Russisch: 'образ': Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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==‘Obraz’: Vorläufige Bestimmung==
Der zentrale Bild-Begriff der russischen Sprache ist ‘образ’ (‘obraz’).<ref>Ei&shy;nen Über&shy;blick über die&shy;sen und an&shy;de&shy;re Bild&shy;be&shy;grif&shy;fe bie&shy;ten: <bib id='Ivanov 1985a'>Iva&shy;nov 1985a</bib>, <bib id='Vasmer 1986a'>Vas&shy;mer 1986a</bib>, <bib id='Cernych 2001a'>Čer&shy;nych 2001a</bib> und <bib id='Zyganenko 1989a'>Zy&shy;ga&shy;nen&shy;ko 1989a</bib>.</ref> Die seman&shy;tische Komple&shy;xität und die sprach&shy;imma&shy;nente Spezi&shy;fik dieses Begriffs lässt seine direk&shy;te Über&shy;tragung ins Deutsche als ‘Bild’ oder ‘sinnli&shy;che Gestalt’/‘Form’ nur als behelfs&shy;mäßig und eigent&shy;lich als inad&shy;äquat erschei&shy;nen. Inner&shy;halb der russi&shy;schen Sprach&shy;dyna&shy;mik ist der Begriff tenden&shy;ziell melio&shy;rativ, trotz aller Viel&shy;schich&shy;tigkeit und seman&shy;tischen Dialek&shy;tik dieses Begriffs: Die Nähe zum Ursprüng&shy;lichen, Wahren und Sakra&shy;len zeichnet dieses Bild-Konzept aus. Bele&shy;gen lässt sich diese Tendenz bereits an der zweiten Grundbe&shy;deutung des Ausdrucks: ‘Obraz’ meint auch eine mani&shy;feste Abbil&shy;dung des Heili&shy;gen in der [[Ikone|Iko&shy;ne]]. Eine Iko&shy;ne erhielt ursprüng&shy;lich nicht bloß stellver&shy;tretend einen Heilig&shy;keitssta&shy;tus, sondern sie war durch das Darge&shy;stellte selbst heilig. Die Rele&shy;vanz des Begriffs »obraz« kann für die russi&shy;sche Kultur im Ganzen und für die russi&shy;sche Philo&shy;sophie im Beson&shy;deren kaum über&shy;schätzt werden.<ref>Auch für die rus&shy;si&shy;sche Kunst- und Li&shy;te&shy;ra&shy;tur&shy;wis&shy;sen&shy;schaft ist die&shy;ser Be&shy;griff von ent&shy;schei&shy;den&shy;der Be&shy;deu&shy;tung. Vgl. bei&shy;spiels&shy;wei&shy;se den obraz-Be&shy;griff bei Gustav Špet, Ale&shy;xan&shy;der Po&shy;teb&shy;nja, Vik&shy;tor Šklov&shy;skij. In die li&shy;te&shy;ra&shy;tur&shy;wis&shy;sen&shy;schaft&shy;li&shy;che Ter&shy;mi&shy;no&shy;lo&shy;gie wur&shy;de der Aus&shy;druck 1838 von Vis&shy;sa&shy;rion Be&shy;lin&shy;skij (in sei&shy;nem Auf&shy;satz «Fon&shy;vi&shy;zin i Za&shy;gos&shy;kin» in der Zeit&shy;schrift «Mos&shy;kovs&shy;kij nab&shy;lju&shy;da&shy;te&shy;lj'») als ei&shy;ne ein&shy;heit&shy;li&shy;che Über&shy;set&shy;zung der He&shy;gel&shy;schen kunst&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phi&shy;schen Be&shy;grif&shy;fe »Bild« und
»Ge&shy;stalt« ein&shy;ge&shy;führt. Auf Be&shy;lin&shy;skij geht auch die For&shy;mel „poė&shy;zija est' myš&shy;lenie v obra&shy;zach“ („Poe&shy;sie ist Den&shy;ken in Bil&shy;dern“) zu&shy;rück, die im Kon&shy;text der Re&shy;zep&shy;tion He&shy;gels zu se&shy;hen ist.</ref> An dieser Stelle sei nur beispiel&shy;haft auf Pavel Floren&shy;skijs Schrift «Namen» verwie&shy;sen (<bib id='Florenskij 2007a'>Floren&shy;skij 2007a</bib>).
 
 
==‘Obraz’: Etymologie und Seman&shy;tik==
Der Ausdruck ist alt- und gemeinslawischen Ursprungs und seit dem 11. Jahrhun&shy;dert nachweis&shy;bar. Der Wortstamm ist auf das Verb ‘rezat'’ (‘schneiden’, ‘eine Grenze ziehen’) zurück&shy;zufüh&shy;ren. ‘Rezat'’ meint ‘schneiden’, ‘in kleine&shy;re Einhei&shy;ten (‘raz’) teilen und dadurch Vielhei&shy;ten schaffen’. Der Prozess des Schneidens oder der Prägung gibt dem Gegen&shy;stand Form, Gestalt. Demnach meint ‘obraz’ zunächst die einheit&shy;liche Gestalt eines Gegen&shy;standes, die ihn begrenzt und damit bestimmt und unter&shy;scheidbar macht. Als etwas Gestal&shy;tetes kann es auch ein Vollkom&shy;menes sein – so wie auch im Griechi&shy;schen [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'|‘''eikon''’, ‘''typos''’ und ‘''morphe''’]]. Sergej M. Ėizen&shy;štein (<bib id='Eizenštein 1975a'>Ėizen&shy;štein 1975a</bib>) sieht außer&shy;dem eine ety&shy;molo&shy;gische Verwandt&shy;schaft von ‘obraz’ mit ‘obnaruženie’ (‘Bloßle&shy;gung’, ‘Hervor&shy;treten’, 'Ent&shy;decken'). Wird diese Bedeu&shy;tung berück&shy;sichtigt, so treten in dem Erschei&shy;nen eines Gegen&shy;standes, in seinem ‘obraz’, wesent&shy;liche Zusam&shy;menhän&shy;ge prozess&shy;haft zuta&shy;ge. Charak&shy;teris&shy;tisch für die Seman&shy;tik von ‘obraz’ ist die Ver&shy;eini&shy;gung von höchster Konkret&shy;heit und Detail&shy;liertheit mit Allge&shy;meinheit und Abstrakt&shy;heit – oder auch von Indi&shy;vidua&shy;lität mit Ganzheit&shy;lichkeit.
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(1) Als etwas visuell oder, allgemeiner, sinnlich Erfahr&shy;bares meint ‘obraz’ eine äuße&shy;re Erschei&shy;nung, Darstel&shy;lung oder Verkör&shy;perung von etwas Nicht-Sicht&shy;barem oder nicht unmit&shy;telbar Zugäng&shy;lichem und in diesem Sinne eine Einheit von Form und Inhalt, von Sinnlich&shy;keit und Sinn. ‘Obraz’ meint die sinnli&shy;che Erschei&shy;nungswei&shy;se des Nichtsinn&shy;lichen. Als solche Erschei&shy;nung ist ‘obraz’ tenden&shy;ziell auch sinnbild&shy;lich. Der [[Mimesis|mime&shy;tische]] Bedeu&shy;tungsas&shy;pekt tritt eher bei ety&shy;molo&shy;gisch verwand&shy;ten Bild-Termi&shy;ni in den Vorder&shy;grund (z.B. ‘izo&shy;braže&shy;nie’, ‘oto&shy;braže&shy;nie’, die ‘Abbild’, ‘Illus&shy;tration’ bedeu&shy;ten). Dement&shy;sprechend meint ‘obraz’ im künstle&shy;rischen oder lite&shy;rari&shy;schen Kontext die Veran&shy;schauli&shy;chung eines allge&shy;meine&shy;ren (gedank&shy;lichen) Zusam&shy;menhangs in einer indi&shy;viduel&shy;len Erschei&shy;nung oder Figur. Für eine solche sinnli&shy;che Darstel&shy;lung ist Leben&shy;digkeit und Dyna&shy;mik charak&shy;teris&shy;tisch. Als statisch kann dieses Bild-Konzept nicht begrif&shy;fen werden, wie es dage&shy;gen etwa bei den Wörtern ‘kopija’ (dt. [[Replika, Faksimile und Kopie|‘Kopie’]]) oder ‘oto&shy;braže&shy;nie’ (dt. ‘Wider&shy;spiege&shy;lung’, ‘Abbild’) der Fall ist. Der dyna&shy;mische Aspekt findet sich auch in der Bedeu&shy;tung von ‘obraz’ als ›menschli&shy;che Gestalt‹. Die Ganzheit&shy;lichkeit und Dyna&shy;mik eines ''obraz'' lässt sich in einem Erkennt&shy;nispro&shy;zess nicht vollstän&shy;dig schema&shy;tisch zerle&shy;gen. Jeder&shy;zeit bleibt ein Bedeu&shy;tungsüber&shy;schuss, eine Vielschich&shy;tigkeit, die nicht in einer feststel&shy;lenden mime&shy;tischen Beschrei&shy;bung zu erfas&shy;sen ist.
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(2) Das, was sich in einer konkreten sinnli&shy;chen Erschei&shy;nung zeigt, ist ein Typ, ein allge&shy;meine&shy;rer Charak&shy;ter, ein Maß. Auch dies bringt ‘obraz’ zum Ausdruck. Als ein ideal&shy;typi&shy;sches Bild oder Eben&shy;bild verweist ‘obraz’ auf ein Erstes (‘čelo&shy;vek kak obraz i podobie Boga’: dt. ‘der Mensch als Eben&shy;bild Gottes’).
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(3) Das ideale Bedeutungsmoment ist es auch, das die Dyna&shy;mik dieses Bild-Konzepts garan&shy;tiert. Das Idea&shy;le wird impli&shy;zit als ein Ziel begrif&shy;fen, aus dem heraus die Form und die Handlungs&shy;weise, die Ordnung und die Tradi&shy;tion (‘obraz žisni’: dt. [[Weltbild, Lebensform|‘Lebens&shy;weise’]]; ‘obraz mysli’: dt. ‘Denkungs&shy;art’) entsteht. Das Deri&shy;vat ‘obrazec’ (dt. ‘Vorbild’, ‘Maß’) unter&shy;mauert die teleo&shy;logi&shy;sche Nuancie&shy;rung der Seman&shy;tik von ‘obraz’.<ref>Vgl. auch das Idi&shy;om ‘po&shy;te&shy;rjat' obraz če&shy;lo&shy;ve&shy;če&shy;skij’, das sich als ‘al&shy;les Mensch&shy;li&shy;che ein&shy;bü&shy;ßen’ ins Deut&shy;sche über&shy;tra&shy;gen lässt.</ref>
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(4) ‘Obraz’ meint auch ein/e lebendi&shy;ge/s anschau&shy;liche/s [[Bildvorstellungen|menta&shy;le Vorstel&shy;lung/Bild]] von etwas. Das ety&shy;molo&shy;gisch verwand&shy;te Wort ‘voobra&shy;ženie’ bedeu&shy;tet [[Einbildungskraft|‘Einbil&shy;dungskraft’]], ‘Vorstel&shy;lungsver&shy;mögen’. Überwiegt das Fließen&shy;de, Beweg&shy;liche und Austausch&shy;bare bei einem ''obraz'', so handelt es bei den Vorstel&shy;lungen um (fikti&shy;ve) Phanta&shy;siebil&shy;der. Wird dage&shy;gen das Wesent&shy;liche in einem ''obraz'' hervor&shy;geho&shy;ben, so ist es eine künstle&shy;rische Erfas&shy;sung der Reali&shy;tät und eine zwischen dem Subjekt und der Reali&shy;tät vermit&shy;telnde Leistung, die das Reale (oder das Wahre) in einer neuen Form, in einem ''obraz'', zur Erschei&shy;nung bringt. Betrach&shy;tet man die von ‘obraz’ abge&shy;leite&shy;ten Bezeich&shy;nungen (‘bezo&shy;brazie’: dt. ‘Häßlich&shy;keit’, ‘mora&shy;lische Verwerf&shy;lichkeit’; ‘preobra&shy;ženie’: dt. ‘Verklä&shy;rung’, ‘Ver&shy;wandlung’), so wird offen&shy;sichtlich, dass ‘obraz’ nicht eine belie&shy;bige äuße&shy;re Form meint, sondern als eng verknüpft mit Schönem, Gutem und Wahrem zu denken ist. Das Böse ist demge&shy;genüber als gestalt&shy;los (d.h. als ''bez-obraznoe'') zu verste&shy;hen.
 
 
==Weitere Bild-Termini==
 
Außer ‘obraz’ existieren noch viele andere Bild-Aus&shy;drücke in der russi&shy;schen Sprache. Neben den schon erwähn&shy;ten ‘kopija’ und ‘oto&shy;braže&shy;nie’ sei hier nur noch ein weite&shy;res Wort zusätz&shy;lich ange&shy;führt: ‘karti&shy;na’. Die Bedeu&shy;tungssphä&shy;ren der beiden Bezeich&shy;nungen ‘obraz’ und ‘karti&shy;na’ verhal&shy;ten sich komple&shy;mentär zuein&shy;ander. Wenn ‘obraz’ eher mit dem engli&shy;schen [[Englisch: 'image' und 'picture'|‘image’]] vergleich&shy;bar ist, dann entspricht die Bedeu&shy;tung von ‘karti&shy;na’ eher [[Englisch: 'image' und 'picture'|‘pic&shy;ture’]]. Die mate&shy;rielle und künstli&shy;che Beschaf&shy;fenheit eines Objekts tritt bei diesem Bild-Begriff deutli&shy;cher in den Vorder&shy;grund. In Abgren&shy;zung zu ‘obraz’ vermit&shy;telt ‘karti&shy;na’ einen tenden&shy;ziell stati&shy;schen Gesamt&shy;eindruck über eine Reihe von [[Gestalt|Gestal&shy;ten]].
 
{{GlossarSiehe}}
* [[Bildvorstellungen]]
* [[Einbildungskraft]]
* [[Englisch: 'image' und 'picture']]
* [[Gestalt]]
* [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'|Griechisch: ‘agalma’, ‘phantasma’, ‘eidolon’, ‘typos’, ‘eikon’]]
* [[Ikone]]
* [[Mimesis]]
* [[Replika, Faksimile und Kopie]]
* [[Weltbild, Lebensform]]
 
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''Lektorat:''
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Aktuelle Version vom 1. Dezember 2013, 14:48 Uhr

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