Bildbewusstsein: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
Verantwortlich nach Lemmata-3-b
K Textersetzung - „{{GlosTab5}}↵<bibdummy>“ durch „{{GlosTab5}}“
 
(26 dazwischenliegende Versionen von 3 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
<!--  "This is comment"  -->
<!--  "This is comment"  -->
<!--Vorlage für Unterpunkte-->
<!--Vorlage für Unterpunkte-->
<!--Den folgenden Header, bitte nicht verändern-->
<!--Den folgenden Header, bitte nicht verändern-->
{{GlosHeader}}
{{GlosHeader}}
[[Kategorie:Unterpunkt]]
[[Kategorie:Unterpunkt]]
<!--Ende header-->
<!--In der folgenden Zeile bitte die (Wiki)Kategorie eintragen, wo jetzt XXX steht-->
[[Kategorie:Bildbewusstsein und Einbildungskraft]]
[[Kategorie:Bildbewusstsein und Einbildungskraft]]
<!--In der folgenden Zeile bitte die (Glossar)Kategorie eintragen, wo jetzt XXX steht-->
Unterpunkt zu: [[Bildbewusstsein und Einbildungskraft]]
Unterpunkt zu: [[Bildbewusstsein und Einbildungskraft]]
<!--beides sollte in der Regel der gleiche Text sein-->
<!--Den folgenden Abschnitt bitte nicht ändern-->
{{GlosTab1}}
{{GlosTab1}}
{{GlossarBoxMain}}
{{GlossarBoxMain}}
<!--Ende header-->
==Das Bildbewusstsein als phäno&shy;meno&shy;logi&shy;scher For&shy;schungs&shy;gegen&shy;stand==
Das Bildbewusstsein ist vor allem innerhalb der philo&shy;sophi&shy;schen Schule der Phäno&shy;meno&shy;logie ein rela&shy;tiv be&shy;lieb&shy;tes Thema. Die phäno&shy;meno&shy;logische Methode unter&shy;sucht ihre Gegen&shy;stände als Phäno&shy;mene, d.h. sie nimmt das Bewusst&shy;sein als Aus&shy;gangs&shy;punkt und fragt, auf welche Weise etwas – in diesem Fall: das Bild – dem Bewusst&shy;sein er&shy;scheint. Aus diesem Grund ist es auch nicht ver&shy;wunder&shy;lich, dass vom Bild&shy;bewusst&shy;sein eben in der Phäno&shy;meno&shy;logie und nicht etwa in den sprach&shy;ana&shy;lyti&shy;schen und semio&shy;tischen Schulen die Rede ist, welche ja gerade das Primat des Bewusst&shy;seins in Abrede stellen (vgl. etwa <bib id='Wittgenstein 1971a'></bib> sowie <bib id='Ryle 1949a'></bib>). Unter den Phäno&shy;meno&shy;logen, die sich primär mit dem Bild&shy;bewusst&shy;sein beschäftigt haben, sind vor allem Edmund Husserl, Eugen Fink, Roman In&shy;garden und Jean-Paul Sartre zu nennen.
:
Entscheidend ist dabei, dass diese Autoren sich weniger für die Ana&shy;lyse konkreter Einzel&shy;bilder oder Bild&shy;gruppen interes&shy;sieren. Viel&shy;mehr geht es ihnen um das ''Wesen'' des Bildes: Gefragt ist also, was ein Bild über&shy;haupt ist bzw. welche Eigen&shy;schaften es sind, auf&shy;grund derer ein einzelnes Phäno&shy;men sich als Bild bestim&shy;men lässt. Hilf&shy;reich ist in diesem Zu&shy;sammen&shy;hang die Unter&shy;scheidung zwischen [[Bildwissenschaft vs. Bildtheorie|Bild&shy;wissen&shy;schaft und Bild&shy;theorie]], die Lambert Wiesing, ein zeit&shy;genös&shy;sischer Ver&shy;treter der [[phänomenologische Bildtheorien|phäno&shy;meno&shy;logi&shy;schen Bild&shy;theo&shy;rie]], vorge&shy;schlagen hat: Während die Bild&shy;''wissen&shy;schaft'' empi&shy;risch vor&shy;geht und eine Ana&shy;lyse konkre&shy;ter Bil&shy;der bei&shy;spiels&shy;weise aus film&shy;wissen&shy;schaft&shy;licher, kunst&shy;histo&shy;rischer oder werbe&shy;psycho&shy;logi&shy;scher Perspek&shy;tive vor&shy;nimmt, ver&shy;sucht die Bild&shy;''theorie'' ganz grund&shy;sätz&shy;lich erst einmal zu klären, was über&shy;haupt unter dem Be&shy;griff des Bildes zu verstehen ist (vgl. <bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 9-16). Wenn die Phäno&shy;meno&shy;logen also fragen, wo&shy;durch sich das Bild&shy;bewusst&shy;sein von anderen Bewusst&shy;seins&shy;arten wie dem Wahr&shy;neh&shy;mungs- oder dem Zeichen&shy;bewusst&shy;sein unterscheidet, dann fallen ihre Unter&shy;suchun&shy;gen nach Wiesing nicht in den Bereich der empi&shy;rischen Bild&shy;wissen&shy;schaften, sondern in den einer Bild&shy;theorie, die sich als eine Philo&shy;sophie des Bildes begreifen lässt.


<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen-->
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->
=====Engere Begriffsbestimmung=====


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
==Edmund Husserl==
Edmund Husserl, der als Begründer der Phäno&shy;meno&shy;logie gilt, nimmt mit seiner Deskrip&shy;tion des Bild&shy;bewusst&shy;seins auch die ent&shy;scheiden&shy;den Weichen&shy;stellun&shy;gen für die Ent&shy;wick&shy;lung der  phäno&shy;meno&shy;logischen Bild&shy;theorie bis in die heu&shy;tige Zeit vor. In seinen zu Leb&shy;zeiten ver&shy;öffent&shy;lichten Schriften finden sich nur ver&shy;streut einige Be&shy;mer&shy;kungen zum Bild&shy;bewusst&shy;sein, vor allem in dem Para&shy;graphen 111 des ersten Bandes der «Ideen zu einer reinen Phäno&shy;meno&shy;logie und phäno&shy;meno&shy;logi&shy;schen Philo&shy;sophie» (vgl. <bib id='Husserl 1976a'></bib>). Diese knappen Aus&shy;führun&shy;gen sind von kaum zu unter&shy;schätzen&shy;den Ein&shy;fluss auf In&shy;garden, Fink oder Sartre gewe&shy;sen und ent&shy;halten in nuce die Grund&shy;gedan&shy;ken der Bild&shy;theorie Husserls, die syste&shy;matisch in der Vor&shy;lesung «Phan&shy;tasie und Bild&shy;bewußt&shy;sein», gehalten im Winter&shy;semester 1904/05 in Göttin&shy;gen, ent&shy;wickelt worden ist – diese Vor&shy;lesungen sind aller&shy;dings in schrift&shy;licher Form erst 1980 zusam&shy;men mit anderen Auf&shy;zeich&shy;nungen zu dieser Thema&shy;tik aus dem Nach&shy;lass unter dem Titel «Phan&shy;tasie, Bild&shy;bewußt&shy;sein und Erin&shy;nerung» publi&shy;ziert worden (vgl. <bib id='Husserl 1980a'></bib>).
:
Im Unterschied zum Wahrnehmungs&shy;bewusst&shy;sein, dessen Gegen&shy;stand nach Husserl un&shy;mittel&shy;bar und „leib&shy;haftig da“ ist, wird der&shy;jenige des Bild&shy;bewusst&shy;seins durch einen Re&shy;präsen&shy;tanten ver&shy;gegen&shy;wärtigt oder vorge&shy;stellt. Ein Mensch, der im Bild&shy;bewusst&shy;sein erscheint, ist also nicht selbst gegeben, sondern ich sehe z.B. ein Foto oder eine Zeichnung von ihm. Zwar ist auch in der Phan&shy;tasie im Unter&shy;schied zur Wahr&shy;nehmung das Objekt nicht ''leibhaftig da'', aber die Phan&shy;tasie ist anders als das Bild&shy;bewusst&shy;sein direkt, also ohne re&shy;präsen&shy;tieren&shy;des Zwischen&shy;glied, auf ihr Objekt ge&shy;richtet.
:
Im Bildbewusstsein gibt es nach Husserl somit eine doppelte Gegen&shy;ständ&shy;lich&shy;keit: Es gibt das&shy;jenige, von dem das Bild ein Ab&shy;bild ist, kurz: das Re&shy;präsen&shy;tierte. Dieses inten&shy;dierte Objekt, das auf dem Bild selbst nicht erscheint, nennt Husserl das ''Bild&shy;sujet''. Von diesem unter&shy;scheidet Husserl wiederum das ''physische Bild'' und das ''Bild&shy;objekt'': Das physische Bild ist das reale – also wahr&shy;genommene – Objekt, z.B. der be&shy;arbei&shy;tete Marmor, die be&shy;malte Lein&shy;wand oder das be&shy;druckte Papier – also das Re&shy;präsen&shy;tieren&shy;de. Das Bild&shy;objekt ist hin&shy;gegen das&shy;jenige, das man auf dem Bild sieht, kurz: die Re&shy;präsen&shy;tation. Dem&shy;zufol&shy;ge lassen sich also drei not&shy;wendige Momen&shy;te des Bild&shy;bewusst&shy;seins unter&shy;scheiden: „1) Das physische Bild, das Ding, aus Marmor usw. 2) Das re&shy;präsen&shy;tieren&shy;de oder ab&shy;bilden&shy;de Objekt, und 3) das re&shy;präsen&shy;tierte oder ab&shy;gebil&shy;dete Objekt“ (<bib id='Husserl 1980a'></bib>: S. 19).
:
In dem schon erwähnten Paragraphen 111 der «Ideen I» wendet sich Husserl einem einzel&shy;nen Werk – wie man mit Wiesing sagen könnte – in einer bild&shy;''theore&shy;tischen'' und nicht in einer bild&shy;''wissen&shy;schaft&shy;lichen'' Inten&shy;tion zu: Dürers Kupfer&shy;stich «Ritter, Tod und Teufel» wird nicht ana&shy;lysiert, um seinen Sinn&shy;gehalt zu ver&shy;stehen oder seinen Kunst&shy;charak&shy;ter zu wür&shy;digen. Viel&shy;mehr will Husserl auf der Grund&shy;lage der phäno&shy;meno&shy;logischen Be&shy;schreibung eines einzel&shy;nen Bildes die allge&shy;meinen Wesens&shy;bestim&shy;mungen des Bildes über&shy;haupt auf&shy;spüren. Die Drei&shy;teilung in physisches Bild, Bild&shy;objekt und Bild&shy;sujet lässt sich auch hier finden, inso&shy;fern es sich hier&shy;bei um eine Wesens&shy;gesetz&shy;lich&shy;keit des Bildes handelt:
:
:''Wir unterscheiden hier fürs Erste die normale Wahr&shy;nehmung, deren Korre&shy;lat das Ding ›''Kupfer&shy;stich&shy;blatt''‹ ist, dieses Blatt in der Mappe. Fürs Zweite das perzep&shy;tive Bewußt&shy;sein, in dem uns in den schwarzen Linien farb&shy;lose Figür&shy;chen ‘Ritter auf dem Pferde’, ‘Tod’ und ‘Teufel’ er&shy;scheinen. Diesen Figür&shy;chen sind wir in der ästhe&shy;tischen Betrach&shy;tung nicht als Objek&shy;ten zuge&shy;wendet; zuge&shy;wendet sind wir den ›''im Bilde''‹ darge&shy;stellten, genauer, den ‘abge&shy;bildeten’ Reali&shy;täten, dem Ritter aus Fleisch und Blut usw.'' (<bib id='Husserl 1976a'></bib>: S. 252)




=====optional Beispiele=====
==Jean-Paul Sartre==
Eugen Fink macht in einem längeren Aufsatz mit dem Titel «Ver&shy;gegen&shy;wärti&shy;gung und Bild» aus dem Jahr 1929 in Weiter&shy;ent&shy;wick&shy;lung der Lehre Husserls geltend, dass sich das Bild&shy;bewusst&shy;sein von der Ver&shy;gegen&shy;wärti&shy;gung bzw. der Phan&shy;tasie da&shy;durch unter&shy;scheidet, dass die Bild&shy;welt „immer und wesens&shy;mäßig mit einem realen Träger ver&shy;bunden ist“ (<bib id='Fink 1966a'></bib>: S. 74). Jean-Paul Sartre hat Finks Aufsatz allem An&shy;schein nach wohl nicht ge&shy;kannt, aber in seiner ebenso detail&shy;lierten wie syste&shy;mati&shy;schen Studie «Das Ima&shy;ginäre» von 1940 nimmt er auf der Grund&shy;lage des&shy;selben phäno&shy;meno&shy;logischen Befunds eine Zwei&shy;teilung inner&shy;halb des Bereichs des Ima&shy;ginären vor, die Fink aller&shy;dings – wie sich gleich heraus&shy;stellen wird – wohl abge&shy;lehnt hätte.
:
Sartre unterscheidet die ''[[Vorstellungsbilder|images mentales]]'' (die reinen Vor&shy;stellungen) von den ''images physiques'' (den physischen Bildern). Als Unter&shy;scheidungs&shy;kriterium fungiert hierbei das soge&shy;nannte ''Analogon'', das als die Materie der Imagi&shy;nation vom eigent&shy;lichen Objekt der Imagi&shy;nation unter&shy;schieden wird (vgl. <bib id='Sartre 1994b'></bib>: S. 37). Die ''images mentales'' greifen für die Konsti&shy;tution der Imagi&shy;nation auf den Wissens&shy;bestand, die Affek&shy;tivi&shy;tät und Be&shy;wegungs&shy;emp&shy;fin&shy;dungen des ima&shy;ginie&shy;renden Bewuss&shy;tseins zurück, wohin&shy;gegen bei den ''images physiques'' ein Wahr&shy;nehmungs&shy;objekt als Analo&shy;gon fungiert, um ein abwe&shy;sendes Objekt imaginär zur Er&shy;scheinung zu bringen. Für Sartre ändert diese Ver&shy;wurzelung in der Wahr&shy;nehmungs&shy;welt aller&shy;dings nichts daran, dass die ''image physique'' immer noch eine ''image'' ist, denn wie die ''image mentale'' inten&shy;diert sie ein abwe&shy;sendes oder nicht-existie&shy;rendes Objekt. Finks Gegen&shy;über&shy;stellung von Ver&shy;gegen&shy;wärti&shy;gung und Bild stimmt im Wesent&shy;lichen mit der von ''image mentale'' und ''image physique'' bei Sartre überein. Er erklärt jedoch auf&shy;grund desselben phäno&shy;meno&shy;logischen Befundes – das Bild hat einen wahr&shy;nehm&shy;baren Träger –, konträr zu Sartre, dass die  „Bild&shy;wahr&shy;nehmung […] eine bestimmte Art von Wahr&shy;nehmung“ (<bib id='Fink 1966a'></bib>: S. 75) ist.
:
Sartres Begriff des Analogon meint im Grunde das&shy;selbe wie Husserls »physisches Bild« und schließt auch das ein, was der polnische Husserl-Schüler Roman In&shy;garden in seiner Bild&shy;theorie von 1928 als „Gemälde“ und „physische[s] Seins&shy;funda&shy;ment des Bildes“ (<bib id='Ingarden 1962a'></bib>: S. 207) be&shy;zeich&shy;net. Anders als etwa Wiesing, der Husserls und Sartres Über&shy;legungen vor allem für eine Theorie der Bilder im engeren Sinne – Zeich&shy;nungen, [[Malerei|Gemälde]], [[Photographie|Fotos]], [[Film]]- und [[Computergraphik|Computer&shy;bilder]] – frucht&shy;bar macht, versteht Sartre das Ver&shy;hält&shy;nis zwischen Analo&shy;gon und Ima&shy;gina&shy;tion aller&shy;dings in einem denk&shy;bar weiten Sinn: In seinem Ver&shy;ständ&shy;nis kann bei&shy;spiels&shy;weise das wahr&shy;genom&shy;mene Teppich&shy;muster ebenso ein Analo&shy;gon für ima&shy;ginäre Ge&shy;sichter sein wie die wahr&shy;genom&shy;menen Wolken ein Analo&shy;gon für imagi&shy;näre Gebilde, und der wahr&shy;genom&shy;mene Körper des Paro&shy;disten Thomas Frei&shy;tag eben&shy;so als Analo&shy;gon für die ab&shy;wesende Bundes&shy;kanzle&shy;rin fungieren wie der wahr&shy;genom&shy;mene Schauspieler Leonardo DiCaprio als Analo&shy;gon für einen imagi&shy;nären J. Edgar Hoover. Sartre zu&shy;folge wären also nicht nur die Phäno&shy;mene auf dem Papier, der Lein&shy;wand, dem Fern&shy;seh&shy;bild&shy;schirm oder dem Monitor Bilder – viel&shy;mehr kann jedes Wahr&shy;neh&shy;mungs&shy;objekt in der ima&shy;ginie&shy;renden Ein&shy;stellung zum Bild (also zu einer ''image physique'') werden.
:
Sartres vertritt dabei die häufig kritisierte These, dass das ima&shy;ginäre Objekt un&shy;zer&shy;stör&shy;bar ist, auch wenn sein Analo&shy;gon als ein reales Ding den Gesetzen der Physik unter&shy;worfen ist: Die Be&shy;leuch&shy;tungs&shy;stärke der Lei&shy;nwand kann ver&shy;ändert werden, die Farbe kann ab&shy;bröckeln, und es kann schließ&shy;lich sogar ver&shy;brennen – aber das imagi&shy;näre Objekt ist un&shy;erreich&shy;bar für all diese Ver&shy;ände&shy;rungen (vgl. <bib id='Sartre 1994b'></bib>: S. 288). Diese Ein&shy;stellung, die vor allem für Sartres frühe Kunst&shy;theorie von Bedeutung ist, kommt auch schon in seinem Roman «Der Ekel» zum Aus&shy;druck: :
:''Die Platte muß an der Stelle einen Kratzer haben, denn es macht ein komi&shy;sches Geräusch. Und da ist etwas, was das Herz zu&shy;sammen&shy;schnürt: näm&shy;lich, daß die Melodie über&shy;haupt nicht von dem leichten Krächzen der Nadel auf der Platte be&shy;rührt wird. Sie ist so weit – so weit dahin&shy;ter. Auch das ver&shy;stehe ich: die Platte wird ver&shy;kratzt und nutzt sich ab, die Sänge&shy;rin ist viel&shy;leicht tot […]. Aber hinter dem Existie&shy;renden, das von einer Gegen&shy;wart in die nächste fällt, ohne Ver&shy;gangen&shy;heit, ohne Zu&shy;kunft, hinter diesen Klängen, die von Tag zu Tag zerfal&shy;len, zer&shy;kratzt werden und in den Tod gleiten, bleibt die Melo&shy;die die&shy;selbe, jung und fest, wie ein er&shy;barmungs&shy;loser Zeuge.'' (<bib id='Sartre 1989a'></bib>: S. 196f.)
:
So kommt auch Wiesing ganz ähnlich wie Sartre zu dem Schluss, dass das Bild&shy;objekt ein Phäno&shy;men jenseits der Wahr&shy;nehmungs&shy;welt ist: Es lässt sich weder berühren, hören oder riechen, noch ist es in irgend&shy;einer Weise den Ein&shy;flüssen der realen physi&shy;schen Welt unter&shy;worfen. Daher ist es keine reale, sondern eine „arti&shy;fizielle Präsenz“ (<bib id='Wiesing 2005a'></bib>: S. 31). So bleiben wir etwa auf Porträts und Fotos ewig jung – eine Tatsache, die Oscar Wilde in seiner berühm&shy;ten Erzählung «Das Bildnis des Dorian Gray» in ihr Gegen&shy;teil ver&shy;kehrt hat: Dort altert das Bild&shy;objekt an&shy;stelle des Bild&shy;sujets.
:
Sartres und Wiesings These, dass sich das Bild&shy;objekt gegen&shy;über dem physi&shy;schen Bild in einem letzt&shy;lich von der Reali&shy;tät un&shy;erreich&shy;baren physik&shy;freien Raum befindet, würde wiederum In&shy;garden ent&shy;schieden wider&shy;sprechen: Inso&shy;fern das Gemälde als reales Ding unver&shy;meidlich einem Alte&shy;rungs&shy;prozess unter&shy;worfen ist, bleibt davon auch das Bild nicht unbe&shy;rührt. Wenn die realen Farben im Zuge von Witte&shy;rungs&shy;ein&shy;flüssen ver&shy;blassen, so ver&shy;blassen auch die ima&shy;ginären Farben des Bild&shy;objekts. Das Gemälde ver&shy;liert seine Fähig&shy;keit, „immer das&shy;selbe Bild zu konsti&shy;tuieren“: Nicht nur das Gemäl&shy;de, sondern auch das „Bild […] ist somit ein histo&shy;risches Gebilde, das eine bestim&shy;mte Lebens&shy;länge und Lebens&shy;grenze hat“ (<bib id='Ingarden 1962a'></bib>: S. 211). In späteren Texten vertritt Sartre selbst die Auf&shy;fassung einer Kluft zwischen physi&shy;schem Bild und Bild&shy;objekt:
:
:''Der Gegen&shy;stand ist Träger der Ir&shy;reali&shy;sie&shy;rung, aber die Ir&shy;reali&shy;sie&shy;rung ver&shy;leiht ihm seine Not&shy;wendig&shy;keit, weil er sein muß, damit sie statt&shy;findet'' (<bib id='Sartre 1980a'></bib>: S. 147f.).


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
{{GlossarSiehe}}
* [[Bildobjekt / Bildträger]]
* [[Bildwahrnehmung vs. Objektwahrnehmung]]
* [[Bildwissenschaft vs. Bildtheorie]]
* [[Computergraphik]]
* [[Einbildungskraft]]
* [[Film]]
* [[Malerei]]
* [[Phänomenologie des Bildes]]
* [[Phänomenologische Bildtheorien]]
* [[Photographie]]
* [[Vorstellungsbilder]]


=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
<!--den folgenden Befehl, der die drei rechten Kästen einfügt, nicht verändern-->
<!--Anmerkungen und Literatur wird automatisch eingesetzt -->
<!--Literatur muß dazu mit entsprechender Bezeichnung in der Bibliography-Seite eingetragen sein-->
<!-- ... dazu den "Sammlung"-Link im Literaturkasten verwenden -->
{{GlosTab2}}
{{GlosTab2}}
{{GlosTab3}}
{{GlosTab3}}
''Ausgabe 1: 2013''
{{GlosTab4}}
''Verantwortlich:''  
''Verantwortlich:''  


<!--in der folgenden Zeile XXX durch Benutzernamen ersetzen-->
* [[Benutzer:Jens Bonnemann|Bonnemann, Jens]]
[[Benutzer:Mark A. Halawa|Mark A. Halawa]]
 
{{GlosTab4}}
''Lektorat:''
* [[Benutzer:Mark A. Halawa|Halawa, Mark]]
{{GlosTab5}}
<!--den Schluß nicht verändern-->
<!--den Schluß nicht verändern-->
{{GlosEnd}}
{{GlosEndB}}
<!--Das war's-->
<!--Das war's-->

Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Bildbewusstsein und Einbildungskraft


Das Bildbewusstsein als phäno­meno­logi­scher For­schungs­gegen­stand

Das Bildbewusstsein ist vor allem innerhalb der philo­sophi­schen Schule der Phäno­meno­logie ein rela­tiv be­lieb­tes Thema. Die phäno­meno­logische Methode unter­sucht ihre Gegen­stände als Phäno­mene, d.h. sie nimmt das Bewusst­sein als Aus­gangs­punkt und fragt, auf welche Weise etwas – in diesem Fall: das Bild – dem Bewusst­sein er­scheint. Aus diesem Grund ist es auch nicht ver­wunder­lich, dass vom Bild­bewusst­sein eben in der Phäno­meno­logie und nicht etwa in den sprach­ana­lyti­schen und semio­tischen Schulen die Rede ist, welche ja gerade das Primat des Bewusst­seins in Abrede stellen (vgl. etwa [Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M.
sowie [Ryle 1949a]Ryle, Gilbert (1949): The Concept of Mind. Hutchinson, London.
). Unter den Phäno­meno­logen, die sich primär mit dem Bild­bewusst­sein beschäftigt haben, sind vor allem Edmund Husserl, Eugen Fink, Roman In­garden und Jean-Paul Sartre zu nennen.

Entscheidend ist dabei, dass diese Autoren sich weniger für die Ana­lyse konkreter Einzel­bilder oder Bild­gruppen interes­sieren. Viel­mehr geht es ihnen um das Wesen des Bildes: Gefragt ist also, was ein Bild über­haupt ist bzw. welche Eigen­schaften es sind, auf­grund derer ein einzelnes Phäno­men sich als Bild bestim­men lässt. Hilf­reich ist in diesem Zu­sammen­hang die Unter­scheidung zwischen Bild­wissen­schaft und Bild­theorie, die Lambert Wiesing, ein zeit­genös­sischer Ver­treter der phäno­meno­logi­schen Bild­theo­rie, vorge­schlagen hat: Während die Bild­wissen­schaft empi­risch vor­geht und eine Ana­lyse konkre­ter Bil­der bei­spiels­weise aus film­wissen­schaft­licher, kunst­histo­rischer oder werbe­psycho­logi­scher Perspek­tive vor­nimmt, ver­sucht die Bild­theorie ganz grund­sätz­lich erst einmal zu klären, was über­haupt unter dem Be­griff des Bildes zu verstehen ist (vgl. [Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 9-16). Wenn die Phäno­meno­logen also fragen, wo­durch sich das Bild­bewusst­sein von anderen Bewusst­seins­arten wie dem Wahr­neh­mungs- oder dem Zeichen­bewusst­sein unterscheidet, dann fallen ihre Unter­suchun­gen nach Wiesing nicht in den Bereich der empi­rischen Bild­wissen­schaften, sondern in den einer Bild­theorie, die sich als eine Philo­sophie des Bildes begreifen lässt.


Edmund Husserl

Edmund Husserl, der als Begründer der Phäno­meno­logie gilt, nimmt mit seiner Deskrip­tion des Bild­bewusst­seins auch die ent­scheiden­den Weichen­stellun­gen für die Ent­wick­lung der phäno­meno­logischen Bild­theorie bis in die heu­tige Zeit vor. In seinen zu Leb­zeiten ver­öffent­lichten Schriften finden sich nur ver­streut einige Be­mer­kungen zum Bild­bewusst­sein, vor allem in dem Para­graphen 111 des ersten Bandes der «Ideen zu einer reinen Phäno­meno­logie und phäno­meno­logi­schen Philo­sophie» (vgl. [Husserl 1976a]Husserl, Edmund (1976): Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie. Martinus Nijhoff, Den Haag, Boston, Lancaster.
Notiz: 3. Aufl.
). Diese knappen Aus­führun­gen sind von kaum zu unter­schätzen­den Ein­fluss auf In­garden, Fink oder Sartre gewe­sen und ent­halten in nuce die Grund­gedan­ken der Bild­theorie Husserls, die syste­matisch in der Vor­lesung «Phan­tasie und Bild­bewußt­sein», gehalten im Winter­semester 1904/05 in Göttin­gen, ent­wickelt worden ist – diese Vor­lesungen sind aller­dings in schrift­licher Form erst 1980 zusam­men mit anderen Auf­zeich­nungen zu dieser Thema­tik aus dem Nach­lass unter dem Titel «Phan­tasie, Bild­bewußt­sein und Erin­nerung» publi­ziert worden (vgl. [Husserl 1980a]Husserl, Edmund (1980): Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925) (Husserliana XXIII). Nijhoff, Den Haag, Boston, Dordrecht.
).

Im Unterschied zum Wahrnehmungs­bewusst­sein, dessen Gegen­stand nach Husserl un­mittel­bar und „leib­haftig da“ ist, wird der­jenige des Bild­bewusst­seins durch einen Re­präsen­tanten ver­gegen­wärtigt oder vorge­stellt. Ein Mensch, der im Bild­bewusst­sein erscheint, ist also nicht selbst gegeben, sondern ich sehe z.B. ein Foto oder eine Zeichnung von ihm. Zwar ist auch in der Phan­tasie im Unter­schied zur Wahr­nehmung das Objekt nicht leibhaftig da, aber die Phan­tasie ist anders als das Bild­bewusst­sein direkt, also ohne re­präsen­tieren­des Zwischen­glied, auf ihr Objekt ge­richtet.

Im Bildbewusstsein gibt es nach Husserl somit eine doppelte Gegen­ständ­lich­keit: Es gibt das­jenige, von dem das Bild ein Ab­bild ist, kurz: das Re­präsen­tierte. Dieses inten­dierte Objekt, das auf dem Bild selbst nicht erscheint, nennt Husserl das Bild­sujet. Von diesem unter­scheidet Husserl wiederum das physische Bild und das Bild­objekt: Das physische Bild ist das reale – also wahr­genommene – Objekt, z.B. der be­arbei­tete Marmor, die be­malte Lein­wand oder das be­druckte Papier – also das Re­präsen­tieren­de. Das Bild­objekt ist hin­gegen das­jenige, das man auf dem Bild sieht, kurz: die Re­präsen­tation. Dem­zufol­ge lassen sich also drei not­wendige Momen­te des Bild­bewusst­seins unter­scheiden: „1) Das physische Bild, das Ding, aus Marmor usw. 2) Das re­präsen­tieren­de oder ab­bilden­de Objekt, und 3) das re­präsen­tierte oder ab­gebil­dete Objekt“ ([Husserl 1980a]Husserl, Edmund (1980): Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925) (Husserliana XXIII). Nijhoff, Den Haag, Boston, Dordrecht.
: S. 19).

In dem schon erwähnten Paragraphen 111 der «Ideen I» wendet sich Husserl einem einzel­nen Werk – wie man mit Wiesing sagen könnte – in einer bild­theore­tischen und nicht in einer bild­wissen­schaft­lichen Inten­tion zu: Dürers Kupfer­stich «Ritter, Tod und Teufel» wird nicht ana­lysiert, um seinen Sinn­gehalt zu ver­stehen oder seinen Kunst­charak­ter zu wür­digen. Viel­mehr will Husserl auf der Grund­lage der phäno­meno­logischen Be­schreibung eines einzel­nen Bildes die allge­meinen Wesens­bestim­mungen des Bildes über­haupt auf­spüren. Die Drei­teilung in physisches Bild, Bild­objekt und Bild­sujet lässt sich auch hier finden, inso­fern es sich hier­bei um eine Wesens­gesetz­lich­keit des Bildes handelt:

Wir unterscheiden hier fürs Erste die normale Wahr­nehmung, deren Korre­lat das Ding ›Kupfer­stich­blatt‹ ist, dieses Blatt in der Mappe. Fürs Zweite das perzep­tive Bewußt­sein, in dem uns in den schwarzen Linien farb­lose Figür­chen ‘Ritter auf dem Pferde’, ‘Tod’ und ‘Teufel’ er­scheinen. Diesen Figür­chen sind wir in der ästhe­tischen Betrach­tung nicht als Objek­ten zuge­wendet; zuge­wendet sind wir den ›im Bilde‹ darge­stellten, genauer, den ‘abge­bildeten’ Reali­täten, dem Ritter aus Fleisch und Blut usw. ([Husserl 1976a]Husserl, Edmund (1976): Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie. Martinus Nijhoff, Den Haag, Boston, Lancaster.
Notiz: 3. Aufl.
: S. 252)


Jean-Paul Sartre

Eugen Fink macht in einem längeren Aufsatz mit dem Titel «Ver­gegen­wärti­gung und Bild» aus dem Jahr 1929 in Weiter­ent­wick­lung der Lehre Husserls geltend, dass sich das Bild­bewusst­sein von der Ver­gegen­wärti­gung bzw. der Phan­tasie da­durch unter­scheidet, dass die Bild­welt „immer und wesens­mäßig mit einem realen Träger ver­bunden ist“ ([Fink 1966a]Fink, Eugen (1966): Studien zur Phänomenologie 1930-1939. Martinus Nijhoff, Den Haag.
: S. 74). Jean-Paul Sartre hat Finks Aufsatz allem An­schein nach wohl nicht ge­kannt, aber in seiner ebenso detail­lierten wie syste­mati­schen Studie «Das Ima­ginäre» von 1940 nimmt er auf der Grund­lage des­selben phäno­meno­logischen Befunds eine Zwei­teilung inner­halb des Bereichs des Ima­ginären vor, die Fink aller­dings – wie sich gleich heraus­stellen wird – wohl abge­lehnt hätte.

Sartre unterscheidet die images mentales (die reinen Vor­stellungen) von den images physiques (den physischen Bildern). Als Unter­scheidungs­kriterium fungiert hierbei das soge­nannte Analogon, das als die Materie der Imagi­nation vom eigent­lichen Objekt der Imagi­nation unter­schieden wird (vgl. [Sartre 1994b]Sartre, Jean-Paul (1994): Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft (1940). Rowohlt, Reinbek.
Nicht angezeigt: Gesammelte Werke. Philosophische Schriften I-2, hrsg. von V. von Wroblewsky
: S. 37). Die images mentales greifen für die Konsti­tution der Imagi­nation auf den Wissens­bestand, die Affek­tivi­tät und Be­wegungs­emp­fin­dungen des ima­ginie­renden Bewuss­tseins zurück, wohin­gegen bei den images physiques ein Wahr­nehmungs­objekt als Analo­gon fungiert, um ein abwe­sendes Objekt imaginär zur Er­scheinung zu bringen. Für Sartre ändert diese Ver­wurzelung in der Wahr­nehmungs­welt aller­dings nichts daran, dass die image physique immer noch eine image ist, denn wie die image mentale inten­diert sie ein abwe­sendes oder nicht-existie­rendes Objekt. Finks Gegen­über­stellung von Ver­gegen­wärti­gung und Bild stimmt im Wesent­lichen mit der von image mentale und image physique bei Sartre überein. Er erklärt jedoch auf­grund desselben phäno­meno­logischen Befundes – das Bild hat einen wahr­nehm­baren Träger –, konträr zu Sartre, dass die „Bild­wahr­nehmung […] eine bestimmte Art von Wahr­nehmung“ ([Fink 1966a]Fink, Eugen (1966): Studien zur Phänomenologie 1930-1939. Martinus Nijhoff, Den Haag.
: S. 75) ist.

Sartres Begriff des Analogon meint im Grunde das­selbe wie Husserls »physisches Bild« und schließt auch das ein, was der polnische Husserl-Schüler Roman In­garden in seiner Bild­theorie von 1928 als „Gemälde“ und „physische[s] Seins­funda­ment des Bildes“ ([Ingarden 1962a]Ingarden, Roman (1962): Untersuchungen zur Ontologie der Kunst. Musikwerk – Bild – Architektur – Film. Max Niemeyer, Tübingen.
: S. 207) be­zeich­net. Anders als etwa Wiesing, der Husserls und Sartres Über­legungen vor allem für eine Theorie der Bilder im engeren Sinne – Zeich­nungen, Gemälde, Fotos, Film- und Computer­bilder – frucht­bar macht, versteht Sartre das Ver­hält­nis zwischen Analo­gon und Ima­gina­tion aller­dings in einem denk­bar weiten Sinn: In seinem Ver­ständ­nis kann bei­spiels­weise das wahr­genom­mene Teppich­muster ebenso ein Analo­gon für ima­ginäre Ge­sichter sein wie die wahr­genom­menen Wolken ein Analo­gon für imagi­näre Gebilde, und der wahr­genom­mene Körper des Paro­disten Thomas Frei­tag eben­so als Analo­gon für die ab­wesende Bundes­kanzle­rin fungieren wie der wahr­genom­mene Schauspieler Leonardo DiCaprio als Analo­gon für einen imagi­nären J. Edgar Hoover. Sartre zu­folge wären also nicht nur die Phäno­mene auf dem Papier, der Lein­wand, dem Fern­seh­bild­schirm oder dem Monitor Bilder – viel­mehr kann jedes Wahr­neh­mungs­objekt in der ima­ginie­renden Ein­stellung zum Bild (also zu einer image physique) werden.

Sartres vertritt dabei die häufig kritisierte These, dass das ima­ginäre Objekt un­zer­stör­bar ist, auch wenn sein Analo­gon als ein reales Ding den Gesetzen der Physik unter­worfen ist: Die Be­leuch­tungs­stärke der Lei­nwand kann ver­ändert werden, die Farbe kann ab­bröckeln, und es kann schließ­lich sogar ver­brennen – aber das imagi­näre Objekt ist un­erreich­bar für all diese Ver­ände­rungen (vgl. [Sartre 1994b]Sartre, Jean-Paul (1994): Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft (1940). Rowohlt, Reinbek.
Nicht angezeigt: Gesammelte Werke. Philosophische Schriften I-2, hrsg. von V. von Wroblewsky
: S. 288). Diese Ein­stellung, die vor allem für Sartres frühe Kunst­theorie von Bedeutung ist, kommt auch schon in seinem Roman «Der Ekel» zum Aus­druck: :

Die Platte muß an der Stelle einen Kratzer haben, denn es macht ein komi­sches Geräusch. Und da ist etwas, was das Herz zu­sammen­schnürt: näm­lich, daß die Melodie über­haupt nicht von dem leichten Krächzen der Nadel auf der Platte be­rührt wird. Sie ist so weit – so weit dahin­ter. Auch das ver­stehe ich: die Platte wird ver­kratzt und nutzt sich ab, die Sänge­rin ist viel­leicht tot […]. Aber hinter dem Existie­renden, das von einer Gegen­wart in die nächste fällt, ohne Ver­gangen­heit, ohne Zu­kunft, hinter diesen Klängen, die von Tag zu Tag zerfal­len, zer­kratzt werden und in den Tod gleiten, bleibt die Melo­die die­selbe, jung und fest, wie ein er­barmungs­loser Zeuge. ([Sartre 1989a]Sartre, Jean-Paul (1989): Der Ekel. Rowohlt, Reinbek.
: S. 196f.)

So kommt auch Wiesing ganz ähnlich wie Sartre zu dem Schluss, dass das Bild­objekt ein Phäno­men jenseits der Wahr­nehmungs­welt ist: Es lässt sich weder berühren, hören oder riechen, noch ist es in irgend­einer Weise den Ein­flüssen der realen physi­schen Welt unter­worfen. Daher ist es keine reale, sondern eine „arti­fizielle Präsenz“ ([Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 31). So bleiben wir etwa auf Porträts und Fotos ewig jung – eine Tatsache, die Oscar Wilde in seiner berühm­ten Erzählung «Das Bildnis des Dorian Gray» in ihr Gegen­teil ver­kehrt hat: Dort altert das Bild­objekt an­stelle des Bild­sujets.

Sartres und Wiesings These, dass sich das Bild­objekt gegen­über dem physi­schen Bild in einem letzt­lich von der Reali­tät un­erreich­baren physik­freien Raum befindet, würde wiederum In­garden ent­schieden wider­sprechen: Inso­fern das Gemälde als reales Ding unver­meidlich einem Alte­rungs­prozess unter­worfen ist, bleibt davon auch das Bild nicht unbe­rührt. Wenn die realen Farben im Zuge von Witte­rungs­ein­flüssen ver­blassen, so ver­blassen auch die ima­ginären Farben des Bild­objekts. Das Gemälde ver­liert seine Fähig­keit, „immer das­selbe Bild zu konsti­tuieren“: Nicht nur das Gemäl­de, sondern auch das „Bild […] ist somit ein histo­risches Gebilde, das eine bestim­mte Lebens­länge und Lebens­grenze hat“ ([Ingarden 1962a]Ingarden, Roman (1962): Untersuchungen zur Ontologie der Kunst. Musikwerk – Bild – Architektur – Film. Max Niemeyer, Tübingen.
: S. 211). In späteren Texten vertritt Sartre selbst die Auf­fassung einer Kluft zwischen physi­schem Bild und Bild­objekt:

Der Gegen­stand ist Träger der Ir­reali­sie­rung, aber die Ir­reali­sie­rung ver­leiht ihm seine Not­wendig­keit, weil er sein muß, damit sie statt­findet ([Sartre 1980a]Sartre, Jean-Paul (1980): Der Idiot der Familie. Gustave Flaubert 1821 bis 1857. Bd. 2: Die Personalisation 1. Rowohlt, Reinbek.
: S. 147f.).
Anmerkungen
Literatur
[Fink 1966a]Fink, Eugen (1966): Studien zur Phänomenologie 1930-1939. Martinus Nijhoff, Den Haag.[Husserl 1976a]Husserl, Edmund (1976): Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie. Martinus Nijhoff, Den Haag, Boston, Lancaster.[Husserl 1980a]Husserl, Edmund (1980): Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925) (Husserliana XXIII). Nijhoff, Den Haag, Boston, Dordrecht.[Ingarden 1962a]Ingarden, Roman (1962): Untersuchungen zur Ontologie der Kunst. Musikwerk – Bild – Architektur – Film. Max Niemeyer, Tübingen.[Ryle 1949a]Ryle, Gilbert (1949): The Concept of Mind. Hutchinson, London.[Sartre 1980a]Sartre, Jean-Paul (1980): Der Idiot der Familie. Gustave Flaubert 1821 bis 1857. Bd. 2: Die Personalisation 1. Rowohlt, Reinbek.[Sartre 1989a]Sartre, Jean-Paul (1989): Der Ekel. Rowohlt, Reinbek.[Sartre 1994b]Sartre, Jean-Paul (1994): Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft (1940). Rowohlt, Reinbek.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Mark A. Halawa und Marcel Lemmes — (Hinweis)

Zitierhinweis:

Bonnemann, Jens (2013). Bildbewusstsein. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Bildbewusstsein].