Uneigentliche Bilder: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt-->
==Eigentliche und uneigentliche Bildlich&shy;keit==


<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen-->
Der Begriff »Bildlichkeit« bestimmt im eigent&shy;lichen Sinn, was prinzi&shy;piell unab&shy;dingbar ist, um einen Gegen&shy;stand zu einem Bild zu machen. Doch wird das Eigen&shy;schaftswort ‘bildlich’ auch auf solche medi&shy;alen Enti&shy;täten ange&shy;wendet, die norma&shy;lerwei&shy;se nicht als Bilder im strikten Sinn klassi&shy;fiziert würden: So kann eine sprachli&shy;che Beschrei&shy;bung als beson&shy;ders bildlich gelten. Bei diesen ''unei&shy;gentli&shy;chen'' Fällen von Bildlich&shy;keit werden bestimm&shy;te Aspek&shy;te dessen, was es ausmacht, ein Bild zu sein, auf Phäno&shy;mene in ande&shy;ren Medien über&shy;tragen.<ref>In der Tat han&shy;delt es sich bei der un&shy;ei&shy;gent&shy;li&shy;chen Ver&shy;wen&shy;dung nicht um ei&shy;nen ab&shy;sei&shy;ti&shy;gen Son&shy;der&shy;fall, son&shy;dern um ei&shy;ne brei&shy;te, seit der An&shy;ti&shy;ke nach&shy;weis&shy;ba&shy;re Tra&shy;di&shy;ti&shy;on, wie sich et&shy;wa an den  [[Hebräisch: 'päsäl', 'säläm' und 'demut'|he&shy;brä&shy;i&shy;schen]], [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'|grie&shy;chi&shy;schen]] oder [[Lateinisch: 'effigies', 'species', 'simulacrum', 'imago'|la&shy;tei&shy;ni&shy;schen Bild&shy;aus&shy;drü&shy;cken]] de&shy;mons&shy;trie&shy;ren lässt. Vgl. ins&shy;beson&shy;dere auch <bib id='Liebsch 2012a'></bib>.</ref> Wer etwa eine [[sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|Meta&shy;pher]] als ein “Sprach&shy;''bild''” bezeich&shy;net wird meist doch zuge&shy;stehen, dass damit keines&shy;­wegs ein Bild im übli&shy;chen Sinn gemeint ist: Vielmehr wird der Ausdruck gemein&shy;hin selbst als ein “Sprach&shy;bild” – meta&shy;phorisch – verstan&shy;den. Die Bezeic&shy;hnung ist dabei nicht zufäl&shy;lig äqui&shy;vok, wie es etwa bei ‘Bank’ als Garten&shy;möbel und als Finanz&shy;insti&shy;tut der Fall ist. Vielmehr ist die Gleichheit des Ausdrucks durch bestimm&shy;te Ähnlich&shy;keiten in (der Konzep&shy;tion der) beiden betrach&shy;teten Phäno&shy;menbe&shy;reichen moti&shy;viert.
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->


==Argumentationen mit Struktur&shy;über&shy;tragun&shy;gen vom Begriffs&shy;feld »Bild«==


Wenn die sprachliche Beschreibung einer Landschaft als beson&shy;ders bildhaft gilt, wird kaum jemand behaup&shy;ten wollen, es hande&shy;le sich dabei im selben enge&shy;ren Sinne um ein Bild, wie es bei einem Landschafts&shy;[[Malerei|gemäl&shy;de]] unbe&shy;zweifel&shy;bar der Fall ist. Doch soll mit der Zuschrei&shy;bung von Bildhaf&shy;tigkeit offen&shy;bar eine gewis&shy;se Eigen&shy;tümlich&shy;keit jenes Textes ange&shy;sprochen werden: In gewis&shy;ser Weise zumin&shy;dest wirke der Text, so die häufig zu finden&shy;de Erläu&shy;terung, wie ein Bild, teile also wenigs&shy;tens in einge&shy;schränkter Weise Aspek&shy;te mit Bildern.<ref>Aus die&shy;sem Grun&shy;de ge&shy;hört auch der Be&shy;griff der [[Ekphrasis|Ek&shy;phra&shy;sis]] in den wei&shy;te&shy;ren Zu&shy;sam&shy;men&shy;hang, geht es doch eben&shy;falls um mög&shy;lichst “bild&shy;haf&shy;te” Tex&shy;te, mit de&shy;nen in die&shy;sem spe&shy;ziel&shy;len Fall al&shy;ler&shy;dings (re&shy;a&shy;le oder nur vor&shy;ge&shy;stell&shy;te) Bil&shy;der im en&shy;ge&shy;ren Sinn be&shy;schrie&shy;ben wer&shy;den sol&shy;len.</ref> Es geht daher, recht bese&shy;hen, um eine parti&shy;elle Struktur&shy;über­&shy;tragung des Bild&shy;''begriffs'' und seines Um­fel&shy;des auf Begriffs&shy;felder für ganz ande&shy;re Phäno&shy;menbe­&shy;reiche, d.h. um eine Meta&shy;pher im Sinn der Kogni&shy;­tiven Lingu&shy;istik (<bib id='Lakoff & Johnson 1980a'></bib>).<ref> Zu Be&shy;grif&shy;fen: ⊳ [[Prädikation|Prä&shy;di&shy;ka&shy;ti&shy;on]], so&shy;wie [[Anschauung und Begriff|An&shy;schau&shy;ung und Be&shy;griff]].<br/>Die Bild&shy;meta&shy;phorik, die hinter der Rede von einer unei&shy;gentli&shy;chen Bildlich&shy;keit steht, ist im Übri&shy;gen zu diffe&shy;renzie&shy;ren vom Begriff der [[visuelle und multimodale Metaphern|visu&shy;ellen Meta&shy;phern]], die ''inner&shy;halb'' eines Bildes wirken.</ref>
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Dass ein Teil der begrifflichen Struktur, also der Argu&shy;mente stiften&shy;den Zusam&shy;menhän&shy;ge zwischen eng ver­bun&shy;denen Begrif&shy;fen eines unse&shy;rer Begriffs&shy;felder, in einer mehr oder weni&shy;ger weiten, aber stets un­voll&shy;ständi&shy;gen [[Isomorphie|Iso&shy;morphie-Bezie&shy;hung]] mit der begriff&shy;lichen Struktur eines ganz ande&shy;ren von uns verwen&shy;deten Begriffs&shy;feldes steht, ermög&shy;licht uns, über die Phäno&shy;mene, die unter erste&shy;res fallen, in gewis&shy;sen Grenzen so zu reden und so zu argu&shy;mentie&shy;ren, als würde es um Phäno&shy;mene unter dem zweiten Begriffs&shy;feld gehen. Auf diese Weise können insbe&shy;sonde&shy;re eini&shy;ge Aspek&shy;te des darge&shy;stellten Phäno&shy;menbe&shy;reichs auf eine Art hervor&shy;geho&shy;ben werden, die mit den ande&shy;ren Ausdrucks&shy;mitteln für diesen Bereich meist nur unzu&shy;reichend möglich wäre.
:
Eine solche metaphorische Zuschreibung von Bildlich&shy;keit kann nicht nur für sprachli&shy;che Medien (Arti&shy;kula&shy;tionen, Aus&shy;drücke, Texte) Anwen&shy;dung finden; sie ist auf alle nicht-pikto&shy;rialen [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen&shy;vorkomm&shy;nisse]] über&shy;tragbar: Das reicht von bildhaf&shy;ten Gesten bis zur (Vor-)Bild&shy;lichkeit von als Symbo&shy;le verwen&shy;deten Dingen, Perso&shy;nen oder Ereig&shy;nissen.<ref>Ei&shy;nen gu&shy;ten (his&shy;to&shy;ri&shy;schen) Über&shy;blick über die un&shy;ter&shy;schied&shy;li&shy;chen Phä&shy;no&shy;me&shy;ne un&shy;ei&shy;gent&shy;li&shy;cher Bild&shy;lich&shy;keit von der Theo&shy;lo&shy;gie bis zur Mne&shy;mo&shy;tech&shy;nik lie&shy;fert der Ar&shy;ti&shy;kel «Bild, Bild&shy;lich&shy;keit» in <bib id='Ueding 1994a'>Ue&shy;ding 1994a</bib>: S. 10-30. Vgl. auch <bib id='Liebsch 2012a'></bib>.</ref> 
:
Was aber sind diese durch die Bildmeta&shy;phorik beson&shy;ders hervor&shy;geho&shy;benen Aspek&shy;te?




=====Engere Begriffsbestimmung=====
==Evokation von empirischer Kontext&shy;bildung ==


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
Die uneigentliche Bildhaftigkeit etwa von sprachli&shy;chen Zei­chen hängt, folgt man zunächst den Alltags&shy;erklä&shy;rungen, mit der Fähig&shy;keit des Textes zusam&shy;men, ein “menta&shy;les Bild” des Beschrie&shy;benen zu evo&shy;zieren.<ref> Zu men&shy;ta&shy;len Bil&shy;dern: ⊳ [[Bildvorstellungen|Bild&shy;vor&shy;stel&shy;lun&shy;gen]], so&shy;wie [[logische Kontextbildung und mentale Bilder|Lo&shy;gi&shy;sche Kon&shy;text&shy;bil&shy;dung und men&shy;ta&shy;le Bil&shy;der]].</ref> Dabei muss zunächst unter&shy;schieden werden, ob es sich bei dem Text um eine Beschrei&shy;bung konkre&shy;ter [[Proposition|Sachver&shy;halte]] handelt oder um eine Beschrei&shy;bung abstrak&shy;ter Sachver&shy;halte. Im Falle konkre&shy;ter Sachver&shy;halte kann man davon ausge&shy;hen, dass es ohne weite&shy;res möglich ist, jene Sachver&shy;halte selbst wahrzu&shy;nehmen, wenn man sich in der entspre&shy;chende [[Kontext|Situ&shy;ation]] befin&shy;det. Damit wäre es aber wohl auch möglich, ein entspre&shy;chendes Bild (im engen Sinn) davon herzu&shy;stellen. Die [[Vorstellungsbilder|Vorstel&shy;lung]] eines solchen Bildes wäre dann das hier passen&shy;de menta&shy;le Bild.<ref>Übri&shy;gens wird, in&shy;so&shy;fern der kog&shy;ni&shy;ti&shy;ons&shy;wis&shy;sen&shy;schaft&shy;li&shy;che Be&shy;griff des men&shy;ta&shy;len Bil&shy;des im We&shy;sent&shy;li&shy;chen mit dem kan&shy;ti&shy;a&shy;ni&shy;schen der [[Anschauung und Begriff|An&shy;schau&shy;ung]] zu&shy;sam&shy;men&shy;fällt, statt von ‘(un&shy;ei&shy;gent&shy;li&shy;cher) Bild&shy;lich&shy;keit’ oft auch von ‘An&shy;schau&shy;lich&shy;keit’ (ei&shy;nes Tex&shy;tes etc.) ge&shy;spro&shy;chen.</ref>    
 
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Im abstrakten Fall liegen die Dinge etwas kompli&shy;zierter, da hier offen&shy;sichtlich keine genu&shy;ine Wahrneh&shy;mung vorlie&shy;gen kann. Doch gilt hier im Prinzip das Gleiche, wie bei der bildli&shy;chen Darstel&shy;lung abstrak&shy;ter Zusam&shy;menhän&shy;ge oder nicht sichtba&shy;rer Eigen&shy;schaften in [[Strukturbild|Struktur&shy;bildern]]: Das eigent&shy;lich nicht Sicht&shy;bare (Wahrnehm&shy;bare) muss zunächst begriff&shy;lich auf etwas Sicht&shy;bares (Wahrnehm&shy;bares) mit ana&shy;loger Struktur proji&shy;ziert werden, das dann im (menta&shy;len) Bild erscheint (⊳ [[Semantik logischer Bilder|Seman&shy;tik logi&shy;scher Bilder]]). Soweit wäre es also einfach ein in den menta&shy;len “Innen&shy;raum” verleg&shy;tes Bild, das zu evo&shy;zieren ein Text in der Lage sein sollte, um ihn mit dem Prädi&shy;kat ‘bildhaft’ zu bele&shy;gen.
=====optional Beispiele=====
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Die Rede von ''mentalen Bildern'' ist aller&shy;dings ausge&shy;sprochen heikel, wird doch in direk&shy;ter Lesart eine Art Gegen&shy;stand voraus&shy;gesetzt, der ein Bild ist, das gleichwohl aus Prinzip nur von einem einzi&shy;gen betrach&shy;tet werden kann – keine gute Voraus&shy;setzung für ratio&shy;nale Argu&shy;menta&shy;tion. Günsti&shy;ger erscheint eine Auffas&shy;sung, die den Ausdruck meta&shy;phorisch ver­steht. Genau&shy;er geht es ja nicht um menta&shy;le Bilder als Unter&shy;suchungs&shy;gegen&shy;stände, sondern um das ‹Haben von menta&shy;len Bildern von jeman&shy;dem›. Die damit abge&shy;deckten Phäno&shy;mene lassen sich eben&shy;falls recht gut fassen durch: ‘Sich etwas visu&shy;ell vorstel&shy;len’ – eine Formu&shy;lie­rung, die ohne zweifel&shy;hafte Reifi&shy;zierung auskommt.
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Die mentalen Phänomene, die durch jene Formu&shy;lierun&shy;gen bezeich&shy;net werden, sind als Inte&shy;riori&shy;sierun&shy;gen exter&shy;ner [[Interaktion und Kommunikation|sozi&shy;aler Verhal&shy;tenswei&shy;sen]] zu verste&shy;hen. Es handelt sich, recht bese&shy;hen, darum, dass sich derje&shy;nige, der sich etwas visu&shy;ell vorstellt (‹ein entspre&shy;chendes menta&shy;les Bild hat›), ande&shy;ren gegen&shy;über darstellt als einer, der etwas sieht, was in der aktu&shy;ellen Situ&shy;ation nicht gese&shy;hen werden kann. Das ist offen&shy;sichtlich eine Paro&shy;die der Bildver&shy;wendungs&shy;situ&shy;ation, in der er sich ja eben&shy;falls darstellt als einer, der etwas sieht, was nicht da ist – aber dort können sich alle betei&shy;ligten Kommu&shy;nika&shy;tionspart&shy;ner gemein&shy;sam so darstel&shy;len, da mit Bildern eine ''empi&shy;rische Verge&shy;genwär&shy;tigung'' erfolgt. Wenn von jeman&shy;dem behaup&shy;tet wird, er ‘habe ein bestimm&shy;tes menta&shy;les Bild’, so wird sein Fähig&shy;keit zur rein [[logische Kontextbildung und mentale Bilder|''logi&shy;schen Kontext&shy;bildung'']] in Bezie&shy;hung gesetzt zur wechsel&shy;seitig empi&shy;risch über&shy;prüfba&shy;ren Kontext&shy;bildung mit wahrneh&shy;mungsna&shy;hen Zeichen. Die logi&shy;sche Kontext&shy;bildung wird als quasi-empi&shy;rische aufge&shy;fasst.
 
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=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
Ausdrücke, Texte und andere Formen der nicht-pikto&shy;rialen Medien&shy;nutzung haben mithin die Eigen&shy;schaft, mehr oder weni&shy;ger stark eine quasi-empi&shy;rische Kontext&shy;bildung auszu&shy;lösen: Sie bringen den Zeichen&shy;verwen&shy;der dazu, sich darzu&shy;stellen als einer, der etwas nicht Anwe&shy;sen­des sehen (allge&shy;meiner: wahrneh&shy;­men) kann. Bildhaft wären also gera&shy;de jene medi&shy;alen Äu­ße&shy;rungen, die in beson&shy;derem Maße dazu geeig&shy;net sind, jeman&shy;dem die Gele&shy;genheit zu geben, sich als jemand darzu&shy;stellen, der etwas wahrneh&shy;men kann, was nicht aktu&shy;ell (oder prinzi&shy;pi­ell) wahrge&shy;nommen werden kann.
 
:
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Im Rahmen einer begriffsgene&shy;tischen Betrach&shy;tung zum Bildbe&shy;griff weist die Zuschrei&shy;bung von Bildlich&shy;keit im meta&shy;phori&shy;schen wie im engen Sinn auf eine spezi&shy;fisch pikto&shy;riale Form der Bedeu&shy;tungsge&shy;nerie&shy;rung hin, die durch ihre sozial über&shy;prüfba&shy;re Wahrneh&shy;mungsnä&shy;he ein höhe&shy;res Maß an Moti&shy;viertheit aufweist und die daher geeig&shy;net scheint, stabi&shy;lisie&shy;rend auch auf die rein logisch verge&shy;genwär&shy;tigen&shy;de Funktion sprachli&shy;cher Aus&shy;drücke zu wirken. Bildlich&shy;keit ist damit ein allge&shy;meines und sehr ele&shy;menta&shy;res Merkmal medi&shy;aler Kultu&shy;ren, das immer dann auf den Plan tritt, wenn abstrak&shy;te Bedeu&shy;tungshori&shy;zonte in situ&shy;ations&shy;unab&shy;hängi&shy;ger [[Interaktion und Kommunikation|Kommu&shy;nika&shy;tion]] an die empi&shy;rischen Wahr­neh&shy;mungskon&shy;texte zurück&shy;gebun&shy;den werden sollen.


{{GlossarSiehe}}
* [[Anschauung und Begriff]]
* [[Bildvorstellungen]]
* [[Ekphrasis]]
* [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'|Griechisch: ‘agalma’, ‘phantasma’, ‘eidolon’, ‘typos’, ‘eikon’]]
* [[Hebräisch: 'päsäl', 'säläm' und 'demut'|Hebräisch: ‘päsäl’, ‘säläm’ und ‘demut’]]
* [[Interaktion und Kommunikation]]
* [[Isomorphie]]
* [[Kontext]]
* [[Lateinisch: 'effigies', 'species', 'simulacrum', 'imago'|Lateinisch: ‘effigies’, ‘species’, ‘simulacrum’, ‘imago’]]
* [[Logische Kontextbildung und mentale Bilder]]
* [[Malerei]]
* [[Prädikation]]
* [[Semantik logischer Bilder]]
* [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie]]
* [[Visuelle und multimodale Metaphern]]
* [[Vorstellungsbilder]]
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]]
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Auswirkungen der Bildlichkeit


Eigentliche und uneigentliche Bildlich­keit

Der Begriff »Bildlichkeit« bestimmt im eigent­lichen Sinn, was prinzi­piell unab­dingbar ist, um einen Gegen­stand zu einem Bild zu machen. Doch wird das Eigen­schaftswort ‘bildlich’ auch auf solche medi­alen Enti­täten ange­wendet, die norma­lerwei­se nicht als Bilder im strikten Sinn klassi­fiziert würden: So kann eine sprachli­che Beschrei­bung als beson­ders bildlich gelten. Bei diesen unei­gentli­chen Fällen von Bildlich­keit werden bestimm­te Aspek­te dessen, was es ausmacht, ein Bild zu sein, auf Phäno­mene in ande­ren Medien über­tragen.[1] Wer etwa eine Meta­pher als ein “Sprach­bild” bezeich­net wird meist doch zuge­stehen, dass damit keines­­wegs ein Bild im übli­chen Sinn gemeint ist: Vielmehr wird der Ausdruck gemein­hin selbst als ein “Sprach­bild” – meta­phorisch – verstan­den. Die Bezeic­hnung ist dabei nicht zufäl­lig äqui­vok, wie es etwa bei ‘Bank’ als Garten­möbel und als Finanz­insti­tut der Fall ist. Vielmehr ist die Gleichheit des Ausdrucks durch bestimm­te Ähnlich­keiten in (der Konzep­tion der) beiden betrach­teten Phäno­menbe­reichen moti­viert.


Argumentationen mit Struktur­über­tragun­gen vom Begriffs­feld »Bild«

Wenn die sprachliche Beschreibung einer Landschaft als beson­ders bildhaft gilt, wird kaum jemand behaup­ten wollen, es hande­le sich dabei im selben enge­ren Sinne um ein Bild, wie es bei einem Landschafts­gemäl­de unbe­zweifel­bar der Fall ist. Doch soll mit der Zuschrei­bung von Bildhaf­tigkeit offen­bar eine gewis­se Eigen­tümlich­keit jenes Textes ange­sprochen werden: In gewis­ser Weise zumin­dest wirke der Text, so die häufig zu finden­de Erläu­terung, wie ein Bild, teile also wenigs­tens in einge­schränkter Weise Aspek­te mit Bildern.[2] Es geht daher, recht bese­hen, um eine parti­elle Struktur­über­­tragung des Bild­begriffs und seines Um­fel­des auf Begriffs­felder für ganz ande­re Phäno­menbe­­reiche, d.h. um eine Meta­pher im Sinn der Kogni­­tiven Lingu­istik ([Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.
).[3]

Dass ein Teil der begrifflichen Struktur, also der Argu­mente stiften­den Zusam­menhän­ge zwischen eng ver­bun­denen Begrif­fen eines unse­rer Begriffs­felder, in einer mehr oder weni­ger weiten, aber stets un­voll­ständi­gen Iso­morphie-Bezie­hung mit der begriff­lichen Struktur eines ganz ande­ren von uns verwen­deten Begriffs­feldes steht, ermög­licht uns, über die Phäno­mene, die unter erste­res fallen, in gewis­sen Grenzen so zu reden und so zu argu­mentie­ren, als würde es um Phäno­mene unter dem zweiten Begriffs­feld gehen. Auf diese Weise können insbe­sonde­re eini­ge Aspek­te des darge­stellten Phäno­menbe­reichs auf eine Art hervor­geho­ben werden, die mit den ande­ren Ausdrucks­mitteln für diesen Bereich meist nur unzu­reichend möglich wäre.

Eine solche metaphorische Zuschreibung von Bildlich­keit kann nicht nur für sprachli­che Medien (Arti­kula­tionen, Aus­drücke, Texte) Anwen­dung finden; sie ist auf alle nicht-pikto­rialen Zeichen­vorkomm­nisse über­tragbar: Das reicht von bildhaf­ten Gesten bis zur (Vor-)Bild­lichkeit von als Symbo­le verwen­deten Dingen, Perso­nen oder Ereig­nissen.[4]

Was aber sind diese durch die Bildmeta­phorik beson­ders hervor­geho­benen Aspek­te?


Evokation von empirischer Kontext­bildung

Die uneigentliche Bildhaftigkeit etwa von sprachli­chen Zei­chen hängt, folgt man zunächst den Alltags­erklä­rungen, mit der Fähig­keit des Textes zusam­men, ein “menta­les Bild” des Beschrie­benen zu evo­zieren.[5] Dabei muss zunächst unter­schieden werden, ob es sich bei dem Text um eine Beschrei­bung konkre­ter Sachver­halte handelt oder um eine Beschrei­bung abstrak­ter Sachver­halte. Im Falle konkre­ter Sachver­halte kann man davon ausge­hen, dass es ohne weite­res möglich ist, jene Sachver­halte selbst wahrzu­nehmen, wenn man sich in der entspre­chende Situ­ation befin­det. Damit wäre es aber wohl auch möglich, ein entspre­chendes Bild (im engen Sinn) davon herzu­stellen. Die Vorstel­lung eines solchen Bildes wäre dann das hier passen­de menta­le Bild.[6]

Im abstrakten Fall liegen die Dinge etwas kompli­zierter, da hier offen­sichtlich keine genu­ine Wahrneh­mung vorlie­gen kann. Doch gilt hier im Prinzip das Gleiche, wie bei der bildli­chen Darstel­lung abstrak­ter Zusam­menhän­ge oder nicht sichtba­rer Eigen­schaften in Struktur­bildern: Das eigent­lich nicht Sicht­bare (Wahrnehm­bare) muss zunächst begriff­lich auf etwas Sicht­bares (Wahrnehm­bares) mit ana­loger Struktur proji­ziert werden, das dann im (menta­len) Bild erscheint (⊳ Seman­tik logi­scher Bilder). Soweit wäre es also einfach ein in den menta­len “Innen­raum” verleg­tes Bild, das zu evo­zieren ein Text in der Lage sein sollte, um ihn mit dem Prädi­kat ‘bildhaft’ zu bele­gen.

Die Rede von mentalen Bildern ist aller­dings ausge­sprochen heikel, wird doch in direk­ter Lesart eine Art Gegen­stand voraus­gesetzt, der ein Bild ist, das gleichwohl aus Prinzip nur von einem einzi­gen betrach­tet werden kann – keine gute Voraus­setzung für ratio­nale Argu­menta­tion. Günsti­ger erscheint eine Auffas­sung, die den Ausdruck meta­phorisch ver­steht. Genau­er geht es ja nicht um menta­le Bilder als Unter­suchungs­gegen­stände, sondern um das ‹Haben von menta­len Bildern von jeman­dem›. Die damit abge­deckten Phäno­mene lassen sich eben­falls recht gut fassen durch: ‘Sich etwas visu­ell vorstel­len’ – eine Formu­lie­rung, die ohne zweifel­hafte Reifi­zierung auskommt.

Die mentalen Phänomene, die durch jene Formu­lierun­gen bezeich­net werden, sind als Inte­riori­sierun­gen exter­ner sozi­aler Verhal­tenswei­sen zu verste­hen. Es handelt sich, recht bese­hen, darum, dass sich derje­nige, der sich etwas visu­ell vorstellt (‹ein entspre­chendes menta­les Bild hat›), ande­ren gegen­über darstellt als einer, der etwas sieht, was in der aktu­ellen Situ­ation nicht gese­hen werden kann. Das ist offen­sichtlich eine Paro­die der Bildver­wendungs­situ­ation, in der er sich ja eben­falls darstellt als einer, der etwas sieht, was nicht da ist – aber dort können sich alle betei­ligten Kommu­nika­tionspart­ner gemein­sam so darstel­len, da mit Bildern eine empi­rische Verge­genwär­tigung erfolgt. Wenn von jeman­dem behaup­tet wird, er ‘habe ein bestimm­tes menta­les Bild’, so wird sein Fähig­keit zur rein logi­schen Kontext­bildung in Bezie­hung gesetzt zur wechsel­seitig empi­risch über­prüfba­ren Kontext­bildung mit wahrneh­mungsna­hen Zeichen. Die logi­sche Kontext­bildung wird als quasi-empi­rische aufge­fasst.

Ausdrücke, Texte und andere Formen der nicht-pikto­rialen Medien­nutzung haben mithin die Eigen­schaft, mehr oder weni­ger stark eine quasi-empi­rische Kontext­bildung auszu­lösen: Sie bringen den Zeichen­verwen­der dazu, sich darzu­stellen als einer, der etwas nicht Anwe­sen­des sehen (allge­meiner: wahrneh­­men) kann. Bildhaft wären also gera­de jene medi­alen Äu­ße­rungen, die in beson­derem Maße dazu geeig­net sind, jeman­dem die Gele­genheit zu geben, sich als jemand darzu­stellen, der etwas wahrneh­men kann, was nicht aktu­ell (oder prinzi­pi­ell) wahrge­nommen werden kann.

Im Rahmen einer begriffsgene­tischen Betrach­tung zum Bildbe­griff weist die Zuschrei­bung von Bildlich­keit im meta­phori­schen wie im engen Sinn auf eine spezi­fisch pikto­riale Form der Bedeu­tungsge­nerie­rung hin, die durch ihre sozial über­prüfba­re Wahrneh­mungsnä­he ein höhe­res Maß an Moti­viertheit aufweist und die daher geeig­net scheint, stabi­lisie­rend auch auf die rein logisch verge­genwär­tigen­de Funktion sprachli­cher Aus­drücke zu wirken. Bildlich­keit ist damit ein allge­meines und sehr ele­menta­res Merkmal medi­aler Kultu­ren, das immer dann auf den Plan tritt, wenn abstrak­te Bedeu­tungshori­zonte in situ­ations­unab­hängi­ger Kommu­nika­tion an die empi­rischen Wahr­neh­mungskon­texte zurück­gebun­den werden sollen.

Anmerkungen
  1. ↑ In der Tat han­delt es sich bei der un­ei­gent­li­chen Ver­wen­dung nicht um ei­nen ab­sei­ti­gen Son­der­fall, son­dern um ei­ne brei­te, seit der An­ti­ke nach­weis­ba­re Tra­di­ti­on, wie sich et­wa an den he­brä­i­schen, grie­chi­schen oder la­tei­ni­schen Bild­aus­drü­cken de­mons­trie­ren lässt. Vgl. ins­beson­dere auch [Liebsch 2012a]Liebsch, Dimitri (2012): “Uneigentliche” Bilder. Zur (historischen) Bildsemantik und -metaphorik. In: Liebsch, D. & Mößner, N. (Hg.), Visualisierung und Erkenntnis. Bildverstehen und Bildverwenden in Natur- und Geisteswissenschaften. von Halem, Köln.
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  2. ↑ Aus die­sem Grun­de ge­hört auch der Be­griff der Ek­phra­sis in den wei­te­ren Zu­sam­men­hang, geht es doch eben­falls um mög­lichst “bild­haf­te” Tex­te, mit de­nen in die­sem spe­ziel­len Fall al­ler­dings (re­a­le oder nur vor­ge­stell­te) Bil­der im en­ge­ren Sinn be­schrie­ben wer­den sol­len.
  3. ↑ Zu Be­grif­fen: ⊳ Prä­di­ka­ti­on, so­wie An­schau­ung und Be­griff.
    Die Bild­meta­phorik, die hinter der Rede von einer unei­gentli­chen Bildlich­keit steht, ist im Übri­gen zu diffe­renzie­ren vom Begriff der visu­ellen Meta­phern, die inner­halb eines Bildes wirken.
  4. ↑ Ei­nen gu­ten (his­to­ri­schen) Über­blick über die un­ter­schied­li­chen Phä­no­me­ne un­ei­gent­li­cher Bild­lich­keit von der Theo­lo­gie bis zur Mne­mo­tech­nik lie­fert der Ar­ti­kel «Bild, Bild­lich­keit» in [Ueding 1994a]Ueding, Gert (Hg.) (1994): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Niemeyer, Tübingen
    Notiz: Bd. 2
    : S. 10-30. Vgl. auch [Liebsch 2012a]Liebsch, Dimitri (2012): “Uneigentliche” Bilder. Zur (historischen) Bildsemantik und -metaphorik. In: Liebsch, D. & Mößner, N. (Hg.), Visualisierung und Erkenntnis. Bildverstehen und Bildverwenden in Natur- und Geisteswissenschaften. von Halem, Köln.
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  5. ↑ Zu men­ta­len Bil­dern: ⊳ Bild­vor­stel­lun­gen, so­wie Lo­gi­sche Kon­text­bil­dung und men­ta­le Bil­der.
  6. ↑ Übri­gens wird, in­so­fern der kog­ni­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Be­griff des men­ta­len Bil­des im We­sent­li­chen mit dem kan­ti­a­ni­schen der An­schau­ung zu­sam­men­fällt, statt von ‘(un­ei­gent­li­cher) Bild­lich­keit’ oft auch von ‘An­schau­lich­keit’ (ei­nes Tex­tes etc.) ge­spro­chen.
Literatur
[Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.[Liebsch 2012a]Liebsch, Dimitri (2012): “Uneigentliche” Bilder. Zur (historischen) Bildsemantik und -metaphorik. In: Liebsch, D. & Mößner, N. (Hg.), Visualisierung und Erkenntnis. Bildverstehen und Bildverwenden in Natur- und Geisteswissenschaften. von Halem, Köln.[Ueding 1994a]Ueding, Gert (Hg.) (1994): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Niemeyer, Tübingen

Ausgabe 1: 2013

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Zitierhinweis:

Schirra, Jörg R.J. (2013). Uneigentliche Bilder. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Uneigentliche_Bilder].