Bildpolitik: Unterschied zwischen den Versionen
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Besonders offensichtlich ist Bildpolitik immer dort, wo Herrschaft sich mit Hilfe von Visualisierungen darstellen lässt: In der abendländischen Kunstgeschichte ist das besonders häufig in Form von Herrschaftsbauten, gemalten Porträts und Denkmalen geschehen. Durch die mediale Entwicklung des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts haben sich die diesbezüglichen Möglichkeiten verändert und erweitert. In der „Mediokratie“ (<bib id='Meyer 2001a'></bib>) prägen verschiedenste Akteurinnen und Akteure (z.B. PR-Spezialisten, Bildagenturen, Fernsehsender, Künstler, etc.) und Formate (u.a. Pressefotos, Wahlplakate, Websites, Talkshows, etc.) die politische Kommunikation. | Besonders offensichtlich ist Bildpolitik immer dort, wo Herrschaft sich mit Hilfe von Visualisierungen darstellen lässt: In der abendländischen Kunstgeschichte ist das besonders häufig in Form von Herrschaftsbauten, gemalten Porträts und Denkmalen geschehen. Durch die mediale Entwicklung des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts haben sich die diesbezüglichen Möglichkeiten verändert und erweitert. In der „Mediokratie“ (<bib id='Meyer 2001a'></bib>) prägen verschiedenste Akteurinnen und Akteure (z.B. PR-Spezialisten, Bildagenturen, Fernsehsender, Künstler, etc.) und Formate (u.a. Pressefotos, Wahlplakate, Websites, Talkshows, etc.) die politische Kommunikation. | ||
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Obwohl in der einschlägigen Literatur umstritten ist, ab wann historisch von ‘Bildpolitik’ gesprochen werden kann, lassen sich einige ihrer aktuellen Tendenzen auf tief reichende bildgeschichtliche Wurzeln zurückführen: Beispielsweise geht ein abrupter politischer Systemwechsel häufig mit Bilderstürzen im öffentlichen Raum einher; das gilt für die Zeit der Französischen Revolution ebenso wie für das Ende des ostmitteleuropäischen Staatssozialismus 200 Jahre später oder für den Irakkrieg zu Beginn des 21. Jahrhunderts (vgl. etwa <bib id='Speitkamp 1997a'></bib>; <bib id='Fahlenbrach & Viehoff 2005a'></bib>). | Obwohl in der einschlägigen Literatur umstritten ist, ab wann historisch von ‘Bildpolitik’ gesprochen werden kann, lassen sich einige ihrer aktuellen Tendenzen auf tief reichende bildgeschichtliche Wurzeln zurückführen: Beispielsweise geht ein abrupter politischer Systemwechsel häufig mit [[Idolatrie und Ikonoklasmus|Bilderstürzen]] im öffentlichen Raum einher; das gilt für die Zeit der Französischen Revolution ebenso wie für das Ende des ostmitteleuropäischen Staatssozialismus 200 Jahre später oder für den Irakkrieg zu Beginn des 21. Jahrhunderts (vgl. etwa <bib id='Speitkamp 1997a'></bib>; <bib id='Fahlenbrach & Viehoff 2005a'></bib>). | ||
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Der Zusammenhang von Politik und Bildlichkeit sollte nicht auf Propaganda verengt werden. Bilder dienen in politischen Zusammenhängen zwar häufig der Manipulation (vgl. etwa <bib id='Hömberg & Karasek 2008a'></bib>), sie tun dies aber nicht zwingend. Denn Bilder sind politische Instrumente, die der Lüge ebenso dienen können wie anderen politischen Zwecken. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Politik immer auch eine symbolische Dimension hat, weil sie kommunikativ erzeugt wird. Diese symbolische Dimension lässt sich nur künstlich von der | Der Zusammenhang von Politik und Bildlichkeit sollte nicht auf Propaganda verengt werden. Bilder dienen in politischen Zusammenhängen zwar häufig der Manipulation (vgl. etwa <bib id='Hömberg & Karasek 2008a'></bib>), sie tun dies aber nicht zwingend. Denn Bilder sind politische Instrumente, die der Lüge ebenso dienen können wie anderen politischen Zwecken. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Politik immer auch eine symbolische Dimension hat, weil sie kommunikativ erzeugt wird. Diese symbolische Dimension lässt sich nur künstlich von der ''eigentlichen'' Politik trennen. Politisches Handeln hat „in jeder Situation instrumentelle und expressive Anteile (...) – auch das sogenannte Entscheidungshandeln vollzieht sich in dieser Hinsicht symbolisch“ (<bib id='Soeffner & Tänzler 2002a'></bib>: S. 21). Das Erscheinungsbild eines Ministers oder einer Präsidentin wird deshalb ganz unabhängig von der Qualität ihrer Selbstinszenierung immer Anlass für politisch-ästhetische Kritik oder Bildfindungen sein. | ||
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Das Verhältnis von Bildlichkeit und Politik wird insbesondere seit den 1990er Jahren transdisziplinär erforscht. Die politische Ikonographie hat ihre Wurzeln in der Kunstgeschichte; Bildpolitik wird aber auch von Politik-, Medien- und Kommunikationswissenschaftern analysiert (vgl. etwa die zahlreichen Beiträge in <bib id='Paul 2008a'></bib><bib id='Paul 2009a'></bib>). So wird | Das Verhältnis von Bildlichkeit und Politik wird insbesondere seit den 1990er Jahren transdisziplinär erforscht. Die politische Ikonographie hat ihre Wurzeln in der Kunstgeschichte; Bildpolitik wird aber auch von Politik-, Medien- und Kommunikationswissenschaftern analysiert (vgl. etwa die zahlreichen Beiträge in <bib id='Paul 2008a'></bib> und <bib id='Paul 2009a'></bib>). So wird „das politische Bild“ (<bib id='Grittmann 2007a'></bib>) zunehmend zum Thema sozialwissenschaftlicher Analysen. Für die Konjunktur der historiographisch orientierten Erforschung politischer Bildlichkeit stehen Schlagworte wie ‘Visual History’ oder ‘historische Bildkunde’ (vgl. <bib id='Burke 2003a'></bib>, <bib id='Paul 2006a'></bib>, <bib id='Jäger & Knauer 2009a'></bib>; ⊳ auch [[Visual Culture / Visual Studies]]). | ||
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==Bildpolitik: engere Begriffsbestimmung== | ==Bildpolitik: engere Begriffsbestimmung== | ||
Der Terminus | Der Terminus ‘Bildpolitik’ wird in der einschlägigen Fachliteratur häufig ohne explizite Definition verwendet. Je nach den zugrunde gelegten Bild- und Politikbegriffen changiert seine Bedeutung (vgl. etwa <bib id='Werckmeister 2005a'></bib>: S. 7; <bib id='Bieger 2007a'></bib>: S. 16). ‘Bildpolitik’ kann die Wechselwirkung von Bildlichkeit und Politik ebenso beschreiben wie die strategische Nutzung von Sichtbarkeit bzw. Bildwirkungen, beispielsweise durch Künstler oder in den Naturwissenschaften. Sehr häufig ist der Begriff auf die Indienstnahme von Bildern durch Herrscher oder andere Akteure bezogen, die an der Herstellung kollektiv verbindlicher Entscheidungen beteiligt sind. In diesem Sinne ist dann beispielsweise von der Bildpolitik der Päpste, der Alliierten oder der Europäischen Union die Rede. Bilder sind aber nicht per se als politisch zu verstehen. Entscheidend ist ihre Kontextualisierung (vgl. <bib id='Drechsel 2006a'></bib>: S. 113). | ||
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==Von Bilderkriegen und Visualisierungsstrategien== | ==Von Bilderkriegen und Visualisierungsstrategien== | ||
Neuere Forschungsansätze thematisieren etwa die Rolle von Bildpolitik bei der Politikvermittlung oder bei der Kriegsführung und -legitimation (vgl. <bib id='Bachmann-Medick 2006a'></bib>: S. 355). Der | Neuere Forschungsansätze thematisieren etwa die Rolle von Bildpolitik bei der Politikvermittlung oder bei der Kriegsführung und -legitimation (vgl. <bib id='Bachmann-Medick 2006a'></bib>: S. 355). Der Ausdruck ‘Bilderkrieg’ ist in diesem Zusammenhang zum geflügelten Wort in der politischen Publizistik und der historisch-politischen Bildforschung geworden. Die Rede vom ‘Bilderkrieg’ bezeichnet einen Wandel in der Führung und Darstellung moderner Kriege, der zunächst die technischen Bildmedien [[Fotografie]] und [[Film]], später auch die elektronischen Medien wie [[Fernsehen]] und [[Hypermedien|Internet]] zunehmend in die Planung und Führung von Kriegen einbezog (<bib id='Paul 2005a'></bib>: S. 15f.). Medien verpassen dem Krieg ein bestimmtes ''Image'', das den Charakter der Kriegsführung sowie der Kriegswahrnehmung entscheidend verändert. Ihr Eingriff konstituiert einen visuellen Kampfplatz mit eigenen Gesetzen und Regeln. Kriege werden heute also auch an einer „vierten Front“ (<bib id='Paul 2005a'></bib>: S. 16) geführt: Sie werden medial vorbereitet, beginnen zur ''Primetime'' und bestehen zu einem nicht unerheblichen Teil aus medial geführten und symbolischen Attacken (vgl. <bib id='Paul 2005a'></bib>: ebd.). Für die Berichterstattung vom Kriegsschauplatz hatte dieser Wandel im Verhältnis von Medien und Krieg insofern Bedeutung, als visuelle Kriegsberichterstattung zunehmend als Teil der Kriegsführung etabliert wurde, wobei die Bilder mehr und mehr zu zentralen Waffen avancierten (Stichwort ‘embedded journalism’). Seit wann von einem Bilderkrieg gesprochen werden kann, darüber herrscht in der einschlägigen Fachliteratur allerdings Uneinigkeit (vgl. <bib id='Knieper & Müller 2005a'></bib>). | ||
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Nicht nur kriegerische Handlungen, auch Terroranschläge folgen spätestens seit dem 11. September 2001 dem Muster von Bilderkriegen: | Nicht nur kriegerische Handlungen, auch Terroranschläge folgen spätestens seit dem 11. September 2001 dem Muster von Bilderkriegen: „Mit dem Anschlag auf die Twin Towers ist der [[Linguistic turn, pictorial turn, medial turn|''pictorial turn'']] in eine neue Phase eingetreten: Die Bilder haben einen eigenen Krieg, einen Bilderkrieg des Terrors begonnen“ (<bib id='Mitchell 2006a'></bib>: S. 259). Die Zerstörung der Twin Towers kann auch als ein ikonoklastischer Akt zur Vernichtung des „Idols der anderen“ verstanden werden. Mit Ground Zero wurde wiederum eine Gegen-Ikone geschaffen, die auf ihre Weise sehr viel mehr Wirkungsmacht entfaltet als die säkulare Architekturikone, die sie ersetzte (vgl. <bib id='Mitchell 2006a'></bib>: S. 262). | ||
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Visualisierungsstrategien sind aber keineswegs den politischen Machtzentren vorbehalten, sondern stehen auch denen zur Verfügung, die Entscheidungen unterlaufen und konterkarieren wollen und im Allgemeinen unter der Sammelbezeichnung einer | Visualisierungsstrategien sind aber keineswegs den politischen Machtzentren vorbehalten, sondern stehen auch denen zur Verfügung, die Entscheidungen unterlaufen und konterkarieren wollen und im Allgemeinen unter der Sammelbezeichnung einer ‘kritischen Öffentlichkeit’ rubriziert werden (<bib id='Münkler 2009a'></bib>: S. 29). Das Präsentieren von Gegen-Bildern gilt heute als eine wichtige Ergänzung öffentlicher Debatten zugunsten einer politisch ausgewogenen Information. Gegen-Bilder werden häufig im Internet veröffentlicht, das deutlich weniger monopolisiert ist als andere Medien. Als im Juni 2009 nach den Präsidentschaftswahlen in Iran Bilder von Mobiltelefonen der Opposition um die Welt gingen, die protestierende Menschen, Verhaftungen und Polizeigewalt zeigten, wurde ihnen ein hoher Grad an [[Authentizität]] zugeschrieben. Im „Asymmetrische(n) Bilderkrieg“ (<bib id='Mirzoeff 2007a'></bib>: S. 135) vermag es also auch die vermeintlich schwächere Seite, die Beweiswirkung visueller Kommunikation für sich zu nutzen. | ||
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Aber nicht nur in Kriegs-, sondern auch in Friedenszeiten wird Bildpolitik gemacht. Demokratien und Diktaturen sind dabei gleichermaßen auf die | Aber nicht nur in Kriegs-, sondern auch in Friedenszeiten wird Bildpolitik gemacht. Demokratien und Diktaturen sind dabei gleichermaßen auf die [[Darstellung]]sdimension des Politischen als konstituierende Kraft ihrer Politikherstellung angewiesen. Bildpolitik berührt dabei die Bereiche visueller politischer Kommunikation und politischen Marketings. Systematische Analysen wurden in diesem Zusammenhang beispielsweise zu politischen Bildstrategien im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf (vgl. <bib id='Müller 1997a'></bib>) oder zur Bildpolitik der Europäischen Union (vgl. <bib id='Bernhardt et al. 2009a'></bib>) vorgelegt. Während die Europäische Union in ihrer Selbstdarstellung konsequent das Image einer Familie von Staaten pflegt, die ein gemeinsames europäisches Haus (mit der Option auf Neuzuzug) bewohnt, deuten Beitrittswerber wie Kritiker diese Bilder zu einer “Festung Europa” um, in der ein hierarchisches Familienmodell Platz greift (vgl. <bib id='Bernhardt et al. 2009a'></bib>). | ||
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Bildpolitik entsteht im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit: | Bildpolitik entsteht im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit: „Transparenz steht für die Durchsichtigkeit eines Entscheidungs­zentrums. [...] Mit Visualisierung hingegen ist die Kontrolle der Sichtbarkeits­verhältnisse durch das Entscheidungszentrum gemeint“ (<bib id='Münkler 2009a'></bib>: S. 28). In den Visualisierungs­strategien des politischen Machtkampfs geht es also in erster Linie um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Macht hat, wer entscheidet, was bekannt werden darf und was geheim bleiben soll. Sie ist daher auch dort am größten, wo Visibilitäts­verhältnisse kontrolliert werden können, also wo Bildpolitik ihre darstellende Funktion optimal auf die beabsichtigte Wirkung ausrichten kann. | ||
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* [[Authentizität]] | |||
* [[Bildakt-Theorie]] | * [[Bildakt-Theorie]] | ||
* [[Darstellung]] | |||
* [[Fernsehen]] | |||
* [[Film]] | |||
* [[Fotografie]] | |||
* [[Hypermedien]] | |||
* [[Idolatrie und Ikonoklasmus]] | * [[Idolatrie und Ikonoklasmus]] | ||
* [[ | * [[Linguistic turn, pictorial turn, medial turn]] | ||
* [[Sichtbares und Unsichtbares]] | * [[Sichtbares und Unsichtbares]] | ||
* [[Visual Culture / Visual Studies]] | * [[Visual Culture / Visual Studies]] | ||
Version vom 29. Januar 2013, 11:32 Uhr
Unterpunkt zu: Bildpragmatik
Bildlichkeit und PolitikBildlichkeit und Politik sind eng miteinander verbunden. „Politische Ordnungen“, schreibt Hans Vorländer, „sind für die Aufrechterhaltung und die Durchsetzung ihrer Geltungsansprüche auf symbolische und ästhetische Formen der Eigendarstellung angewiesen“ ([Vorländer 2003a]Vorländer, Hans (2003): Demokratie und Ästhetik. Zur Rehabilitierung eines problematischen Zusammenhangs. In: Vorländer, H. (Hg.), Zur Ästhetik der Demokratie. Formen der politischen Selbstdarstellung. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. Besonders offensichtlich ist Bildpolitik immer dort, wo Herrschaft sich mit Hilfe von Visualisierungen darstellen lässt: In der abendländischen Kunstgeschichte ist das besonders häufig in Form von Herrschaftsbauten, gemalten Porträts und Denkmalen geschehen. Durch die mediale Entwicklung des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts haben sich die diesbezüglichen Möglichkeiten verändert und erweitert. In der „Mediokratie“ ([Meyer 2001a]Meyer, Thomas (2001): Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch das Mediensystem. Suhrkamp, Frankfurt/M. Obwohl in der einschlägigen Literatur umstritten ist, ab wann historisch von ‘Bildpolitik’ gesprochen werden kann, lassen sich einige ihrer aktuellen Tendenzen auf tief reichende bildgeschichtliche Wurzeln zurückführen: Beispielsweise geht ein abrupter politischer Systemwechsel häufig mit Bilderstürzen im öffentlichen Raum einher; das gilt für die Zeit der Französischen Revolution ebenso wie für das Ende des ostmitteleuropäischen Staatssozialismus 200 Jahre später oder für den Irakkrieg zu Beginn des 21. Jahrhunderts (vgl. etwa [Speitkamp 1997a]Speitkamp, Winfried (1997): Denkmalsturz. Zur Konfliktgeschichte politischer Symbolik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. Der Zusammenhang von Politik und Bildlichkeit sollte nicht auf Propaganda verengt werden. Bilder dienen in politischen Zusammenhängen zwar häufig der Manipulation (vgl. etwa [Hömberg & Karasek 2008a]Hömberg, Walter & Karasek, Johannes (2008): Der Schweißfleck der Kanzlerkandidatin. Bildmanipulation, Bildfälschung und Bildethik im Zeitalter der digitalen Fotografie. Communicatio Socialis, 3. Das Verhältnis von Bildlichkeit und Politik wird insbesondere seit den 1990er Jahren transdisziplinär erforscht. Die politische Ikonographie hat ihre Wurzeln in der Kunstgeschichte; Bildpolitik wird aber auch von Politik-, Medien- und Kommunikationswissenschaftern analysiert (vgl. etwa die zahlreichen Beiträge in [Paul 2008a]Paul, Gerhard (Hg.) (2008): Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.
Bildpolitik: engere BegriffsbestimmungDer Terminus ‘Bildpolitik’ wird in der einschlägigen Fachliteratur häufig ohne explizite Definition verwendet. Je nach den zugrunde gelegten Bild- und Politikbegriffen changiert seine Bedeutung (vgl. etwa [Werckmeister 2005a]Werckmeister, Otto Karl (2005): Der Medusa Effekt. Politische Bildstrategien seit dem 11. September 2001. form + zweck, Berlin.
Von Bilderkriegen und VisualisierungsstrategienNeuere Forschungsansätze thematisieren etwa die Rolle von Bildpolitik bei der Politikvermittlung oder bei der Kriegsführung und -legitimation (vgl. [Bachmann-Medick 2006a]Bachmann-Medick, Doris (2006): Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Rowohlt, Reinbek. Nicht nur kriegerische Handlungen, auch Terroranschläge folgen spätestens seit dem 11. September 2001 dem Muster von Bilderkriegen: „Mit dem Anschlag auf die Twin Towers ist der pictorial turn in eine neue Phase eingetreten: Die Bilder haben einen eigenen Krieg, einen Bilderkrieg des Terrors begonnen“ ([Mitchell 2006a]Mitchell, William J.T. (2006): Den Terror klonen. Der Krieg der Bilder 2001-2004. In: Maar, Ch. & Burda, H. (Hg.), Iconic Worlds. Neue Bilderwelten und Wissensräume. DuMont, Köln. Visualisierungsstrategien sind aber keineswegs den politischen Machtzentren vorbehalten, sondern stehen auch denen zur Verfügung, die Entscheidungen unterlaufen und konterkarieren wollen und im Allgemeinen unter der Sammelbezeichnung einer ‘kritischen Öffentlichkeit’ rubriziert werden ([Münkler 2009a]Münkler, Herfried (2009): Visualisierungsstrategien im politischen Machtkampf: Der Übergang vom Personenverband zum institutionellen Territorialstaat. In: Münkler, H. & Hacke, J. (Hg.), Strategien der Visualisierung. Verbildlichung als Mittel politischer Kommunikation. Campus, Frankfurt/M. Aber nicht nur in Kriegs-, sondern auch in Friedenszeiten wird Bildpolitik gemacht. Demokratien und Diktaturen sind dabei gleichermaßen auf die Darstellungsdimension des Politischen als konstituierende Kraft ihrer Politikherstellung angewiesen. Bildpolitik berührt dabei die Bereiche visueller politischer Kommunikation und politischen Marketings. Systematische Analysen wurden in diesem Zusammenhang beispielsweise zu politischen Bildstrategien im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf (vgl. [Müller 1997a]Müller, Marion G. (1997): Politische Bildstrategien im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, 1828-1996. Akademie Verlag, Berlin. Bildpolitik entsteht im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit: „Transparenz steht für die Durchsichtigkeit eines Entscheidungszentrums. [...] Mit Visualisierung hingegen ist die Kontrolle der Sichtbarkeitsverhältnisse durch das Entscheidungszentrum gemeint“ ([Münkler 2009a]Münkler, Herfried (2009): Visualisierungsstrategien im politischen Machtkampf: Der Übergang vom Personenverband zum institutionellen Territorialstaat. In: Münkler, H. & Hacke, J. (Hg.), Strategien der Visualisierung. Verbildlichung als Mittel politischer Kommunikation. Campus, Frankfurt/M. |
Anmerkungen
Literatur
[Bachmann-Medick 2006a]Bachmann-Medick, Doris (2006): Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Rowohlt, Reinbek.[Bernhardt et al. 2009a]Bernhardt, Petra; Hadj-Abdou, Leila; Liebhart, Karin & Pribersky, Andreas (2009): EUropäische Bildpolitiken. Politische Bildanalyse an Beispielen der EU-Politik. facultas UTB, Wien.[Beyme 2004a]Beyme, Klaus von (2004): Politische Ikonologie der modernen Architektur. In: Schwelling, B. (Hg.), Politikwissenschaft als Kulturwissenschaft. Theorien, Methoden, Problemstellungen. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.[Bieger 2007a]Bieger, Laura (2007): Ästhetik der Immersion. Raum-Erleben zwischen Welt und Bild. transcript, Bielefeld.[Burke 2003a]Burke, Peter (2003): Augenzeugenschaft. Bilder als historische Quellen. Wagenbach, Berlin.[Drechsel 2006a]Drechsel, Benjamin (2006): Was ist ein politisches Bild? Einige Überlegungen zur Entwicklung der Politikwissenschaft als Bildwissenschaft. Moderne. Kulturwissenschaftliches Jahrbuch, 2.[Fahlenbrach & Viehoff 2005a]Fahlenbrach, Kathrin & Viehoff, Reinhold (2005): Medienikonen des Krieges. Die symbolische Entthronung Saddams als Versuch strategischer Ikonisierung. In: Knieper, T. & Müller, M. G. (Hg.), War Visions. Bildkommunikation und Krieg. Halem, Köln.[Grittmann 2007a]Grittmann, Elke (2007): Das politische Bild. Fotojournalismus und Pressefotografie. Halem, Köln.[Hömberg & Karasek 2008a]Hömberg, Walter & Karasek, Johannes (2008): Der Schweißfleck der Kanzlerkandidatin. Bildmanipulation, Bildfälschung und Bildethik im Zeitalter der digitalen Fotografie. Communicatio Socialis, 3.[Jäger & Knauer 2009a]Jäger, Jens & Knauer, Martin (Hg.) (2009): Bilder als historische Quellen? Dimensionen der Debatte um historische Bildforschung. Fink, München.[Knieper & Müller 2005a]Knieper, Thomas & Müller, Marion G. (2005): War Visions. Bildkommunikation und Krieg. Halem, Köln.[Manow 2008a]Manow, Philip (2008): Im Schatten des Königs. Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Meyer 2001a]Meyer, Thomas (2001): Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch das Mediensystem. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Mirzoeff 2007a]Mirzoeff, Nicholas (2007): Von Bildern und Helden. Sichtbarkeit im Krieg der Bilder. In: Haustein, L.; Scherer, B. & Hager, M. (Hg.), Feindbilder. Ideologien und visuelle Strategien der Kulturen. Wallstein, Göttingen.[Mitchell 2006a]Mitchell, William J.T. (2006): Den Terror klonen. Der Krieg der Bilder 2001-2004. In: Maar, Ch. & Burda, H. (Hg.), Iconic Worlds. Neue Bilderwelten und Wissensräume. DuMont, Köln.[Müller 1997a]Müller, Marion G. (1997): Politische Bildstrategien im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, 1828-1996. Akademie Verlag, Berlin.[Münkler 2009a]Münkler, Herfried (2009): Visualisierungsstrategien im politischen Machtkampf: Der Übergang vom Personenverband zum institutionellen Territorialstaat. In: Münkler, H. & Hacke, J. (Hg.), Strategien der Visualisierung. Verbildlichung als Mittel politischer Kommunikation. Campus, Frankfurt/M.[Paul 2005a]Paul, Gerhard (2005): Der Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der «Operation Irakische Freiheit». Wallstein, Göttingen.[Paul 2006a]Paul, Gerhard (Hg.) (2006): Visual History. Ein Studienbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.[Paul 2008a]Paul, Gerhard (Hg.) (2008): Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.[Paul 2009a]Paul, Gerhard (Hg.) (2009): Das Jahrhundert der Bilder. 1900 bis 1949. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.[Soeffner & Tänzler 2002a]Soeffner, Hans-Georg & Tänzler, Dirk (2002): Figurative Politik. Prolegomena zu einer Kultursoziologie politischen Handelns. In: Soeffner, H.-G. & Tänzler, D. (Hg.), Figurative Politik. Zur Performanz der Macht in der modernen Gesellschaft. Leske & Budrich, Opladen.[Speitkamp 1997a]Speitkamp, Winfried (1997): Denkmalsturz. Zur Konfliktgeschichte politischer Symbolik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.[Vorländer 2003a]Vorländer, Hans (2003): Demokratie und Ästhetik. Zur Rehabilitierung eines problematischen Zusammenhangs. In: Vorländer, H. (Hg.), Zur Ästhetik der Demokratie. Formen der politischen Selbstdarstellung. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart.[Warnke 1984a]Warnke, Martin (1984): Politische Architektur in Europa vom Mittelalter bis heute: Repräsentation und Gemeinschaft. DuMont, Köln.[Werckmeister 2005a]Werckmeister, Otto Karl (2005): Der Medusa Effekt. Politische Bildstrategien seit dem 11. September 2001. form + zweck, Berlin.[Zeune 1997a]Zeune, Joachim (1997): Burgen. Symbole der Macht. Ein neues Bild der mittelalterlichen Burg. Pustet, Regensburg. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Petra Bernhardt und Marcel Lemmes — (Hinweis) |