbietenden Ordnung und Sinntotalität.'' (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 92-93) | ||
Version vom 12. Februar 2013, 14:25 Uhr
Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
»Sehendes Sehen«Der Ausdruck ‘sehendes Sehen’ wurde geprägt von Max Imdahl (1925-1988), einem deutschen Kunsthistoriker, der zeitweise auch als bildender Künstler tätig war. Für Imdahls Methode der Werkanalyse, von ihm als ‘Ikonik’ bezeichnet, spielt der Begriff des »sehenden Sehens« im Zusammenhang mit Imdahls Auffassung eines »wiedererkennenden Sehens« eine grundlegende Rolle. Im Folgenden soll ein Überblick gegeben werden über die folgenden Aspekte: Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«, Bezug zur »Ikonik«, Imdahls Bezugnahme auf und Kritik an Autoren wie Fiedler oder Panofsky, Rezeption von Imdahls Methode, mögliche Anknüpfungspunkte für die aktuelle bildwissenschaftliche Forschung.
Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«Imdahl entwickelt und konturiert den Begriff des »sehenden Sehens« durch Bezugnahme auf sein Verständnis von einem »wiedererkennenden Sehen« (erstmals in einem Aufsatz von 1974; vgl. [Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
»Erkennendes Sehen« und »Ikonik«, Bezüge zu und Kritik an Fiedler und PanofskyDas »sehende Sehen« im Sinne Imdahls steht für eine Sichtweise, die sich von der Praxis, das betrachtete Objekt Begriffen unterzuordnen, grundlegend distanziert. In der Kritik an einer solchen Praxis sieht sich Imdahl den Auffassungen Konrad Fiedlers (1841-1895) nahestehend, der es scharf verurteilt, „die Anschauung als Mittel, zum Begriff zu gelangen“ ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Thematisch werden damit – aus heutiger Sicht formuliert – grundlegende Fragen zur Natur nicht-propositionaler Erkenntnisformen, in Bezug auf die Wahrnehmung von Kunstwerken. Auf dieser erkenntnistheoretischen Ebene dürften auch Anknüpfungspunkte zu aktuellen bildwissenschaftlichen Debatten zu finden sein, dazu später mehr. Imdahl beruft sich somit auf einer erkenntnistheoretischen Ebene und in Bezug auf seine Werkauffassung explizit und wiederholt auf Fiedler (siehe etwa [Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Erst im vermittelten Verhältnis von sehendem und wiedererkennendem Sehen sieht Imdahl also seine ikonische Betrachtungsweise realisiert:
Rezeption von Imdahls MethodikAffirmativ etwa [Boehm 1995a]Boehm, Gottfried (1995): Bildbeschreibung. Über die Grenzen von Bild und Sprache. In: Boehm, G. & Pfotenhauer, H. (Hg.), Beschreibungskunst, Kunstbeschreibung: Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Fink, München.
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Anmerkungen
Literatur
[Boehm 1995a]Boehm, Gottfried (1995): Bildbeschreibung. Über die Grenzen von Bild und Sprache. In: Boehm, G. & Pfotenhauer, H. (Hg.), Beschreibungskunst, Kunstbeschreibung: Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Fink, München.[Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Imdahl 1996b]Imdahl, Max (1996): Giotto. Arenafresken. Fink, München.[Imdahl 1996c]Imdahl, Max (1996): Reflexion, Theorie, Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Rosenberg 2006a]Rosenberg, Raphael (2006): Ikonik und Geschichte. Zur Frage der historischen Angemessenheit von Max Imdahls Kunstbetrachtung .[Steinbrenner 1997a]Steinbrenner, Jakob (1997): Doppelbilder: Manet und Imdahl. In: Steinbrenner, J. & Winko, U. (Hg.), Bilder in der Philosophie & in anderen Künsten & Wissenschaften. Schöningh, Paderborn.[Thürlemann 2009a]Thürlemann, Felix (2009): Ikonographie, Ikonologie, Ikonik: Max Imdahl liest Erwin Panofsky. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien: Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Waldenfels 1994a]Waldenfels, Bernhard (1994): Ordnungen des Sichtbaren. Zum Gedenken an Max Imdahl. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Eva Schürmann — (Hinweis) |