Gestalt: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Glossar-English:Gestalt]]<ref>''Ori&shy;gi&shy;nal in eng&shy;lisch; Über&shy;set&shy;zung D. Liebsch.''</ref>
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==Historische Wurzeln und Entste&shy;hung der Gestalt&shy;psycho&shy;logie==


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Der Begriff »Gestalt« wurde von Christian von Ehren&shy;fels, einem Schüler von Franz Brenta&shy;no, geprägt <bib id='Ehrenfels 1890a'></bib>. Brenta&shy;no hatte die Wichtig&shy;keit der direk&shy;ten Erfah&shy;rung betont, da er die Aufga&shy;be der Psycho&shy;logie (als empi&shy;rischer Wissen&shy;schaft) in der Beschrei&shy;bung derje&shy;nigen Phäno&shy;mene sah, die man direkt durch inne&shy;re [[Affekt und Wahrnehmung|Wahrneh&shy;mung]] erlebt. Ehren&shy;fels nannte diese Art Psycho&shy;logie ‘deskrip&shy;tive Psycho&shy;logie’ manchmal auch ‘Phäno&shy;meno&shy;logie’ und setzte sie in Gegen&shy;satz zur gene&shy;tischen Psycho&shy;logie, die psycho&shy;logische Phäno&shy;mene aus der Perspek&shy;tive der dritten Person unter&shy;sucht. Ehren&shy;fels formu&shy;lierte seine einfluss&shy;reichste Idee im Rahmen des Problems der komple&shy;xen Wahrneh&shy;mung. Die ato&shy;misti&shy;sche Psycho&shy;logie des 19. Jahrhun&shy;derts hatte die Möglich&shy;keit einer Addi&shy;tion von einfa&shy;chen Wahrneh&shy;mungen voraus&shy;gesetzt. Ernst Mach teilte diesen Stand&shy;punkt und behaup&shy;tete, dass nur die einfa&shy;chen Ele&shy;mente unse&shy;rer Empfin&shy;dungen real seien, aller&shy;dings erkann&shy;te er das Problem der komple&shy;xen Wahrneh&shy;mung an. Nach Ehren&shy;fels hinge&shy;gen können wir die Wahrneh&shy;mung von komple&shy;xen Formen, Melo&shy;dien etc. nur verste&shy;hen, wenn wir von einer einfa&shy;chen und unmit&shy;telbar zusam&shy;menge&shy;setzten Wahrneh&shy;mung ausge&shy;hen; und das bein&shy;haltet die Aufga&shy;be der ato&shy;misti&shy;schen Sicht&shy;weise.
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
:
 
Die Gestaltpsycho&shy;logie ent&shy;wickel&shy;te ihre grundsätz&shy;lichen Ideen vor dem Hinter&shy;grund zweier riva&shy;lisie&shy;render Schulen: dem Struktu&shy;ralis&shy;mus und dem Beha&shy;vioris&shy;mus. Um dem Phänomen der Kogni&shy;tion näher&shy;zukom&shy;men – so der Grundge&shy;danke der Gestalt&shy;psycho&shy;logie – soll sich die Unter&shy;suchung weder allein auf die geistig-menta&shy;len Aspek&shy;te (wie im Struktu&shy;ralis&shy;mus) noch aus&shy;schließlich allein auf die Verhal&shy;tensas&shy;pekte wie im Beha&shy;vioris&shy;mus bezie&shy;hen, sondern stets auf die Ganzheit des bewuss&shy;ten Erle&shy;bens. Sie besteht aus menta&shy;len und physi&shy;kali&shy;schen Aspek&shy;ten, und dement&shy;sprechend bezie&shy;hen sich bewuss&shy;te Erfah&shy;rung und zere&shy;brale Prozes&shy;se aufei&shy;nander. Diese Voraus&shy;setzun&shy;gen bedeu&shy;ten metho&shy;dolo&shy;gisch, dass gestalt&shy;psycho&shy;logische Unter&shy;suchun&shy;gen ihren Ausgangs&shy;punkt nicht allein oder primär bei der Erfas&shy;sung und Ana&shy;lyse von Sinnes&shy;daten nehmen können, sondern versu&shy;chen müssen, die gege&shy;benen Phäno&shy;mene in ihrer Ganzheit und Komple&shy;xität zu berück&shy;sichti&shy;gen. Bei Wahrneh&shy;mungsex&shy;peri&shy;menten bemü&shy;hen sich Gestalt&shy;psycho&shy;logen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Perso&shy;nen, die am Expe&shy;riment teilneh&shy;men, sich in einer natür&shy;lichen, alltäg&shy;lichen Umge&shy;bung befin&shy;den. Wenn diese Krite&shy;rien erfüllt sind, spricht man in der Gestalt&shy;psycho&shy;logie vom ‘biotischen Experiment’.
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
:
<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
Die Psychologen der soge&shy;nannten Berli&shy;ner Schule, Max Werthei&shy;mer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtig&shy;sten Vertre&shy;ter der Gestalt&shy;psycho&shy;logie betrach&shy;tet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppie&shy;rungen, wobei die Eigen&shy;schaften von Stimu&shy;li uns zwingen, unse&shy;re jewei&shy;ligen (z.B. visu&shy;ellen) Wahrneh&shy;mungen von vornhe&shy;rein in bestimm&shy;ter Weise anzu&shy;ordnen. 1912 entdeck&shy;te Werthei&shy;mer das sogenannte [http://de.wikipedia.org/wiki/Phi-Ph%C3%A4nomen Phi-Phäno&shy;men]. Nachdem Werthei&shy;mer das Phäno&shy;men der von einem Pol zu einem ande&shy;rem springen&shy;den Lichter auf einem Eisen&shy;bahnzug bemerkt hatte, führte er weite&shy;re Versu&shy;che durch. Sie beleg&shy;ten, dass wir, wenn zwei Lichter mit einer bestimm&shy;ten Geschwin&shy;digkeit aufleuch&shy;ten, ein einzel&shy;nes Licht wahrneh&shy;men, das sich hin und her bewegt. Diese opti&shy;sche Täuschung ist Indiz dafür, dass wir Infor&shy;matio&shy;nen “erfin&shy;den”, die nicht exis&shy;tieren, wenn wir Bewe&shy;gung wahrneh&shy;men. Werthei&shy;mer ent&shy;wickel&shy;te die Grundge&shy;setze der Orga&shy;nisa&shy;tion der visu&shy;ellen Infor&shy;mation wie z.B. die Gesetze der Nähe, der [[Ähnlichkeit|Ähnlich&shy;keit]], der Geschlos&shy;senheit und der Einfach&shy;heit.
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->
 




==Der Begriff der Gestalt==


=====Engere Begriffsbestimmung=====
Das deutsche ‘Gestalt’ entspricht dem engli&shy;schen ‘form’ oder ‘shape’. Auf einen Vorschlag von E. B. Tiche&shy;ner hat Harry Helson ‘configuration’ als engli&shy;sche Über&shy;setzung empfoh&shy;len. Der Ausdruck leitet sich meta&shy;phorisch vom germa&shy;nischen ‘stalla’ (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das engli&shy;sche ‘stall’. Die norma&shy;le Bedeu&shy;tung von ‘Gestalt’ ist ‹exter&shy;nal or visible form›. Der Ausdruck bezeich&shy;net sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. <bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14).
:
:''[A] spatial shape or Gestalt is perceived – or, as Ehren&shy;fels and his fellow Bren&shy;tanians would say, is ‘given in visual presentation’ – on the basis of a complex of sensa&shy;tions of indi&shy;vidual ele&shy;ments having ‘distinct spatial deter&shy;mina&shy;tions’.'' (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14.)
:
Wir machen häufig die Erfah&shy;rung, dass wir wahrneh&shy;men, dass Dinge diesel&shy;be Gestalt besitzen, obwohl sie an sich sonst nichts gemein haben.
:
:''Accor&shy;ding to the later Berlin concep&shy;tion, in contrast, a collec&shy;tion of data (or any other psycho&shy;logical forma&shy;tion) does not have a Gestalt: it is a Gestalt, a whole whose parts are them&shy;selves deter&shy;mined as being such that they can exist only as parts of a whole of this given kind.'' (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 13)
:
Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phäno&shy;mens begrei&shy;fen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facet&shy;ten, von denen je nach Perspek&shy;tive unter&shy;schiedli&shy;che in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusam&shy;menfasst:
:
:''The word Gestalt has been used in a varie&shy;ty of ways by members of the move&shy;ment. Usual&shy;ly there is an agree&shy;ment in inten&shy;sion but the concept is various&shy;ly applied in exten&shy;sion. On the pheno&shy;meno&shy;logical side we find seve&shy;ral diffe&shy;rent meanings along the following order. The confi&shy;guration may refer to any given totali&shy;ty described in terms of its meaning. Or the confi&shy;guration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essen&shy;tial desig&shy;nation may be the manner of combi&shy;nation of a group of units into a whole: four dots may be per&shy;ceived as a square, as lines in various posi&shy;tions, or as a tilted cross. Often the confi&shy;guration may include factors at present unknown. Psycho&shy;logi&shy;cally a confi&shy;guration consists of the affe&shy;rent, central and effe&shy;rent portions of the nervous system functio&shy;ning as a unit: there are no iso&shy;lated paths, no single point-exci&shy;tation connec&shy;ted by strands; the form of exci&shy;tation and its spread are here of impor&shy;tance. From the point of view of beha&shy;viour a confi&shy;guratio&shy;nal re&shy;sponse may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation con&shy;fronting the orga&shy;nism.'' (<bib id='Helson 1925a'></bib>: S. 364)


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==Arbeitsgebiete der Gestalt&shy;psycho&shy;logie==


=====optional Beispiele=====
Die Experimente und Unter&shy;suchun&shy;gen der Gestalt&shy;psycho&shy;logen ebne&shy;ten den Weg für eine Vielzahl von neuen Dis&shy;zipli&shy;nen und Einsich&shy;ten.
Der späte Werthei&shy;mer setzte sich mit Fragen des Problem&shy;lösens ausei&shy;nander und beton&shy;te, dass die Lösung erst mit dem Verste&shy;hen des Problem&shy;ganzen einsetzt und dass erst nachträg&shy;lich Einzel&shy;heiten in Betracht gezo&shy;gen werden. Demnach beruht Lernen auf der übergrei&shy;fenden Struktur des jewei&shy;ligen Problems.
:
Auch Köhler konzen&shy;trierte seine Unter&shy;suchun&shy;gen auf das Lernen und die Problem&shy;lösung. Er führte Versu&shy;che mit Tieren (Affen und Hühnern) durch, die eini&shy;ge Bele&shy;ge dafür liefer&shy;ten, dass auch Tiere zum verste&shy;henden Lernen befä&shy;higt sind, dass auch sie ''Gestal&shy;ten'' lernen können.
:
Koffka hat den Begriff Gedächtnis&shy;spur für die Einrich&shy;tung der Gedächt&shy;nisfunk&shy;tion in den Rahmen der Gestalt&shy;psycho&shy;logie einge&shy;bracht: Wenn eine Erfah&shy;rung gemacht worden ist, bleibt ihr Effekt als eine Spur im Gehirn. Diese Spur beein&shy;flusst zukünf&shy;tige Erfah&shy;rungen. Der Prozess einer in reiner Form ausge&shy;lösten Erfah&shy;rung geschieht nur einmal. Danach inter&shy;agiert jede neue Erfah&shy;rung mit einer frühe&shy;ren Spur. Ein Spursys&shy;tem baut sich auf.
:
Kurt Zadek Lewin versuch&shy;te auf der Grund&shy;lage der Gestalt&shy;prinzi&shy;pien eine Theorie der Moti&shy;vation in Über&shy;einstim&shy;mung mit der Feld&shy;theorie der Physik zu ent&shy;wickeln. Der Theorie zufol&shy;ge gehö&shy;ren Verhält&shy;nisse und kogni&shy;tive Prozes&shy;se zu einem “Feld”, in dem sich jedes Ele&shy;ment auf die ande&shy;ren Ele&shy;mente auswirkt. Wir können solche Felder auf vielen verschie&shy;denen Ebe&shy;nen, in verschie&shy;denen Berei&shy;chen beobach&shy;ten: Die von einem Indi&shy;viduum wahrge&shy;nomme&shy;ne Umwelt wäre eben&shy;so als ein solches Feld zu ana&shy;lysie&shy;ren wie auch (auf einer ande&shy;ren Ebe&shy;ne) eine ganze Gesell&shy;schaft. In Bezug auf diese letzte Kate&shy;gorie wird Lewin als Begrün&shy;der der Sozial&shy;psycho&shy;logie ange&shy;sehen.
:
Die Bewegung der Gestalt&shy;psycho&shy;logie hatte weitrei&shy;chenden Einfluss. Um nur eini&shy;ge weni&shy;ge Beispie&shy;le zu nennen:  Wir finden ihre zentra&shy;len Ideen in den Über&shy;legun&shy;gen zum »impli&shy;ziten Wissen« von Michel Pola&shy;nyi wieder, in der Theorie des [[Film|Films]] und den Unter&shy;suchun&shy;gen zur Wahrneh&shy;mungspsy&shy;cholo&shy;gie von Rudolf Arnheim (<bib id='Arnheim 1932a'></bib>) und Merleau-Ponty (<bib id='Merleau-Ponty 1966a'></bib>, <bib id='Merleau-Ponty 2006a'></bib>), im Gebiet der Lingu&shy;istik, nämlich in John Lakoffs Konzept der »Kate&shy;gori&shy;sierung« (<bib id='Lakoff 1987a'></bib>) sowie in der Theorie der konzep&shy;tuellen [[Visuelle und multimodale Metaphern|Meta&shy;pher]] von Mark Johnson (<bib id='Lakoff & Johnson 1980a'></bib>).


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->


==Prinzipien und Gestalt&shy;geset&shy;ze der visu&shy;ellen Wahr&shy;nehmung==


=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
Was die visuelle Wahr&shy;nehmung betrifft, so hat die Gestalt&shy;psycho&shy;logie eini&shy;ge Schlüssel&shy;eigen&shy;schaften heraus&shy;gear&shy;beitet. Diese Gestalt&shy;geset&shy;ze oder Prinzi&shy;pien sind wichti&shy;ge Leitli&shy;nien für die visu&shy;ellen Künste und für das Design. Je nach Akzent&shy;setzung und Entste&shy;hungszeit sind diese Prinzi&shy;pien jeweils etwas anders formu&shy;liert worden.
:
Zu den wichtigsten Prinzi&shy;pien gehört zunächst das der ''Emer&shy;genz''. Der Termi&shy;nus verweist darauf, dass ein Gegen&shy;stand in unse&shy;rer Umwelt von uns sofort als eine Ganz&shy;heit wahrge&shy;nommen wird. Das Erken&shy;nen eines Hundes geschieht nicht durch das auf&shy;einan&shy;derfol&shy;gende Erken&shy;nen seiner einzel&shy;nen Bestand&shy;teile, sondern durch das Erken&shy;nen bestimm&shy;ter Muster.
:
Der gene&shy;rati&shy;ve Aspekt der Wahrneh&shy;mung ist die ''Reifi&shy;kation''. Dies bedeutet, dass die durch unse&shy;re Erfah&shy;rung bereits “vorge&shy;muster&shy;te” Wahrneh&shy;mung visu&shy;eller Arte&shy;fakte uns mehr räumli&shy;che Infor&shy;matio&shy;nen liefert als der bloße sinnli&shy;che Reiz. Wir erken&shy;nen bestimm&shy;te Formen bzw. [[Figur/Grund-Differenzierung|Figu&shy;ren]] (''Gestal&shy;ten''), obwohl diese keine echten Kontu&shy;ren besit&shy;zen, wie etwa das Beispiel von [http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/55/Kanizsa_triangle.svg Kani&shy;szas Dreieck] (benannt nach Gaetano Kanisza) zeigt.
:
[[Datei:Rubin-1.png|thumb|Ab&shy;bil&shy;dung 1 Kopf/Va&shy;se-Täu&shy;schung]]
Ein weite&shy;res Prinzip ist die ''Multi&shy;stabi&shy;lität der Wahrneh&shy;mung''. Es bezieht sich auf kogni&shy;tive Prozes&shy;se, die in zweideu&shy;tigen Wahrneh&shy;mungssi&shy;tuati&shy;onen ablau&shy;fen: Im Fall der bekannten Kopf/Vase-Täuschung Edgar Rubins (<bib id='Rubin 1915a'></bib>), oszil&shy;lieren die Figur (die substan&shy;tielle Erschei&shy;nung des Gegen&shy;standes) und der Grund (das allge&shy;meine Umfeld des Gegen&shy;standes) gemäß der jewei&shy;ligen Inter&shy;preta&shy;tion.
:
Ein nächstes von der Gestalt&shy;psycho&shy;logie heraus&shy;gear&shy;beite&shy;tes Wahrneh&shy;mungsprin&shy;zip ist das der ''Inva&shy;rianz'': Es ist uns möglich, einfa&shy;che geomet&shy;rische Gegen&shy;stände unab&shy;hängig von unse&shy;rer Sehper&shy;spekti&shy;ve und unab&shy;hängig von elas&shy;tischen Defor&shy;matio&shy;nen zu erken&shy;nen.
:
Das ''Prägnanz&shy;gesetz'' wiede&shy;rum besagt, dass wir unse&shy;re Erfah&shy;rung auf eine einfa&shy;che, symmet&shy;rische, regel&shy;mäßige und ordent&shy;liche Weise auf&shy;bauen. Ferner gibt es sechs weite&shy;re Prinzi&shy;pien der Gestalt&shy;wahrneh&shy;mung: ''Nähe'', ''Ähnlich&shy;keit'', ''gemein&shy;sames Schicksal'', ''gute Konti&shy;nuität'', ''Geschlos&shy;senheit'' und ''Sym&shy;metrie''. Das Gesetz der Nähe besagt, dass Gegen&shy;stände mit nähe&shy;rem Abstand zu&shy;einan&shy;der als zusam&shy;menge&shy;hörig wahrge&shy;nommen werden. Das Gesetz der Ähnlich&shy;keit meint, dass Gegen&shy;stände, die sichtba&shy;re Eigen&shy;schaften (z.B. Form, [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie|Farbe]], Größe, Orien&shy;tierung) teilen, als zusam&shy;menge&shy;hörig wahrge&shy;nommen werden. Das Gesetz des gemein&shy;samen Schicksals arti&shy;kuliert die Tatsa&shy;che, dass Gegen&shy;stände, die sich in eine Richtung oder auf eine ähnli&shy;che Weise bewe&shy;gen, von uns als eine Einheit wahrge&shy;nommen werden. Das Gesetz der guten Konti&shy;nuität bezieht sich auf unse&shy;re Vorlie&shy;be für sich fortset&shy;zende, durchzie&shy;hende Gestal&shy;ten: Im Fall von gekreuz&shy;ten Linien nehmen wir zwei sich durchkreu&shy;zende Linien wahr statt vier sich an einem Punkt treffen&shy;de Linien. Dem Prinzip der Geschlos&shy;senheit zufol&shy;ge sehen wir ganze Figu&shy;ren trotz fehlen&shy;der Infor&shy;mation: Wir gestal&shy;ten unse&shy;re visu&shy;elle Infor&shy;mation so, dass wir damit eine Ganzheit aufbau&shy;en können. Das Gesetz der Sym&shy;metrie schließlich bezieht sich auf die Figur-Grund-Bezie&shy;hung. Wenn wir Gegen&shy;stände wahrneh&shy;men, nehmen wir sie als sym&shy;metri&shy;sche Gestal&shy;ten wahr, die um ihr Zentrum herum geformt sind. Deswe&shy;gen nimmt man sym&shy;metri&shy;sche Bilder sogar aus größe&shy;rer Entfer&shy;nung als zusam&shy;menge&shy;hörig wahr, und deswe&shy;gen werden auch sym&shy;metri&shy;sche Räume als Figu&shy;ren auf einem asym&shy;metri&shy;schen Hinter&shy;grund wahrge&shy;nommen.


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* [[Affekt und Wahrnehmung]]
* [[Ähnlichkeit]]
* [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie]]
* [[Figur/Grund-Differenzierung]]
* [[Film]]
* [[Visuelle und multimodale Metaphern]]


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''Ausgabe 1: 2013''
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''Verantwortlich:''  
''Verantwortlich:''  


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[[Benutzer:XXX]]
 
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''Lektorat:''
* [[Benutzer:Dimitri Liebsch|Liebsch, Dimitri]]
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
Glossar-English:Gestalt[1]


Historische Wurzeln und Entste­hung der Gestalt­psycho­logie

Der Begriff »Gestalt« wurde von Christian von Ehren­fels, einem Schüler von Franz Brenta­no, geprägt [Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14.
. Brenta­no hatte die Wichtig­keit der direk­ten Erfah­rung betont, da er die Aufga­be der Psycho­logie (als empi­rischer Wissen­schaft) in der Beschrei­bung derje­nigen Phäno­mene sah, die man direkt durch inne­re Wahrneh­mung erlebt. Ehren­fels nannte diese Art Psycho­logie ‘deskrip­tive Psycho­logie’ manchmal auch ‘Phäno­meno­logie’ und setzte sie in Gegen­satz zur gene­tischen Psycho­logie, die psycho­logische Phäno­mene aus der Perspek­tive der dritten Person unter­sucht. Ehren­fels formu­lierte seine einfluss­reichste Idee im Rahmen des Problems der komple­xen Wahrneh­mung. Die ato­misti­sche Psycho­logie des 19. Jahrhun­derts hatte die Möglich­keit einer Addi­tion von einfa­chen Wahrneh­mungen voraus­gesetzt. Ernst Mach teilte diesen Stand­punkt und behaup­tete, dass nur die einfa­chen Ele­mente unse­rer Empfin­dungen real seien, aller­dings erkann­te er das Problem der komple­xen Wahrneh­mung an. Nach Ehren­fels hinge­gen können wir die Wahrneh­mung von komple­xen Formen, Melo­dien etc. nur verste­hen, wenn wir von einer einfa­chen und unmit­telbar zusam­menge­setzten Wahrneh­mung ausge­hen; und das bein­haltet die Aufga­be der ato­misti­schen Sicht­weise.

Die Gestaltpsycho­logie ent­wickel­te ihre grundsätz­lichen Ideen vor dem Hinter­grund zweier riva­lisie­render Schulen: dem Struktu­ralis­mus und dem Beha­vioris­mus. Um dem Phänomen der Kogni­tion näher­zukom­men – so der Grundge­danke der Gestalt­psycho­logie – soll sich die Unter­suchung weder allein auf die geistig-menta­len Aspek­te (wie im Struktu­ralis­mus) noch aus­schließlich allein auf die Verhal­tensas­pekte wie im Beha­vioris­mus bezie­hen, sondern stets auf die Ganzheit des bewuss­ten Erle­bens. Sie besteht aus menta­len und physi­kali­schen Aspek­ten, und dement­sprechend bezie­hen sich bewuss­te Erfah­rung und zere­brale Prozes­se aufei­nander. Diese Voraus­setzun­gen bedeu­ten metho­dolo­gisch, dass gestalt­psycho­logische Unter­suchun­gen ihren Ausgangs­punkt nicht allein oder primär bei der Erfas­sung und Ana­lyse von Sinnes­daten nehmen können, sondern versu­chen müssen, die gege­benen Phäno­mene in ihrer Ganzheit und Komple­xität zu berück­sichti­gen. Bei Wahrneh­mungsex­peri­menten bemü­hen sich Gestalt­psycho­logen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Perso­nen, die am Expe­riment teilneh­men, sich in einer natür­lichen, alltäg­lichen Umge­bung befin­den. Wenn diese Krite­rien erfüllt sind, spricht man in der Gestalt­psycho­logie vom ‘biotischen Experiment’.

Die Psychologen der soge­nannten Berli­ner Schule, Max Werthei­mer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtig­sten Vertre­ter der Gestalt­psycho­logie betrach­tet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppie­rungen, wobei die Eigen­schaften von Stimu­li uns zwingen, unse­re jewei­ligen (z.B. visu­ellen) Wahrneh­mungen von vornhe­rein in bestimm­ter Weise anzu­ordnen. 1912 entdeck­te Werthei­mer das sogenannte Phi-Phäno­men. Nachdem Werthei­mer das Phäno­men der von einem Pol zu einem ande­rem springen­den Lichter auf einem Eisen­bahnzug bemerkt hatte, führte er weite­re Versu­che durch. Sie beleg­ten, dass wir, wenn zwei Lichter mit einer bestimm­ten Geschwin­digkeit aufleuch­ten, ein einzel­nes Licht wahrneh­men, das sich hin und her bewegt. Diese opti­sche Täuschung ist Indiz dafür, dass wir Infor­matio­nen “erfin­den”, die nicht exis­tieren, wenn wir Bewe­gung wahrneh­men. Werthei­mer ent­wickel­te die Grundge­setze der Orga­nisa­tion der visu­ellen Infor­mation wie z.B. die Gesetze der Nähe, der Ähnlich­keit, der Geschlos­senheit und der Einfach­heit.


Der Begriff der Gestalt

Das deutsche ‘Gestalt’ entspricht dem engli­schen ‘form’ oder ‘shape’. Auf einen Vorschlag von E. B. Tiche­ner hat Harry Helson ‘configuration’ als engli­sche Über­setzung empfoh­len. Der Ausdruck leitet sich meta­phorisch vom germa­nischen ‘stalla’ (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das engli­sche ‘stall’. Die norma­le Bedeu­tung von ‘Gestalt’ ist ‹exter­nal or visible form›. Der Ausdruck bezeich­net sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. [Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien.
: S. 14).

[A] spatial shape or Gestalt is perceived – or, as Ehren­fels and his fellow Bren­tanians would say, is ‘given in visual presentation’ – on the basis of a complex of sensa­tions of indi­vidual ele­ments having ‘distinct spatial deter­mina­tions’. ([Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien.
: S. 14.)

Wir machen häufig die Erfah­rung, dass wir wahrneh­men, dass Dinge diesel­be Gestalt besitzen, obwohl sie an sich sonst nichts gemein haben.

Accor­ding to the later Berlin concep­tion, in contrast, a collec­tion of data (or any other psycho­logical forma­tion) does not have a Gestalt: it is a Gestalt, a whole whose parts are them­selves deter­mined as being such that they can exist only as parts of a whole of this given kind. ([Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien.
: S. 13)

Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phäno­mens begrei­fen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facet­ten, von denen je nach Perspek­tive unter­schiedli­che in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusam­menfasst:

The word Gestalt has been used in a varie­ty of ways by members of the move­ment. Usual­ly there is an agree­ment in inten­sion but the concept is various­ly applied in exten­sion. On the pheno­meno­logical side we find seve­ral diffe­rent meanings along the following order. The confi­guration may refer to any given totali­ty described in terms of its meaning. Or the confi­guration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essen­tial desig­nation may be the manner of combi­nation of a group of units into a whole: four dots may be per­ceived as a square, as lines in various posi­tions, or as a tilted cross. Often the confi­guration may include factors at present unknown. Psycho­logi­cally a confi­guration consists of the affe­rent, central and effe­rent portions of the nervous system functio­ning as a unit: there are no iso­lated paths, no single point-exci­tation connec­ted by strands; the form of exci­tation and its spread are here of impor­tance. From the point of view of beha­viour a confi­guratio­nal re­sponse may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation con­fronting the orga­nism. ([Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.
: S. 364)


Arbeitsgebiete der Gestalt­psycho­logie

Die Experimente und Unter­suchun­gen der Gestalt­psycho­logen ebne­ten den Weg für eine Vielzahl von neuen Dis­zipli­nen und Einsich­ten. Der späte Werthei­mer setzte sich mit Fragen des Problem­lösens ausei­nander und beton­te, dass die Lösung erst mit dem Verste­hen des Problem­ganzen einsetzt und dass erst nachträg­lich Einzel­heiten in Betracht gezo­gen werden. Demnach beruht Lernen auf der übergrei­fenden Struktur des jewei­ligen Problems.

Auch Köhler konzen­trierte seine Unter­suchun­gen auf das Lernen und die Problem­lösung. Er führte Versu­che mit Tieren (Affen und Hühnern) durch, die eini­ge Bele­ge dafür liefer­ten, dass auch Tiere zum verste­henden Lernen befä­higt sind, dass auch sie Gestal­ten lernen können.

Koffka hat den Begriff Gedächtnis­spur für die Einrich­tung der Gedächt­nisfunk­tion in den Rahmen der Gestalt­psycho­logie einge­bracht: Wenn eine Erfah­rung gemacht worden ist, bleibt ihr Effekt als eine Spur im Gehirn. Diese Spur beein­flusst zukünf­tige Erfah­rungen. Der Prozess einer in reiner Form ausge­lösten Erfah­rung geschieht nur einmal. Danach inter­agiert jede neue Erfah­rung mit einer frühe­ren Spur. Ein Spursys­tem baut sich auf.

Kurt Zadek Lewin versuch­te auf der Grund­lage der Gestalt­prinzi­pien eine Theorie der Moti­vation in Über­einstim­mung mit der Feld­theorie der Physik zu ent­wickeln. Der Theorie zufol­ge gehö­ren Verhält­nisse und kogni­tive Prozes­se zu einem “Feld”, in dem sich jedes Ele­ment auf die ande­ren Ele­mente auswirkt. Wir können solche Felder auf vielen verschie­denen Ebe­nen, in verschie­denen Berei­chen beobach­ten: Die von einem Indi­viduum wahrge­nomme­ne Umwelt wäre eben­so als ein solches Feld zu ana­lysie­ren wie auch (auf einer ande­ren Ebe­ne) eine ganze Gesell­schaft. In Bezug auf diese letzte Kate­gorie wird Lewin als Begrün­der der Sozial­psycho­logie ange­sehen.

Die Bewegung der Gestalt­psycho­logie hatte weitrei­chenden Einfluss. Um nur eini­ge weni­ge Beispie­le zu nennen: Wir finden ihre zentra­len Ideen in den Über­legun­gen zum »impli­ziten Wissen« von Michel Pola­nyi wieder, in der Theorie des Films und den Unter­suchun­gen zur Wahrneh­mungspsy­cholo­gie von Rudolf Arnheim ([Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: mit einem Nachwort von Karl Prümm und mit zeitgenössischen Rezensionen
) und Merleau-Ponty ([Merleau-Ponty 1966a]Merleau-Ponty, Maurice (1966): Phänomenologie der Wahrnehmung (1945). Walter de Gruyter, Berlin.
Nicht angezeigt: aus dem Französischen übersetzt und eingeführt durch eine Vorrede von Boehm, R.
, [Merleau-Ponty 2006a]Merleau-Ponty, Maurice (2006): Das Kino und die neue Psychologie (1947). In: Liebsch, D. (Hg.), Philosophie des Films. Mentis, Paderborn.
), im Gebiet der Lingu­istik, nämlich in John Lakoffs Konzept der »Kate­gori­sierung« ([Lakoff 1987a]Lakoff, George (1987): Women, Fire, and Dangerous Things – What Categories Reveal about the Mind. Chicago University Press, Chicago.
) sowie in der Theorie der konzep­tuellen Meta­pher von Mark Johnson ([Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.
).


Prinzipien und Gestalt­geset­ze der visu­ellen Wahr­nehmung

Was die visuelle Wahr­nehmung betrifft, so hat die Gestalt­psycho­logie eini­ge Schlüssel­eigen­schaften heraus­gear­beitet. Diese Gestalt­geset­ze oder Prinzi­pien sind wichti­ge Leitli­nien für die visu­ellen Künste und für das Design. Je nach Akzent­setzung und Entste­hungszeit sind diese Prinzi­pien jeweils etwas anders formu­liert worden.

Zu den wichtigsten Prinzi­pien gehört zunächst das der Emer­genz. Der Termi­nus verweist darauf, dass ein Gegen­stand in unse­rer Umwelt von uns sofort als eine Ganz­heit wahrge­nommen wird. Das Erken­nen eines Hundes geschieht nicht durch das auf­einan­derfol­gende Erken­nen seiner einzel­nen Bestand­teile, sondern durch das Erken­nen bestimm­ter Muster.

Der gene­rati­ve Aspekt der Wahrneh­mung ist die Reifi­kation. Dies bedeutet, dass die durch unse­re Erfah­rung bereits “vorge­muster­te” Wahrneh­mung visu­eller Arte­fakte uns mehr räumli­che Infor­matio­nen liefert als der bloße sinnli­che Reiz. Wir erken­nen bestimm­te Formen bzw. Figu­ren (Gestal­ten), obwohl diese keine echten Kontu­ren besit­zen, wie etwa das Beispiel von Kani­szas Dreieck (benannt nach Gaetano Kanisza) zeigt.

Ab­bil­dung 1 Kopf/Va­se-Täu­schung

Ein weite­res Prinzip ist die Multi­stabi­lität der Wahrneh­mung. Es bezieht sich auf kogni­tive Prozes­se, die in zweideu­tigen Wahrneh­mungssi­tuati­onen ablau­fen: Im Fall der bekannten Kopf/Vase-Täuschung Edgar Rubins ([Rubin 1915a]Rubin, Edgar (1915): Synoplevde Figurer. Gyldendalske, Kopenhagen.
), oszil­lieren die Figur (die substan­tielle Erschei­nung des Gegen­standes) und der Grund (das allge­meine Umfeld des Gegen­standes) gemäß der jewei­ligen Inter­preta­tion.

Ein nächstes von der Gestalt­psycho­logie heraus­gear­beite­tes Wahrneh­mungsprin­zip ist das der Inva­rianz: Es ist uns möglich, einfa­che geomet­rische Gegen­stände unab­hängig von unse­rer Sehper­spekti­ve und unab­hängig von elas­tischen Defor­matio­nen zu erken­nen.

Das Prägnanz­gesetz wiede­rum besagt, dass wir unse­re Erfah­rung auf eine einfa­che, symmet­rische, regel­mäßige und ordent­liche Weise auf­bauen. Ferner gibt es sechs weite­re Prinzi­pien der Gestalt­wahrneh­mung: Nähe, Ähnlich­keit, gemein­sames Schicksal, gute Konti­nuität, Geschlos­senheit und Sym­metrie. Das Gesetz der Nähe besagt, dass Gegen­stände mit nähe­rem Abstand zu­einan­der als zusam­menge­hörig wahrge­nommen werden. Das Gesetz der Ähnlich­keit meint, dass Gegen­stände, die sichtba­re Eigen­schaften (z.B. Form, Farbe, Größe, Orien­tierung) teilen, als zusam­menge­hörig wahrge­nommen werden. Das Gesetz des gemein­samen Schicksals arti­kuliert die Tatsa­che, dass Gegen­stände, die sich in eine Richtung oder auf eine ähnli­che Weise bewe­gen, von uns als eine Einheit wahrge­nommen werden. Das Gesetz der guten Konti­nuität bezieht sich auf unse­re Vorlie­be für sich fortset­zende, durchzie­hende Gestal­ten: Im Fall von gekreuz­ten Linien nehmen wir zwei sich durchkreu­zende Linien wahr statt vier sich an einem Punkt treffen­de Linien. Dem Prinzip der Geschlos­senheit zufol­ge sehen wir ganze Figu­ren trotz fehlen­der Infor­mation: Wir gestal­ten unse­re visu­elle Infor­mation so, dass wir damit eine Ganzheit aufbau­en können. Das Gesetz der Sym­metrie schließlich bezieht sich auf die Figur-Grund-Bezie­hung. Wenn wir Gegen­stände wahrneh­men, nehmen wir sie als sym­metri­sche Gestal­ten wahr, die um ihr Zentrum herum geformt sind. Deswe­gen nimmt man sym­metri­sche Bilder sogar aus größe­rer Entfer­nung als zusam­menge­hörig wahr, und deswe­gen werden auch sym­metri­sche Räume als Figu­ren auf einem asym­metri­schen Hinter­grund wahrge­nommen.

Anmerkungen
  1. ↑ Ori­gi­nal in eng­lisch; Über­set­zung D. Liebsch.
Literatur
[Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14.[Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.[Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.[Lakoff 1987a]Lakoff, George (1987): Women, Fire, and Dangerous Things – What Categories Reveal about the Mind. Chicago University Press, Chicago.[Merleau-Ponty 1966a]Merleau-Ponty, Maurice (1966): Phänomenologie der Wahrnehmung (1945). Walter de Gruyter, Berlin.[Merleau-Ponty 2006a]Merleau-Ponty, Maurice (2006): Das Kino und die neue Psychologie (1947). In: Liebsch, D. (Hg.), Philosophie des Films. Mentis, Paderborn.[Rubin 1915a]Rubin, Edgar (1915): Synoplevde Figurer. Gyldendalske, Kopenhagen.[Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien.

Ausgabe 1: 2013

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Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis)

Zitierhinweis:

Kondor, Zsuzsanna (2013). Gestalt. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Gestalt].