Morphologie und Syntax: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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==Grammatik versus Morpho&shy;logie==
Da die Idee der Grammatik in Form der genera&shy;tiven Syntax<ref>Vgl. hier&shy;zu [http://de.wikipedia.org/wiki/Generative_Grammatik Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Ge&shy;ne&shy;ra&shy;ti&shy;ve Gram&shy;ma&shy;tik].</ref>  im Bereich der Sprache sehr frucht&shy;bar gewirkt hat, ist verschie&shy;dentlich vorge&shy;schlagen worden, ana&shy;log die Bild&shy;syntax mithil&shy;fe einer [[Bildgrammatik|Bildgram&shy;matik]] zu studie&shy;ren. Aller&shy;dings blieb diesen Ansät&shy;zen wenig Erfolg beschie&shy;den, denn die kompo&shy;sitio&shy;nale Syntax inte&shy;ressiert sich vor allem für syntak&shy;tisch korrek&shy;te Kompo&shy;sitio&shy;nen von ''Wörtern'' – als den ele&shy;menta&shy;ren Sprach&shy;zeichen – zu ''Sätzen'' – als den komple&shy;xen Sprach&shy;zeichen. Ein über&shy;zeugen&shy;des pikto&shy;riales Ana&shy;logon zu Wörtern derart, dass Bilder als daraus gebil&shy;dete “Sätze” zu verste&shy;hen wären, ist bislang nicht vorge&shy;schlagen worden. Mit der Morpho&shy;logie ist aller&shy;dings ein weite&shy;rer Bereich der syntak&shy;tischen Studien von Sprache gege&shy;ben, der Wörter selbst als komple&shy;xe Gebil&shy;de unter&shy;sucht:<ref>Ob&shy;wohl die Be&shy;zeich&shy;nung ‘Mor&shy;pho&shy;lo&shy;gie’ be&shy;reits 1859 von Au&shy;gust Schlei&shy;cher (un&shy;ter dem Ein&shy;fluss von Goe&shy;thes mor&shy;pho&shy;lo&shy;gi&shy;scher The&shy;o&shy;rie des Pflan&shy;zen&shy;wachs&shy;tums) in die Sprach&shy;for&shy;schung ein&shy;ge&shy;führt wor&shy;den ist, wur&shy;de ei&shy;ne spe&shy;zi&shy;fisch mor&shy;pho&shy;lo&shy;gi&shy;sche Un&shy;ter&shy;su&shy;chung von Wör&shy;tern – im Ge&shy;gen&shy;satz zu den syn&shy;tak&shy;to-gram&shy;ma&shy;ti&shy;schen Stu&shy;di&shy;en über den Satz&shy;bau und un&shy;ab&shy;hän&shy;gig von der Pho&shy;no&shy;lo&shy;gie – erst ab den 1970er Jah&shy;ren vor&shy;an&shy;ge&shy;trie&shy;ben; <bib id='Schleicher 1859a'>Schlei&shy;cher 1859a</bib>; vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Morphologie_%28Sprache%29 Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Mor&shy;pho&shy;lo&shy;gie (Spra&shy;che)].</ref> Wie sollte die inne&shy;re Struktur von Wörtern und das Verhält&shy;nis verschie&shy;dener gramma&shy;tischer Formen eines Wortes bzw. die Rela&shy;tionen zwischen verwand&shy;ten Wörtern sinnvoll beschrie&shy;ben werden? Auch hierbei wird in der Regel von einem gene&shy;rati&shy;ven Ansatz ausge&shy;gangen, der sich aller&shy;dings deutlich von den gramma&shy;tischen Satz&shy;struktu&shy;ren unter&shy;scheidet. Das liegt unter anderm daran, dass die morpho&shy;logi&shy;sche Ana&shy;lyse nicht auf die Unter&shy;scheidung zwischen Satz und Wort ange&shy;wiesen ist. Anders gesagt: Während die gramma&shy;tische Kompo&shy;sitio&shy;nali&shy;tät nur für [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|wort/satz&shy;sprachlich orga&shy;nisier&shy;te Zeichen&shy;syste&shy;me]] Sinn macht, können morpho&shy;logi&shy;sche Betrach&shy;tungen allge&shy;meiner für belie&shy;bige Zeichen&shy;syste&shy;me mit komple&shy;xen Zeichen durchge&shy;führt werden.<ref>Mit an&shy;de&shy;ren Wor&shy;ten: In der “Mik&shy;ro&shy;struk&shy;tur” der ein&shy;zel&shy;nen Wör&shy;ter von wort/satz&shy;sprach&shy;lich or&shy;ga&shy;ni&shy;sier&shy;ten Zei&shy;chen&shy;sys&shy;te&shy;men spie&shy;gelt sich ei&shy;ne ge&shy;gen&shy;über der “ma&shy;kro&shy;struk&shy;tu&shy;rel&shy;len” Zu&shy;sam&shy;men&shy;stel&shy;lung von Wör&shy;tern zu Sät&shy;zen äl&shy;te&shy;re Form der se&shy;mi&shy;o&shy;ti&shy;schen Kom&shy;po&shy;si&shy;ti&shy;on struk&shy;tu&shy;rier&shy;ter Zei&shy;chen&shy;trä&shy;ger.</ref>   
:
Bildphilosophisch schließt sich daher die Frage an, ob die morpho&shy;logi&shy;sche Perspek&shy;tive besser geeig&shy;net ist als die gramma&shy;tische, um bild&shy;syntak&shy;tische Zusam&shy;menhän&shy;ge zu erfas&shy;sen. Ein genau&shy;erer Blick auf die morpho&shy;logi&shy;schen Struktu&shy;ren bei sprachli&shy;chen Zeichen&shy;syste&shy;men im enge&shy;ren Sinn ([[#Sprache: Morpheme und morpho&shy;logi&shy;sche Ope&shy;rato&shy;ren|2]]) und auf damit zusam&shy;menhän&shy;gende Betrach&shy;tungen zu allge&shy;meinen Sprach&shy;typen ([[#Isolierende, polysynthe&shy;tische, fusio&shy;nieren&shy;de und agglu&shy;tinie&shy;rende Sprach&shy;syste&shy;me|3]]) ist zur Beant&shy;wortung dieser Frage sinn&shy;voll.


<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen-->
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
==Sprache: Morpheme und morpho&shy;logi&shy;sche Ope&shy;rato&shy;ren==
<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->


In morphologischen Analysen wird ein Wort als aus Segmen&shy;ten zusam&shy;menge&shy;setzt verstan&shy;den, die zur Bedeu&shy;tung oder gramma&shy;tischen Funktion des Wortes beitr&shy;agen und ‘Morphe&shy;me’ genannt werden.<ref>Der Aus&shy;druck ‘Mor&shy;phem’ ist um 1881 von B. de Cour&shy;te&shy;nay vor&shy;ge&shy;schla&shy;gen und von L. Bloom&shy;field wei&shy;ter aus&shy;ge&shy;ar&shy;bei&shy;tet wor&shy;den; <bib id='Bloomfield 1933a'>Bloom&shy;field 1933a</bib>; Vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Morphem Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Mor&shy;phem].</ref> Die Nachsil&shy;be ‘-ed’ im Engli&shy;schen etwa, die Vorsil&shy;be ‘pré-’ im Franzö&shy;sischen oder der Stamm ‘-wend-’ im Deutschen sind typi&shy;sche Beispie&shy;le von Morphe&shy;men. Morpho&shy;logi&shy;sche Ele&shy;mente werden vor allem durch die Substi&shy;tutions&shy;regel iden&shy;tifi&shy;ziert und zu Klassen zusam&shy;menge&shy;stellt: Beispiels&shy;weise können eini&shy;ge franzö&shy;sische Wörter, die mit ‘pré-’ begin&shy;nen, in ande&shy;re franzö&shy;sische Wörter transfor&shy;miert werden, indem jeweils die Vorsil&shy;be durch ‘re-’, ‘con-’, ‘de-’ etc. ersetzt wird.
:
Morpheme bestehen nicht notwendig aus einer ganz bestimm&shy;ten Laut- bzw. Buchsta&shy;benfol&shy;ge. So kann etwa im Engli&shy;schen das den Plural eines Substan&shy;tivs anzei&shy;gende Morphem in zwei Vari&shy;anten, den so genannten Allo&shy;morphen, erschei&shy;nen: ‘-s’ oder ‘-es’.<ref>Pho&shy;ne&shy;tisch er&shy;ge&shy;ben sich je nach be&shy;trach&shy;te&shy;tem Sub&shy;stan&shy;tiv so&shy;gar noch mehr Al&shy;lo&shy;mor&shy;phe, da ‘-s’ bzw. ‘-es’ kon&shy;text&shy;ab&shy;hän&shy;gig stimm&shy;haft oder stimm&shy;los aus&shy;ge&shy;spro&shy;chen wer&shy;den kön&shy;nen.</ref> Obwohl viele Morphe&shy;me bedeu&shy;tungsmo&shy;difi&shy;zierend wirken, müssen sie nicht unbe&shy;dingt eine eige&shy;ne Bedeu&shy;tung haben: Die meisten Morphe&shy;me sind nicht selbst auch Wörter. Morphe&shy;me, die zugleich Wörter sind und daher eine eige&shy;ne Bedeu&shy;tung tragen, werden ''freie'' Morphe&shy;me oder ''Lexe&shy;me'' genannt; die ande&shy;ren heißen ''gebun&shy;den''. Die seman&shy;tische oder gramma&shy;tische Funktion eines Morphems kann zudem vieldeu&shy;tig sein und sich in verschie&shy;denen Kompo&shy;sitio&shy;nen unter&shy;schei&shy;den (etwa das Morphem ‘-(e)s’ als Flexions&shy;nachsil&shy;be oder als Plural&shy;nachsil&shy;be im Engli&shy;schen). Es sind vor allem die Stamm-Morphe&shy;me, die eine Kernbe&shy;deutung vermit&shy;teln, welche durch morpho&shy;logi&shy;sche Ope&shy;ratio&shy;nen modi&shy;fiziert werden kann.
:
Morphologische Operationen spielen eine zentra&shy;le Rolle bei der Neubil&shy;dung von Wörtern. Allge&shy;mein können sie diffe&shy;renziert werden in ''inter&shy;ne'' Modi&shy;fika&shy;tionen, bei denen im Wesen&shy;tlichen Vokal&shy;wechsel erfol&shy;gen (etwa engl. ‘come’ zu ‘came’), und ''exter&shy;ne'' Modi&shy;fika&shy;tionen durch Anhän&shy;gen so genann&shy;ter Affi&shy;xe – damit werden neben Vor- und Nachsil&shy;ben (d.h. Prä- und Post&shy;fixe) auch Circum&shy;fixe (gleich&shy;zeiti&shy;ge Verwen&shy;dung von Vor- und Nachsil&shy;ben) und In&shy;fixe (Einfü&shy;gen einer Zwischen&shy;silbe) zusam&shy;menge&shy;fasst – oder durch Kompo&shy;sita-Bildung, die etwa im Deutschen für viele sponta&shy;ne Wortneu&shy;bildun&shy;gen verant&shy;wortlich ist (z.B. ‘Banken&shy;schutzschirm’). Während inter&shy;ne Modi&shy;fika&shy;tionen gewis&shy;serma&shy;ßen die “Farbe” eines Wortes austau&shy;schen, verän&shy;dern exter&shy;ne Modi&shy;fika&shy;tionen seine Gestalt und Größe.
:
Am besten versteht man Morphe&shy;me als Träger unge&shy;sättig&shy;ter Teilhand&shy;lungen einer Gesamt&shy;zeichen&shy;handlung ohne unab&shy;hängi&shy;ge [[Pragmatik, Semantik, Syntax|pragma&shy;tische]] Funktion, die auf mehr oder weni&shy;ger spezi&shy;fische Weise die Bedeu&shy;tung oder gramma&shy;tische Funktion (und damit die Verwen&shy;dungswei&shy;se) des Wortgan&shy;zen beein&shy;flussen, selbst aber nicht als Zeichen&shy;handlun&shy;gen gelten können.<ref>Die&shy;se Ein&shy;schrän&shy;kung un&shy;ter&shy;schei&shy;det sie et&shy;wa von [[Prädikation|Prä&shy;di&shy;ka&shy;ti&shy;on]] und [[Nomination|No&shy;mi&shy;na&shy;ti&shy;on]], die tat&shy;säch&shy;lich un&shy;ge&shy;sät&shy;ti&shy;gte Teil&shy;''zei&shy;chen''&shy;hand&shy;lun&shy;gen sind und je&shy;weils sehr spe&shy;zi&shy;fi&shy;sche prag&shy;ma&shy;ti&shy;sche Funk&shy;ti&shy;o&shy;nen tra&shy;gen.</ref>




==Isolierende, polysynthe&shy;tische, fusio&shy;nieren&shy;de und agglu&shy;tinie&shy;rende Sprach&shy;syste&shy;me==
Formale Satzbildungsgrammatik und wortbil&shy;dende morpho&shy;logi&shy;sche Zusam&shy;menhän&shy;ge sind zwei pola&shy;re Orga&shy;nisa&shy;tionsprin&shy;zipien, zwischen denen sich die verschie&shy;denen (natür&shy;lichen) Sprachen auf einer Skala einord&shy;nen lassen. Stellt man die mittle&shy;re Anzahl von Morphe&shy;men, die in einer Sprache (oder allge&shy;meiner einem wortsprach&shy;lichen Zeichen&shy;system) verwen&shy;det werden, der hauptsäch&shy;lichen Art des gramma&shy;tischen Satzbaus gegen&shy;über, so ordnen sich die natür&shy;lichen Sprachen im Wesent&shy;lichen entlang einer Diago&shy;nalen:<ref>Die&shy;se Be&shy;ob&shy;ach&shy;tung geht letzt&shy;lich auf W. v. Hum&shy;bold und A. W. v. Schle&shy;gel zu&shy;rück. Vgl. auch <bib id='Haase 2007a'>Haa&shy;se 2007a</bib> und <bib id='Lehmann online'>Leh&shy;mann on&shy;line</bib>, so&shy;wie [http://de.wikipedia.org/wiki/Sprachtypologie Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Sprach&shy;ty&shy;po&shy;lo&shy;gie].</ref>


=====Engere Begriffsbestimmung=====
<div align=center>
{| cellpadding="10" cellspacing="10" class="wikitable"
|-
| rowspan="2" colspan="2" bgcolor="#C8C8C8"| &nbsp;
| colspan="4" align="center" bgcolor="#C8C8C8"| '''Mittlere Anzahl von Morphemen pro Wort'''
|-
| align="center" bgcolor="#C8C8C8"|''analytisch''
| colspan="2" align="center" bgcolor="#C8C8C8"| ''synthetisch''
| align="center"  bgcolor="#C8C8C8"|''polysythetisch''
|-
| rowspan="4" align="center" bgcolor="#C8C8C8"| '''"Gram-<br/> mati-<br/> kali-<br/> tät"'''
|  bgcolor="#C8C8C8"|''isolierend''
|  Chinesisch
| colspan="2" |
|
|-
| rowspan="2" bgcolor="#C8C8C8"|''agglutinierend''
| rowspan="2" |
|  Englisch
|
| rowspan="2"|
|-
|
|  Deutsch
|-
| bgcolor="#C8C8C8"| ''fusionierend''
|
| colspan="2" |
|  Athapaskisch
|}
</div>


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
Sprachen, bei denen grammatische Satzstruk&shy;turen den Aufbau domi&shy;nieren, werden ''iso&shy;lierende'' Sprachen genannt. Verzich&shy;tet eine Sprache fast gänzlich auf gramma&shy;tische Satzbil&shy;dungsre&shy;geln und stützt sich vor allem auf morpho&shy;logi&shy;sche Wortbil&shy;dungsre&shy;geln, so spricht man von ''fusio&shy;nierenden'' Sprachen. Die Extre&shy;me reichen also beispiels&shy;weise von einer Kasus&shy;bildung nur über Präpo&shy;sitio&shy;nen einer&shy;seits bis zu einem am Wort selbst markier&shy;ten Kasus&shy;system mit deutlich mehr als vier Fällen ande&shy;rerseits. Die meisten Sprachen bewe&shy;gen sich zwischen diesen beiden Extre&shy;men (hier als ‘''agglu&shy;tinie&shy;rend''’ bezeich&shy;net).<ref>Dies ist ei&shy;ne et&shy;was ver&shy;ein&shy;fach&shy;te Dar&shy;stel&shy;lung: Der iso&shy;lie&shy;ren&shy;de Sprach&shy;ty&shy;pus ist da&shy;durch cha&shy;rak&shy;te&shy;ri&shy;siert, dass gram&shy;ma&shy;ti&shy;sche Funk&shy;ti&shy;o&shy;nen je&shy;weils in Wör&shy;tern se&shy;pa&shy;riert, der ag&shy;glu&shy;ti&shy;nie&shy;ren&shy;de, dass sie je&shy;weils über Mor&shy;phe&shy;me an Wort&shy;stäm&shy;me “an&shy;ge&shy;klebt” wer&shy;den. Beim fu&shy;si&shy;o&shy;nie&shy;ren&shy;den Sprach&shy;ty&shy;pus ver&shy;schmel&shy;zen schließ&shy;lich so&shy;gar ver&shy;schie&shy;de&shy;ne gram&shy;ma&shy;ti&shy;sche Funk&shy;ti&shy;o&shy;nen in ei&shy;nem Mor&shy;phem, so dass sehr kom&shy;ple&shy;xe gram&shy;ma&shy;ti&shy;sche Be&shy;zie&shy;hun&shy;gen in ei&shy;nem ein&shy;zel&shy;nen Wort aus&shy;ge&shy;drückt wer&shy;den. In den meis&shy;ten na&shy;tür&shy;li&shy;chen Spra&shy;chen wer&shy;den al&shy;le drei Ty&shy;pen ne&shy;ben&shy;ein&shy;an&shy;der in je&shy;weils cha&shy;rak&shy;te&shy;ris&shy;ti&shy;schem Ma&shy;ße ver&shy;wen&shy;det. Als wei&shy;te&shy;re Ei&shy;gen&shy;schaft müss&shy;te ei&shy;gent&shy;lich noch die Fle&shy;xi&shy;bi&shy;li&shy;tät der Wort&shy;stel&shy;lung be&shy;rück&shy;sich&shy;tigt wer&shy;den. Die bei&shy;de Di&shy;men&shy;si&shy;o&shy;nen sind nicht völ&shy;lig un&shy;ab&shy;hän&shy;gig von&shy;ein&shy;an&shy;der und in der Ta&shy;bel&shy;le un&shy;ter ‘Gram&shy;ma&shy;ti&shy;ka&shy;li&shy;tät’ zu&shy;sam&shy;men&shy;gefasst.</ref> Ande&shy;rerseits werden Sprachen, deren Wörter im Mittel aus vielen Morphe&shy;men beste&shy;hen, als ''poly&shy;synthe&shy;tisch'' bezeich&shy;net, während Sprachen, bei denen Wörter aus sehr weni&shy;gen Morphe&shy;men, oft nur einem einzi&shy;gen Lexem gebil&shy;det sind, ''analy&shy;tisch'' heißen. ''Synthe&shy;tische'' Sprachen nehmen dabei eine Mittel&shy;stellung ein. Wie in der Tabelle ange&shy;deutet, sind die menschli&shy;chen Sprachen im Wesent&shy;lichen entlang der Diago&shy;nale zwischen ana&shy;lytisch-iso&shy;lieren&shy;den Syste&shy;men und poly&shy;synthe&shy;tisch-fusio&shy;nieren&shy;den ange&shy;ordnet. Vergleicht man etwa Deutsch mit Englisch, so befin&shy;den sich zwar beide eher im Mittel&shy;feld, doch basiert Englisch auf kürze&shy;ren Wörtern (eher iso&shy;lierend), die in einer eher festen Satz&shy;stellung gebraucht werden, während das Deutsche stärker zu Kompo&shy;sita&shy;bildun&shy;gen neigt, in deutlich höhe&shy;rem Maße auf Wortfle&shy;xionen ange&shy;wiesen ist (eher fusio&shy;nierend), zugleich aber eine weitaus freie&shy;re Wortstel&shy;lung erlaubt.
:
In extrem analytisch-isolieren&shy;den Sprachen, wie etwa Chine&shy;sisch, werden Wörter, die aus nur sehr weni&shy;gen Morphe&shy;men beste&shy;hen, niemals morpho&shy;logisch verän&shy;dert. Alle gramma&shy;tischen Rela&shy;tionen werden durch speziel&shy;le Wörter ausge&shy;drückt<ref>Da&shy;zu zäh&shy;len z.B. das An&shy;hän&shy;gen des Wor&shy;tes ‘men’ (们) zur Plu&shy;ral&shy;bil&shy;dung, Wort&shy;ver&shy;dopp&shy;lung als Stei&shy;ge&shy;rungs&shy;form (‘gut’: 好, ‘bes&shy;ser’: 好好), Ver&shy;wen&shy;dung von Fra&shy;ge&shy;par&shy;ti&shy;keln (‘ma’ - 吗) oder Ver&shy;gan&shy;gen&shy;heits&shy;par&shy;ti&shy;keln (‘le’ - 了).</ref> oder durch die Posi&shy;tion des Wortes im Satz bestimmt (etwa S-P-O). Sätze sind direk&shy;te Gruppie&shy;rungen von Wörtern, wobei für gewöhn&shy;lich eine recht strikte Reihen&shy;folge einzu&shy;halten ist. Eine extrem poly&shy;synthe&shy;tisch-agglu&shy;tinie&shy;rende Sprache würde im Gegen&shy;satz dazu nur aus Einwort-Sätzen beste&shy;hen, wobei die Wörter aller&shy;dings meist auf ausge&shy;sprochen viele Morphe&shy;me zurück&shy;gehen, die mitein&shy;ander verschmol&shy;zen sind, um die vollstän&shy;dige Bedeutung entspre&shy;chend zu modi&shy;fizie&shy;ren. Viele Sprachen der ame&shy;rika&shy;nischen Urein&shy;wohner, wie etwa Náhuatl, nähern sich diesem Extrem stark an.<ref>Un&shy;ter an&shy;de&shy;rem we&shy;gen die&shy;ser Ei&shy;gen&shy;art wur&shy;de im Zwei&shy;ten Welt&shy;krieg Na&shy;va&shy;ho als un&shy;brech&shy;ba&shy;rer Ge&shy;heim&shy;code ein&shy;ge&shy;setzt.</ref>
:
Beispielsweise kann die morpho&shy;logi&shy;sche Struktur des Einwort-Satzes ‘matgībulhahumš’ im ägyp&shy;tischen Ara&shy;bisch wörtlich unge&shy;fähr über&shy;setzt werden zu ‹nicht -Ihr-solltet-bringen-ihr-sie-Ding› (d.h.: ‘Ihr solltet sie nicht zu ihr bringen’). Das Wort besteht aus den beiden Circum&shy;flexen ‘''ma...š''’ (‹nicht … Ding›, Nega&shy;tion) und ‘''t(i)...u''’ (Marker für Imper&shy;fekt der zweiten Person Plural im jussi&shy;ven Modus: etwa ‹Ihr solltet tun›), den beiden Morphe&shy;men ‘''l(ī)ha''’ (Dativ der dritten Person Singu&shy;lar femi&shy;nin: ‹ihr›), ‘''hum''’ (Akkusa&shy;tiv der dritte Person Plural ‹sie›), sowie, als Stamm, ein intern modi&shy;fizier&shy;tes Lexem ‘''gīb''’, das die imper&shy;fekti&shy;ve Form von ‘''gāb''’ darstellt und im Deutschen dem Stamm von ‘bringen’ entspricht: 


<div align=center>
{| class="wikitable"
|-
|colspan="7" align="center" | m a t g ī b u l h a h u m š
|-
|colspan="2" | 
| align="left"|(gāb)<br/>gīb
|colspan="4" | 
|-
|
|t(i)
| …
| u
|colspan="3" | 
|-
|colspan="4" | 
| l(ī)ha
|colspan="2" | 
|-
|colspan="5" | 
| hum
|
|-
| ma
|colspan="5" | . . .
| š
|}
</div>


=====optional Beispiele=====
All diese morphologischen Elemente sind in ein einzi&shy;ges Wort amal&shy;gamiert, das als Satz verwen&shy;det wird. Das Schema einer solch komple&shy;xen Kombi&shy;nation durch Verschmel&shy;zung von Morphe&shy;men mit parti&shy;ellen Phonem-Auslas&shy;sungen zusam&shy;men mit der Verwen&shy;dung umschlie&shy;ßender und einfü&shy;gender Affi&shy;xe kann in der Tat die Vorstel&shy;lung bildsyn&shy;takti&shy;scher Struktu&shy;ren viel eher evo&shy;zieren, als das Schema forma&shy;ler Gramma&shy;tiken.


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->


==Übertragung auf Bilder==


=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
Offensichtlich sind die [[Raum und Geometrie|geo&shy;metri&shy;schen Ele&shy;mente]] eines Bild&shy;trägers und ihre rela&shy;tive Anord&shy;nung  entschei&shy;dend für Bedeu&shy;tung und pragma&shy;tische Funktion eines Bildes, ohne dass ihnen doch jeweils eine klar umris&shy;sene eige&shy;ne Bedeu&shy;tung unab&shy;hängig vom Bildgan&shy;zen zuge&shy;ordnet werden könnte. Ein kleiner oran&shy;gerot ausge&shy;füllter Kreis kann – unter ande&shy;rem – als Nase eines Schnee&shy;manns dienen oder als unter&shy;gehen&shy;de Sonne. Flächig zusam&shy;menge&shy;schmolzen bilden diese Ele&shy;mente eine in sich abge&shy;schlosse&shy;ne morpho&shy;logi&shy;sche Einheit, die eine deutli&shy;che Ana&shy;logie zu den Ein-Wort-Sätzen einer poly&shy;synthe&shy;tischen Sprache aufweist. Da eine derar&shy;tige Verschmel&shy;zung von funktions&shy;modi&shy;fizie&shy;renden Kompo&shy;nenten in ein einzi&shy;ges Zeichen nicht von der Wort/Satz-Unter&shy;scheidung abhän&shy;gig ist, wie sie für Sprache (im enge&shy;ren Sinn) konsti&shy;tutiv ist, legt sich eine morpho&shy;logi&shy;sche Betrach&shy;tung der Bildsyntax nicht in gleicher Weise auf Grund&shy;ele&shy;mente und Kompo&shy;sitions&shy;regeln fest, die für bild&shy;gramma&shy;tische Ana&shy;lysen bislang den Erfolg verhin&shy;derten. Diese Idee wird im Artikel ⊳ [[Bildmorphologie|Bild&shy;morpho&shy;logie]] näher betrach&shy;tet.<ref>Ver&shy;glei&shy;che aber auch die Aus&shy;füh&shy;run&shy;gen in [[Bilderschrift und Piktogramm|Bil&shy;der&shy;schrift und Pik&shy;to&shy;gramm]].</ref>


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
{{GlossarSiehe}}
* [[Bilderschrift und Piktogramm]]
* [[Bildgrammatik]]
* [[Bildmorphologie]]
* [[Komposition]]
* [[Nomination]]
* [[Prädikation]]
* [[Pragmatik, Semantik, Syntax]]
* [[Raum und Geometrie]]
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]]


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{{GlosTab3}}
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''Ausgabe 1: 2013''
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''Verantwortlich:''  
''Verantwortlich:''  


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* [[Benutzer:Joerg R.J. Schirra|Schirra, Jörg R.J. ]]
[[Benutzer:Joerg R.J. Schirra|Jörg R.J. Schirra]]
 
{{GlosTab4}}
''Lektorat:''
* [[Benutzer:Klaus Sachs-Hombach|Sachs-Hombach, Klaus]]
{{GlosTab5}}
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{{GlosEnd}}
{{GlosEndB}}
<!--Das war's-->
<!--Das war's-->

Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht

English Version: Morphology and Syntax


Grammatik versus Morpho­logie

Da die Idee der Grammatik in Form der genera­tiven Syntax[1] im Bereich der Sprache sehr frucht­bar gewirkt hat, ist verschie­dentlich vorge­schlagen worden, ana­log die Bild­syntax mithil­fe einer Bildgram­matik zu studie­ren. Aller­dings blieb diesen Ansät­zen wenig Erfolg beschie­den, denn die kompo­sitio­nale Syntax inte­ressiert sich vor allem für syntak­tisch korrek­te Kompo­sitio­nen von Wörtern – als den ele­menta­ren Sprach­zeichen – zu Sätzen – als den komple­xen Sprach­zeichen. Ein über­zeugen­des pikto­riales Ana­logon zu Wörtern derart, dass Bilder als daraus gebil­dete “Sätze” zu verste­hen wären, ist bislang nicht vorge­schlagen worden. Mit der Morpho­logie ist aller­dings ein weite­rer Bereich der syntak­tischen Studien von Sprache gege­ben, der Wörter selbst als komple­xe Gebil­de unter­sucht:[2] Wie sollte die inne­re Struktur von Wörtern und das Verhält­nis verschie­dener gramma­tischer Formen eines Wortes bzw. die Rela­tionen zwischen verwand­ten Wörtern sinnvoll beschrie­ben werden? Auch hierbei wird in der Regel von einem gene­rati­ven Ansatz ausge­gangen, der sich aller­dings deutlich von den gramma­tischen Satz­struktu­ren unter­scheidet. Das liegt unter anderm daran, dass die morpho­logi­sche Ana­lyse nicht auf die Unter­scheidung zwischen Satz und Wort ange­wiesen ist. Anders gesagt: Während die gramma­tische Kompo­sitio­nali­tät nur für wort/satz­sprachlich orga­nisier­te Zeichen­syste­me Sinn macht, können morpho­logi­sche Betrach­tungen allge­meiner für belie­bige Zeichen­syste­me mit komple­xen Zeichen durchge­führt werden.[3]

Bildphilosophisch schließt sich daher die Frage an, ob die morpho­logi­sche Perspek­tive besser geeig­net ist als die gramma­tische, um bild­syntak­tische Zusam­menhän­ge zu erfas­sen. Ein genau­erer Blick auf die morpho­logi­schen Struktu­ren bei sprachli­chen Zeichen­syste­men im enge­ren Sinn (2) und auf damit zusam­menhän­gende Betrach­tungen zu allge­meinen Sprach­typen (3) ist zur Beant­wortung dieser Frage sinn­voll.


Sprache: Morpheme und morpho­logi­sche Ope­rato­ren

In morphologischen Analysen wird ein Wort als aus Segmen­ten zusam­menge­setzt verstan­den, die zur Bedeu­tung oder gramma­tischen Funktion des Wortes beitr­agen und ‘Morphe­me’ genannt werden.[4] Die Nachsil­be ‘-ed’ im Engli­schen etwa, die Vorsil­be ‘pré-’ im Franzö­sischen oder der Stamm ‘-wend-’ im Deutschen sind typi­sche Beispie­le von Morphe­men. Morpho­logi­sche Ele­mente werden vor allem durch die Substi­tutions­regel iden­tifi­ziert und zu Klassen zusam­menge­stellt: Beispiels­weise können eini­ge franzö­sische Wörter, die mit ‘pré-’ begin­nen, in ande­re franzö­sische Wörter transfor­miert werden, indem jeweils die Vorsil­be durch ‘re-’, ‘con-’, ‘de-’ etc. ersetzt wird.

Morpheme bestehen nicht notwendig aus einer ganz bestimm­ten Laut- bzw. Buchsta­benfol­ge. So kann etwa im Engli­schen das den Plural eines Substan­tivs anzei­gende Morphem in zwei Vari­anten, den so genannten Allo­morphen, erschei­nen: ‘-s’ oder ‘-es’.[5] Obwohl viele Morphe­me bedeu­tungsmo­difi­zierend wirken, müssen sie nicht unbe­dingt eine eige­ne Bedeu­tung haben: Die meisten Morphe­me sind nicht selbst auch Wörter. Morphe­me, die zugleich Wörter sind und daher eine eige­ne Bedeu­tung tragen, werden freie Morphe­me oder Lexe­me genannt; die ande­ren heißen gebun­den. Die seman­tische oder gramma­tische Funktion eines Morphems kann zudem vieldeu­tig sein und sich in verschie­denen Kompo­sitio­nen unter­schei­den (etwa das Morphem ‘-(e)s’ als Flexions­nachsil­be oder als Plural­nachsil­be im Engli­schen). Es sind vor allem die Stamm-Morphe­me, die eine Kernbe­deutung vermit­teln, welche durch morpho­logi­sche Ope­ratio­nen modi­fiziert werden kann.

Morphologische Operationen spielen eine zentra­le Rolle bei der Neubil­dung von Wörtern. Allge­mein können sie diffe­renziert werden in inter­ne Modi­fika­tionen, bei denen im Wesen­tlichen Vokal­wechsel erfol­gen (etwa engl. ‘come’ zu ‘came’), und exter­ne Modi­fika­tionen durch Anhän­gen so genann­ter Affi­xe – damit werden neben Vor- und Nachsil­ben (d.h. Prä- und Post­fixe) auch Circum­fixe (gleich­zeiti­ge Verwen­dung von Vor- und Nachsil­ben) und In­fixe (Einfü­gen einer Zwischen­silbe) zusam­menge­fasst – oder durch Kompo­sita-Bildung, die etwa im Deutschen für viele sponta­ne Wortneu­bildun­gen verant­wortlich ist (z.B. ‘Banken­schutzschirm’). Während inter­ne Modi­fika­tionen gewis­serma­ßen die “Farbe” eines Wortes austau­schen, verän­dern exter­ne Modi­fika­tionen seine Gestalt und Größe.

Am besten versteht man Morphe­me als Träger unge­sättig­ter Teilhand­lungen einer Gesamt­zeichen­handlung ohne unab­hängi­ge pragma­tische Funktion, die auf mehr oder weni­ger spezi­fische Weise die Bedeu­tung oder gramma­tische Funktion (und damit die Verwen­dungswei­se) des Wortgan­zen beein­flussen, selbst aber nicht als Zeichen­handlun­gen gelten können.[6]


Isolierende, polysynthe­tische, fusio­nieren­de und agglu­tinie­rende Sprach­syste­me

Formale Satzbildungsgrammatik und wortbil­dende morpho­logi­sche Zusam­menhän­ge sind zwei pola­re Orga­nisa­tionsprin­zipien, zwischen denen sich die verschie­denen (natür­lichen) Sprachen auf einer Skala einord­nen lassen. Stellt man die mittle­re Anzahl von Morphe­men, die in einer Sprache (oder allge­meiner einem wortsprach­lichen Zeichen­system) verwen­det werden, der hauptsäch­lichen Art des gramma­tischen Satzbaus gegen­über, so ordnen sich die natür­lichen Sprachen im Wesent­lichen entlang einer Diago­nalen:[7]

  Mittlere Anzahl von Morphemen pro Wort
analytisch synthetisch polysythetisch
"Gram-
mati-
kali-
tät"
isolierend Chinesisch
agglutinierend Englisch
Deutsch
fusionierend Athapaskisch

Sprachen, bei denen grammatische Satzstruk­turen den Aufbau domi­nieren, werden iso­lierende Sprachen genannt. Verzich­tet eine Sprache fast gänzlich auf gramma­tische Satzbil­dungsre­geln und stützt sich vor allem auf morpho­logi­sche Wortbil­dungsre­geln, so spricht man von fusio­nierenden Sprachen. Die Extre­me reichen also beispiels­weise von einer Kasus­bildung nur über Präpo­sitio­nen einer­seits bis zu einem am Wort selbst markier­ten Kasus­system mit deutlich mehr als vier Fällen ande­rerseits. Die meisten Sprachen bewe­gen sich zwischen diesen beiden Extre­men (hier als ‘agglu­tinie­rend’ bezeich­net).[8] Ande­rerseits werden Sprachen, deren Wörter im Mittel aus vielen Morphe­men beste­hen, als poly­synthe­tisch bezeich­net, während Sprachen, bei denen Wörter aus sehr weni­gen Morphe­men, oft nur einem einzi­gen Lexem gebil­det sind, analy­tisch heißen. Synthe­tische Sprachen nehmen dabei eine Mittel­stellung ein. Wie in der Tabelle ange­deutet, sind die menschli­chen Sprachen im Wesent­lichen entlang der Diago­nale zwischen ana­lytisch-iso­lieren­den Syste­men und poly­synthe­tisch-fusio­nieren­den ange­ordnet. Vergleicht man etwa Deutsch mit Englisch, so befin­den sich zwar beide eher im Mittel­feld, doch basiert Englisch auf kürze­ren Wörtern (eher iso­lierend), die in einer eher festen Satz­stellung gebraucht werden, während das Deutsche stärker zu Kompo­sita­bildun­gen neigt, in deutlich höhe­rem Maße auf Wortfle­xionen ange­wiesen ist (eher fusio­nierend), zugleich aber eine weitaus freie­re Wortstel­lung erlaubt.

In extrem analytisch-isolieren­den Sprachen, wie etwa Chine­sisch, werden Wörter, die aus nur sehr weni­gen Morphe­men beste­hen, niemals morpho­logisch verän­dert. Alle gramma­tischen Rela­tionen werden durch speziel­le Wörter ausge­drückt[9] oder durch die Posi­tion des Wortes im Satz bestimmt (etwa S-P-O). Sätze sind direk­te Gruppie­rungen von Wörtern, wobei für gewöhn­lich eine recht strikte Reihen­folge einzu­halten ist. Eine extrem poly­synthe­tisch-agglu­tinie­rende Sprache würde im Gegen­satz dazu nur aus Einwort-Sätzen beste­hen, wobei die Wörter aller­dings meist auf ausge­sprochen viele Morphe­me zurück­gehen, die mitein­ander verschmol­zen sind, um die vollstän­dige Bedeutung entspre­chend zu modi­fizie­ren. Viele Sprachen der ame­rika­nischen Urein­wohner, wie etwa Náhuatl, nähern sich diesem Extrem stark an.[10]

Beispielsweise kann die morpho­logi­sche Struktur des Einwort-Satzes ‘matgībulhahumš’ im ägyp­tischen Ara­bisch wörtlich unge­fähr über­setzt werden zu ‹nicht -Ihr-solltet-bringen-ihr-sie-Ding› (d.h.: ‘Ihr solltet sie nicht zu ihr bringen’). Das Wort besteht aus den beiden Circum­flexen ‘ma...š’ (‹nicht … Ding›, Nega­tion) und ‘t(i)...u’ (Marker für Imper­fekt der zweiten Person Plural im jussi­ven Modus: etwa ‹Ihr solltet tun›), den beiden Morphe­men ‘l(ī)ha’ (Dativ der dritten Person Singu­lar femi­nin: ‹ihr›), ‘hum’ (Akkusa­tiv der dritte Person Plural ‹sie›), sowie, als Stamm, ein intern modi­fizier­tes Lexem ‘gīb’, das die imper­fekti­ve Form von ‘gāb’ darstellt und im Deutschen dem Stamm von ‘bringen’ entspricht:

m a t g ī b u l h a h u m š
(gāb)
gīb
t(i) … u
l(ī)ha
hum
ma . . . š

All diese morphologischen Elemente sind in ein einzi­ges Wort amal­gamiert, das als Satz verwen­det wird. Das Schema einer solch komple­xen Kombi­nation durch Verschmel­zung von Morphe­men mit parti­ellen Phonem-Auslas­sungen zusam­men mit der Verwen­dung umschlie­ßender und einfü­gender Affi­xe kann in der Tat die Vorstel­lung bildsyn­takti­scher Struktu­ren viel eher evo­zieren, als das Schema forma­ler Gramma­tiken.


Übertragung auf Bilder

Offensichtlich sind die geo­metri­schen Ele­mente eines Bild­trägers und ihre rela­tive Anord­nung entschei­dend für Bedeu­tung und pragma­tische Funktion eines Bildes, ohne dass ihnen doch jeweils eine klar umris­sene eige­ne Bedeu­tung unab­hängig vom Bildgan­zen zuge­ordnet werden könnte. Ein kleiner oran­gerot ausge­füllter Kreis kann – unter ande­rem – als Nase eines Schnee­manns dienen oder als unter­gehen­de Sonne. Flächig zusam­menge­schmolzen bilden diese Ele­mente eine in sich abge­schlosse­ne morpho­logi­sche Einheit, die eine deutli­che Ana­logie zu den Ein-Wort-Sätzen einer poly­synthe­tischen Sprache aufweist. Da eine derar­tige Verschmel­zung von funktions­modi­fizie­renden Kompo­nenten in ein einzi­ges Zeichen nicht von der Wort/Satz-Unter­scheidung abhän­gig ist, wie sie für Sprache (im enge­ren Sinn) konsti­tutiv ist, legt sich eine morpho­logi­sche Betrach­tung der Bildsyntax nicht in gleicher Weise auf Grund­ele­mente und Kompo­sitions­regeln fest, die für bild­gramma­tische Ana­lysen bislang den Erfolg verhin­derten. Diese Idee wird im Artikel ⊳ Bild­morpho­logie näher betrach­tet.[11]

Anmerkungen
  1. ↑ Vgl. hier­zu Wi­ki­pe­dia: Ge­ne­ra­ti­ve Gram­ma­tik.
  2. ↑ Ob­wohl die Be­zeich­nung ‘Mor­pho­lo­gie’ be­reits 1859 von Au­gust Schlei­cher (un­ter dem Ein­fluss von Goe­thes mor­pho­lo­gi­scher The­o­rie des Pflan­zen­wachs­tums) in die Sprach­for­schung ein­ge­führt wor­den ist, wur­de ei­ne spe­zi­fisch mor­pho­lo­gi­sche Un­ter­su­chung von Wör­tern – im Ge­gen­satz zu den syn­tak­to-gram­ma­ti­schen Stu­di­en über den Satz­bau und un­ab­hän­gig von der Pho­no­lo­gie – erst ab den 1970er Jah­ren vor­an­ge­trie­ben; [Schleicher 1859a]Schleicher, August (1859): Zur Morphologie der Sprache. Mémoires de l'académie impériale des sciences de St. Pétersbourg, 1?, 7.
    ; vgl. auch Wi­ki­pe­dia: Mor­pho­lo­gie (Spra­che).
  3. ↑ Mit an­de­ren Wor­ten: In der “Mik­ro­struk­tur” der ein­zel­nen Wör­ter von wort/satz­sprach­lich or­ga­ni­sier­ten Zei­chen­sys­te­men spie­gelt sich ei­ne ge­gen­über der “ma­kro­struk­tu­rel­len” Zu­sam­men­stel­lung von Wör­tern zu Sät­zen äl­te­re Form der se­mi­o­ti­schen Kom­po­si­ti­on struk­tu­rier­ter Zei­chen­trä­ger.
  4. ↑ Der Aus­druck ‘Mor­phem’ ist um 1881 von B. de Cour­te­nay vor­ge­schla­gen und von L. Bloom­field wei­ter aus­ge­ar­bei­tet wor­den; [Bloomfield 1933a]Bloomfield, Leonard (1933): Language. Henry Holt and Co, New York.
    ; Vgl. auch Wi­ki­pe­dia: Mor­phem.
  5. ↑ Pho­ne­tisch er­ge­ben sich je nach be­trach­te­tem Sub­stan­tiv so­gar noch mehr Al­lo­mor­phe, da ‘-s’ bzw. ‘-es’ kon­text­ab­hän­gig stimm­haft oder stimm­los aus­ge­spro­chen wer­den kön­nen.
  6. ↑ Die­se Ein­schrän­kung un­ter­schei­det sie et­wa von Prä­di­ka­ti­on und No­mi­na­ti­on, die tat­säch­lich un­ge­sät­ti­gte Teil­zei­chen­hand­lun­gen sind und je­weils sehr spe­zi­fi­sche prag­ma­ti­sche Funk­ti­o­nen tra­gen.
  7. ↑ Die­se Be­ob­ach­tung geht letzt­lich auf W. v. Hum­bold und A. W. v. Schle­gel zu­rück. Vgl. auch [Haase 2007a]Haase, Martin (2007): Sprachtypologie: Eine Einführung in die Erforschung der Vielfalt der Sprachen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.
    und [Lehmann online]Lehmann, Christian (2012): Sprachtypologie und Universalienforschung.
    Webadresse: www.christianlehmann.eu/ling/typ/index.html
    Nicht angezeigt: besucht: 22. Feb. 2013
    , so­wie Wi­ki­pe­dia: Sprach­ty­po­lo­gie.
  8. ↑ Dies ist ei­ne et­was ver­ein­fach­te Dar­stel­lung: Der iso­lie­ren­de Sprach­ty­pus ist da­durch cha­rak­te­ri­siert, dass gram­ma­ti­sche Funk­ti­o­nen je­weils in Wör­tern se­pa­riert, der ag­glu­ti­nie­ren­de, dass sie je­weils über Mor­phe­me an Wort­stäm­me “an­ge­klebt” wer­den. Beim fu­si­o­nie­ren­den Sprach­ty­pus ver­schmel­zen schließ­lich so­gar ver­schie­de­ne gram­ma­ti­sche Funk­ti­o­nen in ei­nem Mor­phem, so dass sehr kom­ple­xe gram­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen in ei­nem ein­zel­nen Wort aus­ge­drückt wer­den. In den meis­ten na­tür­li­chen Spra­chen wer­den al­le drei Ty­pen ne­ben­ein­an­der in je­weils cha­rak­te­ris­ti­schem Ma­ße ver­wen­det. Als wei­te­re Ei­gen­schaft müss­te ei­gent­lich noch die Fle­xi­bi­li­tät der Wort­stel­lung be­rück­sich­tigt wer­den. Die bei­de Di­men­si­o­nen sind nicht völ­lig un­ab­hän­gig von­ein­an­der und in der Ta­bel­le un­ter ‘Gram­ma­ti­ka­li­tät’ zu­sam­men­gefasst.
  9. ↑ Da­zu zäh­len z.B. das An­hän­gen des Wor­tes ‘men’ (们) zur Plu­ral­bil­dung, Wort­ver­dopp­lung als Stei­ge­rungs­form (‘gut’: 好, ‘bes­ser’: 好好), Ver­wen­dung von Fra­ge­par­ti­keln (‘ma’ - 吗) oder Ver­gan­gen­heits­par­ti­keln (‘le’ - 了).
  10. ↑ Un­ter an­de­rem we­gen die­ser Ei­gen­art wur­de im Zwei­ten Welt­krieg Na­va­ho als un­brech­ba­rer Ge­heim­code ein­ge­setzt.
  11. ↑ Ver­glei­che aber auch die Aus­füh­run­gen in Bil­der­schrift und Pik­to­gramm.
Literatur
[Bloomfield 1933a]Bloomfield, Leonard (1933): Language. Henry Holt and Co, New York.[Haase 2007a]Haase, Martin (2007): Sprachtypologie: Eine Einführung in die Erforschung der Vielfalt der Sprachen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.[Lehmann online]Lehmann, Christian (2012): Sprachtypologie und Universalienforschung.[Schleicher 1859a]Schleicher, August (1859): Zur Morphologie der Sprache. Mémoires de l'académie impériale des sciences de St. Pétersbourg, 1?, 7.

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Zitierhinweis:

Schirra, Jörg R.J. (2013). Morphologie und Syntax. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Morphologie_und_Syntax].