Stil: Unterschied zwischen den Versionen

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Es ist schwierig bis unmöglich, eine bündi&shy;ge Antwort auf die Frage zu geben, was Stil sei, aber soviel lässt sich doch sagen, dass Stil immer eine Moda&shy;lität darstellt, mit deren Hilfe etwas auf spezi&shy;fische Weise formu&shy;liert wird; Stil betrifft mithin immer das Wie der Durchfüh&shy;rung: sei es eines [[Exkurs:Handlungen#Schema und Aktu­ali­sierung|Handlungs&shy;vollzugs]] oder des Erlebens, einer [[Darstellung_(historisch)|Darstel&shy;lung]] oder Narra&shy;tion, des Denkens oder [[Wahrnehmungstheorien: Übersicht|Wahrneh&shy;mens]]. Stets sind es Unter&shy;schiede in der Art und Weise der Ausfüh&shy;rung, der Gestal&shy;tung, in der Manier oder Eigen&shy;art, die zwei Handlun&shy;gen oder Erzäh&shy;lungen, zwei Darstel&shy;lungen oder Sichtwei&shy;sen vonein&shy;ander unter&shy;scheidbar machen, und es sind die Modi der Darstel&shy;lung, die das Darge&shy;stellte erst zu dem werden lassen, was es ist.
Ursprüng&shy;lich ein Begriff aus der Rheto&shy;rik, später stark okku&shy;piert für Bereiche der Mode und des äuße&shy;ren Erschei&shy;nungsbil&shy;des von Menschen und Dingen, in Verruf gera&shy;ten durch seinen Mangel an ana&shy;lyti&shy;scher Trennschär&shy;fe, wird er gele&shy;gentlich mißbraucht zur ober&shy;flächli&shy;chen Rubri&shy;zierung singu&shy;lärer Werke.
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Was auch immer [[Zeigen und Sich-Zeigen|sich zeigt]] oder darge&shy;stellt wird und wer auch immer in Erschei&shy;nung tritt, es ist unver&shy;meidlich, dieses auf eine bestimm&shy;te Art und Weise zu tun; man hat, wie Lessing bemerkt, “seinen eignen Stil, so wie seine eigne Nase.”  Deswe&shy;gen kann es Wohnsti&shy;le, Fahrsti&shy;le, Führungs&shy;stile und Poli&shy;tiksti&shy;le geben, nur eine wirkli&shy;che Stil-Losig&shy;keit, nicht im Sinne eines fehlen&shy;den Gespürs für’s Ange&shy;messe&shy;ne, sondern im Sinne einer völli&shy;gen Neutra&shy;lität oder Stilfrei&shy;heit ist nicht denkbar, weil eben auch eine vermeint&shy;lich neutra&shy;le – etwa nüchter&shy;ne oder wertungs&shy;freie – Darstel&shy;lung noch die Form einer Darstel&shy;lung ist.
Auffäl&shy;lig ist, dass der Stilbe&shy;griff zugleich subsu&shy;mierend als auch diffe&shy;renzie&shy;rend fungiert, zugleich Kollek&shy;tives von epo&shy;chaler Allge&shy;meinheit als auch Indi&shy;vidu&shy;elles von singu&shy;lärer Unver&shy;gleichlich&shy;keit erfas&shy;sen will. Ist damit folglich einer&shy;seits die besondere Eigenart und persön&shy;liche Charak&shy;teris&shy;tik eines Indi&shy;vidu&shy;ums gemeint, lassen sich damit ande&shy;rerseits kollek&shy;tive Zuord&shy;nungen vorneh&shy;men, etwa zu einer Gruppe, Epo&shy;che oder Loka&shy;lität. So gilt bspw. Rembrandt mit der Einzig&shy;artig&shy;keit seines persön&shy;lichen Duktus doch zugleich als expo&shy;nierter Vertre&shy;ter des nieder&shy;ländi&shy;schen Barock, typisch für eine ganze Nation und Epo&shy;che. Das Inkom&shy;mensu&shy;rable und das [[Darstellung und Repräsentation|Reprä&shy;senta&shy;tive]] greifen also im Stilbe&shy;griff auf merkwür&shy;dige Weise inein&shy;ander. Die Paral&shy;leli&shy;tät von indi&shy;vidual&shy;psycho&shy;logi&shy;schen und histo&shy;rischen Tenden&shy;zen, von persön&shy;lichen und natio&shy;nalen bzw. epo&shy;chalen Menta&shy;litä&shy;ten bildet einen schwer zu durch&shy;schauen&shy;den und ebenso schwer zu erklä&shy;renden Konnex, beson&shy;ders in der Kunstge&shy;schichte. Natür&shy;lich wirken Zeiten und Schulen verhal&shy;tensnor&shy;mierend auf Indi&shy;viduen, aber umge&shy;kehrt bilden auch Indi&shy;viduen eine Epo&shy;che, ohne dass es dafür eine allge&shy;meingül&shy;tige Erklä&shy;rung gäbe.
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Eine grundlegende Dichotomie kennzeich&shy;net alle Stilfra&shy;gen: Äuße&shy;re Form einer (sprachli&shy;chen oder piktu&shy;ralen) Darstel&shy;lung auf der einen Seite steht dem [[Darstellung und Repräsentation|darge&shy;stellten Inhalt]], der [[Bedeutung und Referenz|Bedeu&shy;tung]] oder dem Kern der Sache gegen&shy;über.
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In der Folge ergeben sich daraus gewisse Vorbe&shy;halte gegen alles vermeint&shy;lich oder tatsäch&shy;lich Ästhe&shy;tische, das als nur äußer&shy;lich, belie&shy;big, womög&shy;lich bloße Mode gegen&shy;über der Bedeu&shy;tung oder dem Inhalt herab&shy;gesetzt wird. Solche Kritik über&shy;sieht indes&shy;sen, dass in einem empha&shy;tische&shy;ren Verständ&shy;nis Stil nie nur austausch&shy;bare Hülle sein kann, sondern als Ausdruck einer Haltung oder sogar [[Weltbild, Lebensform|Lebens&shy;form]] ernst genom&shy;men werden muss.
Grundle&shy;gender als solche Einschät&shy;zungen ist jedoch der Umstand, dass die Disjunk&shy;tion von Stil und Wahrheit das Vorhan&shy;densein einer gestalt&shy;losen Rohmas&shy;se von Daten, Dingen oder Fakten voraus&shy;setzt, welche – wiewohl denk-notwen&shy;dig – empi&shy;risch nicht anzu&shy;treffen sind. Zwar ist es konsti&shy;tutions&shy;logisch notwen&shy;dig, sobald man vom Stil einer Darstel&shy;lung oder Erschei&shy;nung redet, auch eine darge&shy;stellte oder erschei&shy;nende Sache voraus&shy;zuset&shy;zen, die theore&shy;tisch und praktisch auch anders darge&shy;stellt werden oder erschei&shy;nen könnte, und daher in irgend&shy;einer Form gege&shy;ben sein muss, um auf diese oder auf jene Weise reali&shy;siert werden zu können. Immer aber muss sie sich auf eine bestimm&shy;te, diese und keine ande&shy;re Weise reali&shy;sieren und ist daher niemals vollkom&shy;men stil-frei.
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Nach wie vor sind Heinrich Wölfflins (<bib id='Wölfflin 1929a'></bib>) Über&shy;legun&shy;gen zum Stil in der bilden&shy;den Kunst von maßgeb&shy;licher Bedeu&shy;tung, vor allem in Bezug auf den Zusam&shy;menhang von Darstel&shy;lung und Wahrneh&shy;mung. Wölfflin beschreibt Stil als „die Art, wie das Gese&shy;hene auf eine Form gebracht ist.“ (<bib id='Wölfflin 1912a'></bib>: S. 572)
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:''Aller Ausdruck ist an bestimm&shy;te opti&shy;sche Möglich&shy;keiten gebun&shy;den, die in jedem Zeital&shy;ter ande&shy;re sind. Der gleiche Inhalt könnte zu verschie&shy;denen Zeiten nicht in gleicher Weise ausge&shy;drückt werden, nicht weil die Gefühls&shy;tempe&shy;ratur sich geän&shy;dert hat, sondern weil die Augen sich geän&shy;dert haben'' (Ebd.)
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Selbstverständlich hat Wölfflin einen komple&shy;xen Begriff vom [[Sehen]] als einer kultu&shy;rellen Tätig&shy;keit, welche auf [[Anschauung und Begriff|Anschau&shy;ungen]] und [[Vorstellungsbilder / Mentale Modelle|Vorstel&shy;lungen]] basiert. Im Nachwort zur achten Aufla&shy;ge seiner «Grundbe&shy;griffe» beschreibt Wölfflin Sehen als die „Art wie sich [...] in der Vorstel&shy;lung die Dinge gestal&shy;ten“<ref>„Wenn ich aber von An&shy;schau&shy;ungs&shy;form spre&shy;che, von Seh&shy;form und der Ent&shy;wick&shy;lung des Se&shy;hens, so ist das wohl ein läs&shy;si&shy;ger Aus&shy;druck, doch kann er sich auf die Ana&shy;lo&shy;gie be&shy;ru&shy;fen, daß man auch vom ‘Au&shy;ge’ des Künst&shy;lers und vom ‘Se&shy;hen’ des Künst&shy;lers spricht, wo man eben die Art meint, wie sich ihm in der Vor&shy;stel&shy;lung die Din&shy;ge ge&shy;stal&shy;ten.“ (<bib id='Wölfflin 1970a'>Wölff&shy;lin 1970a</bib>: S. 277)</ref>. ‘Male&shy;risch oder plastisch sehen’ heißt demnach, gemäß den Vorstel&shy;lungen zu sehen, die Wölfflin mit Hilfe der Begriffs&shy;paare »linear-&#8203;male&shy;risch«,&#8203; »Fläche-&#8203;Tiefe«,&#8203; »geschlos&shy;sene Form-&#8203;offe&shy;ne Form«,&#8203; »Vielheit-&#8203;Einheit«&#8203; und »Klarheit-&#8203;Unklar&shy;heit«&#8203; zu kate&shy;gori&shy;sieren suchte. Dass solches Sehen viel mit Denksti&shy;len und Sichtwei&shy;sen zu tun hat, liegt auf der Hand. „Die Art des Sehens“ oder – so ergänzt Wölfflin in Replik auf die Kritik an seinem Sprachge&shy;brauch im Vorwort zur sechsten Aufla&shy;ge (<bib id='Wölfflin 1929a'></bib>) –
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:''sagen wir also des anschau&shy;lichen Vorstel&shy;lens ist nicht von Anfang an und über&shy;all diesel&shy;be, sondern hat, wie alles Leben&shy;dige, ihre Entwick&shy;lung.''
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Sieht man von Wölfflins voraus&shy;setzungs&shy;reichen, geschichts&shy;philo&shy;sophi&shy;schen Annah&shy;men einmal ab, bleibt vor allem die Einsicht, dass Stil auf einer vorstel&shy;lungsba&shy;sierten und vorstel&shy;lungsbil&shy;denden opti&shy;schen Schema&shy;tisie&shy;rung basie&shy;ren könnte. Wirklich ist „nicht alles zu allen Zeiten möglich“, weder technisch und empi&shy;risch noch symbo&shy;lisch und aisthe&shy;tisch. Der Stil einer Darstel&shy;lung ist von werthaf&shy;ten Sichtwei&shy;sen nicht zu entkop&shy;peln, weil, wie wir sahen, selbst eine neutra&shy;le Sicht eine Sichtwei&shy;se ist.
Eine solche Auffas&shy;sung findet auch bei moder&shy;neren Auto&shy;ren ihren Wider&shy;hall: Stil, schreibt Manfred Frank in seiner Unter&shy;suchung zum Stil in der Philo&shy;sophie, sei „die indi&shy;vidu&shy;elle Art und Weise, wie der Autor seine eigen&shy;tümli&shy;che Sicht der Welt sprachlich zum Ausdruck bringt“ (<bib id='Frank 1990a'></bib>: S. 11). Und Arthur Danto verdan&shy;ken wir die Einsicht, dass der Stil einer Darstel&shy;lung uns veran&shy;laßt, dasje&shy;nige, von dem sie handelt, „mit einer bestimm&shy;ten Einstel&shy;lung und in einer beson&shy;deren Sicht zu sehen“ (<bib id='Danto 1993a'></bib>: S. 255).


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* [[Weltbild, Lebensform]]
 
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Auswirkungen der Bildlichkeit


Es ist schwierig bis unmöglich, eine bündi­ge Antwort auf die Frage zu geben, was Stil sei, aber soviel lässt sich doch sagen, dass Stil immer eine Moda­lität darstellt, mit deren Hilfe etwas auf spezi­fische Weise formu­liert wird; Stil betrifft mithin immer das Wie der Durchfüh­rung: sei es eines Handlungs­vollzugs oder des Erlebens, einer Darstel­lung oder Narra­tion, des Denkens oder Wahrneh­mens. Stets sind es Unter­schiede in der Art und Weise der Ausfüh­rung, der Gestal­tung, in der Manier oder Eigen­art, die zwei Handlun­gen oder Erzäh­lungen, zwei Darstel­lungen oder Sichtwei­sen vonein­ander unter­scheidbar machen, und es sind die Modi der Darstel­lung, die das Darge­stellte erst zu dem werden lassen, was es ist. Ursprüng­lich ein Begriff aus der Rheto­rik, später stark okku­piert für Bereiche der Mode und des äuße­ren Erschei­nungsbil­des von Menschen und Dingen, in Verruf gera­ten durch seinen Mangel an ana­lyti­scher Trennschär­fe, wird er gele­gentlich mißbraucht zur ober­flächli­chen Rubri­zierung singu­lärer Werke.

Was auch immer sich zeigt oder darge­stellt wird und wer auch immer in Erschei­nung tritt, es ist unver­meidlich, dieses auf eine bestimm­te Art und Weise zu tun; man hat, wie Lessing bemerkt, “seinen eignen Stil, so wie seine eigne Nase.” Deswe­gen kann es Wohnsti­le, Fahrsti­le, Führungs­stile und Poli­tiksti­le geben, nur eine wirkli­che Stil-Losig­keit, nicht im Sinne eines fehlen­den Gespürs für’s Ange­messe­ne, sondern im Sinne einer völli­gen Neutra­lität oder Stilfrei­heit ist nicht denkbar, weil eben auch eine vermeint­lich neutra­le – etwa nüchter­ne oder wertungs­freie – Darstel­lung noch die Form einer Darstel­lung ist. Auffäl­lig ist, dass der Stilbe­griff zugleich subsu­mierend als auch diffe­renzie­rend fungiert, zugleich Kollek­tives von epo­chaler Allge­meinheit als auch Indi­vidu­elles von singu­lärer Unver­gleichlich­keit erfas­sen will. Ist damit folglich einer­seits die besondere Eigenart und persön­liche Charak­teris­tik eines Indi­vidu­ums gemeint, lassen sich damit ande­rerseits kollek­tive Zuord­nungen vorneh­men, etwa zu einer Gruppe, Epo­che oder Loka­lität. So gilt bspw. Rembrandt mit der Einzig­artig­keit seines persön­lichen Duktus doch zugleich als expo­nierter Vertre­ter des nieder­ländi­schen Barock, typisch für eine ganze Nation und Epo­che. Das Inkom­mensu­rable und das Reprä­senta­tive greifen also im Stilbe­griff auf merkwür­dige Weise inein­ander. Die Paral­leli­tät von indi­vidual­psycho­logi­schen und histo­rischen Tenden­zen, von persön­lichen und natio­nalen bzw. epo­chalen Menta­litä­ten bildet einen schwer zu durch­schauen­den und ebenso schwer zu erklä­renden Konnex, beson­ders in der Kunstge­schichte. Natür­lich wirken Zeiten und Schulen verhal­tensnor­mierend auf Indi­viduen, aber umge­kehrt bilden auch Indi­viduen eine Epo­che, ohne dass es dafür eine allge­meingül­tige Erklä­rung gäbe.

Eine grundlegende Dichotomie kennzeich­net alle Stilfra­gen: Äuße­re Form einer (sprachli­chen oder piktu­ralen) Darstel­lung auf der einen Seite steht dem darge­stellten Inhalt, der Bedeu­tung oder dem Kern der Sache gegen­über.

In der Folge ergeben sich daraus gewisse Vorbe­halte gegen alles vermeint­lich oder tatsäch­lich Ästhe­tische, das als nur äußer­lich, belie­big, womög­lich bloße Mode gegen­über der Bedeu­tung oder dem Inhalt herab­gesetzt wird. Solche Kritik über­sieht indes­sen, dass in einem empha­tische­ren Verständ­nis Stil nie nur austausch­bare Hülle sein kann, sondern als Ausdruck einer Haltung oder sogar Lebens­form ernst genom­men werden muss. Grundle­gender als solche Einschät­zungen ist jedoch der Umstand, dass die Disjunk­tion von Stil und Wahrheit das Vorhan­densein einer gestalt­losen Rohmas­se von Daten, Dingen oder Fakten voraus­setzt, welche – wiewohl denk-notwen­dig – empi­risch nicht anzu­treffen sind. Zwar ist es konsti­tutions­logisch notwen­dig, sobald man vom Stil einer Darstel­lung oder Erschei­nung redet, auch eine darge­stellte oder erschei­nende Sache voraus­zuset­zen, die theore­tisch und praktisch auch anders darge­stellt werden oder erschei­nen könnte, und daher in irgend­einer Form gege­ben sein muss, um auf diese oder auf jene Weise reali­siert werden zu können. Immer aber muss sie sich auf eine bestimm­te, diese und keine ande­re Weise reali­sieren und ist daher niemals vollkom­men stil-frei.

Nach wie vor sind Heinrich Wölfflins ([Wölfflin 1929a]Wölfflin, Heinrich (1929): Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Bruckmann, München.
Notiz: 6. Aufl.
) Über­legun­gen zum Stil in der bilden­den Kunst von maßgeb­licher Bedeu­tung, vor allem in Bezug auf den Zusam­menhang von Darstel­lung und Wahrneh­mung. Wölfflin beschreibt Stil als „die Art, wie das Gese­hene auf eine Form gebracht ist.“ ([Wölfflin 1912a]Wölfflin, Heinrich (1912): Das Problem des Stils in der bildenden Kunst. Vortrag in der Preußischen Akademie der Wissenschaften am 7. Dez. 1911. Sitzungsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, XXXIII.
: S. 572)

Aller Ausdruck ist an bestimm­te opti­sche Möglich­keiten gebun­den, die in jedem Zeital­ter ande­re sind. Der gleiche Inhalt könnte zu verschie­denen Zeiten nicht in gleicher Weise ausge­drückt werden, nicht weil die Gefühls­tempe­ratur sich geän­dert hat, sondern weil die Augen sich geän­dert haben (Ebd.)

Selbstverständlich hat Wölfflin einen komple­xen Begriff vom Sehen als einer kultu­rellen Tätig­keit, welche auf Anschau­ungen und Vorstel­lungen basiert. Im Nachwort zur achten Aufla­ge seiner «Grundbe­griffe» beschreibt Wölfflin Sehen als die „Art wie sich [...] in der Vorstel­lung die Dinge gestal­ten“[1]. ‘Male­risch oder plastisch sehen’ heißt demnach, gemäß den Vorstel­lungen zu sehen, die Wölfflin mit Hilfe der Begriffs­paare »linear-​male­risch«,​ »Fläche-​Tiefe«,​ »geschlos­sene Form-​offe­ne Form«,​ »Vielheit-​Einheit«​ und »Klarheit-​Unklar­heit«​ zu kate­gori­sieren suchte. Dass solches Sehen viel mit Denksti­len und Sichtwei­sen zu tun hat, liegt auf der Hand. „Die Art des Sehens“ oder – so ergänzt Wölfflin in Replik auf die Kritik an seinem Sprachge­brauch im Vorwort zur sechsten Aufla­ge ([Wölfflin 1929a]Wölfflin, Heinrich (1929): Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Bruckmann, München.
Notiz: 6. Aufl.
) –

sagen wir also des anschau­lichen Vorstel­lens ist nicht von Anfang an und über­all diesel­be, sondern hat, wie alles Leben­dige, ihre Entwick­lung.

Sieht man von Wölfflins voraus­setzungs­reichen, geschichts­philo­sophi­schen Annah­men einmal ab, bleibt vor allem die Einsicht, dass Stil auf einer vorstel­lungsba­sierten und vorstel­lungsbil­denden opti­schen Schema­tisie­rung basie­ren könnte. Wirklich ist „nicht alles zu allen Zeiten möglich“, weder technisch und empi­risch noch symbo­lisch und aisthe­tisch. Der Stil einer Darstel­lung ist von werthaf­ten Sichtwei­sen nicht zu entkop­peln, weil, wie wir sahen, selbst eine neutra­le Sicht eine Sichtwei­se ist. Eine solche Auffas­sung findet auch bei moder­neren Auto­ren ihren Wider­hall: Stil, schreibt Manfred Frank in seiner Unter­suchung zum Stil in der Philo­sophie, sei „die indi­vidu­elle Art und Weise, wie der Autor seine eigen­tümli­che Sicht der Welt sprachlich zum Ausdruck bringt“ ([Frank 1990a]Frank, Manfred (1992): Stile in der Philosophie. Reclam, Stuttgart.
: S. 11). Und Arthur Danto verdan­ken wir die Einsicht, dass der Stil einer Darstel­lung uns veran­laßt, dasje­nige, von dem sie handelt, „mit einer bestimm­ten Einstel­lung und in einer beson­deren Sicht zu sehen“ ([Danto 1993a]Danto, Arthur C. (1993): Die philosophische Entmündigung der Kunst. Fink, München.
: S. 255).

Anmerkungen
  1. ↑ „Wenn ich aber von An­schau­ungs­form spre­che, von Seh­form und der Ent­wick­lung des Se­hens, so ist das wohl ein läs­si­ger Aus­druck, doch kann er sich auf die Ana­lo­gie be­ru­fen, daß man auch vom ‘Au­ge’ des Künst­lers und vom ‘Se­hen’ des Künst­lers spricht, wo man eben die Art meint, wie sich ihm in der Vor­stel­lung die Din­ge ge­stal­ten.“ ([Wölfflin 1970a]Wölfflin, Heinrich (1970): Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Eine Revision von 1933 als Nachwort. Schwabe, Basel, Stuttgart.
    : S. 277)
Literatur
[Danto 1993a]Danto, Arthur C. (1993): Die philosophische Entmündigung der Kunst. Fink, München.[Frank 1990a]Frank, Manfred (1992): Stile in der Philosophie. Reclam, Stuttgart.[Wölfflin 1912a]Wölfflin, Heinrich (1912): Das Problem des Stils in der bildenden Kunst. Vortrag in der Preußischen Akademie der Wissenschaften am 7. Dez. 1911. Sitzungsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, XXXIII.[Wölfflin 1929a]Wölfflin, Heinrich (1929): Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Bruckmann, München.[Wölfflin 1970a]Wölfflin, Heinrich (1970): Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Eine Revision von 1933 als Nachwort. Schwabe, Basel, Stuttgart.

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Lektorat:

Zitierhinweis:

Schürmann, Eva (2013). Stil. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Stil].