Bildhermeneutik: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
==Das Verstehen von Bildern im Gespräch==
 
Im Sprechen über Bilder müssen kommunikative Platt&shy;formen des Aus&shy;tauschs ent&shy;wickelt werden, die als Prozess des Ver&shy;stehens zu validen Über&shy;ein&shy;künften zwischen den Betei&shy;ligten führen. Diese Platt&shy;formen bestehen aus Zeichen&shy;komplexen, auf die man sich inso&shy;weit einigen kann, als aus ihnen Meta&shy;ebenen gene&shy;riert werden können, die sich mit anderen Formen des Ver&shy;stehens ver&shy;knüpfen lassen – wer über Kunst&shy;werke spricht, wird lite&shy;rari&shy;sche Asso&shy;zia&shy;tionen eben&shy;so schätzen wie musi&shy;kalische Bezüge etwa in der [[sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|Meta&shy;pher]] eines male&shy;rischen Rhyth&shy;mus. Ana&shy;log bedür&shy;fen alle anderen Bilder trans&shy;forma&shy;tiver Hilfs&shy;mittel in der sprach&shy;lichen Über&shy;set&shy;zung – im medi&shy;zini&shy;schen Bereich sind feste Sprach&shy;konven&shy;tionen über visu&shy;elle Er&shy;scheinun&shy;gen für Patien&shy;ten von existen&shy;zieller Bedeu&shy;tung. Wie weit der&shy;artige Trans&shy;forma&shy;tionen in den indi&shy;vidu&shy;ellen Wahr&shy;nehmungs&shy;apparat ein&shy;greifen, mag an der De&shy;batte über die Vor- und Nach&shy;teile farbiger Dar&shy;stellungen in medi&shy;zinischen Bild&shy;gebungs&shy;verfahren ersehen werden (vgl. <bib id='Hennig 2006a'></bib>).
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<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
Philosophiegeschichtlich ist die Bild&shy;herme&shy;neutik mit der Onto&shy;logie des Kunst&shy;werks inter&shy;depen&shy;dent; von ihrem Ur&shy;sprung in der [[Mimesis|Mime&shy;sis]] (vgl. <bib id='Gebauer & Wulf 1992a'></bib>) bis zu Hans-Georg Gadamers Bestim&shy;mung in «Wahr&shy;heit und Methode» (vgl. <bib id='Gadamer 1960a'></bib>; <bib id='Sallis 2007a'></bib>), die haupt&shy;säch&shy;lich seiner Aus&shy;ein&shy;ander&shy;setzung mit Martin Heideg&shy;gers «Ur&shy;sprung des Kunst&shy;werks» ge&shy;schuldet war (vgl. <bib id='Heidegger 1986a'></bib>), schwebt die Bild&shy;herme&shy;neutik begriff&shy;lich zwischen dem An&shy;spruch auf um&shy;fassende Er&shy;klärung von Werken und der Er&shy;kenntnis eigener Begrenzt&shy;heit in der Sprach&shy;bindung, eben dem ''herme&shy;neutischen Zirkel''. Erst nach der Lösung des Bild&shy;begriffs von der Bindung an die Kunst konnte sich die Bild&shy;herme&shy;neutik durch neue Kontex&shy;tuali&shy;sierungen aus der Diskus&shy;sion um ihre eigenen Grenzen be&shy;freien und auf anwend&shy;bare Ele&shy;mente konzen&shy;trieren. Insbe&shy;sondere die Päda&shy;gogik hat die Bild&shy;herme&shy;neutik als Instru&shy;ment der [[Kommunikation|Kommu&shy;nika&shy;tion]] über unter&shy;schied&shy;liche Wissens- und Lern&shy;voraus&shy;setzungen erkannt und ent&shy;sprechend thema&shy;tisiert (vgl. <bib id='Sowa & Uhlig 2006a'></bib>). Mög&shy;lich wurde diese An&shy;wendung auch durch die Fragen der Betrach&shy;tung großer Mengen medialer Bilder, wie sie sich seit Erfindung der [[Fotografie|Foto&shy;grafie]] und seit deren Digi&shy;tali&shy;sierung noch einmal in einem Quanten&shy;sprung der Mengen&shy;bildung ergeben haben. Erst durch die [[Computergraphik|algo&shy;rithmi&shy;sche Gene&shy;rierung]] von Bildern hat sich die Bild&shy;herme&shy;neutik von narra&shy;tiven Ele&shy;menten und der damit ver&shy;bundenen Diskus&shy;sion ihrer eigenen Zeit&shy;gebunden&shy;heit be&shy;freien können (vgl. <bib id='Moser 2011a'></bib>).
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
:
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->
 




 
==Geschichte und Perspektiven der Bild&shy;herme&shy;neutik==
=====Engere Begriffsbestimmung=====
Bildhermeneutik ist das Sprechen über Bilder mit der Inten&shy;tion eines Ver&shy;ständ&shy;nisses, das von den Polen der Er&shy;kenntnis und des Inte&shy;resses geleitet wird (vgl. <bib id='Habermas 1973a'></bib>: S. 178-203). Dieses Ver&shy;ständnis setzt, wie Gottfried Boehm gezeigt hat, impli&shy;zit die Über&shy;setz&shy;bar&shy;keit von Bildern in Sprache voraus (vgl. <bib id='Boehm 2005a'></bib>); damit wird die herme&shy;neuti&shy;sche Arbeit auto&shy;matisch zu einer sprachlich fixierten Inter&shy;preta&shy;tion jeden gege&shy;benen Bildes. Während Boehm diese Über&shy;setz&shy;bar&shy;keit – die ja episte&shy;mische Voraus&shy;setzung für Wissen&shy;schafts&shy;zweige wie die Kunst&shy;geschichte war – allein aus der Ent&shy;wicklung einer sich selbst als auto&shy;nom bestim&shy;menden Kunst heraus als nicht mehr gegeben erklärt, wird die inter&shy;pretative Leistung der Bild&shy;herme&shy;neutik auch vom Bild&shy;begriff selbst bedroht: Mil&shy;lionen von Selbst&shy;insze&shy;nierun&shy;gen in den sozialen Netz&shy;werken des Inter&shy;nets sind kaum noch durch Einzel&shy;analysen begriff&shy;lich zu fassen, sondern formen sich zu Clustern der [[Ähnlichkeit|Ähn&shy;lich&shy;keit]], die als Kon&shy;ven&shy;tio&shy;na&shy;li&shy;sie&shy;rungen mit anderen Onto&shy;logien als der [[Allegorie|Alle&shy;gorese]] oder Ein&shy;fühlung zu bestim&shy;men sind. Inso&shy;fern wird Bild&shy;herme&shy;neutik auch zu einem Ele&shy;ment der Bestim&shy;mung der Semio&shy;sphäre (vgl. <bib id='Lotman 1990a'></bib>).
 
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In Europa ist der Beginn einer Bild&shy;herme&shy;neutik auf die Zeit nach der Re&shy;nais&shy;sance anzu&shy;setzen, während die antike Herme&shy;neutik als [[Idolatrie und Ikonoklasmus|ikono&shy;klastisch]] anzu&shy;sehen ist. Alle&shy;gorese und [[Ikonografie, Ikonologie, Ikonik|Ikono&shy;graphie]] kenn&shy;zeichnen die Bild&shy;herme&shy;neutik dahin&shy;gehend, dass Mittel und Metho&shy;den gesucht werden, gültige Wert&shy;urteile aus iko&shy;nischen Zeichen zu extra&shy;hieren und als sprach&shy;liche Meta&shy;phern zum Vor&shy;ver&shy;ständnis späterer Bild&shy;rezi&shy;pienten fest&shy;zulegen. Nicht-euro&shy;päische Formen der Bild&shy;herme&shy;neutik beschränken sich im selben Zeit&shy;raum auf deskrip&shy;tive Über&shy;tragungen narra&shy;tiver Bild&shy;ele&shy;mente, etwa im persi&shy;schen Fir&shy;dausi-Epos oder im chine&shy;sischen Roman der Ming-Zeit sowie deren Über&shy;tragung in Buch&shy;illustra&shy;tionen oder Texti&shy;lien; der&shy;artige Formen müssen auch heute bei der Betrach&shy;tung von medialen Bildern etwa aus asia&shy;tischen Kultur&shy;kreisen noch beachtet werden (vgl. <bib id='Sachsse 2006a'></bib>).
 
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Erst im Gefolge von Aufklärung und Romantik bildet sich in Europa die Bild&shy;herme&shy;neutik dahin&shy;gehend aus, dass sie den An&shy;spruch erhebt, in ihrer Inter&shy;preta&shy;tions&shy;leistung über die Arbeit des schaf&shy;fenden Genies hinaus&shy;zugehen. Nach Wilhelm Dilthey begründet die Her&shy;meneu&shy;tik als Ver&shy;fahren über&shy;haupt die Geistes&shy;wissen&shy;schaften (vgl. <bib id='Kühne-Bertram & Rodi 2008a'></bib>), doch bahnt sich hier be&shy;reits die Erfah&shy;rung der Sprach&shy;grenzen an, die zum Gada&shy;merschen Schlag&shy;wort vom ‘her&shy;meneu&shy;tischen Zirkel’ führten: Jen&shy;seits der Sprache scheint keine Her&shy;meneu&shy;tik mögl&shy;ich zu sein, gerade auch nicht bei der Betrach&shy;tung von Kunst&shy;werken oder beim Hören von Musik. Diesem Problem scheinen kommu&shy;nika&shy;tions&shy;wissen&shy;schaft&shy;lich begrün&shy;dete An&shy;sätze wie die von Karl-Otto Apel (vgl. <bib id='Apel 2002a'></bib>), Ulrich Oever&shy;mann (vgl. <bib id='Oevermann et al. 1979a'></bib>) und Paul Ricœur (vgl. <bib id='Ricœur 1973a'></bib>) ent&shy;gehen zu können, indem sie [[Kontext|kontex&shy;tuelle Ele&shy;mente]] in die Arbeit des Ver&shy;stehens ein&shy;fließen lassen, von existen&shy;tialphilo&shy;sophischen über soziale bis zu zeit&shy;lichen Bin&shy;dungen, die die her&shy;meneu&shy;tische Leistung des Ein&shy;zelnen im Ange&shy;sichts des Bildes beein&shy;flussen. Doch „die stumme Bild&shy;kritik des Ent&shy;wurfs“ (<bib id='Renner 2011a'></bib>) – eine Neu&shy;auflage des alten ''disegno''-Prinzips unter herme&shy;neuti&shy;schem Blick&shy;winkel – bleibt auch hier be&shy;stehen: Alle Über&shy;setzungs&shy;leistun&shy;gen aus dem Bild in die Sprache bleiben begrenzt.
=====optional Beispiele=====
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Mit dieser Begrenzung gut leben können diverse An&shy;wen&shy;dungen der Bild&shy;herme&shy;neutik, die sich auf Teil&shy;aspekte der Rezep&shy;tion wie in der Päda&shy;gogik oder auf anthro&shy;polo&shy;gische, ethno&shy;logische oder theo&shy;logische Frage&shy;stellun&shy;gen konzen&shy;trieren. Sie alle bedür&shy;fen keiner letzten Klä&shy;rung der Sprach&shy;bindung der Bild&shy;herme&shy;neutik, da sie in ihren Teil&shy;berei&shy;chen ohne&shy;hin mit begrenz&shy;ten Reich&shy;weiten ihrer Er&shy;örte&shy;rungen arbeiten. Episte&shy;mologisch interes&shy;santer wird die Bild&shy;herme&shy;neutik heute eher in einem Mittler&shy;bereich zwischen zwei nicht-sprach&shy;lichen Bild&shy;verfa&shy;hren und ihrer Rezep&shy;tion, über&shy;all dort, wo die Erken&shy;nung von Bildern als program&shy;mierte Leistung in einen weiteren Prozess der Kommu&shy;nika&shy;tion – Über&shy;wachung, Wieder&shy;erken&shy;nung, Bereit&shy;stellung und Aus&shy;wahl größerer Bild&shy;mengen – ein&shy;fließt (vgl. <bib id='Cipolla et al. 2010a'></bib>). Die Computer&shy;visua&shy;listik ist in sich selbst durchaus als Zirkel der Bild&shy;herme&shy;neutik zu begreifen, indem sie algo&shy;rithmi&shy;sche Instru&shy;mente bereit&shy;stellt, erkannte Bilder in zuvor program&shy;mierte Kontexte einzu&shy;binden und daraus ein bild&shy;haftes Handeln zu steuern, dessen intrin&shy;sische Logik sprach&shy;lich gebundener Ratio&shy;nalität mindestens ansatz&shy;weise zu entsprechen vermag (vgl. <bib id='Sachs-Hombach 1999b'></bib> und <bib id='Schirra 2005a'></bib>).
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Gerade die Computervisualistik mag es der Bild&shy;herme&shy;neutik ermög&shy;lichen, sich zum zentra&shy;len For&shy;schungs&shy;gebiet einer nicht- oder vor&shy;sprach&shy;lichen Ratio&shy;nalität zu ent&shy;wickeln; sie könnte damit einem roman&shy;tischen Ein&shy;fühlungs&shy;vermögen, das die Bild&shy;herme&shy;neutik wissen&shy;schaftlich – insbe&shy;sondere in ihrer An&shy;wendung in der Kunst- als Stil&shy;geschichte – über mehr als ein Jahr&shy;hundert gelähmt hat, im Rahmen neuer Kontex&shy;tuali&shy;sierungen von Bildern, auch denen der Kunst, große Dienste erweisen.
 
:
=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
{{GlossarSiehe}}
 
* [[Ähnlichkeit]]
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* [[Allegorie]]
* [[Bildinterpretation]]
* [[Bildpragmatik]]
* [[Bildrezeption als Kommunikationsprozess]]
* [[Bildsemantik]]
* [[Computergraphik]]
* [[Ekphrasis]]
* [[Fotografie]]
* [[Idolatrie und Ikonoklasmus]]
* [[Ikonografie, Ikonologie, Ikonik]]
* [[Kommunikation]]
* [[Kontext]]
* [[Mimesis]]
* [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie]]


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* [[Benutzer:Rolf Sachsse|Sachsse, Rolf]]
[[Benutzer:XXX]]
 
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* [[Benutzer:Mark A. Halawa|Halawa, Mark]]
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Sprechen über Bilder


Das Verstehen von Bildern im Gespräch

Im Sprechen über Bilder müssen kommunikative Platt­formen des Aus­tauschs ent­wickelt werden, die als Prozess des Ver­stehens zu validen Über­ein­künften zwischen den Betei­ligten führen. Diese Platt­formen bestehen aus Zeichen­komplexen, auf die man sich inso­weit einigen kann, als aus ihnen Meta­ebenen gene­riert werden können, die sich mit anderen Formen des Ver­stehens ver­knüpfen lassen – wer über Kunst­werke spricht, wird lite­rari­sche Asso­zia­tionen eben­so schätzen wie musi­kalische Bezüge etwa in der Meta­pher eines male­rischen Rhyth­mus. Ana­log bedür­fen alle anderen Bilder trans­forma­tiver Hilfs­mittel in der sprach­lichen Über­set­zung – im medi­zini­schen Bereich sind feste Sprach­konven­tionen über visu­elle Er­scheinun­gen für Patien­ten von existen­zieller Bedeu­tung. Wie weit der­artige Trans­forma­tionen in den indi­vidu­ellen Wahr­nehmungs­apparat ein­greifen, mag an der De­batte über die Vor- und Nach­teile farbiger Dar­stellungen in medi­zinischen Bild­gebungs­verfahren ersehen werden (vgl. [Hennig 2006a]Hennig, Jürgen (2006): Farbeinsatz in der medizinischen Visualisierung. Bildwelten des Wissens, Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik, 4, 1.
Nicht angezeigt: Hg.: Bredekamp, H.; Bruhn, M. & Werner, G.
).

Philosophiegeschichtlich ist die Bild­herme­neutik mit der Onto­logie des Kunst­werks inter­depen­dent; von ihrem Ur­sprung in der Mime­sis (vgl. [Gebauer & Wulf 1992a]Gebauer, Gunter & Wulf, Christoph (1992): Mimesis. Kultur – Kunst – Gesellschaft. rororo, Reinbek.
) bis zu Hans-Georg Gadamers Bestim­mung in «Wahr­heit und Methode» (vgl. [Gadamer 1960a]Gadamer, Hans-Georg (1960): Wahrheit und Methode. Mohr Siebeck, Tübingen.
; [Sallis 2007a]Sallis, John (2007): The Hermeneutics of the Artwork. Die Ontologie des Kunstwerks und ihre hermeneutische Bedeutung (GW 1, 87-138). In: Figal, G. (Hg.), Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Akademie, Berlin.
Nicht angezeigt: Klassiker Auslegen Bd. 30
), die haupt­säch­lich seiner Aus­ein­ander­setzung mit Martin Heideg­gers «Ur­sprung des Kunst­werks» ge­schuldet war (vgl. [Heidegger 1986a]Heidegger, Martin (1986): Ursprung des Kunstwerkes (1935/36). Reclam, Philipp, jun., Ditzingen.
), schwebt die Bild­herme­neutik begriff­lich zwischen dem An­spruch auf um­fassende Er­klärung von Werken und der Er­kenntnis eigener Begrenzt­heit in der Sprach­bindung, eben dem herme­neutischen Zirkel. Erst nach der Lösung des Bild­begriffs von der Bindung an die Kunst konnte sich die Bild­herme­neutik durch neue Kontex­tuali­sierungen aus der Diskus­sion um ihre eigenen Grenzen be­freien und auf anwend­bare Ele­mente konzen­trieren. Insbe­sondere die Päda­gogik hat die Bild­herme­neutik als Instru­ment der Kommu­nika­tion über unter­schied­liche Wissens- und Lern­voraus­setzungen erkannt und ent­sprechend thema­tisiert (vgl. [Sowa & Uhlig 2006a]Sowa, Hubert & Uhlig, Bettina (2006): Bildhandlungen und ihr Sinn. Methodenfragen einer kunstpädagogischen Bildhermeneutik. In: Marotzki, W. & Niesyto, H. (Hg.), Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive. VS, Wiesbaden.
Nicht angezeigt: Medienbildung und Gesellschaft Bd. 2
). Mög­lich wurde diese An­wendung auch durch die Fragen der Betrach­tung großer Mengen medialer Bilder, wie sie sich seit Erfindung der Foto­grafie und seit deren Digi­tali­sierung noch einmal in einem Quanten­sprung der Mengen­bildung ergeben haben. Erst durch die algo­rithmi­sche Gene­rierung von Bildern hat sich die Bild­herme­neutik von narra­tiven Ele­menten und der damit ver­bundenen Diskus­sion ihrer eigenen Zeit­gebunden­heit be­freien können (vgl. [Moser 2011a]Moser, Natalie (2011): Gegen das Bild ,anerzählen’. Rheinsprung 11: Zeitschrift für Bildkritik, 1, 1.
Webadresse: rheinsprung11.unibas.ch/volume-01.html
).


Geschichte und Perspektiven der Bild­herme­neutik

Bildhermeneutik ist das Sprechen über Bilder mit der Inten­tion eines Ver­ständ­nisses, das von den Polen der Er­kenntnis und des Inte­resses geleitet wird (vgl. [Habermas 1973a]Habermas, Jürgen (1973): Erkenntnis und Interesse. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 178-203). Dieses Ver­ständnis setzt, wie Gottfried Boehm gezeigt hat, impli­zit die Über­setz­bar­keit von Bildern in Sprache voraus (vgl. [Boehm 2005a]Boehm, Gottfried (2005): Das Bild und die hermeneutische Reflexion. In: Figal, G. & Gander H. H. (Martin-Heidegger-Gesellschaft) (Hg.), Dimensionen des Hermeneutischen. Heidegger und Gadamer. Vittorio Klostermann, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Schriftenreihe Band 7
); damit wird die herme­neuti­sche Arbeit auto­matisch zu einer sprachlich fixierten Inter­preta­tion jeden gege­benen Bildes. Während Boehm diese Über­setz­bar­keit – die ja episte­mische Voraus­setzung für Wissen­schafts­zweige wie die Kunst­geschichte war – allein aus der Ent­wicklung einer sich selbst als auto­nom bestim­menden Kunst heraus als nicht mehr gegeben erklärt, wird die inter­pretative Leistung der Bild­herme­neutik auch vom Bild­begriff selbst bedroht: Mil­lionen von Selbst­insze­nierun­gen in den sozialen Netz­werken des Inter­nets sind kaum noch durch Einzel­analysen begriff­lich zu fassen, sondern formen sich zu Clustern der Ähn­lich­keit, die als Kon­ven­tio­na­li­sie­rungen mit anderen Onto­logien als der Alle­gorese oder Ein­fühlung zu bestim­men sind. Inso­fern wird Bild­herme­neutik auch zu einem Ele­ment der Bestim­mung der Semio­sphäre (vgl. [Lotman 1990a]Lotman, Juri M. (1990): The Universe of the Mind. A Semiotic Theory of Culture. Indiana University Press, London, New York.
).

In Europa ist der Beginn einer Bild­herme­neutik auf die Zeit nach der Re­nais­sance anzu­setzen, während die antike Herme­neutik als ikono­klastisch anzu­sehen ist. Alle­gorese und Ikono­graphie kenn­zeichnen die Bild­herme­neutik dahin­gehend, dass Mittel und Metho­den gesucht werden, gültige Wert­urteile aus iko­nischen Zeichen zu extra­hieren und als sprach­liche Meta­phern zum Vor­ver­ständnis späterer Bild­rezi­pienten fest­zulegen. Nicht-euro­päische Formen der Bild­herme­neutik beschränken sich im selben Zeit­raum auf deskrip­tive Über­tragungen narra­tiver Bild­ele­mente, etwa im persi­schen Fir­dausi-Epos oder im chine­sischen Roman der Ming-Zeit sowie deren Über­tragung in Buch­illustra­tionen oder Texti­lien; der­artige Formen müssen auch heute bei der Betrach­tung von medialen Bildern etwa aus asia­tischen Kultur­kreisen noch beachtet werden (vgl. [Sachsse 2006a]Sachsse, Rolf (2006): Geknüpfter und gewebter Krieg. Militärische Motive auf afghanischen Teppichen. Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 3, 2.
Webadresse: zeithistorische-forschungen.de/16126041-Sachsse-2-2006
Notiz: Online-volume
).

Erst im Gefolge von Aufklärung und Romantik bildet sich in Europa die Bild­herme­neutik dahin­gehend aus, dass sie den An­spruch erhebt, in ihrer Inter­preta­tions­leistung über die Arbeit des schaf­fenden Genies hinaus­zugehen. Nach Wilhelm Dilthey begründet die Her­meneu­tik als Ver­fahren über­haupt die Geistes­wissen­schaften (vgl. [Kühne-Bertram & Rodi 2008a]Kühne-Bertram, Gudrun & Rodi, Frithjof (Hg.) (2008): Dilthey und die hermeneutische Wende in der Philosophie: Wirkungsgeschichtliche Aspekte seines Werkes. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.
), doch bahnt sich hier be­reits die Erfah­rung der Sprach­grenzen an, die zum Gada­merschen Schlag­wort vom ‘her­meneu­tischen Zirkel’ führten: Jen­seits der Sprache scheint keine Her­meneu­tik mögl­ich zu sein, gerade auch nicht bei der Betrach­tung von Kunst­werken oder beim Hören von Musik. Diesem Problem scheinen kommu­nika­tions­wissen­schaft­lich begrün­dete An­sätze wie die von Karl-Otto Apel (vgl. [Apel 2002a]Apel, Karl-Otto (2002): Transformation der Philosophie, Bd. 1: Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik. Suhrkamp, Frankfurt/M.
), Ulrich Oever­mann (vgl. [Oevermann et al. 1979a]Oevermann, Ulrich & Allert, Tilman & Konau, Elisabeth & Krambeck, Jürgen (1979): Die Methodologie einer ‘objektiven Hermeneutik’ und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Soeffner, H.-G. (Hg.), Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Metzler, Stuttgart.
) und Paul Ricœur (vgl. [Ricœur 1973a]Ricœur, Paul (1973): Hermeneutik und Strukturalismus. Der Konflikt der Interpretationen 1. Koesel, München.
Nicht angezeigt: übers. v. Johannes Rütsche
) ent­gehen zu können, indem sie kontex­tuelle Ele­mente in die Arbeit des Ver­stehens ein­fließen lassen, von existen­tialphilo­sophischen über soziale bis zu zeit­lichen Bin­dungen, die die her­meneu­tische Leistung des Ein­zelnen im Ange­sichts des Bildes beein­flussen. Doch „die stumme Bild­kritik des Ent­wurfs“ ([Renner 2011a]Renner, Michael (2011): Die stumme Bildkritik des Entwurfs. Rheinsprung 11: Zeitschrift für Bildkritik, 1, 1.
Webadresse: rheinsprung11.unibas.ch/volume-01.html.
) – eine Neu­auflage des alten disegno-Prinzips unter herme­neuti­schem Blick­winkel – bleibt auch hier be­stehen: Alle Über­setzungs­leistun­gen aus dem Bild in die Sprache bleiben begrenzt.

Mit dieser Begrenzung gut leben können diverse An­wen­dungen der Bild­herme­neutik, die sich auf Teil­aspekte der Rezep­tion wie in der Päda­gogik oder auf anthro­polo­gische, ethno­logische oder theo­logische Frage­stellun­gen konzen­trieren. Sie alle bedür­fen keiner letzten Klä­rung der Sprach­bindung der Bild­herme­neutik, da sie in ihren Teil­berei­chen ohne­hin mit begrenz­ten Reich­weiten ihrer Er­örte­rungen arbeiten. Episte­mologisch interes­santer wird die Bild­herme­neutik heute eher in einem Mittler­bereich zwischen zwei nicht-sprach­lichen Bild­verfa­hren und ihrer Rezep­tion, über­all dort, wo die Erken­nung von Bildern als program­mierte Leistung in einen weiteren Prozess der Kommu­nika­tion – Über­wachung, Wieder­erken­nung, Bereit­stellung und Aus­wahl größerer Bild­mengen – ein­fließt (vgl. [Cipolla et al. 2010a]Cipolla, Roberto; Battiato, Sebastiano & Farinella, Giovanni Maria (2010): Computer Vision: Detection, Recognition and Reconstruction. Springer, Berlin, Heidelberg
). Die Computer­visua­listik ist in sich selbst durchaus als Zirkel der Bild­herme­neutik zu begreifen, indem sie algo­rithmi­sche Instru­mente bereit­stellt, erkannte Bilder in zuvor program­mierte Kontexte einzu­binden und daraus ein bild­haftes Handeln zu steuern, dessen intrin­sische Logik sprach­lich gebundener Ratio­nalität mindestens ansatz­weise zu entsprechen vermag (vgl. [Sachs-Hombach 1999b]Sachs-Hombach, Klaus (1999): Fragen der Bildwissenschaft. Über den Studiengang Computervisualistik. form diskurs, 7, 2.
Nicht angezeigt: 4. Jg.
und [Schirra 2005a]Schirra, Jörg R.J. (2005): Foundation of Computational Visualistics. DUV, Wiesbaden.
).

Gerade die Computervisualistik mag es der Bild­herme­neutik ermög­lichen, sich zum zentra­len For­schungs­gebiet einer nicht- oder vor­sprach­lichen Ratio­nalität zu ent­wickeln; sie könnte damit einem roman­tischen Ein­fühlungs­vermögen, das die Bild­herme­neutik wissen­schaftlich – insbe­sondere in ihrer An­wendung in der Kunst- als Stil­geschichte – über mehr als ein Jahr­hundert gelähmt hat, im Rahmen neuer Kontex­tuali­sierungen von Bildern, auch denen der Kunst, große Dienste erweisen.

Anmerkungen
Literatur
[Apel 2002a]Apel, Karl-Otto (2002): Transformation der Philosophie, Bd. 1: Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Boehm 2005a]Boehm, Gottfried (2005): Das Bild und die hermeneutische Reflexion. In: Figal, G. & Gander H. H. (Martin-Heidegger-Gesellschaft) (Hg.), Dimensionen des Hermeneutischen. Heidegger und Gadamer. Vittorio Klostermann, Frankfurt/M.[Cipolla et al. 2010a]Cipolla, Roberto; Battiato, Sebastiano & Farinella, Giovanni Maria (2010): Computer Vision: Detection, Recognition and Reconstruction. Springer, Berlin, Heidelberg [Gadamer 1960a]Gadamer, Hans-Georg (1960): Wahrheit und Methode. Mohr Siebeck, Tübingen.[Gebauer & Wulf 1992a]Gebauer, Gunter & Wulf, Christoph (1992): Mimesis. Kultur – Kunst – Gesellschaft. rororo, Reinbek.[Habermas 1973a]Habermas, Jürgen (1973): Erkenntnis und Interesse. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Heidegger 1986a]Heidegger, Martin (1986): Ursprung des Kunstwerkes (1935/36). Reclam, Philipp, jun., Ditzingen.[Hennig 2006a]Hennig, Jürgen (2006): Farbeinsatz in der medizinischen Visualisierung. Bildwelten des Wissens, Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik, 4, 1.[Kühne-Bertram & Rodi 2008a]Kühne-Bertram, Gudrun & Rodi, Frithjof (Hg.) (2008): Dilthey und die hermeneutische Wende in der Philosophie: Wirkungsgeschichtliche Aspekte seines Werkes. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.[Lotman 1990a]Lotman, Juri M. (1990): The Universe of the Mind. A Semiotic Theory of Culture. Indiana University Press, London, New York.[Moser 2011a]Moser, Natalie (2011): Gegen das Bild ,anerzählen’. Rheinsprung 11: Zeitschrift für Bildkritik, 1, 1.[Oevermann et al. 1979a]Oevermann, Ulrich & Allert, Tilman & Konau, Elisabeth & Krambeck, Jürgen (1979): Die Methodologie einer ‘objektiven Hermeneutik’ und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Soeffner, H.-G. (Hg.), Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Metzler, Stuttgart.[Renner 2011a]Renner, Michael (2011): Die stumme Bildkritik des Entwurfs. Rheinsprung 11: Zeitschrift für Bildkritik, 1, 1.[Ricœur 1973a]Ricœur, Paul (1973): Hermeneutik und Strukturalismus. Der Konflikt der Interpretationen 1. Koesel, München.[Sachs-Hombach 1999b]Sachs-Hombach, Klaus (1999): Fragen der Bildwissenschaft. Über den Studiengang Computervisualistik. form diskurs, 7, 2.[Sachsse 2006a]Sachsse, Rolf (2006): Geknüpfter und gewebter Krieg. Militärische Motive auf afghanischen Teppichen. Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 3, 2.[Sallis 2007a]Sallis, John (2007): The Hermeneutics of the Artwork. Die Ontologie des Kunstwerks und ihre hermeneutische Bedeutung (GW 1, 87-138). In: Figal, G. (Hg.), Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Akademie, Berlin.[Schirra 2005a]Schirra, Jörg R.J. (2005): Foundation of Computational Visualistics. DUV, Wiesbaden.[Sowa & Uhlig 2006a]Sowa, Hubert & Uhlig, Bettina (2006): Bildhandlungen und ihr Sinn. Methodenfragen einer kunstpädagogischen Bildhermeneutik. In: Marotzki, W. & Niesyto, H. (Hg.), Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive. VS, Wiesbaden.

Ausgabe 1: 2013

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Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Mark A. Halawa und Marcel Lemmes — (Hinweis)

Zitierhinweis:

Sachsse, Rolf (2013). Bildhermeneutik. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Bildhermeneutik].