Bildsemiotik: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Sonesson (<bib id='Sonesson 1993b'></bib>) unter&shy;scheidet vier metho&shy;dische Heran&shy;gehens&shy;weisen für die Bildse&shy;miotik:  
Sonesson (<bib id='Sonesson 1993b'></bib>) unter&shy;scheidet vier metho&shy;dische Heran&shy;gehens&shy;weisen für die Bildse&shy;miotik:  
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:(1) die ''Textanalyse'', die von einem oder mehre&shy;ren exem&shy;plari&shy;schen Bildern ausgeht, und zu einer heuris&shy;tischen Model&shy;lierung der rele&shy;vanten Prozes&shy;se führt (z.B. <bib id='Saint-Martin 1990a'>Saint-&#8203;Martin 1990a</bib>).  
# die ''Textanalyse'', die von einem oder mehre&shy;ren exem&shy;plari&shy;schen Bildern ausgeht, und zu einer heuris&shy;tischen Model&shy;lierung der rele&shy;vanten Prozes&shy;se führt (z.B. <bib id='Saint-Martin 1990a'>Saint-&#8203;Martin 1990a</bib>).  
:(2) die ''Systemanalyse'', bei der die Kombi&shy;nato&shy;rik von Bild&shy;eigen&shy;schaften auf rein konzep&shy;tueller Basis geklärt werden soll (z.B. <bib id='Van Lier 1983a'></bib>),  
# die ''Systemanalyse'', bei der die Kombi&shy;nato&shy;rik von Bild&shy;eigen&shy;schaften auf rein konzep&shy;tueller Basis geklärt werden soll (z.B. <bib id='Van Lier 1983a'></bib>),  
:(3) ''experimentelle Methoden'' (z.B. <bib id='Espe 2004a'></bib>) sowie  
# ''experimentelle Methoden'' (z.B. <bib id='Espe 2004a'></bib>) sowie  
:(4) die ''Textklassifikation'' als eine Mischung aus Text- und System&shy;ana&shy;lyse – letzte&shy;re Metho&shy;de findet sich zum Teil bei Groupe µ (<bib id='Groupe µ 1992a'></bib>), aber auch bei Sones&shy;son selbst (<bib id='Sonesson 1989a'>Sones&shy;son 1989a</bib>).
# die ''Textklassifikation'' als eine Mischung aus Text- und System&shy;ana&shy;lyse – letzte&shy;re Metho&shy;de findet sich zum Teil bei Groupe µ (<bib id='Groupe µ 1992a'></bib>), aber auch bei Sones&shy;son selbst (<bib id='Sonesson 1989a'>Sones&shy;son 1989a</bib>).
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Eine grundlegende bildsemioti&shy;sche Frage bleibt die Frage nach der Iko&shy;nizi&shy;tät von Bildern, d.h. die Frage nach der [[Ähnlichkeit|Ähnlich&shy;keit]] von Bild&shy;träger und [[Bildinhalt|Bildin&shy;halt]] bzw. Refe&shy;rent als einer bild&shy;spezi&shy;fischen Rela&shy;tion. Peirce, auf den der Begriff des Ikons in seiner semi&shy;oti&shy;schen Verwen&shy;dung zurück&shy;geht, grenzt das Ikon zeichen&shy;typo&shy;logisch inner&shy;halb einer Tricho&shy;tomie der Objekt&shy;rela&shy;tion (Verhält&shy;nis von Zeichen&shy;träger und Refe&shy;rent)<ref>Peirce klas&shy;si&shy;fi&shy;ziert Zei&shy;chen in drei Tri&shy;cho&shy;to&shy;mi&shy;en (des&#8203; »Re&shy;prä&shy;sen&shy;ta&shy;mens«,&#8203; der&#8203; »Ob&shy;jekt&shy;re&shy;la&shy;ti&shy;on«&#8203; und des&#8203; »In&shy;ter&shy;pre&shy;tan&shy;ten&shy;be&shy;zugs«).&#8203; Die Zei&shy;chen&shy;ty&shy;po&shy;lo&shy;gie von [[Symbol, Index, Ikon|Ikon, In&shy;dex und Sym&shy;bol]] ist ei&shy;ne weit&shy;hin ak&shy;zep&shy;tier&shy;te Un&shy;ter&shy;schei&shy;dung in der all&shy;ge&shy;mei&shy;nen Se&shy;mi&shy;o&shy;tik ge&shy;wor&shy;den.</ref> gegen den ''Index'' und das ''Symbol'' ab (⊳ [[Symbol, Index, Ikon]]). Er versteht unter einem Ikon ein Zeichen, „das auf das bezeich&shy;nete Objekt allein auf Grund von ihm eige&shy;nen Eigen&shy;schaften verweist“ (<bib id='Peirce CP'></bib> 2.247), wobei es der Uni&shy;versal&shy;kate&shy;gorie der&#8203; »Erst&shy;heit«,&#8203; einer Kate&shy;gorie der Unmit&shy;telbar&shy;keit ange&shy;hört.<ref>Die Peir&shy;ce’&#8203;sche Phä&shy;no&shy;me&shy;no&shy;lo&shy;gie ba&shy;siert auf den drei Uni&shy;ver&shy;sal&shy;ka&shy;te&shy;go&shy;ri&shy;en:&#8203; »Erst&shy;heit«,&#8203; »Zweit&shy;heit«,&#8203; »Dritt&shy;heit«&#8203; (vgl. <bib id='Nöth 2000a'></bib>: S. 61ff).</ref> Der Grad, zu dem ein solcher Verweis aufgrund einer Ähnlich&shy;keit von Zeichen&shy;träger und Refe&shy;rent zustan&shy;de kommt, bemisst die Iko&shy;nizi&shy;tät des Zeichens. Peirce (CP 2.277) unter&shy;scheidet folge&shy;richtig für das Ikon selbst wiederum triadisch  
Eine grundlegende bildsemioti&shy;sche Frage bleibt die Frage nach der Iko&shy;nizi&shy;tät von Bildern, d.h. die Frage nach der [[Ähnlichkeit|Ähnlich&shy;keit]] von Bild&shy;träger und [[Bildinhalt|Bildin&shy;halt]] bzw. Refe&shy;rent als einer bild&shy;spezi&shy;fischen Rela&shy;tion. Peirce, auf den der Begriff des Ikons in seiner semi&shy;oti&shy;schen Verwen&shy;dung zurück&shy;geht, grenzt das Ikon zeichen&shy;typo&shy;logisch inner&shy;halb einer Tricho&shy;tomie der Objekt&shy;rela&shy;tion (Verhält&shy;nis von Zeichen&shy;träger und Refe&shy;rent)<ref>Peirce klas&shy;si&shy;fi&shy;ziert Zei&shy;chen in drei Tri&shy;cho&shy;to&shy;mi&shy;en (des&#8203; »Re&shy;prä&shy;sen&shy;ta&shy;mens«,&#8203; der&#8203; »Ob&shy;jekt&shy;re&shy;la&shy;ti&shy;on«&#8203; und des&#8203; »In&shy;ter&shy;pre&shy;tan&shy;ten&shy;be&shy;zugs«).&#8203; Die Zei&shy;chen&shy;ty&shy;po&shy;lo&shy;gie von [[Symbol, Index, Ikon|Ikon, In&shy;dex und Sym&shy;bol]] ist ei&shy;ne weit&shy;hin ak&shy;zep&shy;tier&shy;te Un&shy;ter&shy;schei&shy;dung in der all&shy;ge&shy;mei&shy;nen Se&shy;mi&shy;o&shy;tik ge&shy;wor&shy;den.</ref> gegen den ''Index'' und das ''Symbol'' ab (⊳ [[Symbol, Index, Ikon]]). Er versteht unter einem Ikon ein Zeichen, „das auf das bezeich&shy;nete Objekt allein auf Grund von ihm eige&shy;nen Eigen&shy;schaften verweist“ (<bib id='Peirce CP'></bib> 2.247), wobei es der Uni&shy;versal&shy;kate&shy;gorie der&#8203; »Erst&shy;heit«,&#8203; einer Kate&shy;gorie der Unmit&shy;telbar&shy;keit ange&shy;hört.<ref>Die Peir&shy;ce’&#8203;sche Phä&shy;no&shy;me&shy;no&shy;lo&shy;gie ba&shy;siert auf den drei Uni&shy;ver&shy;sal&shy;ka&shy;te&shy;go&shy;ri&shy;en:&#8203; »Erst&shy;heit«,&#8203; »Zweit&shy;heit«,&#8203; »Dritt&shy;heit«&#8203; (vgl. <bib id='Nöth 2000a'></bib>: S. 61ff).</ref> Der Grad, zu dem ein solcher Verweis aufgrund einer Ähnlich&shy;keit von Zeichen&shy;träger und Refe&shy;rent zustan&shy;de kommt, bemisst die Iko&shy;nizi&shy;tät des Zeichens. Peirce (CP 2.277) unter&shy;scheidet folge&shy;richtig für das Ikon selbst wiederum triadisch  
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:(1) das »Bild« (‘image’)<ref>Ein ''Bild'' im Peir&shy;ce’&#8203;schen Sinn muss da&shy;bei nicht not&shy;wen&shy;di&shy;ger&shy;wei&shy;se vi&shy;su&shy;ell sein. Auch au&shy;di&shy;ti&shy;ve oder ol&shy;fak&shy;to&shy;ri&shy;sche ''Bil&shy;der'' sind z.B. mög&shy;lich.</ref> als ein Ikon, bei dem die mate&shy;rielle Ähnlich&shy;keit für die Zeichen&shy;bezie&shy;hung ausschlag&shy;gebend ist,  
# das »Bild« (‘image’)<ref>Ein ''Bild'' im Peir&shy;ce’&#8203;schen Sinn muss da&shy;bei nicht not&shy;wen&shy;di&shy;ger&shy;wei&shy;se vi&shy;su&shy;ell sein. Auch au&shy;di&shy;ti&shy;ve oder ol&shy;fak&shy;to&shy;ri&shy;sche ''Bil&shy;der'' sind z.B. mög&shy;lich.</ref> als ein Ikon, bei dem die mate&shy;rielle Ähnlich&shy;keit für die Zeichen&shy;bezie&shy;hung ausschlag&shy;gebend ist,  
:(2) das »[[Diagramm]]« als Ikon, bei dem ana&shy;loge Rela&shy;tionen zu einer immer&shy;hin struktu&shy;rellen Ähnlich&shy;keit ([[Isomorphie]]) führen und  
# das »[[Diagramm]]« als Ikon, bei dem ana&shy;loge Rela&shy;tionen zu einer immer&shy;hin struktu&shy;rellen Ähnlich&shy;keit ([[Isomorphie]]) führen und  
:(3) die [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|Metapher]] als ein Ikon, bei dem es ledig&shy;lich meta&shy;phori&shy;sche, d.h. transfe&shy;rierte Paral&shy;lelen gibt.  
# die [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|Metapher]] als ein Ikon, bei dem es ledig&shy;lich meta&shy;phori&shy;sche, d.h. transfe&shy;rierte Paral&shy;lelen gibt.  
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Der Grad der Ikonizität ist in dieser Reihen&shy;folge abneh&shy;mend.  
Der Grad der Ikonizität ist in dieser Reihen&shy;folge abneh&shy;mend.  
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==Abgrenzung zu anderen Bild&shy;theorien==
==Abgrenzung zu anderen Bild&shy;theorien==


Anders als andere Bildtheorien haben wir es bei der Bildsemiotik mit einem wissenschaftssoziologisch ausgesprochen heterogenen Forschungsbereich zu tun, der zudem weder begrifflich, noch methodisch einheitlich ist. Das liegt unter anderem daran, dass die Semiotik inter- bzw. transdisziplinär angelegt ist, wodurch völlig verschiedenartige Forschungshintergründe und Diskurse aufeinandertreffen. Geeint werden bildsemiotische Ansätze jedoch durch die Grundannahme, dass Bilder (komplexe) Zeichen sind und dass es die Aufgabe der Bildsemiotik bleibt zu zeigen, wie sich bildliche Bedeutung von anderen Bedeutungskonstitutionen unterscheiden. Methodisch bleiben die Wege dabei verschieden und sollen es auch.
Anders als andere Bildtheorien haben wir es bei der Bild&shy;semi&shy;otik mit einem wissen&shy;schaftsso&shy;ziolo&shy;gisch ausge&shy;sprochen hete&shy;rogenen Forschungs&shy;bereich zu tun, der zudem weder begriff&shy;lich, noch metho&shy;disch einheit&shy;lich ist. Das liegt unter ande&shy;rem daran, dass die Semi&shy;otik inter- bzw. transdis&shy;zipli&shy;när ange&shy;legt ist, wodurch völlig verschie&shy;denar&shy;tige Forschungs&shy;hinter&shy;gründe und Diskur&shy;se aufein&shy;ander&shy;treffen. Geeint werden bildse&shy;mioti&shy;sche Ansät&shy;ze jedoch durch die Grundan&shy;nahme, dass Bilder (komple&shy;xe) Zeichen sind und dass es die Aufga&shy;be der Bildse&shy;miotik bleibt zu zeigen, wie sich bildli&shy;che Bedeu&shy;tung von ande&shy;ren Bedeu&shy;tungskon&shy;stitu&shy;tionen unter&shy;scheiden. Metho&shy;disch bleiben die Wege dabei verschie&shy;den und sollen es auch.
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[[Phänomenologische Bildtheorien|Phänomenologische Bildtheorien]] grenzen sich zum Teil entschieden und explizit gegen die semiotischen ab (vgl. <bib id='Böhme 1999a'></bib>: S. 10, <bib id='Wiesing 1998a'></bib>), wobei deren Annahmen über bildsemiotische Theorien dabei oft zu kurz greifen (vgl. <bib id='Nöth 2005a'></bib>: S. 33-35).
[[Phänomenologische Bildtheorien|Phäno&shy;meno&shy;logi&shy;sche Bildthe&shy;orien]] grenzen sich zum Teil entschie&shy;den und expli&shy;zit gegen die semi&shy;oti&shy;schen ab (vgl. <bib id='Böhme 1999a'></bib>: S. 10, <bib id='Wiesing 1998a'></bib>), wobei deren Annah&shy;men über bildse&shy;mioti&shy;sche Theorien dabei oft zu kurz greifen (vgl. <bib id='Nöth 2005a'></bib>: S. 33-35).
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Die Bildsemiotik ist heute Bestandteil einer allgmeinen transdisziplinären [[Bildwissenschaftliche Abgrenzungen|Bildwissenschaft]], die sich jenseits einer Fixierung auf [[Interaktion und Kommunikation|Bildkommunikation]] oder auf [[Künstlerisches Bild und Alltagsbild|Kunst]] (vgl. <bib id='Posner 2003a'></bib>: S. 18) bewegt, und stattdessen [[Bilder als Medien|mediale]] und [[Bild und Wahrnehmung|wahrnehmungstheoretische]] Aspekte angemessen berücksichtigt (vgl. <bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>: S. 11).   
Die Bildsemiotik ist heute Bestand&shy;teil einer allge&shy;meinen transdis&shy;zipli&shy;nären [[Bildwissenschaftliche Abgrenzungen|Bildwis&shy;senschaft]], die sich jenseits einer Fixierung auf [[Interaktion und Kommunikation|Bild&shy;kommu&shy;nika&shy;tion]] oder auf [[Künstlerisches Bild und Alltagsbild|Kunst]] (vgl. <bib id='Posner 2003a'></bib>: S. 18) bewegt, und stattdes&shy;sen [[Bilder als Medien|medi&shy;ale]] und [[Bild und Wahrnehmung|wahrneh&shy;mungsthe&shy;oreti&shy;sche]] Aspek&shy;te ange&shy;messen berück&shy;sichtigt (vgl. <bib id='Sachs-Hombach 2003a'>Sachs-&#8203;Hombach 2003a</bib>: S. 11).   


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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Bildtheoretische Ansätze


Semiotik ist die Wissenschaft von den Zeichen. Sie unter­sucht Zeichen­prozes­se, d.h. Prozes­se der Bedeu­tungsver­mittlung bzw. -konsti­tution. Der Zentral­begriff der Semi­otik ist der des​ »Zeichens«​ (von griech. semeion), das – ganz allge­mein – als etwas aufge­fasst werden kann, das in irgend­einer Hinsicht für etwas ande­res steht (vgl. [Peirce CP]Hartshorne, C. & Weiss, P. / Burks, A.W. (Hg.) (1994): Charles Sanders Peirce: Collected Papers. Bd. 1-6 / 7-8. Harvard University Press, Cambrigde, Mass.
2.228).[1] So unmit­telbar einleuch­tend das Konzept des Zeichens für viele kommu­nika­tive Phäno­mene ist (etwa im Fall der Sprache als Zeichen­system oder – erst recht – bei sekun­dären Syste­men wie dem Morse­alpha­bet, der Braille­schrift u.ä.), so sehr scheint der Zeichen­charak­ter von Bildern im allge­meinen einer beson­deren Klärung zu bedür­fen. Bildse­mioti­sche Theorien widmen sich genau dieser Frage.

Anders als bei vielen anderen semi­oti­schen Subdis­zipli­nen,[2] bei denen die zeichen­theore­tischen Frage­stellun­gen auf die tradi­tionel­len Objekt­berei­che von bereits etab­lierten Einzel­wissen­schaften appli­ziert werden, ist der Unter­suchungs­gegen­stand der Bildse­miotik – das (proto­typisch: stati­sche) Bild – im allge­meinen nicht auf bestimm­te Bild­genres beschränkt und berührt daher eine Vielzahl von Wissen­schaften und Alltags­berei­chen, die mit Bildern zu tun haben (vgl. [Sonesson 1993a]Sonesson, Göran (1993): Pictorial Semiotics, Perceptual Ecology, and Gestalt Theory. Review of Saint-Martin, Fernande, «La théorie de la Gestalt et l'art visuel». Semiotica , 99, 3.
: S. 319). Im Zentrum bildse­mioti­scher Theorien stehen die spezi­fischen Eigen­schaften von Bildern als komple­xen Zeichen, d.h. deren Bildhaf­tigkeit (oder Pikto­rali­tät). Inso­fern verhal­ten sich die Bildse­miotik und Kunstge­schichte, der es im Kern um die Würdi­gung künstle­rischer Einzel­bilder geht, ähnlich wie die Diszi­plinen der Text­lingu­istik/​-semio­tik und der Lite­ratur­wissen­schaft zuein­ander.


Bildsemiotische Theorien

Der Beginn der Bildsemiotik wird gewöhn­lich in die Mitte der 1960er Jahre datiert, als der franzö­sische Semi­oti­ker und Philo­soph Roland Barthes ([Barthes 1964c]Barthes, Roland (1964): Rhétorique de l'image. Communications , 4.
) eine Werbe­anzei­ge exem­plarisch ana­lysier­te und darin ein ganzes Spektrum an grundle­gend rele­vanten bildse­mioti­schen Fragen (Iko­nizi­tät des Bildes, bildli­che Rheto­rik und Verweis­strate­gien, Deno­tation und Konno­tation des Bildes, Text-​Bild-​Rela­tionen) aufwarf. Seine darin vorge­schlage­nen Antwor­ten basier­ten auf den von den Lingu­isten Ferdi­nand de Saus­sure ([Saussure 1916a]Saussure, Ferdinand de (1916): Cours de linguistique générale. Payot, Paris.
Notiz: Deutsch: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. 3. Aufl. Berlin 2001
) und Louis Hjelms­lev ([Hjelmslev 1943a]Hjelmslev, Louis (1943): Omkring sprogteoriens grundlæggelse. Nordisk Sprog- od Kulturforlag, Kopenhagen.
Notiz: (auch in: Festskrift udgivet i anledning af Universitetets Aarsfest. Kopenhagen: Munksgaard. S. 3-113)
Nicht angezeigt: Dt.: Prolegomena zu einer Sprachtheorie. München: Hueber
) gepräg­ten struktu­ralis­tischen Grundbe­griffen der Semi­olo­gie,[3] die zwar grundsätz­lich von ihnen als allge­meine, und nicht nur auf Sprache bezo­gene Zeichen­theorie ange­legt war, aber erst von Barthes expli­zit auf eine ganze Reihe nicht-​sprachli­cher Phäno­mene ange­wandt wurde ([Barthes 1961a]Barthes, Roland (1961): Le message photographique. Communications , 1.
, [Barthes 1963a]Barthes, Roland (1963): Le message publicitaire. Cahiers de publicité , 7.
, [Barthes 1964c]Barthes, Roland (1964): Rhétorique de l'image. Communications , 4.
, [Barthes 1967a]Barthes, Roland (1967): Système de la Mode. Éditions du Seuil, Paris.
). So vorläu­fig und auch unzu­reichend[4] Barthes’ theore­tische Annah­men in seiner Werbe­ana­lyse «Rhéto­rique de l'ima­ge» ([Barthes 1964c]Barthes, Roland (1964): Rhétorique de l'image. Communications , 4.
) zunächst waren, so blieben sie in der Folge nicht selten ein konstruk­tiver Ausgangs­punkt für diffe­renzier­tere Theorien.

Die belgische Forschergruppe Groupe µ richte­te im Rahmen ihres rheto­rischen Projekts ([Groupe µ 1970a]Groupe µ (1970): Rhétorique générale. Larousse, Paris.
Nicht angezeigt: Dubois, J., Dubois, Ph., Edeline, F., Klinkenberg, J.F., Minguet, Ph.
, [Groupe µ 1980a]Groupe µ (1980): Plan d'une rhétorique de l'image. Kodi­kas / Code, 3.
) ihr Augen­merk auf die Bild­rheto­rik und legte 1992 einen «Traktat des visu­ellen Zeichens» vor ([Groupe µ 1992a]Groupe µ (1992): Traité du signe visuel. Seuil, Paris.
Nicht angezeigt: Edeline, F., Klinkenberg, J.F., Minguet, P.
), in dem u.a. die rheto­rischen Ope­rati­onen beschrie­ben werden, die authen­tische Bilder von einem – ange­nomme­nen – Normal-​Zustand („degrée zero“) der Reprä­senta­tion abwei­chen lassen.

Mit Jean-Marie Floch und Felix Thürle­mann gibt es zwei Vertre­ter der struktu­ralse­manti­schen Pari­ser Schule, die das textse­mioti­sche Modell des Semio­tikers Algir­das Julien Greimas ([Greimas 1966a]Greimas, Algirdas Julien (1966): Sémantique structurale. Seuil, Paris.
Nicht angezeigt: Dt.: Strukturale Semantik. Braunschweig: Vieweg, 1971
, [Greimas & Courtés 1979a]Greimas, Algirdas Julien & Courtés, Joseph (1979): Sémiotique: Dictionnaire raisonné de la théorie du langage. Hachette, Paris.
) auf Bilder über­tragen haben (vgl. [Thürlemann 1990a]Thürlemann, Felix (1990): Vom Bild zum Raum. Beiträge zu einer semiotischen Kunstwissenschaft. DuMont, Köln.
, [Floch 1985a]Floch, Jean-Marie (1985): Petites mythologies de l'oeil et de l'esprit: Pour une sémiotique plastique. Hades Benjamin, Paris, Amsterdam.
, [Floch 1989a]Floch, Jean-Marie (1989): The Semiotics of the Plastic Arts and the Language of Advertising. In: Perron, P. & Collins, F. (Hg.), Paris School Semiotics II: Practice. Benjamins, Amsterdam.
, [Floch 1990a]Floch, Jean-Marie (1990): Sémiotique, marketing et communication. Presses Universitaires de France, Paris.
). Sie gehen davon aus, dass bildli­che Bedeu­tungssys­teme semi-​symbo­lische Syste­me sind, die sich über inner­bildli­che Korre­lati­onen von Farb- und Formkon­trasten konsti­tuieren (⊳ Bildsyn­tax). Die bild­ana­lyti­schen Verfah­ren lassen sich dabei sowohl auf gegen­ständli­che als auch abstrak­te Bilder anwen­den.

Fernande Saint-Martin ([Saint-Martin 1990a]Saint-Martin, Fernande (1990): Semiotics of Visual Language. Indiana University Press, Bloomington, IN.
) ent­wickel­te ein bildgram­mati­sches Modell auf der Grund­lage von Hjelms­levs glosse­mati­schem Zeichen­modell ([Hjelmslev 1943a]Hjelmslev, Louis (1943): Omkring sprogteoriens grundlæggelse. Nordisk Sprog- od Kulturforlag, Kopenhagen.
Notiz: (auch in: Festskrift udgivet i anledning af Universitetets Aarsfest. Kopenhagen: Munksgaard. S. 3-113)
Nicht angezeigt: Dt.: Prolegomena zu einer Sprachtheorie. München: Hueber
). Das Bild wird dabei zunächst schema­tisch segmen­tiert und in einer syntak­tischen Ana­lyse nach topo­logi­schen, chroma­tischen und gestalt­psycho­logi­schen Krite­rien ausge­wertet. Diese im wesent­lichen struktu­ralis­tisch fundier­ten Ansät­ze machen einen Großteil der bild­semio­tischen Arbei­ten aus. Selbst die frühe Barthes’​sche Muster­ana­lyse dient bis heute als produk­tive Grund­lage exem­plari­scher Ana­lysen (vgl. [Friedrich & Schweppenhäuser 2010a]Friedrich, Thomas & Schweppenhäuser, Gerhard (2010): Bildsemiotik. Grundlagen und exemplarische Analysen visueller Kommunikation. Birkäuser, Basel, Boston, Berlin
).

Etwa zeitlich parallel zu den Anfän­gen der struktu­ralis­tisch ausge­richte­ten Bildse­miotik ent­wickel­te der Philo­soph Nelson Goodman eine (aller­dings nur impli­zite) Zeichen­theorie der Künste ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Notiz: 2. rev. Aufl. 1976
Nicht angezeigt: dt.: Sprachen der Kunst. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
). Er unter­schied Typen von künstle­rischen Zeichen­komple­xen (gedruck­te Lite­ratur, Tanz, Musik, Male­rei, Foto­grafie u.a.) im Hinblick auf ihre Notier­barkeit und stellte für das Bild u.a. die fehlen­de Disjunk­tivi­tät der Zeichen fest: Bildli­che Zeichen­schema­ta seien syntak­tisch und seman­tisch dicht ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Notiz: 2. rev. Aufl. 1976
Nicht angezeigt: dt.: Sprachen der Kunst. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
: S. 130ff, 148ff; ⊳ Syntak­tische Dichte),[5] eine Zerle­gung in kleine­re Zeichen­einhei­ten sei demnach für ein Bild nicht möglich. Goodman beschreibt darü­ber hinaus mit der Exem­plifi­kation eine bildty­pische Art der Bezug­nahme. Bei der Exem­plifi­kation verweist das Bild auf ein Eti­kett, d.h. ein Prädi­kat, das auf es selbst zutrifft: Es exem­plifi­ziert z.B. eine Farbe, einen Kontrast oder meta­phorisch auch eine Stimmung ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Notiz: 2. rev. Aufl. 1976
Nicht angezeigt: dt.: Sprachen der Kunst. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
: S. 52ff und 253). Diese Art von Zeichen­bezug ist unab­hängig von der Exis­tenz eines Bildre­feren­ten und trifft auch auf nicht-​figu­rati­ve (abstrak­te) Bilder zu.

Die Peirce’sche Semiotik, die neben den struktu­ralis­tischen Ansät­zen die einfluss­reichste zeichen­theore­tische Richtung inner­halb der Semi­otik ist, ist keines­wegs primär auf Sprache ausge­richtet, sondern wesent­lich uni­versel­ler konzi­piert und erscheint von daher mit ihren allge­meinen (drei­gliedri­gen) Grundbe­griffen für eine Anwen­dung auf Bilder als Zeichen prädes­tiniert. Auch wenn Peirce selbst keine Bild­theorie vorge­legt hat, so ist doch sein Begriffs­system in bildtheo­retischen Arbei­ten immer wieder genutzt worden (vgl. [Deledalle 1979a]Deledalle, Gérard (1989): Théorie et pratique du signe. Payot, Paris.
, [Schönrich 1990a]Schönrich, Gerhard (1990): Zeichenhandeln. Suhrkamp, Frankfurt/M.
, [Nöth & Santaella 2000a]Nöth, Winfried & Santaella, Lucia (2000): Bild, Malerei und Photographie aus der Sicht der Peirceschen Semiotik. In: Wirth, U. (Hg.), Die Welt als Zeichen und Hypothese. Suhrkamp, Frankfurt/M.
, [Nöth 2005a]Nöth, Winfried (2005): Zeichentheoretische Grundlagen der Bildwissenschaft. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung. Halem, Köln.
, [Nöth 2007a]Nöth, Winfried (2007): Metapictures and Self-referential Pictures. In: Nöth, W. & Bishara, N. (Hg.), Self-Reference in the Media. Mouton de Gruyter, Berlin.
, [Halawa 2008a]Halawa, Mark A. (2008): Wie sind Bilder möglich? Argumente für eine semiotische Fundierung des Bildbegriffs. Halem, Köln.
). So stützen sich zum Beispiel Nöth und Santa­ella ([Nöth & Santaella 2000a]Nöth, Winfried & Santaella, Lucia (2000): Bild, Malerei und Photographie aus der Sicht der Peirceschen Semiotik. In: Wirth, U. (Hg.), Die Welt als Zeichen und Hypothese. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) und Nöth ([Nöth 2007a]Nöth, Winfried (2007): Metapictures and Self-referential Pictures. In: Nöth, W. & Bishara, N. (Hg.), Self-Reference in the Media. Mouton de Gruyter, Berlin.
) bei der Diskus­sion der Zeichen­haftig­keit von abstrak­ten Bildern auf Peirce’s Begriff des puren Ikons, das „nichts ande­res reprä­sentie­ren könne als Formen und Gefüh­le“ ([Peirce CP]Hartshorne, C. & Weiss, P. / Burks, A.W. (Hg.) (1994): Charles Sanders Peirce: Collected Papers. Bd. 1-6 / 7-8. Harvard University Press, Cambrigde, Mass.
4.544) und damit ein selbst-​refe­rentiel­les Zeichen sei (vgl. [Nöth 2011a]Nöth, Winfried (2011): Visual Semiotics: Key Features and an Application to Picture Ads. In: Margolis, E. & Pauwels, L. (Hg.), The SAGE Handbook of Visual Research Methods. SAGE, London.
: S. 304ff).


Methoden und spezifische Frage­stellun­gen der Bild­semi­otik

Schon früh hat sich in der Bildse­miotik gezeigt, dass eine Ana­logie von sprachli­chen und bildli­chen Zeichen­prozes­sen nur sehr bedingt besteht und dass es spezi­fischer Beschrei­bungsmo­delle und Instru­menta­rien bedarf, um den Zeichen­charak­ter von Bildern ange­messen heraus­zuar­beiten. So ist zum Beispiel die Annah­me einer doppel­ten Arti­kula­tion (eine mögli­che Zerle­gung von Zeichen in bedeu­tungstra­gende und bedeu­tungsun­terschei­dende Ele­mente), wie sie für die Sprache typisch ist, für das Bild nicht haltbar. Sinnvoll ist es dage­gen, wie Groupe µ ([Groupe µ 1979a]Groupe µ (1979): Iconique et plastique: sur un fondement de la rhétorique visuelle. Revue d'ésthe­tique, 1-2.
) es vorge­schlagen hat, für Bilder die iko­nische von der plasti­schen Bedeu­tungsebe­ne zu unter­scheiden. Die iko­nische Bedeu­tungsschicht enthält die figu­rati­ve Lesart des Bildes, d.h. die bildhaft akzen­tuierte Darstel­lung drei­dimen­siona­ler Szenen oder Gegen­stände, während die plasti­sche Bedeu­tungsschicht das Zeichen­poten­tial des Bildes als flächi­gen Gegen­stand umfasst: sein Format, seine Pigmen­tierung, seine Textur. Intu­iti­ve Segmen­tierun­gen von Bildern nach plasti­schen Krite­rien sind zum Beispiel in struktu­ralse­manti­schen Arbei­ten metho­dische Ausgangs­punkte für die Bild­ana­lyse (vgl. [Sonesson 1993a]Sonesson, Göran (1993): Pictorial Semiotics, Perceptual Ecology, and Gestalt Theory. Review of Saint-Martin, Fernande, «La théorie de la Gestalt et l'art visuel». Semiotica , 99, 3.
: S. 228ff; ⊳ Bild­morpho­logie).

Bildsemiotische Theorien haben sich inzwi­schen breit entfä­chert (vgl. [Blanke 1998a]Blanke, Börries (1998): Semiotische Perspektiven auf das Bild. Zeitschrift für Semiotik, 20, 3.
und [Nöth 2011a]Nöth, Winfried (2011): Visual Semiotics: Key Features and an Application to Picture Ads. In: Margolis, E. & Pauwels, L. (Hg.), The SAGE Handbook of Visual Research Methods. SAGE, London.
: S. 299). Es gibt nicht nur eine Vielzahl von Model­len, sondern auch verschie­dene Metho­den[6] sowie unter­schiedli­che Schwer­punktset­zungen.

Sonesson ([Sonesson 1993b]Sonesson, Göran (1993): Die Semiotik des Bildes. Zum Forschungsstand am Anfang der 90er Jahre. Zeitschrift für Semiotik, 15, 1.
) unter­scheidet vier metho­dische Heran­gehens­weisen für die Bildse­miotik:

  1. die Textanalyse, die von einem oder mehre­ren exem­plari­schen Bildern ausgeht, und zu einer heuris­tischen Model­lierung der rele­vanten Prozes­se führt (z.B. [Saint-Martin 1990a]Saint-Martin, Fernande (1990): Semiotics of Visual Language. Indiana University Press, Bloomington, IN.
    ).
  2. die Systemanalyse, bei der die Kombi­nato­rik von Bild­eigen­schaften auf rein konzep­tueller Basis geklärt werden soll (z.B. [Van Lier 1983a]Van Lier, Henri (1983): Philosophie de la photographie. Contrejour, Paris, Laplume.
    Notiz: (Les cahiers de la photographie)
    ),
  3. experimentelle Methoden (z.B. [Espe 2004a]Espe, Hartmut (2004): Paarbilder aus fünf Jahrhunderten: Eine Sortierstudie.
    Webadresse: psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2004/381/pdf/paarbilder_gesamt.pdf
    Notiz: Diplomarbeit
    ) sowie
  4. die Textklassifikation als eine Mischung aus Text- und System­ana­lyse – letzte­re Metho­de findet sich zum Teil bei Groupe µ ([Groupe µ 1992a]Groupe µ (1992): Traité du signe visuel. Seuil, Paris.
    Nicht angezeigt: Edeline, F., Klinkenberg, J.F., Minguet, P.
    ), aber auch bei Sones­son selbst ([Sonesson 1989a]Sonesson, Göran (1989): Pictorial Concepts: Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World. Lund University Press, Lund.
    ).

Eine grundlegende bildsemioti­sche Frage bleibt die Frage nach der Iko­nizi­tät von Bildern, d.h. die Frage nach der Ähnlich­keit von Bild­träger und Bildin­halt bzw. Refe­rent als einer bild­spezi­fischen Rela­tion. Peirce, auf den der Begriff des Ikons in seiner semi­oti­schen Verwen­dung zurück­geht, grenzt das Ikon zeichen­typo­logisch inner­halb einer Tricho­tomie der Objekt­rela­tion (Verhält­nis von Zeichen­träger und Refe­rent)[7] gegen den Index und das Symbol ab (⊳ Symbol, Index, Ikon). Er versteht unter einem Ikon ein Zeichen, „das auf das bezeich­nete Objekt allein auf Grund von ihm eige­nen Eigen­schaften verweist“ ([Peirce CP]Hartshorne, C. & Weiss, P. / Burks, A.W. (Hg.) (1994): Charles Sanders Peirce: Collected Papers. Bd. 1-6 / 7-8. Harvard University Press, Cambrigde, Mass.
2.247), wobei es der Uni­versal­kate­gorie der​ »Erst­heit«,​ einer Kate­gorie der Unmit­telbar­keit ange­hört.[8] Der Grad, zu dem ein solcher Verweis aufgrund einer Ähnlich­keit von Zeichen­träger und Refe­rent zustan­de kommt, bemisst die Iko­nizi­tät des Zeichens. Peirce (CP 2.277) unter­scheidet folge­richtig für das Ikon selbst wiederum triadisch

  1. das »Bild« (‘image’)[9] als ein Ikon, bei dem die mate­rielle Ähnlich­keit für die Zeichen­bezie­hung ausschlag­gebend ist,
  2. das »Diagramm« als Ikon, bei dem ana­loge Rela­tionen zu einer immer­hin struktu­rellen Ähnlich­keit (Isomorphie) führen und
  3. die Metapher als ein Ikon, bei dem es ledig­lich meta­phori­sche, d.h. transfe­rierte Paral­lelen gibt.

Der Grad der Ikonizität ist in dieser Reihen­folge abneh­mend.

Schon Gombrich ([Gombrich 1962a]Gombrich, Ernst H. (1962): Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation. Phaidon, London.
) hatte die Annah­me der gene­rellen Iko­nizi­tät von Bildern rela­tiviert. Eine radi­kale­re Sicht findet sich sowohl bei Goodman ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Notiz: 2. rev. Aufl. 1976
Nicht angezeigt: dt.: Sprachen der Kunst. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
) als auch bei Eco ([Eco 1968a]Eco, Umberto (1968): La struttura assente. Bompiani, Milano.
Nicht angezeigt: Deutsch: Einführung in die Semiotik. München: Fink 1972.
, [Eco 1976a]Eco, Umberto (1976): A Theory of Semiotics. Indiana University Press, Bloomington.
), die die Iko­nizi­tät als grundle­gende Eigen­schaft von Bildern zurück­gewie­sen und stattdes­sen den hohen Grad an Konven­tiali­tät betont haben.

Groupe µ entwickelte hingegen ein eige­nes triadi­sches Modell des iko­nischen Zeichens ([Groupe µ 1992a]Groupe µ (1992): Traité du signe visuel. Seuil, Paris.
Nicht angezeigt: Edeline, F., Klinkenberg, J.F., Minguet, P.
: S. 136, vgl. [Blanke 1998b]Blanke, Börries (1998): Modelle des ikonischen Zeichens. Zeitschrift für Semiotik, 20.
und [Blanke 2003a]Blanke, Börries (2003): Vom Bild zum Sinn. Das ikonische Zeichen zwischen strukturalistischer Semiotik und analytischer Philosophie. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden.
Nicht angezeigt: Reihe Bildwissenschaft, Bd. 4
), in dem zwischen den Bezug von Bild­träger („Signi­fikant“) und Refe­renten ein Bezug auf einen iko­nischen Typ gescho­ben wird, eine kogni­tive Inva­riante. Bildträ­ger und Refe­rent weisen darin inso­fern Ähnlich­keit auf, als sie beide Merkma­le des ikoni­schen Typs aufwei­sen (vgl. [Blanke 1998b]Blanke, Börries (1998): Modelle des ikonischen Zeichens. Zeitschrift für Semiotik, 20.
: S. 287). Sones­son ([Sonesson 1989a]Sonesson, Göran (1989): Pictorial Concepts: Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World. Lund University Press, Lund.
: S. 220ff), der die Iko­nizi­tätsde­batte ausführ­lich kommen­tiert hat, spricht sich eben­falls für eine Aufrecht­erhal­tung des Konzepts der Iko­nizi­tät aus, die er – bild­spezi­fischer – ‘Pikto­rali­tät’ nennt. Auch er nimmt jedoch keines­wegs eine naive Ähnlich­keitsbe­ziehung von Bildträ­ger und Refe­rent an, sondern setzt gera­de eine grundle­gende Verschie­denheit der domi­nanten lebens­weltli­chen Hierar­chien für Bildträ­ger und Refe­rent voraus, damit das Bild über­haupt als Zeichen für den Refe­renten gelten kann ([Sonesson 1989a]Sonesson, Göran (1989): Pictorial Concepts: Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World. Lund University Press, Lund.
: S. 249).

Neben der Ikonizität von Bildern ist auch die Inde­xika­lität von Foto­grafien im Rückgriff auf Peirce disku­tiert worden (vgl. [Nöth 2000b]Nöth, Winfried (2000): Handbuch der Semiotik. Metzler, Stuttgart, Weimar.
Nicht angezeigt: 2., vollständig neu bearbeitete u. erweiterte Auflage
: S. 497). Ein Index ist nach Peirce ein Zeichen, das aufgrund einer Kausa­litäts- bzw. Konti­guitäts­bezie­hung auf den Refe­renten („object“) verweist (vgl. [Peirce CP]Hartshorne, C. & Weiss, P. / Burks, A.W. (Hg.) (1994): Charles Sanders Peirce: Collected Papers. Bd. 1-6 / 7-8. Harvard University Press, Cambrigde, Mass.
2.248). Für die Foto­grafie ist durch den physi­kali­schen Prozess der Belich­tung gene­rell eine Inde­xika­lität anzu­nehmen. Jedoch können auch in der Foto­grafie ande­re bildli­che Zeichen­prozes­se diesen Refe­renzbe­zug domi­nieren. Umge­kehrt können inde­xika­lische Prozes­se inner­halb der Bild­kompo­sition zu inde­xika­lischen Bedeu­tungstrans­fers führen, ein Phäno­men, das Nöth ([Nöth 1975a]Nöth, Winfried (2000): Semiotik. Eine Einführung mit Beispielen für Reklameanalysen. Niemeyer, Tübingen.
: S. 29ff, [Nöth 2011a]Nöth, Winfried (2011): Visual Semiotics: Key Features and an Application to Picture Ads. In: Margolis, E. & Pauwels, L. (Hg.), The SAGE Handbook of Visual Research Methods. SAGE, London.
: S. 312f) beschrie­ben hat und das nicht nur für (insze­nierte) Foto­grafien gilt.

Eine weitere bildsemiotische Schwerpunkt­setzung liegt bei der Ana­lyse von Bildern im Zusam­menspiel mit Zeichen­trägern ande­rer Moda­litä­ten, z.B. Sprache und Ton. Schon Barthes ([Barthes 1964c]Barthes, Roland (1964): Rhétorique de l'image. Communications , 4.
) thema­tisier­te das Verhält­nis von Bild und Text, doch vor allem die sozial­semi­oti­schen Arbeiten von Kress & van Leeuwen ([Kress & Leeuwen 1996a]Kress, Gunther & Leeuwen, Theo van (1996): Reading Images. The Grammar of Visual Design. Routledge, London.
, [Kress & Leeuwen 2001a]Kress, Gunther & Leeuwen, Theo van (2001): Multimodal Discourse. The Modes and Media of Contemporary Communication. Arnold, London.
) haben der Frage nach Multi­moda­lität einen fundier­ten theore­tischen Rahmen gege­ben, der auch den umfang­reichen Arbei­ten von Stöckl ([Stöckl 2004a]Stöckl, Hartmut (2004): Die Sprache im Bild – Das Bild in der Sprache. Zur Verknüpfung von Sprache und Bild im massenmedialen Text. de Gruyter, Berlin.
, [Stöckl 2004c]Stöckl, Hartmut (2004): In Between Modes. Language and Image in Printed Media. In: Eija Ventola, E.; Charles, C. & Kaltenbacher, M. (Hg.), Perspectives on Multimodality. Benjamins, Amsterdam.
Nicht angezeigt: = Document Design Companion Series 6
, [Stöckl 2010a]Stöckl, Hartmut (2010): Sprache-Bild-Texte lesen. Bau​steine zur Metho​dik einer Grund​kompe​tenz. In: Diekmannshenke, H.; Klemm, M. & Stöckl, H. (Hg.), Bildlinguistik. Erich Schmidt, Berlin.
) zu diesem Thema zugrun­de liegt (⊳ Sprach-​Bild-​Bezü­ge).


Abgrenzung zu anderen Bild­theorien

Anders als andere Bildtheorien haben wir es bei der Bild­semi­otik mit einem wissen­schaftsso­ziolo­gisch ausge­sprochen hete­rogenen Forschungs­bereich zu tun, der zudem weder begriff­lich, noch metho­disch einheit­lich ist. Das liegt unter ande­rem daran, dass die Semi­otik inter- bzw. transdis­zipli­när ange­legt ist, wodurch völlig verschie­denar­tige Forschungs­hinter­gründe und Diskur­se aufein­ander­treffen. Geeint werden bildse­mioti­sche Ansät­ze jedoch durch die Grundan­nahme, dass Bilder (komple­xe) Zeichen sind und dass es die Aufga­be der Bildse­miotik bleibt zu zeigen, wie sich bildli­che Bedeu­tung von ande­ren Bedeu­tungskon­stitu­tionen unter­scheiden. Metho­disch bleiben die Wege dabei verschie­den und sollen es auch.

Phäno­meno­logi­sche Bildthe­orien grenzen sich zum Teil entschie­den und expli­zit gegen die semi­oti­schen ab (vgl. [Böhme 1999a]Böhme, Gernot (1999): Theorie des Bildes. Wilhelm Fink, München.
: S. 10, [Wiesing 1998a]Wiesing, Lambert (1998): Sind Bilder Zeichen?. In: Sachs-Hombach, & Rehkämper, K. (Hg.), Bild – Bildwahrnehmung – Bildverarbeitung: Interdisziplinäre Beiträge zur Bildwissenschaft. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden.
), wobei deren Annah­men über bildse­mioti­sche Theorien dabei oft zu kurz greifen (vgl. [Nöth 2005a]Nöth, Winfried (2005): Zeichentheoretische Grundlagen der Bildwissenschaft. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung. Halem, Köln.
: S. 33-35).

Die Bildsemiotik ist heute Bestand­teil einer allge­meinen transdis­zipli­nären Bildwis­senschaft, die sich jenseits einer Fixierung auf Bild­kommu­nika­tion oder auf Kunst (vgl. [Posner 2003a]Posner, Roland (2003): Ebenen der Bildkompetenz. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Was ist Bildkompetenz? Studien zur Bildwissenschaft. Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden.
: S. 18) bewegt, und stattdes­sen medi­ale und wahrneh­mungsthe­oreti­sche Aspek­te ange­messen berück­sichtigt (vgl. [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.
: S. 11).

Anmerkungen
  1. ↑ Ei­ne knap­pe Ein­füh­rung in die Se­mi­o­tik als Hin­ter­grund­the­o­rie der Bild­wis­sen­schaft ge­ben [Birk et al. 2014a]Birk, Elisabeth & Halawa, Mark A. & Mosbach, Doris (2014): Semiotik. In: Netzwerk Bildphilosophie (Hg.), Bild und Methode. Theoretische Hintergründe und methodische Verfahren der Bildwissenschaft. Halem, Köln.
    .
  2. ↑ Auch ‘spe­zi­el­le Se­mi­o­ti­ken’ ([Eco 1984b]Eco, Umberto (1984): Semiotica e filosofia del linguaggio. Einaudi, Turin.
    Nicht angezeigt: Deutsch: Semiotik und Philosophie der Sprache. München: Fink 1985
    : S. 16) ge­nannt, wie z.B. The­a­ter­se­mi­o­tik, Ar­chi­tek­tur­se­mi­o­tik, Com­pu­ter­se­mi­o­tik.
  3. ↑ Mit ‘Se­mi­o­lo­gie’ wird die frü­he Se­mi­o­tik struk­tu­ra­lis­ti­scher Prä­gung be­zeich­net. Der Ter­mi­nus ‘Se­mi­o­tik’ hat sich al­ler­dings als all­ge­mei­ne Be­zeich­nung ei­ner the­o­re­tisch und me­tho­disch viel­fäl­ti­gen all­ge­mei­nen und trans­dis­zi­pli­nä­ren Zei­chen­wis­sen­schaft durch­ge­setzt.
  4. ↑ Vgl. die kri­ti­sche Dis­kus­si­on zu [Barthes 1964a]Barthes, Roland (1990): Rhetorik des Bildes (1964). In: Barthes, R. (Hg.), Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    Nicht angezeigt: aus dem Französischen von Hornig, Dieter
    in [Sonesson 1989a]Sonesson, Göran (1989): Pictorial Concepts: Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World. Lund University Press, Lund.
    : S. 125ff.
  5. ↑ Vgl. zu Good­mans Bild­be­griff auch [Scholz 1991a]Scholz, Oliver R. (1991): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
    Nicht angezeigt: (1. Aufl.)
    und [Birk 2011a]Birk, Elisabeth (2011): Bezugnahme und Weltkonstruktion. Elemente einer symboltheoretischen Bildanalyse. In: Schneider, J.G. & Stöckl, H. (Hg.), Medientheorien und Multimodalität. Halem, Köln.
    .
  6. ↑ Zu den Un­ter­schie­den bild­ana­ly­ti­scher Me­tho­den vgl. [Netzwerk Bildphilosophie 2014a]Netzwerk Bildphilosophie (Hg.) (2014): Bild und Methode. Theoretische Hintergründe und methodische Verfahren der Bildwissenschaft. Halem, Köln.
    Webadresse: http://www.halem-verlag.de/2014/bild-und-methode/
    Nicht angezeigt: ISBN 978-3-86962-067-1
    .
  7. ↑ Peirce klas­si­fi­ziert Zei­chen in drei Tri­cho­to­mi­en (des​ »Re­prä­sen­ta­mens«,​ der​ »Ob­jekt­re­la­ti­on«​ und des​ »In­ter­pre­tan­ten­be­zugs«).​ Die Zei­chen­ty­po­lo­gie von Ikon, In­dex und Sym­bol ist ei­ne weit­hin ak­zep­tier­te Un­ter­schei­dung in der all­ge­mei­nen Se­mi­o­tik ge­wor­den.
  8. ↑ Die Peir­ce’​sche Phä­no­me­no­lo­gie ba­siert auf den drei Uni­ver­sal­ka­te­go­ri­en:​ »Erst­heit«,​ »Zweit­heit«,​ »Dritt­heit«​ (vgl. [Nöth 2000a]Nöth, Winfried (2000): Der Zusammenhang von Text und Bild. In: Brinker, K. et al. (Hg.), Text- und Gesprächslinguistik. Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 16. de Gruyter, Berlin.
    : S. 61ff).
  9. ↑ Ein Bild im Peir­ce’​schen Sinn muss da­bei nicht not­wen­di­ger­wei­se vi­su­ell sein. Auch au­di­ti­ve oder ol­fak­to­ri­sche Bil­der sind z.B. mög­lich.
Literatur
[Barthes 1961a]Barthes, Roland (1961): Le message photographique. Communications , 1.[Barthes 1963a]Barthes, Roland (1963): Le message publicitaire. Cahiers de publicité , 7.[Barthes 1964a]Barthes, Roland (1990): Rhetorik des Bildes (1964). In: Barthes, R. (Hg.), Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Barthes 1964c]Barthes, Roland (1964): Rhétorique de l'image. Communications , 4.[Barthes 1967a]Barthes, Roland (1967): Système de la Mode. Éditions du Seuil, Paris.[Birk 2011a]Birk, Elisabeth (2011): Bezugnahme und Weltkonstruktion. Elemente einer symboltheoretischen Bildanalyse. In: Schneider, J.G. & Stöckl, H. (Hg.), Medientheorien und Multimodalität. Halem, Köln.[Birk et al. 2014a]Birk, Elisabeth & Halawa, Mark A. & Mosbach, Doris (2014): Semiotik. In: Netzwerk Bildphilosophie (Hg.), Bild und Methode. Theoretische Hintergründe und methodische Verfahren der Bildwissenschaft. 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Ausgabe 1: 2014

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Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis)

Zitierhinweis:

Mosbach, Doris (2014). Bildsemiotik. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Bildsemiotik].