Proposition: Unterschied zwischen den Versionen
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==Aussagen und Sachbezüge== | |||
Während alle Zeichenhandlungen durch ihre [[Illokution|illoku­tionäre]] Kom­po­nen­te einen [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Inter­aktions­bezug]] aufweisen, kommt nicht allen von ihnen auch ein [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Sach­bezug]] zu: Die Äußerung ‘Hallo!’ etwa ist bereits durch die Beschrei­bung der Illo­kution und des Selbst­bezugs hin­reichend charakte­risiert. Anders eine Äußerung des Typs ''Aus­sage'' (Behauptungs­äußerung),<ref>Vgl. dazu auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Logische_Aussage Wikipedia: Aussage (Logik)] und [http://de.wikipedia.org/wiki/Proposition_%28Linguistik%29 Wikipedia: Aussage (Linguistik)].</ref> etwa ‘Dieser Apfel ist reif’ oder – deutlich komplexer – ‘Georg ist der Groß­vater mütter­licher­seits von der Autorin des Buchs, das wir gestern gekauft haben’: Mit­hilfe von Aussagen und den von ihnen abge­leiteten Illoku­tionen<ref>Neben das Behaupten treten insbesondere die Frage- und die Befehls­formen.</ref> versuchen die Zeichen­handelnden, den Fokus ihrer gemein­samen Auf­merk­sam­keit auf einen Sach­verhalt zu richten, der – jeweils in einem bestimm­ten Zusammen­hang – bestehen mag oder auch nicht. Es ist dieser Sach­bezug, der wahr oder falsch sein kann.<ref>Zeichen­handlungen ohne Sach­bezug, etwa eine Gruß­handlung, können entspre­chend nicht wahr oder falsch, aber, wie alle Zeichen­hand­lungen, wahr­haftig oder nicht wahr­haftig sein (⊳ [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Inter­aktions-, Selbst- und Sach­bezug]]).</ref> Der Teil­aspekt der Gesamt­zeichen­handlung, der diesen Sach­bezug vermittelt, wird ''Propo­sition'' genannt. | |||
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Propositionen sind ''abstrakte'' Aspekte von Zeichen­handlungen, die an sich nie ohne dieses Umfeld auftreten und sich entspre­chend nicht ohne Weiteres darstellen lassen. Allerdings gibt es sprach­liche Ausdrucks­formen, die spezifisch den Sach­bezug einer Äußerung themati­sieren und sich daher als eine lingu­istische Normal­form zur Dar­stellung von Propo­sitionen anbieten: nämlich die mit ‘dass’ eingeleiteten Neben­sätze (kurz: dass-Phrasen). Der – hin­sichtlich eines bestimmten [[Kontext]]s – gemeinsame Sach­bezug von Äußerungen mit so unter­schiedlichen Sätze, wie ‘Paul hinkt nicht mehr.’, ‘Hinkt Paul?’, ‘Paul, bitte hinke.’ und ‘Möge Paul niemals hinken.’ kann somit ausge­drückt werden als Propo­sition ‘dass Paul hinkt’. | |||
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Auch die Verwendung eines bild­haften Zeichens hat, zumin­dest auf den ersten Blick, in der Regel einen Sach­bezug: Das, was mit seiner Hilfe gezeigt wird, was das Bild [[Bildinhalt|beinhal­tet]]. Daher stellt sich die Frage, ob und in welcher Form Bilder Aus­sagen gleich­gestellt werden können oder sollten, und auf welche Weise dann dabei die Propo­sition gebildet wird. Bei genauerer Ana­lyse wird diese Inter­pretation des Sach­bezugs pikto­rialer Zeichen­verwen­dungen aller­dings zweifel­haft. | |||
==Aspekte von Propositionen== | |||
===Nomination und Prädikation=== | |||
Propositionen sind durch eine ganz charakte­risti­sche Auf­gliederung in unselb­ständige Teil­handlungen bestimmt: Sie setzen sich stets aus einer [[Prädikation]] und mindestens einer [[Nomination]] zusammen. Durch die Prädi­kation wird eine Unter­scheidungs­gewohn­heit, von der der Sender glaubt, sie stelle für den Empfänger neue Infor­mation dar, auf Gegen­stände angewandt, die über die Nomina­tionen identi­fiziert werden und als gemein­sam bereits bekannt gelten. Die damit verbundene funktionale Auf­spaltung erlaubt es, sich mit Aussagen auf andere [[Kontext]]e als die Äuße­rungs­situa­tion zu beziehen. Dabei bestimmt die [[Modalität]] der Aussage, welcher Kontext jeweils gemeint ist. | |||
===Arten von Propositionen=== | |||
Propositionen können einfach sein oder aus anderen Propo­sitionen zusammen­gesetzt; sie können Einzelnes betreffen (singulär) oder Mehreres (generell); und sie können sich auf Konkretes oder Abstraktes beziehen, wobei sich im letzten Fall tatsächlich auch Regeln hinter den schein­baren Sach­bezügen verbergen können.<ref>Siehe dazu auch [[Exkurs:Arten von Propositionen|Exkurs: Arten von Propo­sitionen]].</ref> Von der Art der Propo­sition hängt die Art und Weise ab, mit der festge­stellt wird, ob eine Proposition wahr ist.<ref>Siehe dazu auch [[Exkurs:Verifikationsverfahren|Exkurs: Veri­fika­tions­verfahren]].</ref> Um den Vergleich von Propo­sition und Bild rational nach­voll­ziehbar zu gestalten, ist es wichtig, genau fest­zulegen, welche Art von Bildern dabei mit welcher Sorte von Propo­sitionen ins Verhältnis gesetzt werden soll. | |||
===Kontextgebundenheit des Sach­bezugs=== | |||
< | Zentrale Voraussetzung für den expliziten Sach­bezug einer Zeichen­handlung und damit für Propo­sitionen ist die Möglich­keit, sich explizit auf einen [[Kontext]] beziehen zu können.<ref>In der Tat ist es im Wesent­lichen dann sinnvoll, sich über Sach­verhalte zu verständigen – also Propo­sitionen zu nutzen –, wenn sich diese Sach­verhalte in der Regel nicht auf die aktuelle Zeichen­handlungs­situation beziehen, in der alle Beteiligten auch unmittel­baren Zugang zu ihnen haben.</ref> | ||
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Zwar sind prinzipiell alle Zeichen­handlungs­instanzen auf einen Kontext orientiert, nämlich auf die Zeichen­hand­lungs­situation, in der sie statt­finden. Doch allein bei den Zeichen­hand­lungen mit Sach­bezug kann die Fixierung auf den je aktuellen Kontext gelöst und ein Sach­verhalt aus einer ganz anderen – vergangenen, zukünftigen, entfernten, hypothe­tischen oder fiktiven – Situation kommuni­ziert werden. Daher können Proposi­tionen nur zusammen mit einer (expliziten oder impliziten) [[Kontextbildung|Kontext­bildung]] eingesetzt werden, zu der die vor­gängigen Äuße­rungen ebenso bei­tragen können wie Tempus und Aspekt des verwendeten Satzes. | |||
===Wahrheit einer Proposition=== | |||
Wahrheit (und Falschheit) einer singulären konkreten Propo­sition ergeben sich aus dem Verhältnis zwischen dem behaup­teten Sach­verhalt und den Tat­sachen in dem gemeinten Kontext.<ref>Vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrheit Wikipedia: Wahrheit].</ref> Dabei muss unter­schieden werden, ob es möglich ist, die Geltung des behaup­teten Sach­verhalts in dem Kontext empirisch zu über­prüfen oder ob direkter Zugang zu dem Kontext nicht möglich ist und daher nur ein logischer Abgleich mit dem Vor­wissen gelingt. Bei den anderen Typen von Propo­sitionen wird Wahrheit auf verschie­dene Weisen auf die Basis­form der singulären konkreten Propo­sitionen zurück bezogen, abhängig davon, wie sich diese Propo­sitions­form aus den singulär-konkreten Propo­sitionen ergibt. | |||
==Bild als Proposition: Zum Sach­bezug pikto­rialer Zeichen­akte== | |||
[[Datei:Fahndungsphoto.jpg|thumb|Abbildung 1: Ein Fahndungsphoto]] | |||
Die Grundfrage einer propo­sitio­nalen Bild­theorie besteht darin, ob Bilder über­haupt einen Sach­bezug auf­weisen. Spontan mag man geneigt sein, etwa den [[Bildinhalt|Bild­inhalt]] als einen Sach­bezug zu ver­stehen: Mit dem Bild wird, so scheint es doch, offen­sicht­lich etwas zu ver­stehen ge­geben, das sich als Sach­bezug prinzi­piell in der Form ‘''dass etwas der Fall ist''’ dar­stellen lassen müsste. Bei einem Fahn­dungs­photo könnte das etwa die Propo­sition ‘dass die ge­suchte Person aus­sieht wie der ab­gebil­dete Mann’ sein. Doch ergeben sich mit dieser Intuition eine Reihe von Problemen. | |||
===Welche Art von Proposition könnte gemeint sein?=== | |||
Obwohl es schwerfällt, den einem Bild(gebrauch) zugeordneten Sach­bezug (wenn überhaupt) als eine ''einfache'' Proposition zu verstehen, da eine Um­schreibung in der Regel Gebrauch von komplexen verbalen Propo­sitionen macht (⊳ [[Ekphrasis|Ek­phrasis]]), bleibt auch unklar, auf welche Weise die aussagen- oder prädikaten­logische Zusammen­setzung der komplexen Um­schreibung sich als isolier­bare Strukturen der [[Komposition|Bild­kompo­sition]] verstehen lassen sollen: Kon­junktion und Dis­junktion etwa würden voraus­setzen, dass unabhängig von­einander als Bilder darge­stellte Teil­propo­sitionen auf syntaktisch jeweils ein­deutige Weise zu einem Gesamt­bild komponiert würden. | |||
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Immerhin scheint klar, dass es sich zumindest bei dar­stellen­den Bildern höchstens um ''singuläre'' Propo­sitionen handeln kann, da hier raum­zeitlich ver­ortete materielle Einzel­gegen­stände (etwa ›diese Person‹) und eine Auswahl ihrer visuell wahr­nehm­baren Eigen­schaften und Relationen zu­einander gezeigt werden: Schematisch gefasst, scheint daher der Sach­bezug – relativ zu jener Situation – zu sein: ‘Dass diese Einzel­gegen­stände solche Eigen­schaften haben und in solchen Relationen zueinander stehen’. | |||
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Damit würde es sich zudem um eine ''konkrete'' Propo­sition handeln, insofern keine Abstrak­toren verwendet werden. Anderer­seits ist aber auch eine Inter­pretation als Existenz­aussage nicht völlig abwegig, etwa im Fall des Fahndungs­bildes: ‘Es gibt da eine Person, die so aussieht’ – also ein Fall von genereller Proposition.<ref>Die eigentliche piktoriale Zeichen­handlung wäre dann als einge­bettet in einen umfassen­deren kontext­induzierten Zeichen­akt zu verstehen, etwa der Form: ‘... und wir suchen genau diese Person.’</ref> | |||
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[[Strukturbild]]er nähmen hin­gegen einen merk­würdigen Zwischen­status ein, da mit ihnen zwar unter Um­ständen Abstraktes, d.h. raum­zeitlich nicht Ver­ortetes, darge­stellt würde, aber auf eine konkrete, raum­zeitlich arrangierte Weise. Die [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|meta­phorische Konkreti­sierung]] von Abstraktem bei Struktur­bildern würde damit dazu führen, den bild­lichen Sach­bezug als äqui­valent einer Existenz­aussage über Abstrakta zu inter­pretieren. | |||
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Bei dieser Interpretation bliebe dann aller­dings auch noch zu klären, ob die Propo­sition genauer exten­sional (Objekt­ebene) oder inten­sional-begrifflich (Be­trachter­ebene) zu verstehen ist. Soll es heißen, dass etwa bestimmte räumliche Konfigu­rationen bestimmter Dinge – die unter Um­ständen meta­phorisch für andere Rela­tionen anderer Dinge stehen sollen – in einem gewissen Kontext, der durch die Modalität der Bild­zeichen­handlung näher bestimmt ist, existieren (exten­sionale Leseweise)? Oder soll es bedeuten, dass es sinn­voll ist, einen bestimmten (in der Regel recht komplexen) Begriff zu bilden (begriff­liche Lese­weise; ⊳ [[Exemplifikation|Exempli­fikation]])? | |||
===Das Problem der Kompositionalität=== | |||
Falls Bilder einen Sachbezug haben, stellt sich zudem die Frage, auf welche Weise hier die funktio­nalen Kompo­nenten der Propo­sition gebildet werden. Gibt es syntaktisch identifi­zierbare Teile des Bildes, denen auf hinreichend ein­deutige Weise die Funktionen von Nomi­nationen und Prädi­kation zuge­ordnet sind? Die meisten Bild­forscher bezweifeln, dass es möglich oder auch nur sinn­voll sei, eine solche funktionale Auf­teilung syntak­tischer Bild­elemente durchzu­führen. Abge­sehen davon, dass kein Konsens darüber besteht, was eigentlich syntaktische Ein­heiten bei Bildern sind (⊳ [[Bildsyntax|Bild­syntax]]), führt auch die kritische Diskussion von [[Nomination|nomina­torischen]] oder [[Prädikation|prädika­tiven]] Bild­verwen­dungen nicht zu all­gemein verwend­baren Zuord­nungen. Vielmehr erscheinen prädi­kative und nomina­torische Funktionen vor allem erst aus dem jeweiligen Ver­wendungs­zusammen­hang auf den Bild­gebrauch projiziert zu werden. | |||
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Ein weiteres Indiz für eine propositionale Bild­theorie wäre die Möglich­keit, den durch ein Bild ver­mittelten Sach­bezug zu negieren (⊳ [[Bild und Negation]]). Da eine Negation eines gege­benen Bild­inhalts, die auf piktorialen und nicht auf konven­tionell einge­führten Mitteln beruht, nicht erkennbar ist, führt auch dieser Hinweis eher zur Ablehnung einer proposi­tionalen Bild­theorie. | |||
===Verifikation des piktorialen Sachbezugs=== | |||
Schließlich bleibt unklar, welches Veri­fika­tions­verfah­ren einge­setzt und welcher Wahrheits­begriff verwendet werden soll, um den pikto­rialen Sach­bezug zu über­prüfen. | |||
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So mag es auf den ersten Blick zwar sinn­voll erscheinen, zumindest bei Abbil­dern im Sinne einer komplexen singulären Propo­sition, das Bild mit der ent­sprechen­den Situation empirisch zu ver­gleichen. Man mag sich vor­stellen, wie der Blick Detail für Detail zwischen Bild und Original hin und her schwenkt – mit jedem Detail gewisser­maßen eine bestimmte Teil­propo­sition berück­sichti­gend (⊳ [[Naturalismus und Realismus|Natura­lismus und Realis­mus]]). Doch wo endet dieser Vergleich ange­sichts der prinzi­piellen Uner­schöpflich­keit und Inter­preta­tions­offen­heit der Bild­zeichen­handlung? Zudem ist das Ver­fahren für Bilder, die keine Abbil­der sind, etwa von mythischen Szenen oder ge­plante An­sichten, un­brauchbar.<ref>Bzw. nur in dem Maße sinn­voll, in dem Sach­bezüge etwa bei Sprech­akten des Wünschens oder Befehlens empirisch verifiziert werden können.</ref> Hier könnte nur ein logisches Veri­fika­tions­verfah­ren zum Ein­satz kommen, bei dem das Dar­gestell­te auf Kon­sistenz mit dem, was über jene Szenerie ander­weitig bekannt ist, geprüft wird. | |||
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Interpretiert man den angenommenen piktorialen Sach­bezug hingegen im Sinne einer Existenz­aussage, stellt sich die Frage, welcher Kontext eigentlich gemeint ist, in dem jene ''so'' ausse­henden Gegen­stände sich ''so'' zu­einander räumlich verhalten: Anders als bei sprachlich einge­bundenen Propo­sitionen, für die ein komplexes System sprachlicher Kontext­bildungen etabliert ist, das auch regelmäßig zum Einsatz kommt, bleiben, von Bild­titeln oder ähnlichen sprach­lichen Hin­weisen im Zusammen­hang mit der Bild­präsentation abgesehen, wenige Optionen für eine solche Kontext­referenz (⊳ [[Sprach-Bild-Bezüge]]). | |||
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Sinnvoller erscheint die Auffassung, dass die propo­sitio­nalen Um­schreibungen (von Teilen) des hypo­thetischen Bild­sach­bezugs tatsäch­lich sekundäre Zeichen­handlungen darstellen, bei denen der Bild­inhalt als Referenz­situation verwenden wird. Entsprechend werden diese Probleme des Sach­bezugs einer Bild­verwendung in der [[Modalität|modalen Bild­theorie]], die der Bild­verwendung die Funktion der [[Kontextbildung|Kontext­bildung]] zuschreibt, umgangen. | |||
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* [[Exkurs:Arten von Propositionen|Exkurs: Arten von Propositionen]] | |||
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* [[Bildinhalt]] | |||
* [[Bildsyntax]] | |||
* [[Ekphrasis]] | |||
* [[Exemplifikation]] | |||
* [[Illokution]] | |||
* [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug]] | |||
* [[Komposition]] | |||
* [[Kontext]] | |||
* [[Kontextbildung]] | |||
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* [[Naturalismus und Realismus]] | |||
* [[Nomination]] | |||
* [[Prädikation]] | |||
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* [[Strukturbild]] | |||
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''Ausgabe 1: 2013'' | |||
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* [[Benutzer:Klaus Sachs-Hombach|Sachs-Hombach, Klaus]] | |||
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr
Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht
English Version: Proposition
Aussagen und SachbezügeWährend alle Zeichenhandlungen durch ihre illokutionäre Komponente einen Interaktionsbezug aufweisen, kommt nicht allen von ihnen auch ein Sachbezug zu: Die Äußerung ‘Hallo!’ etwa ist bereits durch die Beschreibung der Illokution und des Selbstbezugs hinreichend charakterisiert. Anders eine Äußerung des Typs Aussage (Behauptungsäußerung),[1] etwa ‘Dieser Apfel ist reif’ oder – deutlich komplexer – ‘Georg ist der Großvater mütterlicherseits von der Autorin des Buchs, das wir gestern gekauft haben’: Mithilfe von Aussagen und den von ihnen abgeleiteten Illokutionen[2] versuchen die Zeichenhandelnden, den Fokus ihrer gemeinsamen Aufmerksamkeit auf einen Sachverhalt zu richten, der – jeweils in einem bestimmten Zusammenhang – bestehen mag oder auch nicht. Es ist dieser Sachbezug, der wahr oder falsch sein kann.[3] Der Teilaspekt der Gesamtzeichenhandlung, der diesen Sachbezug vermittelt, wird Proposition genannt. Propositionen sind abstrakte Aspekte von Zeichenhandlungen, die an sich nie ohne dieses Umfeld auftreten und sich entsprechend nicht ohne Weiteres darstellen lassen. Allerdings gibt es sprachliche Ausdrucksformen, die spezifisch den Sachbezug einer Äußerung thematisieren und sich daher als eine linguistische Normalform zur Darstellung von Propositionen anbieten: nämlich die mit ‘dass’ eingeleiteten Nebensätze (kurz: dass-Phrasen). Der – hinsichtlich eines bestimmten Kontexts – gemeinsame Sachbezug von Äußerungen mit so unterschiedlichen Sätze, wie ‘Paul hinkt nicht mehr.’, ‘Hinkt Paul?’, ‘Paul, bitte hinke.’ und ‘Möge Paul niemals hinken.’ kann somit ausgedrückt werden als Proposition ‘dass Paul hinkt’. Auch die Verwendung eines bildhaften Zeichens hat, zumindest auf den ersten Blick, in der Regel einen Sachbezug: Das, was mit seiner Hilfe gezeigt wird, was das Bild beinhaltet. Daher stellt sich die Frage, ob und in welcher Form Bilder Aussagen gleichgestellt werden können oder sollten, und auf welche Weise dann dabei die Proposition gebildet wird. Bei genauerer Analyse wird diese Interpretation des Sachbezugs piktorialer Zeichenverwendungen allerdings zweifelhaft.
Aspekte von PropositionenNomination und PrädikationPropositionen sind durch eine ganz charakteristische Aufgliederung in unselbständige Teilhandlungen bestimmt: Sie setzen sich stets aus einer Prädikation und mindestens einer Nomination zusammen. Durch die Prädikation wird eine Unterscheidungsgewohnheit, von der der Sender glaubt, sie stelle für den Empfänger neue Information dar, auf Gegenstände angewandt, die über die Nominationen identifiziert werden und als gemeinsam bereits bekannt gelten. Die damit verbundene funktionale Aufspaltung erlaubt es, sich mit Aussagen auf andere Kontexte als die Äußerungssituation zu beziehen. Dabei bestimmt die Modalität der Aussage, welcher Kontext jeweils gemeint ist. Arten von PropositionenPropositionen können einfach sein oder aus anderen Propositionen zusammengesetzt; sie können Einzelnes betreffen (singulär) oder Mehreres (generell); und sie können sich auf Konkretes oder Abstraktes beziehen, wobei sich im letzten Fall tatsächlich auch Regeln hinter den scheinbaren Sachbezügen verbergen können.[4] Von der Art der Proposition hängt die Art und Weise ab, mit der festgestellt wird, ob eine Proposition wahr ist.[5] Um den Vergleich von Proposition und Bild rational nachvollziehbar zu gestalten, ist es wichtig, genau festzulegen, welche Art von Bildern dabei mit welcher Sorte von Propositionen ins Verhältnis gesetzt werden soll. Kontextgebundenheit des SachbezugsZentrale Voraussetzung für den expliziten Sachbezug einer Zeichenhandlung und damit für Propositionen ist die Möglichkeit, sich explizit auf einen Kontext beziehen zu können.[6] Zwar sind prinzipiell alle Zeichenhandlungsinstanzen auf einen Kontext orientiert, nämlich auf die Zeichenhandlungssituation, in der sie stattfinden. Doch allein bei den Zeichenhandlungen mit Sachbezug kann die Fixierung auf den je aktuellen Kontext gelöst und ein Sachverhalt aus einer ganz anderen – vergangenen, zukünftigen, entfernten, hypothetischen oder fiktiven – Situation kommuniziert werden. Daher können Propositionen nur zusammen mit einer (expliziten oder impliziten) Kontextbildung eingesetzt werden, zu der die vorgängigen Äußerungen ebenso beitragen können wie Tempus und Aspekt des verwendeten Satzes. Wahrheit einer PropositionWahrheit (und Falschheit) einer singulären konkreten Proposition ergeben sich aus dem Verhältnis zwischen dem behaupteten Sachverhalt und den Tatsachen in dem gemeinten Kontext.[7] Dabei muss unterschieden werden, ob es möglich ist, die Geltung des behaupteten Sachverhalts in dem Kontext empirisch zu überprüfen oder ob direkter Zugang zu dem Kontext nicht möglich ist und daher nur ein logischer Abgleich mit dem Vorwissen gelingt. Bei den anderen Typen von Propositionen wird Wahrheit auf verschiedene Weisen auf die Basisform der singulären konkreten Propositionen zurück bezogen, abhängig davon, wie sich diese Propositionsform aus den singulär-konkreten Propositionen ergibt.
Bild als Proposition: Zum Sachbezug piktorialer ZeichenakteDie Grundfrage einer propositionalen Bildtheorie besteht darin, ob Bilder überhaupt einen Sachbezug aufweisen. Spontan mag man geneigt sein, etwa den Bildinhalt als einen Sachbezug zu verstehen: Mit dem Bild wird, so scheint es doch, offensichtlich etwas zu verstehen gegeben, das sich als Sachbezug prinzipiell in der Form ‘dass etwas der Fall ist’ darstellen lassen müsste. Bei einem Fahndungsphoto könnte das etwa die Proposition ‘dass die gesuchte Person aussieht wie der abgebildete Mann’ sein. Doch ergeben sich mit dieser Intuition eine Reihe von Problemen. Welche Art von Proposition könnte gemeint sein?Obwohl es schwerfällt, den einem Bild(gebrauch) zugeordneten Sachbezug (wenn überhaupt) als eine einfache Proposition zu verstehen, da eine Umschreibung in der Regel Gebrauch von komplexen verbalen Propositionen macht (⊳ Ekphrasis), bleibt auch unklar, auf welche Weise die aussagen- oder prädikatenlogische Zusammensetzung der komplexen Umschreibung sich als isolierbare Strukturen der Bildkomposition verstehen lassen sollen: Konjunktion und Disjunktion etwa würden voraussetzen, dass unabhängig voneinander als Bilder dargestellte Teilpropositionen auf syntaktisch jeweils eindeutige Weise zu einem Gesamtbild komponiert würden. Immerhin scheint klar, dass es sich zumindest bei darstellenden Bildern höchstens um singuläre Propositionen handeln kann, da hier raumzeitlich verortete materielle Einzelgegenstände (etwa ›diese Person‹) und eine Auswahl ihrer visuell wahrnehmbaren Eigenschaften und Relationen zueinander gezeigt werden: Schematisch gefasst, scheint daher der Sachbezug – relativ zu jener Situation – zu sein: ‘Dass diese Einzelgegenstände solche Eigenschaften haben und in solchen Relationen zueinander stehen’. Damit würde es sich zudem um eine konkrete Proposition handeln, insofern keine Abstraktoren verwendet werden. Andererseits ist aber auch eine Interpretation als Existenzaussage nicht völlig abwegig, etwa im Fall des Fahndungsbildes: ‘Es gibt da eine Person, die so aussieht’ – also ein Fall von genereller Proposition.[8] Strukturbilder nähmen hingegen einen merkwürdigen Zwischenstatus ein, da mit ihnen zwar unter Umständen Abstraktes, d.h. raumzeitlich nicht Verortetes, dargestellt würde, aber auf eine konkrete, raumzeitlich arrangierte Weise. Die metaphorische Konkretisierung von Abstraktem bei Strukturbildern würde damit dazu führen, den bildlichen Sachbezug als äquivalent einer Existenzaussage über Abstrakta zu interpretieren. Bei dieser Interpretation bliebe dann allerdings auch noch zu klären, ob die Proposition genauer extensional (Objektebene) oder intensional-begrifflich (Betrachterebene) zu verstehen ist. Soll es heißen, dass etwa bestimmte räumliche Konfigurationen bestimmter Dinge – die unter Umständen metaphorisch für andere Relationen anderer Dinge stehen sollen – in einem gewissen Kontext, der durch die Modalität der Bildzeichenhandlung näher bestimmt ist, existieren (extensionale Leseweise)? Oder soll es bedeuten, dass es sinnvoll ist, einen bestimmten (in der Regel recht komplexen) Begriff zu bilden (begriffliche Leseweise; ⊳ Exemplifikation)? Das Problem der KompositionalitätFalls Bilder einen Sachbezug haben, stellt sich zudem die Frage, auf welche Weise hier die funktionalen Komponenten der Proposition gebildet werden. Gibt es syntaktisch identifizierbare Teile des Bildes, denen auf hinreichend eindeutige Weise die Funktionen von Nominationen und Prädikation zugeordnet sind? Die meisten Bildforscher bezweifeln, dass es möglich oder auch nur sinnvoll sei, eine solche funktionale Aufteilung syntaktischer Bildelemente durchzuführen. Abgesehen davon, dass kein Konsens darüber besteht, was eigentlich syntaktische Einheiten bei Bildern sind (⊳ Bildsyntax), führt auch die kritische Diskussion von nominatorischen oder prädikativen Bildverwendungen nicht zu allgemein verwendbaren Zuordnungen. Vielmehr erscheinen prädikative und nominatorische Funktionen vor allem erst aus dem jeweiligen Verwendungszusammenhang auf den Bildgebrauch projiziert zu werden. Ein weiteres Indiz für eine propositionale Bildtheorie wäre die Möglichkeit, den durch ein Bild vermittelten Sachbezug zu negieren (⊳ Bild und Negation). Da eine Negation eines gegebenen Bildinhalts, die auf piktorialen und nicht auf konventionell eingeführten Mitteln beruht, nicht erkennbar ist, führt auch dieser Hinweis eher zur Ablehnung einer propositionalen Bildtheorie. Verifikation des piktorialen SachbezugsSchließlich bleibt unklar, welches Verifikationsverfahren eingesetzt und welcher Wahrheitsbegriff verwendet werden soll, um den piktorialen Sachbezug zu überprüfen. So mag es auf den ersten Blick zwar sinnvoll erscheinen, zumindest bei Abbildern im Sinne einer komplexen singulären Proposition, das Bild mit der entsprechenden Situation empirisch zu vergleichen. Man mag sich vorstellen, wie der Blick Detail für Detail zwischen Bild und Original hin und her schwenkt – mit jedem Detail gewissermaßen eine bestimmte Teilproposition berücksichtigend (⊳ Naturalismus und Realismus). Doch wo endet dieser Vergleich angesichts der prinzipiellen Unerschöpflichkeit und Interpretationsoffenheit der Bildzeichenhandlung? Zudem ist das Verfahren für Bilder, die keine Abbilder sind, etwa von mythischen Szenen oder geplante Ansichten, unbrauchbar.[9] Hier könnte nur ein logisches Verifikationsverfahren zum Einsatz kommen, bei dem das Dargestellte auf Konsistenz mit dem, was über jene Szenerie anderweitig bekannt ist, geprüft wird. Interpretiert man den angenommenen piktorialen Sachbezug hingegen im Sinne einer Existenzaussage, stellt sich die Frage, welcher Kontext eigentlich gemeint ist, in dem jene so aussehenden Gegenstände sich so zueinander räumlich verhalten: Anders als bei sprachlich eingebundenen Propositionen, für die ein komplexes System sprachlicher Kontextbildungen etabliert ist, das auch regelmäßig zum Einsatz kommt, bleiben, von Bildtiteln oder ähnlichen sprachlichen Hinweisen im Zusammenhang mit der Bildpräsentation abgesehen, wenige Optionen für eine solche Kontextreferenz (⊳ Sprach-Bild-Bezüge). Sinnvoller erscheint die Auffassung, dass die propositionalen Umschreibungen (von Teilen) des hypothetischen Bildsachbezugs tatsächlich sekundäre Zeichenhandlungen darstellen, bei denen der Bildinhalt als Referenzsituation verwenden wird. Entsprechend werden diese Probleme des Sachbezugs einer Bildverwendung in der modalen Bildtheorie, die der Bildverwendung die Funktion der Kontextbildung zuschreibt, umgangen. Siehe auch:
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Anmerkungen
Ausgabe 1: 2013 Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Emilia Didier — (Hinweis) Zitierhinweis: |
