Perspektivik: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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=====Perspektivik als relationales Prinzip=====
==Perspektivik als relatio&shy;nales Prinzip==
 
Der Terminus ''Perspektivik'' referiert auf ein basales kognitives Prinzip, das insofern auf der grundlegenden Disposition menschlicher Raumwahrnehmung basiert, als konkrete Objekte für das sehende, an einen Körper gebundene Subjekt immer nur aus einem bestimmten Blickwinkel erfassbar sind: Beim Blick auf eine Statue bestimmt der Standort des Betrachters, ob die Vorder-, Rück-, Ober- oder Unterseite des Objekts wahrnehmbar ist. Im kanonischen Fall der konkreten Perzeptionssituation ist dieser Standort bedingt durch das Hier und Jetzt des Betrachters: die wahrgenommenen Aspekte sind Resultat der jeweiligen spatio-temporalen Situierung, während jeder Positionswechsel einen Wechsel der Ansicht und damit eine Veränderung der Erscheinung des jeweiligen Objekts nach sich zieht (vgl. <bib id='Foppa 2002a'></bib>: S. 17; <bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 25f.). Gemäß dieser aus dem Leibapriori ableitbaren „Grundbedingung aller Wahrnehmung“ (<bib id='Köller 2004a'></bib>: S. 11) erweist sich das Prinzip der Perspektivik als standortabhängige Relation zwischen wahrnehmenden Subjekt und wahrgenommenen Objekt. In dieser Hinsicht hat Dürer das Auge, den „Gegenwurf“ (als Lehnübersetzung zu lat. ''objectum'') und den Abstand zwischen diesen beiden Bezugspunkten für die Beschreibung von Perspektive als konstitutiv erachtet:
 
„Daz erst ist daz awg, daz do siht. Daz ander ist der gegen würff, der gesehen wirt. Daz trit ist dy weiten do tzwischen.“ (<bib id='Rupprich 1969a'></bib>: S. 373)<ref> Dürer nennt an dieser Stelle insgesamt fünf konstitutive Elemente der Perspektive, wobei die beiden weiteren Merkmale („Daz firt: alding sicht man durch gerad linj, daz sind dy kürtzesten linj. Item daz fünft ist dy teillung von ein ander der ding, dy dw sichst“; zit. nach <bib id='Rupprich 1969a'></bib>: S. 373) durch die spezifische Charakteristik der Zentralperspektive bedingt sind, die für Dürer als ''die'' Perspektive gilt. </ref>
[[Datei:Duerer-Perspektive.jpg|thumb|Abbildung 1: Der Zeichner des liegenden Weibes (aus Albrecht Dürer: Underweysung der Messung mit dem Zirckel und Richtscheyt (ca. 1525)]]
Von dieser „natürlichen“ Perspektivität (''perspectiva naturalis'') als grundlegend kognitivem wie genuin relationalem Konzept ist die „künstliche“ Perspektivität (''perspectiva artificialis'') als Darstellungsmodus zu unterscheiden, die auf einer Übertragung dieses Grundprinzips basiert und aufgrund der Differenz zwischen Urbild und Abbild in einem Spannungsverhältnis zu „natürlichen“ Perspektivierungsstrukturen steht. In dieser abstrakten Bedeutung erweist sich das Prinzip der Perspektivik für die Symbolsysteme Bild und Sprache gleichermaßen als basal.
Vor dem Hintergrund erkenntnistheoretischer Fragestellungen ist Perspektivität zudem als Ordnungsbegriff zu verstehen, der hinsichtlich der konzeptionellen Erfassung von Bedeutungsinhalten durch die Relation zwischen Objekt- und Subjektsphäre bestimmt ist. Das Prinzip der Perspektivik ist damit vor dem Hintergrund der Frage nach dem Verhältnis von Kognition, [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Symbolsystem]] und seinem Verhältnis zur Welt zu beschreiben, wie sie innerhalb der Bildwissenschaft für die Problembereiche von ⊳ [[Mimesis]], ⊳ [[Naturalismus und Realismus]], ⊳ [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen]] verhandelt wird.
 
=====Perspektivik: Perspektiven und „die Perspektive“=====
 
Der Terminus Perspektive entstammt dem Bereich der visuellen Wahrnehmung und führt etymologisch zurück auf lat. ''perspicere'' (‚genau sehen‘). In dieser Bedeutung bezeichnet die ''perspectiva naturalis'' (bzw. ''perspectiva communis'', ''visio perspectiva'') als Übersetzung des griechischen Begriffs der ''optike techné'' (vgl. <bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 11) ursprünglich die antike und mittelalterliche Theorie des „direkten, reflektierten oder gebrochenen Sehens“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 85). Von dieser „natürlichen“ Perspektive als psychophysiologischem Anschauungsmodus ist die ''perspectiva artificialis'' als Darstellungsmodus (vgl. <bib id='Thaliat 2005a'></bib>: S. 204) bzw. „Perspektive der Maler“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 11) zu trennen, wie sie terminologisch auch unter den Begriffen der ''angewandten Perspektive'', ''ars perspectiva'', ''künstlerische'' bzw. ''künstliche'' Perspektive gefasst wird und sie sich beispielsweise als Farb-, Licht- und Luftperspektive bzw. Bedeutungs-/Relevanzperspektive etc. objektiviert zeigt (⊳ [[Perspektive und Projektion]]). Seit der Renaissance wird der Terminus der künstlichen Perspektive nun nicht vorzugsweise als allgemeine Bezeichnungsweise für Projektionsverfahren spatialer Darstellung verwendet, sondern ebenfalls als Bezeichnung für den spezifischen Darstellungsmodus der Zentral- bzw. Linearperspektive als systematische Verfahrensweise zur Darstellung des dreidimensionalen [[Raum und Geometrie|Raumes]] auf einer zweidimensionalen Oberfläche (<bib id='O’Riley 1998a'></bib>: S. 17), die seit ihrer Entwicklung im 14. Jahrhundert als der korrekte Darstellungsmodus der ''visio perspectiva'' menschlicher Wahrnehmung gilt und damit zur Perspektive per se wird. Diese Bedeutungsverengung ist bereits in der Bezeichnung Dürers der (Zentral-)Perspektive als „durchsehung“ abzulesen („Item prospectiua ist ein lateinisch wort, pedewt ein durchsehung“, <bib id='Rupprich 1969a'></bib>: S. 373), als das Bild des „Durchblicks“ das linearperspektivische Konzept der Zentrierung des Blickfelds impliziert.


Der Begriff der "Perspektive" erweist sich damit als doppeldeutig: Er verweist zum einen auf das Konzept der Perspektivik als universale Basisprämisse für jede Wahrnehmungs- wie Darstellungsform (→  [[Perspektivik#Perspektivik als anthropologische Basisprämisse|Abschnitt 3]]). Zugleich wird vor dem Hintergrund der obigen Begriffsbestimmung deutlich, dass zwischen den jeweiligen Ausprägungen von Perspektivität in Abhängigkeit zum jeweiligen kulturhistorischen Bedingungsgefüge zu differenzieren ist (→ [[Perspektivik#Perspektivik als kulturhistorisches Konzept|Abschnitt 4]]). Diese Ambiguität spiegelt sich exemplarisch in den Kontroversen um den Status der Zentralperspektive wider: auf der individuellen Ebene in der Frage nach dem Verhältnis des zentralperspektivischen Darstellungs- zum „natürlichen“ Wahrnehmungsmodus („Natürlichkeitsparadoxon“), auf der kulturellen Ebene in der Kontroverse um den Status als „symbolische Form“ bzw. kulturgebundenes Dispositiv (→ [[Perspektivik#Perspektivik als kulturhistorisches Konzept#Die Zentralperspektive als „symbolische Form“: Das Natürlichkeitsparadoxon|Abschnitt 4.2]]).
Der Terminus ‘''Perspektivik''’ refe&shy;riert auf ein basa&shy;les kogni&shy;tives Prinzip, das inso&shy;fern auf der grundle&shy;genden Dispo&shy;sition menschli&shy;cher Raum&shy;wahrneh&shy;mung basiert, als konkre&shy;te Objek&shy;te für das sehen&shy;de, an einen Körper gebun&shy;dene Subjekt immer nur aus einem bestimm&shy;ten Blickwin&shy;kel erfass&shy;bar sind: Beim [[Blick]] auf eine Statue bestimmt der Standort des Betrach&shy;ters, ob die Vorder-, Rück-, Ober- oder Unter&shy;seite des Objekts wahrnehm&shy;bar ist. Im kano&shy;nischen Fall der konkre&shy;ten Perzep&shy;tionssi&shy;tuation ist dieser Standort bedingt durch das Hier und Jetzt des Betrach&shy;ters: die wahrge&shy;nomme&shy;nen Aspek&shy;te sind Resul&shy;tat der jewei&shy;ligen spatio-tempo&shy;ralen Situ&shy;ierung, während jeder Posi&shy;tionswech&shy;sel einen Wechsel der Ansicht und damit eine Verän&shy;derung der Erschei&shy;nung des jewei&shy;ligen Objekts nach sich zieht (vgl. <bib id='Foppa 2002a'></bib>: S. 17; <bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 25f.). Gemäß dieser aus dem Leib&shy;aprio&shy;ri ableit&shy;baren „Grundbe&shy;dingung aller Wahrneh&shy;mung“ (<bib id='Köller 2004a'></bib>: S. 11) erweist sich das Prinzip der Perspek&shy;tivik als standort&shy;abhän&shy;gige Rela&shy;tion zwischen wahrneh&shy;menden Subjekt und wahrge&shy;nomme&shy;nen Objekt. In dieser Hinsicht hat Dürer das Auge, den „Gegen&shy;wurf“ (als Lehn&shy;über&shy;setzung zu lat. ''objec&shy;tum'') und den Abstand zwischen diesen beiden Bezugs&shy;punkten für die Beschrei&shy;bung von Perspek&shy;tive als konsti&shy;tutiv erach&shy;tet (vgl. auch Abb. 1):
:
:''Daz erst ist daz awg, daz do siht. Daz ander ist der gegen würff, der gese&shy;hen wirt. Daz trit ist dy weiten do tzwischen.'' (<bib id='Rupprich 1969a'></bib>: S. 373)<ref>Dü&shy;rer nennt an die&shy;ser Stel&shy;le ins&shy;ge&shy;samt fünf kon&shy;sti&shy;tu&shy;ti&shy;ve Ele&shy;men&shy;te der Per&shy;spek&shy;ti&shy;ve, wo&shy;bei die bei&shy;den wei&shy;te&shy;ren Merk&shy;ma&shy;le („Daz firt: al&shy;ding sicht man durch ge&shy;rad li&shy;nj, daz sind dy kürt&shy;zes&shy;ten li&shy;nj. Item daz fünft ist dy teil&shy;lung von ein an&shy;der der ding, dy dw sichst“; zit. nach <bib id='Rupprich 1969a'>Rupp&shy;rich 1969a</bib>: S. 373) durch die spe&shy;zi&shy;fi&shy;sche Cha&shy;rak&shy;te&shy;ris&shy;tik der Zen&shy;tral&shy;per&shy;spek&shy;ti&shy;ve be&shy;dingt sind, die für Dü&shy;rer als ''die'' Per&shy;spek&shy;ti&shy;ve gilt. </ref>
:
[[Datei:Duerer-Perspektive.jpg|thumb|Ab&shy;bil&shy;dung 1: Die per&shy;spek&shy;ti&shy;vi&shy;sche Seh-Kon&shy;fi&shy;gu&shy;ra&shy;ti&shy;on bei Al&shy;brecht Dü&shy;rer (1525)]]
Von die&shy;ser “na&shy;tür&shy;li&shy;chen” Per&shy;spek&shy;ti&shy;vi&shy;tät (''per&shy;spec&shy;ti&shy;va na&shy;tu&shy;ra&shy;lis'') als grund&shy;le&shy;gend kog&shy;ni&shy;ti&shy;vem wie ge&shy;nu&shy;in re&shy;la&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;lem Kon&shy;zept ist die “künst&shy;li&shy;che” Per&shy;spek&shy;ti&shy;vi&shy;tät (''per&shy;spec&shy;ti&shy;va ar&shy;ti&shy;fi&shy;ci&shy;a&shy;lis'') als Dar&shy;stel&shy;lungs&shy;mo&shy;dus zu un&shy;ter&shy;schei&shy;den, die auf ei&shy;ner Über&shy;tra&shy;gung die&shy;ses Grund&shy;prin&shy;zips ba&shy;siert und auf&shy;grund der Dif&shy;fe&shy;renz zwi&shy;schen Ur&shy;bild und Ab&shy;bild in ei&shy;nem Span&shy;nungs&shy;ver&shy;hält&shy;nis zu “na&shy;tür&shy;li&shy;chen” Per&shy;spek&shy;ti&shy;vie&shy;rungs&shy;struk&shy;tu&shy;ren steht. In die&shy;ser ab&shy;strak&shy;ten Be&shy;deu&shy;tung er&shy;weist sich das Prin&shy;zip der Per&shy;spek&shy;ti&shy;vik für die Sym&shy;bol&shy;sys&shy;te&shy;me Bild und Spra&shy;che glei&shy;cher&shy;ma&shy;ßen als ba&shy;sal.
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Vor dem Hintergrund erkennt&shy;nistheo&shy;reti&shy;scher Frage&shy;stellun&shy;gen ist Perspek&shy;tivi&shy;tät zudem als Ordnungs&shy;begriff zu verste&shy;hen, der hinsicht&shy;lich der konzep&shy;tionel&shy;len Erfas&shy;sung von Bedeu&shy;tungsin&shy;halten durch die Rela&shy;tion zwischen Objekt- und Subjekt&shy;sphäre bestimmt ist. Das Prinzip der Perspek&shy;tivik ist damit vor dem Hinter&shy;grund der Frage nach dem Verhält&shy;nis von Kogni&shy;tion, [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Symbol&shy;system]] und seinem Verhält&shy;nis zur Welt zu beschrei&shy;ben, wie sie inner&shy;halb der Bildwis&shy;senschaft für die Problem&shy;bereiche von ⊳ [[Mimesis|Mime&shy;sis]], ⊳ [[Naturalismus und Realismus|Natu&shy;ralis&shy;mus und Realis&shy;mus]], ⊳ [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen|Ähnlich&shy;keit und wahr&shy;nehmungs&shy;nahe Zeichen]] verhan&shy;delt wird.


=====Perspektivik als anthropologische Basisprämisse=====


======Perspektivik als kognitives Basiskonzept: Der Standort des Betrachters======
==Perspektivik: Perspekti&shy;ven und ‘die Per&shy;spek&shy;tive’==
Während die spatio-temporale Gebundenheit des Individuums eine unhintergehbare Basisprämisse stellt, setzt das Prinzip der Perspektivik als standortgebundene Wahrnehmung eines Objekts die Gegebenheit potentieller Alternativen zum jeweils aktuellen Blickwinkel voraus. Die Erkenntnis der mit dieser Grunddisposition verbundenen Relativität der Betrachtung und die daran geknüpfte Fähigkeit, sich von der eigenen Perspektive lösen zu können und andere potentielle Standorte als gleichberechtigte Alternativen zu erkennen, ist die Voraussetzung für perspektivisches Denken, wie es als inhärentes Charakteristikum der menschlichen Kognition gilt (vgl. <bib id='Canisius 1987a'></bib>: S. xiii), muss ontogenetisch aber erst erworben werden: Leibapriorisch bedingt ist die primäre Phase der Entwicklung monoperspektivisch geprägt, als Kinder in diesem frühen Stadium zunächst nicht in der Lage sind, sich mental an einen anderen Sehepunkt versetzen zu können (vgl. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib>; <bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 29). Erst durch die Überwindung des „intellektuellen Egozentrismus“ (<bib id='Piaget & Inhelder 1972a'></bib>) kommt es mit der Entwicklung des Bewusstseins des eigenen Subjekts zur Ausprägung der Fähigkeit perspektivischen Denkens.


Das bewusste Einnehmen einer Perspektive und deren Vermittlung sind in diesem Sinne abstrakte mentale Fähigkeiten. Obgleich ausgehend vom konkreten „Augenpunkt“ innerhalb der Perzeptionssituation ist damit der ''point of view'' als Ausgangspunkt der Perspektivensetzung nicht mit der physikalischen Verortung eines aktuellen Betrachters gleichzusetzen. Dies gilt auch für bildliche Darstellungen, als auch dort der Ausgangspunkt einer Perspektive – analog zur Konzeptionalisierung von Raum-Relationen in der Sprache (vgl. <bib id='Levinson 2003a'></bib>) – als abstraktes Projektionszentrum zu verstehen ist, der „außerräumlich imaginär“ (<bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 18) bleibt, vgl. <bib id='Graumann 2002a'></bib>:
Der Terminus ‘Perspek&shy;tive’ entstammt dem Bereich der visu&shy;ellen Wahrneh&shy;mung und führt ety&shy;molo&shy;gisch zurück auf lat. ''perspi&shy;cere'' (‚genau sehen‘). In dieser Bedeu&shy;tung bezeich&shy;net die ''perspec&shy;tiva natu&shy;ralis'' (bzw. ''perspec&shy;tiva commu&shy;nis'', ''visio perspec&shy;tiva'') als Über&shy;setzung des griechi&shy;schen Begriffs der ''optike techné'' (vgl. <bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 11) ursprüng&shy;lich die anti&shy;ke und mittel&shy;alter&shy;liche Theorie des „direk&shy;ten, reflek&shy;tierten oder gebro&shy;chenen Sehens“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 85).
:
Von dieser “natür&shy;lichen” Perspek&shy;tive als psycho&shy;physio&shy;logi&shy;schem Anschau&shy;ungsmo&shy;dus ist die ''perspec&shy;tiva arti&shy;ficia&shy;lis'' als Darstel&shy;lungsmo&shy;dus (vgl. <bib id='Thaliat 2005a'></bib>: S. 204) bzw. „Perspek&shy;tive der Maler“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 11) zu trennen, wie sie termi&shy;nolo&shy;gisch auch unter den Aus&shy;drücken der ‘''ange&shy;wandten Perspek&shy;tive''’, ‘''ars perspec&shy;tiva''’, ‘''künstle&shy;rischen''’ bzw. ‘''künstli&shy;chen'' Perspek&shy;tive’ gefasst wird und sich beispiels&shy;weise als Farb-, Licht- und Luftper&shy;spekti&shy;ve bzw. Bedeu&shy;tungs-/Rele&shy;vanzper&shy;spekti&shy;ve etc. objek&shy;tiviert zeigt (⊳ [[Perspektive und Projektion|Perspek&shy;tive und Projek&shy;tion]]). Seit der Renais&shy;sance wird der Termi&shy;nus der künstli&shy;chen Perspek&shy;tive nun nicht vorzugs&shy;weise als allge&shy;meine Bezeich&shy;nungswei&shy;se für Projek&shy;tionsver&shy;fahren spatia&shy;ler Darstel&shy;lung verwen&shy;det, sondern eben&shy;falls als Bezeich&shy;nung für den spezi&shy;fischen Darstel&shy;lungsmo&shy;dus der Zentral- bzw. Linear&shy;perspek&shy;tive als syste&shy;mati&shy;sche Verfah&shy;renswei&shy;se zur Darstel&shy;lung des drei&shy;dimen&shy;siona&shy;len [[Raum und Geometrie|Raumes]] auf einer zwei&shy;dimen&shy;siona&shy;len Ober&shy;fläche (<bib id='O’Riley 1998a'></bib>: S. 17), die seit ihrer Entwick&shy;lung im 14. Jahrhun&shy;dert als der korrek&shy;te Darstel&shy;lungsmo&shy;dus der ''visio perspec&shy;tiva'' menschli&shy;cher Wahrneh&shy;mung gilt und damit zur Perspek&shy;tive per se wird. Diese Bedeu&shy;tungsver&shy;engung ist bereits in der Bezeich&shy;nung Dürers der (Zentral-)Perspek&shy;tive als „durch&shy;sehung“ abzu&shy;lesen („Item prospec&shy;tiua ist ein latei&shy;nisch wort, pedewt ein durch&shy;sehung“, <bib id='Rupprich 1969a'></bib>: S. 373), als das Bild des „Durch&shy;blicks“ das linear&shy;perspek&shy;tivi&shy;sche Konzept der Zentrie&shy;rung des Blickfelds impli&shy;ziert.
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Der Ausdruck ‘Perspektive’ erweist sich damit als doppel&shy;deutig: Er verweist zum einen auf das Konzept der Perspek&shy;tivik als uni&shy;versa&shy;le Basis&shy;prämis&shy;se für jede Wahrneh&shy;mungs- wie Darstel&shy;lungsform (⊳ [[Perspektivik#Perspektivik als anthropo&shy;logi&shy;sche Basis&shy;prämisse|Abschnitt 3]]). Zugleich wird vor dem Hinter&shy;grund der obi&shy;gen Begriffs&shy;bestim&shy;mung deutlich, dass zwischen den jewei&shy;ligen Ausprä&shy;gungen von Perspek&shy;tivi&shy;tät in Abhän&shy;gigkeit zum jewei&shy;ligen kultur&shy;histo&shy;rischen Bedin&shy;gungsge&shy;füge zu diffe&shy;renzie&shy;ren ist (⊳ [[Perspektivik#Perspektivik als kultur&shy;histo&shy;risches Kon&shy;zept|Abschnitt 4]]). Diese Ambi&shy;guität spiegelt sich exem&shy;plarisch in den Kontro&shy;versen um den Status der Zentral&shy;perspek&shy;tive wider: auf der indi&shy;vidu&shy;ellen Ebe&shy;ne in der Frage nach dem Verhält&shy;nis des zentral&shy;perspek&shy;tivi&shy;schen Darstel&shy;lungs- zum “natür&shy;lichen” Wahrneh&shy;mungsmo&shy;dus (''Natür&shy;lichkeits&shy;para&shy;doxon''), auf der kultu&shy;rellen Ebe&shy;ne in der Kontro&shy;verse um den Status als ''symbo&shy;lische Form'' bzw. kultur&shy;gebun&shy;denes Dispo&shy;sitiv (⊳ [[Perspektivik#Die Zentralperspektive als „symbo&shy;lische Form“: Das Natür&shy;lichkeits&shy;para&shy;doxon|Abschnitt 4.2]]).


„this point itself, although constitutive for the perspectival representation, remains unrepresented and, hence, psychologically inconspicuous. In other words, the basic and constitutive implicitness of perspectivity is to be seen in the nonrepresentational inconspicuousness of the point of view, which in turn is constitutive of the perspectival structure of representation.“ (<bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 29)


======Perspektivität als pragmatische Kategorie: „Subjektivität“ ======
==Perspektivik als anthropo&shy;logi&shy;sche Basis&shy;prämisse==
Die Notwendigkeit der konzeptuellen Trennung zwischen dem realen [[Betrachter]] und der inhärenten Perspektivik einer bildlichen Darstellung spiegelt sich auch in der Diskussion von Perspektivität als „subjektive“ Kategorie wider: Innerhalb einer konkreten [[Kontext|Perzeptionssituation]] ist die Betrachtung eines Objekts zunächst bedingt durch die Egozentrik menschlicher Wahrnehmung. Parallel hierzu ist auch jede abstrakte Perspektivensetzung bedingt durch einen Sehepunkt, der implizit ein Subjekt voraussetzt (vgl. <bib id='Mitchell 1992a'></bib>: 134). Insbesondere der Darstellungsmodus der Zentralperspektive wird in dieser Hinsicht als „subjektiv“ beschrieben, da die Zentrierung auf einen „Augenpunkt“ als Relation zum Subjekt gewertet wird, wie auch Dürer das „awg“ als „daz erst“ (<bib id='Rupprich 1969a'></bib>: 373) bzw. als primär konstituierendes Merkmal für jede (zentral-)perspektivische Darstellung gilt. In dieser Hinsicht ist Perspektivik als „subjektives“ Prinzip und damit als pragmatische Kategorie (⊳ [[Bildpragmatik]]) zu werten.
Die Bewertung als „subjektiv“ bleibt terminologisch jedoch insofern vage, als das abstrakte Projektionszentrum einer bildlichen Darstellung nicht mit einem realen Betrachter gleichgesetzt werden kann und dadurch eine Dopplung von „Subjektivität“ auf unterschiedlichen Ebenen zu berücksichtigen ist. Vor diesem Hintergrund ist auch die allgemeine Kritik am „Subjektivismus“ bildwissenschaftlicher Theoriebildung von <bib id='Maynard 2003a'></bib> und Hyman zu lesen:
Wie Hyman auch im Rückgriff auf Alberti (''De pittura'', Buch 1, 19) ausführt, muss die Beschreibung von Perspektive unabhängig von der ‚Leistung der Augen in der visuellen Wahrnehmung‘ erfolgen (vgl. <bib id='Hyman 2006a'></bib>: S. 223 bzw. <bib id='Hyman 2009a'></bib>: S. 469).


======Perspektivik als erkenntnistheoretische Kategorie: Relativität und ''point of view'' ======
===Perspektivik als kognitives Basis&shy;konzept: Der Stand&shy;ort des Be&shy;trach&shy;ters===
Vor dem Hintergrund abstrakter Blickwinkel und der Frage nach dem Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt ist das Konzept der Perspektivik für die Bildwissenschaft nicht nur als Prinzip bildlicher Darstellung in Bezug auf die technische Konstruktionsweise der Raumdarstellung relevant, sondern prägt ebenfalls in zentraler Weise die bildphilosophische Diskussion um die Frage nach dem Verhältnis von Bild – Denken – Welt. In der durch die Gebundenheit an einen ''Point of View'' bedingten Relativität prägt die Subjekt-Objekt-Korrelation als das „polare Grundgerüst des Erkennens“ (<bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 13) entscheidend die Erfassung des Wahrnehmungsobjekts in seinem Verhältnis zur „Welt“. Perspektivität und Realitätsverständnis stehen damit in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, wie es neuzeitlich durch das Primat der visuellen Wahrnehmung geprägt ist: Als real erscheint das, was e-''vident'', d.h. sichtbar ist.
Während die spatio-temporale Gebun&shy;denheit des Indi&shy;vidu&shy;ums eine unhin&shy;tergeh&shy;bare Basis&shy;prämis&shy;se stellt, setzt das Prinzip der Perspek&shy;tivik als standort&shy;gebun&shy;dene Wahrneh&shy;mung eines Objekts die Gege&shy;benheit poten&shy;tieller Alter&shy;nati&shy;ven zum jeweils aktu&shy;ellen Blickwin&shy;kel voraus. Die Erkenn&shy;tnis der mit dieser Grunddis&shy;posi&shy;tion verbun&shy;denen Rela&shy;tivi&shy;tät der Betrach&shy;tung und die daran geknüpf&shy;te Fähig&shy;keit, sich von der eige&shy;nen Perspek&shy;tive lösen zu können und ande&shy;re poten&shy;tielle Stand&shy;orte als gleichbe&shy;rechtig&shy;te Alter&shy;nati&shy;ven zu erken&shy;nen, ist die Voraus&shy;setzung für perspek&shy;tivi&shy;sches Denken, wie es als inhä&shy;rentes Charak&shy;teris&shy;tikum der menschli&shy;chen Kogni&shy;tion gilt (vgl. <bib id='Canisius 1987a'></bib>: S. xiii), muss onto&shy;gene&shy;tisch aber erst erwor&shy;ben werden: Leib&shy;apri&shy;orisch bedingt ist die primä&shy;re Phase der Entwick&shy;lung mono&shy;perspek&shy;tivisch geprägt, als Kinder in diesem frühen Stadium zunächst nicht in der Lage sind, sich mental an einen ande&shy;ren Sehe&shy;punkt verset&shy;zen zu können (vgl. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib>; <bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 29). Erst durch die Über&shy;windung des „intel&shy;lektu&shy;ellen Ego&shy;zentris&shy;mus“ (<bib id='Piaget & Inhelder 1972a'>Piaget & Inhel&shy;der 1972a</bib>) kommt es mit der Entwick&shy;lung des Bewusst&shy;seins des eige&shy;nen Subjekts zur Ausprä&shy;gung der Fähig&shy;keit perspek&shy;tivi&shy;schen Denkens.
In dieser Hinsicht erweist sich das Prinzip der Perspektivik als Verhältnis zwischen Objekt – Subjekt – Welt durch seine Interdependenz mit Fragen der Weltanschauung geprägt und damit  historisch gesehen als variabel. Die Frage nach einer möglichen Korrelation zwischen Raumwahrnehmung, Darstellungssystem und Denksystem spiegelt sich in der Diskussion um die historischen Ausprägungen von Perspektivität und deren Status als Dispositiv, wie sie exemplarisch in Bezug auf den Stellenwert der Zentralperspektive als „symbolische Form“ verhandelt wird.
:
Das bewusste Einnehmen einer Perspek&shy;tive und deren Vermitt&shy;lung sind in diesem Sinne abstrak&shy;te menta&shy;le Fähig&shy;keiten. Obgleich ausge&shy;hend vom konkre&shy;ten ''Augen&shy;punkt'' inner&shy;halb der Perzep&shy;tionssi&shy;tuation ist damit der ''point of view'' als Ausgangs&shy;punkt der Perspek&shy;tiven&shy;setzung nicht mit der physi&shy;kali&shy;schen Veror&shy;tung eines aktu&shy;ellen Betrach&shy;ters gleichzu&shy;setzen. Dies gilt auch für bildli&shy;che Darstel&shy;lungen, als auch dort der Ausgangs&shy;punkt einer Perspek&shy;tive – ana&shy;log zur Konzep&shy;tiona&shy;lisie&shy;rung von Raum-Rela&shy;tionen in der Sprache (vgl. <bib id='Levinson 2003a'>Levin&shy;son 2003a</bib>) – als abstrak&shy;tes Projek&shy;tionszen&shy;trum zu verste&shy;hen ist, der „außer&shy;räumlich ima&shy;ginär“ (<bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 18) bleibt, vgl. <bib id='Graumann 2002a'></bib>:
:
:''this point itself, although consti&shy;tutive for the perspec&shy;tival represen&shy;tation, remains un&shy;repre&shy;sented and, hence, psycho&shy;logical&shy;ly incon&shy;spicuous. In other words, the basic and consti&shy;tutive implic&shy;itness of perspec&shy;tivity is to be seen in the non&shy;represen&shy;tational incon&shy;spicuous&shy;ness of the point of view, which in turn is consti&shy;tutive of the perspec&shy;tival structure of represen&shy;tation.'' (<bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 29)


=====Perspektivik als kulturhistorisches Konzept =====
===Perspektivität als pragma&shy;ti&shy;sche Kate&shy;gorie: »Subjek&shy;tivi&shy;tät« ===
Die Notwendigkeit der konzep&shy;tuellen Trennung zwischen dem realen [[Betrachter|Betrach&shy;ter]] und der inhä&shy;renten Perspek&shy;tivik einer bildli&shy;chen Darstel&shy;lung spiegelt sich auch in der Diskus&shy;sion von Perspek&shy;tivi&shy;tät als ''subjek&shy;tive'' Kate&shy;gorie wider: Inner&shy;halb einer konkre&shy;ten [[Kontext|Perzep&shy;tionssi&shy;tuati&shy;on]] ist die Betrach&shy;tung eines Objekts zunächst bedingt durch die Ego&shy;zentrik menschli&shy;cher Wahrneh&shy;mung. Paral&shy;lel hierzu ist auch jede abstrak&shy;te Perspek&shy;tiven&shy;setzung bedingt durch einen Sehe&shy;punkt, der impli&shy;zit ein Subjekt voraus&shy;setzt (vgl. <bib id='Mitchell 1992a'></bib>: 134). Insbe&shy;sonde&shy;re der Darstel&shy;lungsmo&shy;dus der Zentral&shy;perspek&shy;tive wird in dieser Hinsicht als ‘subjek&shy;tiv’ beschrie&shy;ben, da die Zentrie&shy;rung auf einen “Augen&shy;punkt” als Rela&shy;tion zum Subjekt gewer&shy;tet wird, wie auch Dürer das „awg“ als „daz erst“ (<bib id='Rupprich 1969a'></bib>: 373) bzw. als primär konsti&shy;tuieren&shy;des Merkmal für jede (zentral-)perspek&shy;tivi&shy;sche Darstel&shy;lung gilt. In dieser Hinsicht ist Perspek&shy;tivik als “subjek&shy;tives” Prinzip und damit als pragma&shy;tische Kate&shy;gorie (⊳ [[Bildpragmatik|Bildprag&shy;matik]]) zu werten.
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Die Bewertung als subjektiv bleibt termi&shy;nolo&shy;gisch jedoch inso&shy;fern vage, als das abstrak&shy;te Projek&shy;tionszen&shy;trum einer bildli&shy;chen Darstel&shy;lung nicht mit einem realen Betrach&shy;ter gleichge&shy;setzt werden kann und dadurch eine Dopplung von “Subjek&shy;tivi&shy;tät” auf unter&shy;schiedli&shy;chen Ebe&shy;nen zu berück&shy;sichti&shy;gen ist. Vor diesem Hinter&shy;grund ist auch die allge&shy;meine Kritik am “Subjek&shy;tivis&shy;mus” bildwis&shy;senschaft&shy;licher Theorie&shy;bildung von <bib id='Maynard 2003a'></bib> und Hyman zu lesen:
Wie Hyman auch im Rückgriff auf Alber&shy;ti («De pittura», Buch 1, 19) ausführt, muss die Beschrei&shy;bung von Perspek&shy;tive unab&shy;hängig von der „Leistung der Augen in der visuellen Wahrnehmung“ erfolgen (vgl. <bib id='Hyman 2006a'></bib>: S. 223 bzw. <bib id='Hyman 2009a'></bib>: S. 469).


======Von „Aspektive“ zu „Perspektive“: Kunstgeschichte als Perspektivenwandel ======
===Perspektivik als erkenntnis&shy;theore&shy;tische Kate&shy;gorie: Rela&shy;tivi&shy;tät und ''point of view'' ===
Als kulturabhängiges Konzept ist das Verhältnis von Betrachtersubjekt und Wahrnehmungsgegenstand dem historischen Wandel unterzogen, wie er in den verschiedenen Ausprägungen der Perspektivierungstechniken innerhalb der verschiedenen Epochen sichtbar wird: Während grundsätzlich alle Bilder – im allgemeinen Sinn des Wortes – „perspektivisch“ sind, unterscheiden sich die Darstellungsformen im historischen Kontext in Bezug auf die Art und Weise der Darstellungspräferenzen und der eingesetzten Perspektivierungsmittel. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib> hat in dieser Hinsicht die Begriffs-Dichotomie ''Aspektive'' vs. ''Perspektive'' geprägt, wobei diese dichotomische Gegenüberstellung bereits eine Verwendung des Begriffs der Perspektive in der Bedeutung ‚Zentralperspektive‘ impliziert. Aspektivische Darstellungsformen, wie sie in den frühen Kulturstufen im antiken Ägypten bzw. in den geometrischen und archaischen Stilformen des antiken Griechenlands vorliegen, zeichnen sich dadurch aus, dass einzelne konventionelle Merkmale als Charakteristika d.h. „Aspekte“ der damit als „Urbilder“ bzw. „Begriffsbilder“ konzeptionalisierten Objekte in einem Bild additiv nebeneinander gestellt werden, ohne dass ein einheitlicher Sehepunkt als Organisationsprinzip wirkt. Neben dem damit verbundenen Fehlen optischer Verkürzungen und tiefenräumlicher Wirkung sind aspektivische Bilder insbesondere durch parataktische Relationen der einzelnen Objekte zueinander geprägt. Innerhalb des „Aggregatraums“ (in Abgrenzung zum späteren „Systemraum“, vgl. <bib id='Panofsky 1927a'></bib>) unterbleibt eine temporal-lokale [[Kontext|Situierung]] der Objekte, die damit keinen referentiellen Eigenwert besitzen, sondern als „Begriffsbilder“, als Bilder des „So-Seins“ fungieren. Aspektivische und perspektivische Bilder unterscheiden sich damit in Bezug auf das Verhältnis ihrer Einzelteile zum Bildganzen sowie in Bezug auf ihr Verhältnis zueinander. In zentralperspektivischen Darstellungen kommt es dagegen zu einem einheitlichen Sehepunkt, der als Ordnungsinstanz die Raumdarstellung bestimmt, wie es auch im Bild der „Sehstrahlen“ bzw. „Sehpyramide“ deutlich wird.  
Vor dem Hintergrund abstrakter Blick&shy;winkel und der Frage nach dem Verhält&shy;nis zwischen Subjekt und Objekt ist das Konzept der Perspek&shy;tivik für die Bildwis&shy;senschaft nicht nur als Prinzip bildli&shy;cher Darstel&shy;lung in Bezug auf die techni&shy;sche Konstruk&shy;tionswei&shy;se der Raumdar&shy;stellung rele&shy;vant, sondern prägt eben&shy;falls in zentra&shy;ler Weise die bildphi&shy;loso&shy;phische Diskus&shy;sion um die Frage nach dem Verhält&shy;nis von Bild – Denken – Welt. In der durch die Gebun&shy;denheit an einen ''Point of View'' beding&shy;ten Rela&shy;tivi&shy;tät prägt die Subjekt-Objekt-Korre&shy;lation als das „pola&shy;re Grundge&shy;rüst des Erken&shy;nens“ (<bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 13) entschei&shy;dend die Erfas&shy;sung des Wahrneh&shy;mungsob&shy;jekts in seinem Verhält&shy;nis zur „Welt“. Perspek&shy;tivi&shy;tät und Reali&shy;tätsver&shy;ständnis stehen damit in einem gegen&shy;seiti&shy;gen Abhän&shy;gigkeits&shy;verhält&shy;nis, wie es neuzeit&shy;lich durch das Primat der visu&shy;ellen Wahrneh&shy;mung geprägt ist: Als real erscheint das, was e-''vident'', d.h. sichtbar ist.
In dieser Hinsicht erweist sich das Prinzip der Perspek&shy;tivik als Verhält&shy;nis zwischen Objekt – Subjekt – Welt durch seine Inter&shy;depen&shy;denz mit Fragen der [[Weltbild, Lebensform|Welt&shy;anschau&shy;ung]] geprägt und damit histo&shy;risch gese&shy;hen als vari&shy;abel. Die Frage nach einer mögli&shy;chen Korre&shy;lation zwischen Raumwahr&shy;nehmung, Darstel&shy;lungssys&shy;tem und Denksys&shy;tem spiegelt sich in der Diskus&shy;sion um die histo&shy;rischen Ausprä&shy;gungen von Perspek&shy;tivi&shy;tät und deren Status als Dispo&shy;sitiv, wie sie exem&shy;plarisch in Bezug auf den Stellen&shy;wert der Zentral&shy;perspek&shy;tive als ''symbo&shy;lische Form'' verhan&shy;delt wird.


Die Unterschiede zwischen Aspektive und Perspektive führt <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib>: S. 3) auf unterschiedliche kognitive Wahrnehmungsleistungen zurück, wie sie sich auch in unterschiedlichen Bereichen wie Menschenbild, Religion, Mythos, Wissenschaft und Politik widerspiegeln. Die damit angesprochene Frage nach einem Zusammenhang zwischen Repräsentationssystem und Wahrnehmungsmodus steht in der Tradition der von <bib id='Panofsky 1927a'></bib> angestoßenen Debatte nach dem Status der Zentralperspektive, die dieser – ausgehend von der Beobachtung der historischen Varianz perspektivischer Darstellungen und der Argumentation <bib id='Hauck 1879a'></bib> gegen die „Natürlichkeit“ der Zentralperspektive – als eine historische Variante im Sinn einer „symbolischen Form“ <bib id='Cassirer 2010a'></bib> wertet. Diese These hat seitdem in der Bildwissenschaft zu einer  „Sapir-Whorf-Kontroverse“ geführt, als in ihr ''in nuce'' zentrale Fragen nach dem Verhältnis von Bild – Denken – Welt verhandelt werden.


====== Die Zentralperspektive als „symbolische Form“: Das Natürlichkeitsparadoxon ======
==Perspektivik als kultur&shy;histo&shy;risches Kon&shy;zept==
Die Zentralperspektive bzw. ''costruzione legittima'', gilt seit ihrer Entstehung im 14. Jahrhundert aufgrund der einheitlichen Zentrierung des Blicks auf einen „Augenpunkt“ als die „natürliche“ Form der Perspektive. Hinsichtlich des Verhältnisses von Wahrnehmungssubjekt und Objekt scheint die Bewertung als „natürlich“ zunächst intuitiv plausibel, da das Ziel des zentralperspektivischen Darstellungsmodus danach zu streben scheint, einen natürlichen und in diesem Sinn „realistischen“ Seheindruck wiederzugeben; eine Intention, wie sie seit der Renaissance in der Metapher des „geöffneten Fensters“ (''finestra aperta'', Alberti) bzw. eines „Spiegels der Welt“ deutlich wird:  
===Von ''Aspektive'' zu ''Perspek&shy;tive'': Kunst&shy;geschich&shy;te als Per&shy;spekti&shy;venwan&shy;del ===
Als kulturabhängiges Konzept ist das Verhält&shy;nis von Betrach&shy;tersub&shy;jekt und Wahrneh&shy;mungsge&shy;genstand dem histo&shy;rischen Wandel unter&shy;zogen, wie er in den verschie&shy;denen Ausprä&shy;gungen der Perspek&shy;tivie&shy;rungstech&shy;niken inner&shy;halb der verschie&shy;denen Epo&shy;chen sichtbar wird: Während grundsätz&shy;lich alle Bilder – im allge&shy;meinen Sinn des Wortes – ''perspek&shy;tivisch'' sind, unter&shy;scheiden sich die Darstel&shy;lungsfor&shy;men im histo&shy;rischen Kontext in Bezug auf die Art und Weise der Darstel&shy;lungsprä&shy;feren&shy;zen und der einge&shy;setzten Perspek&shy;tivie&shy;rungsmit&shy;tel. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib> hat in dieser Hinsicht die Begriffs-Dicho&shy;tomie »''Aspek&shy;tive'' vs. ''Perspek&shy;tive''« geprägt, wobei diese dicho&shy;tomi&shy;sche Gegen&shy;über&shy;stellung bereits eine Verwen&shy;dung des Begriffs der Perspek&shy;tive in der Bedeu&shy;tung »Zentral&shy;perspek&shy;tive« impli&shy;ziert. Aspek&shy;tivi&shy;sche Darstel&shy;lungsfor&shy;men, wie sie in den frühen Kultur&shy;stufen im anti&shy;ken Ägyp&shy;ten bzw. in den geome&shy;trischen und archa&shy;ischen Stilfor&shy;men des anti&shy;ken Griechen&shy;lands vorlie&shy;gen, zeichnen sich dadurch aus, dass einzel&shy;ne konven&shy;tionel&shy;le Merkma&shy;le als Charak&shy;teris&shy;tika d.h. „Aspek&shy;te“ der damit als „Urbil&shy;der“ bzw. „Begriffs&shy;bilder“ konzep&shy;tiona&shy;lisier&shy;ten Objek&shy;te in einem Bild addi&shy;tiv neben&shy;einan&shy;der gestellt werden, ohne dass ein einheit&shy;licher Sehe&shy;punkt als Orga&shy;nisa&shy;tionsprin&shy;zip wirkt. Neben dem damit verbun&shy;denen Fehlen opti&shy;scher Verkür&shy;zungen und tiefen&shy;räumli&shy;cher Wirkung sind aspek&shy;tivi&shy;sche Bilder insbe&shy;sonde&shy;re durch para&shy;takti&shy;sche Rela&shy;tionen der einzel&shy;nen Objek&shy;te zuein&shy;ander geprägt. Inner&shy;halb des „Aggre&shy;gatraums“ (in Abgren&shy;zung zum späte&shy;ren „System&shy;raum“, vgl. <bib id='Panofsky 1927a'></bib>) unter&shy;bleibt eine tempo&shy;ral-loka&shy;le [[Kontextbildung|Situ&shy;ierung]] der Objek&shy;te, die damit keinen refe&shy;rentiel&shy;len Eigen&shy;wert besit&shy;zen, sondern als „Begriffs&shy;bilder“, als Bilder des „So-Seins“ fungie&shy;ren. Aspek&shy;tivi&shy;sche und perspek&shy;tivi&shy;sche Bilder unter&shy;scheiden sich damit in Bezug auf das Verhält&shy;nis ihrer Einzel&shy;teile zum Bild&shy;ganzen sowie in Bezug auf ihr Verhält&shy;nis zuein&shy;ander. In zentral&shy;perspek&shy;tivi&shy;schen Darstel&shy;lungen kommt es dage&shy;gen zu einem einheit&shy;lichen Sehe&shy;punkt, der als Ordnungs&shy;instanz die Raum&shy;darstel&shy;lung bestimmt, wie es auch im Bild der „Seh&shy;strahlen“ bzw. „Seh&shy;pyramide“ deutlich wird (vgl. Abb. 2).
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[[Datei:Albertis-Sehpyramide.jpg|thumb|Ab&shy;bil&shy;dung 2: Das Bild als Schnitt durch die Seh&shy;py&shy;ra&shy;mi&shy;de bei Leon Bat&shy;tis&shy;ta Al&shy;ber&shy;ti (1436)]]


„Die Perspektive ist nichts anderes, als wenn man eine Szene hinter einem flachen und gut durchsichtigen Glas sieht, auf dessen Fläche alle Gegenstände aufgezeichnet sind, die sich hinter dem Glas befinden.“ (Leonardo da Vinci, Libro di pittura, in <bib id='Chastel 1990a'></bib>: 246)
Die Un&shy;ter&shy;schie&shy;de zwi&shy;schen A&shy;spek&shy;ti&shy;ve und Per&shy;spek&shy;ti&shy;ve führt <bib id='Brunner-Traut 1992a'>Brun&shy;ner-Traut 1992a</bib>: S. 3) auf un&shy;ter&shy;schied&shy;li&shy;che kog&shy;ni&shy;ti&shy;ve Wahr&shy;neh&shy;mungs&shy;leis&shy;tun&shy;gen zu&shy;rück, wie sie sich auch in un&shy;ter&shy;schied&shy;li&shy;chen Be&shy;rei&shy;chen wie Men&shy;schen&shy;bild, Re&shy;li&shy;gi&shy;on, My&shy;thos, Wis&shy;sen&shy;schaft und Po&shy;li&shy;tik wi&shy;der&shy;spie&shy;geln. Die da&shy;mit an&shy;ge&shy;spro&shy;che&shy;ne Fra&shy;ge nach ei&shy;nem Zu&shy;sam&shy;men&shy;hang zwi&shy;schen Re&shy;prä&shy;sen&shy;ta&shy;ti&shy;ons&shy;sys&shy;tem und Wahr&shy;neh&shy;mungs&shy;mo&shy;dus steht in der Tra&shy;di&shy;ti&shy;on der von <bib id='Panofsky 1927a'>Pa&shy;nof&shy;sky 1927a</bib> an&shy;ge&shy;sto&shy;ße&shy;nen De&shy;bat&shy;te nach dem Status der Zentral&shy;perspek&shy;tive, die dieser – ausge&shy;hend von der Beobach&shy;tung der histo&shy;rischen Vari&shy;anz perspek&shy;tivi&shy;scher Darstel&shy;lungen und der Argu&shy;menta&shy;tion <bib id='Hauck 1879a'></bib> gegen die “Natür&shy;lichkeit” der Zentral&shy;perspek&shy;tive – als eine histo&shy;rische Vari&shy;ante im Sinn einer „symbo&shy;lischen Form“ <bib id='Cassirer 2010a'>Cassi&shy;rer 2010a</bib> wertet. Diese These hat seitdem in der Bild&shy;wissen&shy;schaft zu einer “Sapir-Whorf-Kontro&shy;verse” geführt, als in ihr ''in nuce'' zentra&shy;le Fragen nach dem Verhält&shy;nis von Bild – Denken – Welt verhan&shy;delt werden.


Gegen die Bewertung der Zentralperspektive als „natürlich“ sind unterschiedliche Gegenargumente vorgebracht worden. Die Diskussion fokussiert dabei zum einen auf die Differenzen zwischen Abbild und natürlichem Sehvorgang (so ist in dieser Hinsicht u.a. vorgebracht worden, dass der Ausgangspunkt zentralperspektivischer Darstellungen auf das Auge eines „Zyklopen“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 55) reduziert werde sowie dass gekrümmte Linien dem retinalen Seheindruck eher als gerade Linien entsprechen würden (vgl. <bib id='Hauck 1879a'></bib>; zur kritischen Bewertung vgl. <bib id='Pirenne 1952/53a'></bib>: S. 169; <bib id='Rehkämper 2003a'></bib>: 186f.).  Zum anderen wird argumentiert, dass die perspektivische Darstellung grundsätzlich zu einer „Verzerrung“ der Abbildung führen müsse und damit einem natürlichen Seheindruck entgegen stehe (vgl. bereits bei Platon; <bib id='Hub 2009a'></bib>). Beide Einwände lassen dabei jedoch die grundlegende Unterscheidung zwischen perzeptiver Wahrnehmung und konzept-bedingten Darstellungsformen unberücksichtigt, so dass die Natürlichkeitsthese vor der Beobachtung der historischen Varianz der Perspektivierungsformen als paradox erscheint: Die Rolle der Zentralperspektive als „seltener Sonderfall“ (<bib id='Schweitzer 1953a'></bib>: 11) in der Kunstgeschichte und die analog dazu sich bei Kindern erst spät entwickelnde perspektivische Darstellung (vgl. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib>) deuten darauf hin, dass die Zentralperspektive aus phylo- wie ontogenetischer Sicht eine komplexe Entwicklungsstufe darstellt und nicht als „natürlich“ beschrieben werden kann.
===Die Zentralperspektive als „symbo&shy;lische Form“: Das Natür&shy;lichkeits&shy;para&shy;doxon===
Die Zentralperspektive bzw. ''costru&shy;zione legit&shy;tima'', gilt seit ihrer Entste&shy;hung im 14. Jahrhun&shy;dert aufgrund der einheit&shy;lichen Zentrie&shy;rung des Blicks auf einen “Augen&shy;punkt” als die “natür&shy;liche” Form der Perspek&shy;tive. Hinsich&shy;tlich des Verhält&shy;nisses von Wahrneh&shy;mungssub&shy;jekt und Objekt scheint die Bewer&shy;tung als “natür&shy;lich” zunächst intu&shy;itiv plausi&shy;bel, da das Ziel des zentral&shy;perspek&shy;tivi&shy;schen Darstel&shy;lungsmo&shy;dus danach zu streben scheint, einen natür&shy;lichen und in diesem Sinn “realis&shy;tischen” Sehein&shy;druck wieder&shy;zuge&shy;ben; eine Inten&shy;tion, wie sie seit der Renais&shy;sance in der Meta&shy;pher des “geöff&shy;neten Fensters” (''finestra aperta'', Alber&shy;ti) bzw. eines “Spiegels der Welt” deutlich wird:
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:''Die Perspektive ist nichts ande&shy;res, als wenn man eine Szene hinter einem flachen und gut durchsich&shy;tigen Glas sieht, auf dessen Fläche alle Gegen&shy;stände aufge&shy;zeichnet sind, die sich hinter dem Glas befin&shy;den.'' (Leonar&shy;do da Vinci, «Libro di pittura», in <bib id='Chastel 1990a'></bib>: 246)
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Gegen die Bewertung der Zentral&shy;perspek&shy;tive als “natür&shy;lich” sind unter&shy;schiedli&shy;che Gegen&shy;argu&shy;mente vorge&shy;bracht worden. Die Diskus&shy;sion fokus&shy;siert dabei zum einen auf die Diffe&shy;renzen zwischen Abbild und natür&shy;lichem Sehvor&shy;gang (so ist in dieser Hinsicht u.a. vorge&shy;bracht worden, dass der Ausgangs&shy;punkt zentral&shy;perspek&shy;tivi&shy;scher Darstel&shy;lungen auf das Auge eines „Zyklo&shy;pen“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 55) redu&shy;ziert werde sowie dass gekrümm&shy;te Linien dem reti&shy;nalen Seh&shy;eindruck eher als gera&shy;de Linien entspre&shy;chen würden (vgl. <bib id='Hauck 1879a'></bib>).<ref>Zur kri&shy;ti&shy;schen Be&shy;wer&shy;tung vgl. <bib id='Pirenne 1952/53a'>Pi&shy;ren&shy;ne 1952/53a</bib>: S. 169; <bib id='Rehkämper 2003a'>Reh&shy;käm&shy;per 2003a</bib>: 186f.</ref> Zum ande&shy;ren wird argu&shy;mentiert, dass die perspek&shy;tivi&shy;sche Darstel&shy;lung grundsätz&shy;lich zu einer „Verzer&shy;rung“ der Abbil&shy;dung führen müsse und damit einem natür&shy;lichen Seh&shy;eindruck entge&shy;gen stehe (vgl. bereits bei Platon; <bib id='Hub 2009a'></bib>). Beide Einwän&shy;de lassen dabei jedoch die grundle&shy;gende Unter&shy;scheidung zwischen perzep&shy;tiver Wahrneh&shy;mung und konzept-beding&shy;ten Darstel&shy;lungsfor&shy;men unbe&shy;rücksich&shy;tigt, so dass die Natür&shy;lichkeits&shy;these vor der Beobach&shy;tung der histo&shy;rischen Vari&shy;anz der Perspek&shy;tivie&shy;rungsfor&shy;men als para&shy;dox erscheint: Die Rolle der Zentral&shy;perspek&shy;tive als „selte&shy;ner Sonder&shy;fall“ (<bib id='Schweitzer 1953a'></bib>: S. 11) in der Kunstge&shy;schichte und die ana&shy;log dazu sich bei Kindern erst spät ent&shy;wickel&shy;nde perspek&shy;tivi&shy;sche Darstel&shy;lung (vgl. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib>) deuten darauf hin, dass die Zentral&shy;perspek&shy;tive aus phylo- wie onto&shy;gene&shy;tischer Sicht eine komple&shy;xe Entwick&shy;lungsstu&shy;fe darstellt und nicht als ‘natür&shy;lich’ beschrie&shy;ben werden sollte.
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Als Frage nach der theore&shy;tischen Erfas&shy;sung der Rela&shy;tion zwischen Bild und Welt erweist sich die Kontro&shy;verse um die “Natür&shy;lichkeit” inso&shy;fern als rele&shy;vant, als diese an die für die Bild&shy;philo&shy;sophie zentra&shy;le Frage geknüpft ist, ob die Rela&shy;tion von Bild und Welt grundsätz&shy;lich als ein genu&shy;ines Entspre&shy;chungsver&shy;hältnis zwischen Bild und Abge&shy;bilde&shy;tem (vgl. <bib id='Rehkämper 2003a'>Reh&shy;kämper 2003a</bib>; <bib id='Pirenne 1952/53a'>Piren&shy;ne 1952/53a</bib>: S. 170; <bib id='Gombrich 1962a'></bib>) oder als histo&shy;risch beding&shy;te Konven&shy;tion (vgl. <bib id='Goodman 1995a'></bib>) zu gelten hat. Die Bewer&shy;tung der “Natür&shy;lichkeit” steht damit zum einen in Abhän&shy;gigkeit der jeweils zugrun&shy;de geleg&shy;ten Axio&shy;matik. Gleichzei&shy;tig wird vor der Diffe&shy;renzie&shy;rung der mit dem Prinzip der Perspek&shy;tivik verbun&shy;denen Rela&shy;tionen deutlich, dass zwischen den Fragen, wie bzw. was wir sehen – zwei Fragen, die in der auf dem visu&shy;ellen Primat gründen&shy;den Wirklich&shy;keitsauf&shy;fassung der Neuzeit häufig gleichge&shy;setzt werden – zu trennen ist (vgl. auch <bib id='Rehkämper 2003a'>Rehkäm&shy;per 2003a</bib>: S. 184): Während sich in Bezug auf das Verhält&shy;nis der Dinge zur Welt ange&shy;sichts der Unter&shy;schiede inner&shy;halb der histo&shy;rischen Darstel&shy;lungsfor&shy;men die diesbe&shy;zügli&shy;che Ähnlich&shy;keitsre&shy;lation als „histo&shy;rische Vari&shy;able“ (<bib id='Giuliani 2003a'>Giuli&shy;ani 2003a</bib>: S. 25) erweist, ist in Bezug auf die für das Prinzip der Perspek&shy;tivik konsti&shy;tuti&shy;ve Rela&shy;tion zwischen Betrach&shy;tersub&shy;jekt und Wahrneh&shy;mungsge&shy;genstand – wie sie sich rekur&shy;siv auf mehre&shy;ren Ebe&shy;nen der Bildbe&shy;trachtung zeigt – zwischen dem Seh&shy;eindruck der ''perspec&shy;tiva natu&shy;ralis'', der dem struktu&shy;rellen Prinzip der visu&shy;ellen Wahrneh&shy;mung folgt, und der ''perspec&shy;tiva arti&shy;ficia&shy;lis'' als Darstel&shy;lungsmo&shy;dus zu unter&shy;scheiden. Aufgrund der sich gegen&shy;seitig bedin&shy;genden Verschrän&shy;kung dieser Ebe&shy;nen und ihrer Inter&shy;depen&shy;denz zum Reali&shy;tätsver&shy;ständnis, wie sie insbe&shy;sonde&shy;re im neuzeit&shy;lichen Denken anhand der Subjek&shy;tivis&shy;mus-Deba&shy;te deutlich wird, zeigt sich eine Bewer&shy;tung perspek&shy;tivi&shy;scher Bilder hinsicht&shy;lich der Rela&shy;tion zwischen Darstel&shy;lungsmo&shy;dus und abge&shy;bilde&shy;tem Gegen&shy;stand damit nur vor der Folie des kultur-histo&shy;rischen Bedin&shy;gungsge&shy;füges als möglich.


Als Frage nach der theoretischen Erfassung der Relation zwischen Bild und Welt erweist sich die Kontroverse um die „Natürlichkeit“ insofern als relevant, als diese an die für die Bildphilosophie zentrale Frage geknüpft ist, ob die Relation von Bild und Welt grundsätzlich als ein genuines Entsprechungsverhältnis zwischen Bild und Abgebildetem (vgl. <bib id='Rehkämper 2003a'></bib>; <bib id='Pirenne 1952/53a'></bib>: S. 170; <bib id='Gombrich 1962a'></bib>) oder als historisch bedingte Konvention (vgl. <bib id='Goodman 1995a'></bib>) zu gelten hat. Die Bewertung der „Natürlichkeit“ steht damit zum einen in Abhängigkeit der jeweils zugrunde gelegten Axiomatik. Gleichzeitig wird vor der Differenzierung der mit dem Prinzip der Perspektivik verbundenen Relationen deutlich, dass zwischen den Fragen, wie bzw. was wir sehen – zwei Fragen, die in der auf dem visuellen Primat gründenden Wirklichkeitsauffassung der Neuzeit häufig gleichgesetzt werden – zu trennen ist (vgl. auch <bib id='Rehkämper 2003a'></bib>: S. 184): Während sich in Bezug auf das Verhältnis der Dinge zur Welt angesichts der Unterschiede innerhalb der historischen Darstellungsformen die diesbezügliche Ähnlichkeitsrelation als „historische Variable“ (<bib id='Giuliani 2003a'></bib>: S. 25) erweist, ist in Bezug auf die für das Prinzip der Perspektivik konstitutive Relation zwischen Betrachtersubjekt und Wahrnehmungsgegenstand – wie sie sich rekursiv auf mehreren Ebenen der Bildbetrachtung zeigt – zwischen dem Seheindruck der ''perspectiva naturalis'', der dem strukturellen Prinzip der visuellen Wahrnehmung folgt, und der ''perspectiva artificialis'' als Darstellungsmodus zu unterscheiden. Aufgrund der sich gegenseitig bedingenden Verschränkung dieser Ebenen und ihrer Interdependenz zum Realitätsverständnis, wie sie insbesondere im neuzeitlichen Denken anhand der Subjektivismus-Debatte deutlich wird, zeigt sich eine Bewertung perspektivischer Bilder hinsichtlich der Relation zwischen Darstellungsmodus und abgebildetem Gegenstand damit nur vor der Folie des kultur-historischen Bedingungsgefüges als möglich.
=====Perspektivik im Schnittpunkt bildwissenschaftlicher Fragestellungen =====
Für den bildwissenschaftlichen Diskurs erweist sich das Prinzip der Perspektivik in seiner doppelten Bedeutung (anthropologische Prämisse bzw. unhintergehbares Basis-Prinzip einerseits, kultur-historische Variable in Bezug auf die jeweiligen historischen Ausprägungen perspektivischer Mittel andererseits) als zentrales Konzept, das – wie in der Diskussion des zentral­perspektivischen „Natürlichkeitsparadoxons“ vorgeführt – im Schnittpunkt der bildphilosophischen Kontroversen um das Verhältnis von Bild und Abbild ( ⊳ [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen]], ⊳ [[Theorien des Bildraums]]) und der Relation zwischen Subjekt und Welt (⊳ [[Wahrnehmung und Rezeption]], ⊳ [[Bildpragmatik]]) situiert ist.


==Perspektivik im Schnittpunkt bild&shy;wissen&shy;schaft&shy;licher Frage&shy;stellun&shy;gen ==
Für den bildwissenschaft&shy;lichen Diskurs erweist sich das Prinzip der Perspek&shy;tivik in seiner doppel&shy;ten Bedeu&shy;tung (anthro&shy;polo&shy;gische Prämis&shy;se bzw. unhin&shy;tergeh&shy;bares Basis-Prinzip einer&shy;seits, kultur-histo&shy;rische Vari&shy;able in Bezug auf die jewei&shy;ligen histo&shy;rischen Ausprä&shy;gungen perspek&shy;tivi&shy;scher Mittel ande&shy;rerseits) als zentra&shy;les Konzept, das – wie in der Diskus&shy;sion des zentral&shy;­perspek&shy;tivi&shy;schen “Natür&shy;lichkeits&shy;para&shy;doxons” vorge&shy;führt – im Schnittpunkt der bild&shy;philo&shy;sophi&shy;schen Kontro&shy;versen um das Verhält&shy;nis von Bild und Abbild (⊳ [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen|Ähnlich&shy;keit und wahrneh&shy;mungsna&shy;he Zeichen]], ⊳ [[Theorien des Bildraums|Theori&shy;en des Bild&shy;raums]]) und der Rela&shy;tion zwischen Subjekt und Welt (⊳ [[Wahrnehmung und Rezeption|Wahrneh&shy;mung und Rezep&shy;tion]], ⊳ [[Bildpragmatik|Bildprag&shy;matik]]) situ&shy;iert ist.


{{GlossarSiehe}}
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* [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen]]
* [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen]]
* [[Bildpragmatik]]
* [[Bildpragmatik]]
* [[Blick]]
* [[Darstellung]]
* [[Kontext]]
* [[Kontext]]
* [[Kontextbildung]]
* [[Mimesis]]
* [[Mimesis]]
* [[Naturalismus und Realismus]]
* [[Naturalismus und Realismus]]
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* [[Raum]]
* [[Raum]]
* [[Theorien des Bildraums]]
* [[Theorien des Bildraums]]
* [[Weltbild, Lebensform]]
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]]
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]]


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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Bildwahrnehmung


Perspektivik als relatio­nales Prinzip

Der Terminus ‘Perspektivik’ refe­riert auf ein basa­les kogni­tives Prinzip, das inso­fern auf der grundle­genden Dispo­sition menschli­cher Raum­wahrneh­mung basiert, als konkre­te Objek­te für das sehen­de, an einen Körper gebun­dene Subjekt immer nur aus einem bestimm­ten Blickwin­kel erfass­bar sind: Beim Blick auf eine Statue bestimmt der Standort des Betrach­ters, ob die Vorder-, Rück-, Ober- oder Unter­seite des Objekts wahrnehm­bar ist. Im kano­nischen Fall der konkre­ten Perzep­tionssi­tuation ist dieser Standort bedingt durch das Hier und Jetzt des Betrach­ters: die wahrge­nomme­nen Aspek­te sind Resul­tat der jewei­ligen spatio-tempo­ralen Situ­ierung, während jeder Posi­tionswech­sel einen Wechsel der Ansicht und damit eine Verän­derung der Erschei­nung des jewei­ligen Objekts nach sich zieht (vgl. [Foppa 2002a]Foppa, Klaus (2002): Knowledge and Perspective Setting. What Possible Consequences on Conversation Do we Have to Expect?. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 17; [Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 25f.). Gemäß dieser aus dem Leib­aprio­ri ableit­baren „Grundbe­dingung aller Wahrneh­mung“ ([Köller 2004a]Köller, Wilhelm (2004): Perspektivität und Sprache. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. de Gruyter, Berlin, New York.
: S. 11) erweist sich das Prinzip der Perspek­tivik als standort­abhän­gige Rela­tion zwischen wahrneh­menden Subjekt und wahrge­nomme­nen Objekt. In dieser Hinsicht hat Dürer das Auge, den „Gegen­wurf“ (als Lehn­über­setzung zu lat. objec­tum) und den Abstand zwischen diesen beiden Bezugs­punkten für die Beschrei­bung von Perspek­tive als konsti­tutiv erach­tet (vgl. auch Abb. 1):

Daz erst ist daz awg, daz do siht. Daz ander ist der gegen würff, der gese­hen wirt. Daz trit ist dy weiten do tzwischen. ([Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
: S. 373)[1]
Ab­bil­dung 1: Die per­spek­ti­vi­sche Seh-Kon­fi­gu­ra­ti­on bei Al­brecht Dü­rer (1525)

Von die­ser “na­tür­li­chen” Per­spek­ti­vi­tät (per­spec­ti­va na­tu­ra­lis) als grund­le­gend kog­ni­ti­vem wie ge­nu­in re­la­ti­o­na­lem Kon­zept ist die “künst­li­che” Per­spek­ti­vi­tät (per­spec­ti­va ar­ti­fi­ci­a­lis) als Dar­stel­lungs­mo­dus zu un­ter­schei­den, die auf ei­ner Über­tra­gung die­ses Grund­prin­zips ba­siert und auf­grund der Dif­fe­renz zwi­schen Ur­bild und Ab­bild in ei­nem Span­nungs­ver­hält­nis zu “na­tür­li­chen” Per­spek­ti­vie­rungs­struk­tu­ren steht. In die­ser ab­strak­ten Be­deu­tung er­weist sich das Prin­zip der Per­spek­ti­vik für die Sym­bol­sys­te­me Bild und Spra­che glei­cher­ma­ßen als ba­sal.

Vor dem Hintergrund erkennt­nistheo­reti­scher Frage­stellun­gen ist Perspek­tivi­tät zudem als Ordnungs­begriff zu verste­hen, der hinsicht­lich der konzep­tionel­len Erfas­sung von Bedeu­tungsin­halten durch die Rela­tion zwischen Objekt- und Subjekt­sphäre bestimmt ist. Das Prinzip der Perspek­tivik ist damit vor dem Hinter­grund der Frage nach dem Verhält­nis von Kogni­tion, Symbol­system und seinem Verhält­nis zur Welt zu beschrei­ben, wie sie inner­halb der Bildwis­senschaft für die Problem­bereiche von ⊳ Mime­sis, ⊳ Natu­ralis­mus und Realis­mus, ⊳ Ähnlich­keit und wahr­nehmungs­nahe Zeichen verhan­delt wird.


Perspektivik: Perspekti­ven und ‘die Per­spek­tive’

Der Terminus ‘Perspek­tive’ entstammt dem Bereich der visu­ellen Wahrneh­mung und führt ety­molo­gisch zurück auf lat. perspi­cere (‚genau sehen‘). In dieser Bedeu­tung bezeich­net die perspec­tiva natu­ralis (bzw. perspec­tiva commu­nis, visio perspec­tiva) als Über­setzung des griechi­schen Begriffs der optike techné (vgl. [Boehm 1969a]Boehm, Gottfried (1969): Studien zur Perspektivität. Philosophie und Kunst in der frühen Neuzeit. Carl Winter, Heidelberg.
: S. 11) ursprüng­lich die anti­ke und mittel­alter­liche Theorie des „direk­ten, reflek­tierten oder gebro­chenen Sehens“ ([Damisch 2010a]Damisch, Hubert (2010): Der Ursprung der Perspektive. Diaphanes, Zürich.
: S. 85).

Von dieser “natür­lichen” Perspek­tive als psycho­physio­logi­schem Anschau­ungsmo­dus ist die perspec­tiva arti­ficia­lis als Darstel­lungsmo­dus (vgl. [Thaliat 2005a]Thaliat, Babu (2005): Perspektivierung als Modalität der Symbolisierung. Erwin Panofskys Unternehmung zur Ausweitung und Präzisierung des Symbolisierungsprozesses in der Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer. Königshausen & Neumann, Würzburg.
: S. 204) bzw. „Perspek­tive der Maler“ ([Damisch 2010a]Damisch, Hubert (2010): Der Ursprung der Perspektive. Diaphanes, Zürich.
: S. 11) zu trennen, wie sie termi­nolo­gisch auch unter den Aus­drücken der ‘ange­wandten Perspek­tive’, ‘ars perspec­tiva’, ‘künstle­rischen’ bzw. ‘künstli­chen Perspek­tive’ gefasst wird und sich beispiels­weise als Farb-, Licht- und Luftper­spekti­ve bzw. Bedeu­tungs-/Rele­vanzper­spekti­ve etc. objek­tiviert zeigt (⊳ Perspek­tive und Projek­tion). Seit der Renais­sance wird der Termi­nus der künstli­chen Perspek­tive nun nicht vorzugs­weise als allge­meine Bezeich­nungswei­se für Projek­tionsver­fahren spatia­ler Darstel­lung verwen­det, sondern eben­falls als Bezeich­nung für den spezi­fischen Darstel­lungsmo­dus der Zentral- bzw. Linear­perspek­tive als syste­mati­sche Verfah­renswei­se zur Darstel­lung des drei­dimen­siona­len Raumes auf einer zwei­dimen­siona­len Ober­fläche ([O’Riley 1998a]O’Riley, Tim (1998): Representing Illusions: Space, Narrative and the Spectator. College of Art & Design, Chelsea.
: S. 17), die seit ihrer Entwick­lung im 14. Jahrhun­dert als der korrek­te Darstel­lungsmo­dus der visio perspec­tiva menschli­cher Wahrneh­mung gilt und damit zur Perspek­tive per se wird. Diese Bedeu­tungsver­engung ist bereits in der Bezeich­nung Dürers der (Zentral-)Perspek­tive als „durch­sehung“ abzu­lesen („Item prospec­tiua ist ein latei­nisch wort, pedewt ein durch­sehung“, [Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
: S. 373), als das Bild des „Durch­blicks“ das linear­perspek­tivi­sche Konzept der Zentrie­rung des Blickfelds impli­ziert.

Der Ausdruck ‘Perspektive’ erweist sich damit als doppel­deutig: Er verweist zum einen auf das Konzept der Perspek­tivik als uni­versa­le Basis­prämis­se für jede Wahrneh­mungs- wie Darstel­lungsform (⊳ Abschnitt 3). Zugleich wird vor dem Hinter­grund der obi­gen Begriffs­bestim­mung deutlich, dass zwischen den jewei­ligen Ausprä­gungen von Perspek­tivi­tät in Abhän­gigkeit zum jewei­ligen kultur­histo­rischen Bedin­gungsge­füge zu diffe­renzie­ren ist (⊳ Abschnitt 4). Diese Ambi­guität spiegelt sich exem­plarisch in den Kontro­versen um den Status der Zentral­perspek­tive wider: auf der indi­vidu­ellen Ebe­ne in der Frage nach dem Verhält­nis des zentral­perspek­tivi­schen Darstel­lungs- zum “natür­lichen” Wahrneh­mungsmo­dus (Natür­lichkeits­para­doxon), auf der kultu­rellen Ebe­ne in der Kontro­verse um den Status als symbo­lische Form bzw. kultur­gebun­denes Dispo­sitiv (⊳ Abschnitt 4.2).


Perspektivik als anthropo­logi­sche Basis­prämisse

Perspektivik als kognitives Basis­konzept: Der Stand­ort des Be­trach­ters

Während die spatio-temporale Gebun­denheit des Indi­vidu­ums eine unhin­tergeh­bare Basis­prämis­se stellt, setzt das Prinzip der Perspek­tivik als standort­gebun­dene Wahrneh­mung eines Objekts die Gege­benheit poten­tieller Alter­nati­ven zum jeweils aktu­ellen Blickwin­kel voraus. Die Erkenn­tnis der mit dieser Grunddis­posi­tion verbun­denen Rela­tivi­tät der Betrach­tung und die daran geknüpf­te Fähig­keit, sich von der eige­nen Perspek­tive lösen zu können und ande­re poten­tielle Stand­orte als gleichbe­rechtig­te Alter­nati­ven zu erken­nen, ist die Voraus­setzung für perspek­tivi­sches Denken, wie es als inhä­rentes Charak­teris­tikum der menschli­chen Kogni­tion gilt (vgl. [Canisius 1987a]Canisius, Peter (1987): Einleitung. In: Canisius, P. & Gerlach, M. (Hg.), Perspektivität in Sprache und Text. Brockmeyer, Bochum.
: S. xiii), muss onto­gene­tisch aber erst erwor­ben werden: Leib­apri­orisch bedingt ist die primä­re Phase der Entwick­lung mono­perspek­tivisch geprägt, als Kinder in diesem frühen Stadium zunächst nicht in der Lage sind, sich mental an einen ande­ren Sehe­punkt verset­zen zu können (vgl. [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
; [Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 29). Erst durch die Über­windung des „intel­lektu­ellen Ego­zentris­mus“ ([Piaget & Inhelder 1972a]Piaget, Jean & Inhelder, Bärbel (1972): Die Psychologie des Kindes. Walter, Olten.
) kommt es mit der Entwick­lung des Bewusst­seins des eige­nen Subjekts zur Ausprä­gung der Fähig­keit perspek­tivi­schen Denkens.

Das bewusste Einnehmen einer Perspek­tive und deren Vermitt­lung sind in diesem Sinne abstrak­te menta­le Fähig­keiten. Obgleich ausge­hend vom konkre­ten Augen­punkt inner­halb der Perzep­tionssi­tuation ist damit der point of view als Ausgangs­punkt der Perspek­tiven­setzung nicht mit der physi­kali­schen Veror­tung eines aktu­ellen Betrach­ters gleichzu­setzen. Dies gilt auch für bildli­che Darstel­lungen, als auch dort der Ausgangs­punkt einer Perspek­tive – ana­log zur Konzep­tiona­lisie­rung von Raum-Rela­tionen in der Sprache (vgl. [Levinson 2003a]Levinson, Stephen C. (2003): Space in Language and Cognition. Explorations in Cognitive Diversity. Cambridge University Press, Cambridge.
) – als abstrak­tes Projek­tionszen­trum zu verste­hen ist, der „außer­räumlich ima­ginär“ ([Boehm 1969a]Boehm, Gottfried (1969): Studien zur Perspektivität. Philosophie und Kunst in der frühen Neuzeit. Carl Winter, Heidelberg.
: S. 18) bleibt, vgl. [Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
:

this point itself, although consti­tutive for the perspec­tival represen­tation, remains un­repre­sented and, hence, psycho­logical­ly incon­spicuous. In other words, the basic and consti­tutive implic­itness of perspec­tivity is to be seen in the non­represen­tational incon­spicuous­ness of the point of view, which in turn is consti­tutive of the perspec­tival structure of represen­tation. ([Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 29)

Perspektivität als pragma­ti­sche Kate­gorie: »Subjek­tivi­tät«

Die Notwendigkeit der konzep­tuellen Trennung zwischen dem realen Betrach­ter und der inhä­renten Perspek­tivik einer bildli­chen Darstel­lung spiegelt sich auch in der Diskus­sion von Perspek­tivi­tät als subjek­tive Kate­gorie wider: Inner­halb einer konkre­ten Perzep­tionssi­tuati­on ist die Betrach­tung eines Objekts zunächst bedingt durch die Ego­zentrik menschli­cher Wahrneh­mung. Paral­lel hierzu ist auch jede abstrak­te Perspek­tiven­setzung bedingt durch einen Sehe­punkt, der impli­zit ein Subjekt voraus­setzt (vgl. [Mitchell 1992a]Mitchell, William J.T. (1992): The Reconfigured Eye. Visual Truth in the Post-Photographic Era. MIT Press, Cambridge, MA.
: 134). Insbe­sonde­re der Darstel­lungsmo­dus der Zentral­perspek­tive wird in dieser Hinsicht als ‘subjek­tiv’ beschrie­ben, da die Zentrie­rung auf einen “Augen­punkt” als Rela­tion zum Subjekt gewer­tet wird, wie auch Dürer das „awg“ als „daz erst“ ([Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
: 373) bzw. als primär konsti­tuieren­des Merkmal für jede (zentral-)perspek­tivi­sche Darstel­lung gilt. In dieser Hinsicht ist Perspek­tivik als “subjek­tives” Prinzip und damit als pragma­tische Kate­gorie (⊳ Bildprag­matik) zu werten.

Die Bewertung als subjektiv bleibt termi­nolo­gisch jedoch inso­fern vage, als das abstrak­te Projek­tionszen­trum einer bildli­chen Darstel­lung nicht mit einem realen Betrach­ter gleichge­setzt werden kann und dadurch eine Dopplung von “Subjek­tivi­tät” auf unter­schiedli­chen Ebe­nen zu berück­sichti­gen ist. Vor diesem Hinter­grund ist auch die allge­meine Kritik am “Subjek­tivis­mus” bildwis­senschaft­licher Theorie­bildung von [Maynard 2003a]Maynard, Patrick (2003): Pictures of Perspective: Theory or Therapy?. In: Hecht, H. & Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
und Hyman zu lesen: Wie Hyman auch im Rückgriff auf Alber­ti («De pittura», Buch 1, 19) ausführt, muss die Beschrei­bung von Perspek­tive unab­hängig von der „Leistung der Augen in der visuellen Wahrnehmung“ erfolgen (vgl. [Hyman 2006a]Hyman, John (2006): The Objective Eye: Color, Form, and Reality in the Theory of Art. University of Chicago Press, Chicago.
: S. 223 bzw. [Hyman 2009a]Hyman, John (2009): Perspective. In: Cooper, D. et al. (Hg.), A Companion to Aesthetics. Backwell, Oxford.
: S. 469).

Perspektivik als erkenntnis­theore­tische Kate­gorie: Rela­tivi­tät und point of view

Vor dem Hintergrund abstrakter Blick­winkel und der Frage nach dem Verhält­nis zwischen Subjekt und Objekt ist das Konzept der Perspek­tivik für die Bildwis­senschaft nicht nur als Prinzip bildli­cher Darstel­lung in Bezug auf die techni­sche Konstruk­tionswei­se der Raumdar­stellung rele­vant, sondern prägt eben­falls in zentra­ler Weise die bildphi­loso­phische Diskus­sion um die Frage nach dem Verhält­nis von Bild – Denken – Welt. In der durch die Gebun­denheit an einen Point of View beding­ten Rela­tivi­tät prägt die Subjekt-Objekt-Korre­lation als das „pola­re Grundge­rüst des Erken­nens“ ([Boehm 1969a]Boehm, Gottfried (1969): Studien zur Perspektivität. Philosophie und Kunst in der frühen Neuzeit. Carl Winter, Heidelberg.
: S. 13) entschei­dend die Erfas­sung des Wahrneh­mungsob­jekts in seinem Verhält­nis zur „Welt“. Perspek­tivi­tät und Reali­tätsver­ständnis stehen damit in einem gegen­seiti­gen Abhän­gigkeits­verhält­nis, wie es neuzeit­lich durch das Primat der visu­ellen Wahrneh­mung geprägt ist: Als real erscheint das, was e-vident, d.h. sichtbar ist. In dieser Hinsicht erweist sich das Prinzip der Perspek­tivik als Verhält­nis zwischen Objekt – Subjekt – Welt durch seine Inter­depen­denz mit Fragen der Welt­anschau­ung geprägt und damit histo­risch gese­hen als vari­abel. Die Frage nach einer mögli­chen Korre­lation zwischen Raumwahr­nehmung, Darstel­lungssys­tem und Denksys­tem spiegelt sich in der Diskus­sion um die histo­rischen Ausprä­gungen von Perspek­tivi­tät und deren Status als Dispo­sitiv, wie sie exem­plarisch in Bezug auf den Stellen­wert der Zentral­perspek­tive als symbo­lische Form verhan­delt wird.


Perspektivik als kultur­histo­risches Kon­zept

Von Aspektive zu Perspek­tive: Kunst­geschich­te als Per­spekti­venwan­del

Als kulturabhängiges Konzept ist das Verhält­nis von Betrach­tersub­jekt und Wahrneh­mungsge­genstand dem histo­rischen Wandel unter­zogen, wie er in den verschie­denen Ausprä­gungen der Perspek­tivie­rungstech­niken inner­halb der verschie­denen Epo­chen sichtbar wird: Während grundsätz­lich alle Bilder – im allge­meinen Sinn des Wortes – perspek­tivisch sind, unter­scheiden sich die Darstel­lungsfor­men im histo­rischen Kontext in Bezug auf die Art und Weise der Darstel­lungsprä­feren­zen und der einge­setzten Perspek­tivie­rungsmit­tel. [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
hat in dieser Hinsicht die Begriffs-Dicho­tomie »Aspek­tive vs. Perspek­tive« geprägt, wobei diese dicho­tomi­sche Gegen­über­stellung bereits eine Verwen­dung des Begriffs der Perspek­tive in der Bedeu­tung »Zentral­perspek­tive« impli­ziert. Aspek­tivi­sche Darstel­lungsfor­men, wie sie in den frühen Kultur­stufen im anti­ken Ägyp­ten bzw. in den geome­trischen und archa­ischen Stilfor­men des anti­ken Griechen­lands vorlie­gen, zeichnen sich dadurch aus, dass einzel­ne konven­tionel­le Merkma­le als Charak­teris­tika d.h. „Aspek­te“ der damit als „Urbil­der“ bzw. „Begriffs­bilder“ konzep­tiona­lisier­ten Objek­te in einem Bild addi­tiv neben­einan­der gestellt werden, ohne dass ein einheit­licher Sehe­punkt als Orga­nisa­tionsprin­zip wirkt. Neben dem damit verbun­denen Fehlen opti­scher Verkür­zungen und tiefen­räumli­cher Wirkung sind aspek­tivi­sche Bilder insbe­sonde­re durch para­takti­sche Rela­tionen der einzel­nen Objek­te zuein­ander geprägt. Inner­halb des „Aggre­gatraums“ (in Abgren­zung zum späte­ren „System­raum“, vgl. [Panofsky 1927a]Panofsky, Erwin (1927): Die Perspektive als symbolische Form. In: Saxl, F. (Hg.), Vorträge der Bibliothek Warburg, 1924/25. Teubner, Leipzig, Berlin.
) unter­bleibt eine tempo­ral-loka­le Situ­ierung der Objek­te, die damit keinen refe­rentiel­len Eigen­wert besit­zen, sondern als „Begriffs­bilder“, als Bilder des „So-Seins“ fungie­ren. Aspek­tivi­sche und perspek­tivi­sche Bilder unter­scheiden sich damit in Bezug auf das Verhält­nis ihrer Einzel­teile zum Bild­ganzen sowie in Bezug auf ihr Verhält­nis zuein­ander. In zentral­perspek­tivi­schen Darstel­lungen kommt es dage­gen zu einem einheit­lichen Sehe­punkt, der als Ordnungs­instanz die Raum­darstel­lung bestimmt, wie es auch im Bild der „Seh­strahlen“ bzw. „Seh­pyramide“ deutlich wird (vgl. Abb. 2).

Ab­bil­dung 2: Das Bild als Schnitt durch die Seh­py­ra­mi­de bei Leon Bat­tis­ta Al­ber­ti (1436)

Die Un­ter­schie­de zwi­schen A­spek­ti­ve und Per­spek­ti­ve führt [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
: S. 3) auf un­ter­schied­li­che kog­ni­ti­ve Wahr­neh­mungs­leis­tun­gen zu­rück, wie sie sich auch in un­ter­schied­li­chen Be­rei­chen wie Men­schen­bild, Re­li­gi­on, My­thos, Wis­sen­schaft und Po­li­tik wi­der­spie­geln. Die da­mit an­ge­spro­che­ne Fra­ge nach ei­nem Zu­sam­men­hang zwi­schen Re­prä­sen­ta­ti­ons­sys­tem und Wahr­neh­mungs­mo­dus steht in der Tra­di­ti­on der von [Panofsky 1927a]Panofsky, Erwin (1927): Die Perspektive als symbolische Form. In: Saxl, F. (Hg.), Vorträge der Bibliothek Warburg, 1924/25. Teubner, Leipzig, Berlin.
an­ge­sto­ße­nen De­bat­te nach dem Status der Zentral­perspek­tive, die dieser – ausge­hend von der Beobach­tung der histo­rischen Vari­anz perspek­tivi­scher Darstel­lungen und der Argu­menta­tion [Hauck 1879a]Hauck, Guido (1879): Die Subjektive Perspektive und die Horizontalen Curvaturen des Dorischen Styls: Eine perspektivisch-ästhetische Studie. Wittwer, Stuttgart.
gegen die “Natür­lichkeit” der Zentral­perspek­tive – als eine histo­rische Vari­ante im Sinn einer „symbo­lischen Form“ [Cassirer 2010a]Cassirer, Ernst (2010): Philosophie der symbolischen Formen. Dritter Teil: Phänomenologie der Erkenntnis. Meiner, Hamburg.
Nicht angezeigt: hrsg. von B. Recki
wertet. Diese These hat seitdem in der Bild­wissen­schaft zu einer “Sapir-Whorf-Kontro­verse” geführt, als in ihr in nuce zentra­le Fragen nach dem Verhält­nis von Bild – Denken – Welt verhan­delt werden.

Die Zentralperspektive als „symbo­lische Form“: Das Natür­lichkeits­para­doxon

Die Zentralperspektive bzw. costru­zione legit­tima, gilt seit ihrer Entste­hung im 14. Jahrhun­dert aufgrund der einheit­lichen Zentrie­rung des Blicks auf einen “Augen­punkt” als die “natür­liche” Form der Perspek­tive. Hinsich­tlich des Verhält­nisses von Wahrneh­mungssub­jekt und Objekt scheint die Bewer­tung als “natür­lich” zunächst intu­itiv plausi­bel, da das Ziel des zentral­perspek­tivi­schen Darstel­lungsmo­dus danach zu streben scheint, einen natür­lichen und in diesem Sinn “realis­tischen” Sehein­druck wieder­zuge­ben; eine Inten­tion, wie sie seit der Renais­sance in der Meta­pher des “geöff­neten Fensters” (finestra aperta, Alber­ti) bzw. eines “Spiegels der Welt” deutlich wird:

Die Perspektive ist nichts ande­res, als wenn man eine Szene hinter einem flachen und gut durchsich­tigen Glas sieht, auf dessen Fläche alle Gegen­stände aufge­zeichnet sind, die sich hinter dem Glas befin­den. (Leonar­do da Vinci, «Libro di pittura», in [Chastel 1990a]Chastel, André (1990): Leonardo. Sämtliche Gemälde und die Schriften zur Malerei. Schirmer/Mosel, München.
: 246)

Gegen die Bewertung der Zentral­perspek­tive als “natür­lich” sind unter­schiedli­che Gegen­argu­mente vorge­bracht worden. Die Diskus­sion fokus­siert dabei zum einen auf die Diffe­renzen zwischen Abbild und natür­lichem Sehvor­gang (so ist in dieser Hinsicht u.a. vorge­bracht worden, dass der Ausgangs­punkt zentral­perspek­tivi­scher Darstel­lungen auf das Auge eines „Zyklo­pen“ ([Damisch 2010a]Damisch, Hubert (2010): Der Ursprung der Perspektive. Diaphanes, Zürich.
: S. 55) redu­ziert werde sowie dass gekrümm­te Linien dem reti­nalen Seh­eindruck eher als gera­de Linien entspre­chen würden (vgl. [Hauck 1879a]Hauck, Guido (1879): Die Subjektive Perspektive und die Horizontalen Curvaturen des Dorischen Styls: Eine perspektivisch-ästhetische Studie. Wittwer, Stuttgart.
).[2] Zum ande­ren wird argu­mentiert, dass die perspek­tivi­sche Darstel­lung grundsätz­lich zu einer „Verzer­rung“ der Abbil­dung führen müsse und damit einem natür­lichen Seh­eindruck entge­gen stehe (vgl. bereits bei Platon; [Hub 2009a]Hub, Berthold (2009): Platon und die bildende Kunst. Eine Revision. Plato. The Internet Journal of the International Plato Society, 9.
Webadresse: gramata.univ-paris1.fr/Plato
). Beide Einwän­de lassen dabei jedoch die grundle­gende Unter­scheidung zwischen perzep­tiver Wahrneh­mung und konzept-beding­ten Darstel­lungsfor­men unbe­rücksich­tigt, so dass die Natür­lichkeits­these vor der Beobach­tung der histo­rischen Vari­anz der Perspek­tivie­rungsfor­men als para­dox erscheint: Die Rolle der Zentral­perspek­tive als „selte­ner Sonder­fall“ ([Schweitzer 1953a]Schweitzer, Bernhard (1953): Vom Sinn der Perspektive. Niemeyer, Tübingen.
: S. 11) in der Kunstge­schichte und die ana­log dazu sich bei Kindern erst spät ent­wickel­nde perspek­tivi­sche Darstel­lung (vgl. [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
) deuten darauf hin, dass die Zentral­perspek­tive aus phylo- wie onto­gene­tischer Sicht eine komple­xe Entwick­lungsstu­fe darstellt und nicht als ‘natür­lich’ beschrie­ben werden sollte.

Als Frage nach der theore­tischen Erfas­sung der Rela­tion zwischen Bild und Welt erweist sich die Kontro­verse um die “Natür­lichkeit” inso­fern als rele­vant, als diese an die für die Bild­philo­sophie zentra­le Frage geknüpft ist, ob die Rela­tion von Bild und Welt grundsätz­lich als ein genu­ines Entspre­chungsver­hältnis zwischen Bild und Abge­bilde­tem (vgl. [Rehkämper 2003a]Rehkämper, Klaus (2003): What You See Is What You Get: The Problems of Linear Perspective. In: Hecht, H., Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
; [Pirenne 1952/53a]Pirenne, Maurice (1952): The Scientific Basis of Leonardo da Vinci’s Theory of Perspective. British Journal for the Philosophy of Science, 3.
: S. 170; [Gombrich 1962a]Gombrich, Ernst H. (1962): Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation. Phaidon, London.
) oder als histo­risch beding­te Konven­tion (vgl. [Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) zu gelten hat. Die Bewer­tung der “Natür­lichkeit” steht damit zum einen in Abhän­gigkeit der jeweils zugrun­de geleg­ten Axio­matik. Gleichzei­tig wird vor der Diffe­renzie­rung der mit dem Prinzip der Perspek­tivik verbun­denen Rela­tionen deutlich, dass zwischen den Fragen, wie bzw. was wir sehen – zwei Fragen, die in der auf dem visu­ellen Primat gründen­den Wirklich­keitsauf­fassung der Neuzeit häufig gleichge­setzt werden – zu trennen ist (vgl. auch [Rehkämper 2003a]Rehkämper, Klaus (2003): What You See Is What You Get: The Problems of Linear Perspective. In: Hecht, H., Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
: S. 184): Während sich in Bezug auf das Verhält­nis der Dinge zur Welt ange­sichts der Unter­schiede inner­halb der histo­rischen Darstel­lungsfor­men die diesbe­zügli­che Ähnlich­keitsre­lation als „histo­rische Vari­able“ ([Giuliani 2003a]Giuliani, Luca (2003): Bild und Mythos. Geschichte der Bilderzählung in der griechischen Kunst. C.H. Beck, München.
: S. 25) erweist, ist in Bezug auf die für das Prinzip der Perspek­tivik konsti­tuti­ve Rela­tion zwischen Betrach­tersub­jekt und Wahrneh­mungsge­genstand – wie sie sich rekur­siv auf mehre­ren Ebe­nen der Bildbe­trachtung zeigt – zwischen dem Seh­eindruck der perspec­tiva natu­ralis, der dem struktu­rellen Prinzip der visu­ellen Wahrneh­mung folgt, und der perspec­tiva arti­ficia­lis als Darstel­lungsmo­dus zu unter­scheiden. Aufgrund der sich gegen­seitig bedin­genden Verschrän­kung dieser Ebe­nen und ihrer Inter­depen­denz zum Reali­tätsver­ständnis, wie sie insbe­sonde­re im neuzeit­lichen Denken anhand der Subjek­tivis­mus-Deba­te deutlich wird, zeigt sich eine Bewer­tung perspek­tivi­scher Bilder hinsicht­lich der Rela­tion zwischen Darstel­lungsmo­dus und abge­bilde­tem Gegen­stand damit nur vor der Folie des kultur-histo­rischen Bedin­gungsge­füges als möglich.


Perspektivik im Schnittpunkt bild­wissen­schaft­licher Frage­stellun­gen

Für den bildwissenschaft­lichen Diskurs erweist sich das Prinzip der Perspek­tivik in seiner doppel­ten Bedeu­tung (anthro­polo­gische Prämis­se bzw. unhin­tergeh­bares Basis-Prinzip einer­seits, kultur-histo­rische Vari­able in Bezug auf die jewei­ligen histo­rischen Ausprä­gungen perspek­tivi­scher Mittel ande­rerseits) als zentra­les Konzept, das – wie in der Diskus­sion des zentral­­perspek­tivi­schen “Natür­lichkeits­para­doxons” vorge­führt – im Schnittpunkt der bild­philo­sophi­schen Kontro­versen um das Verhält­nis von Bild und Abbild (⊳ Ähnlich­keit und wahrneh­mungsna­he Zeichen, ⊳ Theori­en des Bild­raums) und der Rela­tion zwischen Subjekt und Welt (⊳ Wahrneh­mung und Rezep­tion, ⊳ Bildprag­matik) situ­iert ist.

Anmerkungen
  1. ↑ Dü­rer nennt an die­ser Stel­le ins­ge­samt fünf kon­sti­tu­ti­ve Ele­men­te der Per­spek­ti­ve, wo­bei die bei­den wei­te­ren Merk­ma­le („Daz firt: al­ding sicht man durch ge­rad li­nj, daz sind dy kürt­zes­ten li­nj. Item daz fünft ist dy teil­lung von ein an­der der ding, dy dw sichst“; zit. nach [Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
    : S. 373) durch die spe­zi­fi­sche Cha­rak­te­ris­tik der Zen­tral­per­spek­ti­ve be­dingt sind, die für Dü­rer als die Per­spek­ti­ve gilt.
  2. ↑ Zur kri­ti­schen Be­wer­tung vgl. [Pirenne 1952/53a]Pirenne, Maurice (1952): The Scientific Basis of Leonardo da Vinci’s Theory of Perspective. British Journal for the Philosophy of Science, 3.
    : S. 169; [Rehkämper 2003a]Rehkämper, Klaus (2003): What You See Is What You Get: The Problems of Linear Perspective. In: Hecht, H., Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
    : 186f.
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Ausgabe 1: 2013

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Zeman, Sonja (2013). Perspektivik. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Perspektivik].