Materialität und Bildsyntax: Unterschied zwischen den Versionen
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==Materialität im Spiegel des ›material turn‹== | ==Materialität im Spiegel des ›material turn‹== | ||
Spätestens seit den 1980er Jahren ziehen Fragen der Materia­lität in der geistes- und kultur­wissen­schaftlichen Forschung eine besondere Auf­merk­samkeit auf sich (vgl. <bib id='Gumbrecht | Spätestens seit den 1980er Jahren ziehen Fragen der Materia­lität in der geistes- und kultur­wissen­schaftlichen Forschung eine besondere Auf­merk­samkeit auf sich (vgl. <bib id='Gumbrecht & Pfeiffer 1988a'></bib>). Nachdem es lange Zeit üblich war, kulturelle Arte­fakte primär als herme­neutische bzw. semiotische Deutungs­objekte zu begreifen, die im Hinblick auf ihre immateriellen Sinn­bezüge zu analysieren sind, entwickelt sich nun – oft unter dem Schlag­wort des ‘material turn’ (vgl. <bib id='Hicks & Beaudry 2010a'></bib>) – ein wachsendes Interesse für die materiellen Beschaffen­heiten bedeutungs­tragender Phänomene. Im Zentrum dieses Interesses steht insbeson­dere die Frage, in welchem Maße die ''Sinn­dimension'' kultureller Arte­fakte von der ''Präsenz­dimension'' materieller Faktoren bestimmt wird. Zur Diskussion gestellt wird in diesem Zusammen­hang häufig die These, dass „die Immateria­lität eines Sinns […] nur in der Materia­lität eines Sinnlichen“ (<bib id='Krämer 2004b'></bib>: S. 20) gegenwärtig werden könne. Die Dimension der ''Semiosis'' wäre demnach fundamental an jene der ''Aisthesis'' gebunden. Sinn wäre sodann nur dort fassbar, wo ein solcher im Zuge materieller Praktiken und Setzungen sinnlich verkörpert wird (vgl. <bib id='Mersch 2002a'></bib>). | ||
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Die steigende Beschäftigung mit Fragen der Materialität hat sowohl in klassischen als auch in jüngeren geistes- und kultur­wissen­schaftlichen Disziplinen (wenn auch nicht unein­geschränkt) zu einem Perspek­tiven­wechsel geführt. So gibt es in der Kunst­geschichte – jener Disziplin, die traditionell ein Selbst­verständnis pflegt, das an herme­neu­tischen und semio­tischen Methoden geschult ist (⊳ [[Ikonologie|Ikono­logie]]) – Bestrebungen, die materiellen Bedingungen künstlerischer Praktiken zu einem Forschungs­gegen­stand eigenen Rechts zu erklären (vgl. <bib id='Wagner 2002a'></bib>). In weiten Teilen der Medien­wissenschaften ist es zuvor bereits zu einer herme­neutik­kritischen Fokussierung auf die kultur­technischen Voraus­setzungen medialer Speiche­rungs- und Über­tragungs­prozesse gekommen (vgl. <bib id='Kittler 2003a'></bib>). Die aisthetischen Aspekte von Schrift­stücken werden dem­gegen­über erst seit verhältnis­mäßig kurzer Zeit in der Editions- und Literatur­wissen­schaft in den Vorder­grund gerückt (vgl. <bib id='Giuriato & Kammer 2006a'></bib>); ähnlich verhält es sich in den historischen Wissen­schaften (vgl. <bib id='Hilgert 2010a'></bib>, <bib id='Cancik-Kirschbaum 2012a'></bib>). Selbst in der Philo­sophie, die in ihrer Geschichte häufig ein eher belastetes Verhältnis zu den materiellen Facetten des menschlichen Selbst- und Welt­verhält­nisses demonstrierte, stößt das Interesse für Fragen der Materialität mittlerweile zunehmend auf große Resonanz. Besonders in der philosophischen Ästhetik lassen sich Versuche beobachten, ästhetische Erfahrungs­zusammen­hänge unter aisthetischen Gesichts­punkten zu beschreiben, durch welche Momente der Präsenz und Materialität – im Gegensatz zu solchen der Repräsentation und des Sinns – einen privilegierten Stellenwert einnehmen (vgl. <bib id='Mersch 2002b'></bib>, <bib id='Gumbrecht 2004a'></bib>). | Die steigende Beschäftigung mit Fragen der Materialität hat sowohl in klassischen als auch in jüngeren geistes- und kultur­wissen­schaftlichen Disziplinen (wenn auch nicht unein­geschränkt) zu einem Perspek­tiven­wechsel geführt. So gibt es in der Kunst­geschichte – jener Disziplin, die traditionell ein Selbst­verständnis pflegt, das an herme­neu­tischen und semio­tischen Methoden geschult ist (⊳ [[Ikonologie|Ikono­logie]]) – Bestrebungen, die materiellen Bedingungen künstlerischer Praktiken zu einem Forschungs­gegen­stand eigenen Rechts zu erklären (vgl. <bib id='Wagner 2002a'></bib>). In weiten Teilen der Medien­wissenschaften ist es zuvor bereits zu einer herme­neutik­kritischen Fokussierung auf die kultur­technischen Voraus­setzungen medialer Speiche­rungs- und Über­tragungs­prozesse gekommen (vgl. <bib id='Kittler 2003a'></bib>). Die aisthetischen Aspekte von Schrift­stücken werden dem­gegen­über erst seit verhältnis­mäßig kurzer Zeit in der Editions- und Literatur­wissen­schaft in den Vorder­grund gerückt (vgl. <bib id='Giuriato & Kammer 2006a'></bib>); ähnlich verhält es sich in den historischen Wissen­schaften (vgl. <bib id='Hilgert 2010a'></bib>, <bib id='Cancik-Kirschbaum 2012a'></bib>). Selbst in der Philo­sophie, die in ihrer Geschichte häufig ein eher belastetes Verhältnis zu den materiellen Facetten des menschlichen Selbst- und Welt­verhält­nisses demonstrierte, stößt das Interesse für Fragen der Materialität mittlerweile zunehmend auf große Resonanz. Besonders in der philosophischen Ästhetik lassen sich Versuche beobachten, ästhetische Erfahrungs­zusammen­hänge unter aisthetischen Gesichts­punkten zu beschreiben, durch welche Momente der Präsenz und Materialität – im Gegensatz zu solchen der Repräsentation und des Sinns – einen privilegierten Stellenwert einnehmen (vgl. <bib id='Mersch 2002b'></bib>, <bib id='Gumbrecht 2004a'></bib>). | ||
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Speziell in der ästhetischen und bild­theoretischen Forschungs­debatte wird die Hinwen­dung zu Materia­litäts­aspekten oft mit einer strengen Abgrenzung von etablierten herme­neutischen und semiotischen Theorie­ansätzen verknüpft. So wird die Möglichkeit einer komplementären Verflechtung von Theorien der Aisthesis und Semiosis bisweilen strikt negiert (vgl. <bib id='Gumbrecht 2004a'></bib>: S. 130). Dass durch diese Haltung zahl­reiche produktive Anschluss­möglich­keiten zwischen den Dimensionen von Aisthesis und Semiosis aus dem Blickfeld geraten, wird demgegen­über in jüngerer Zeit sowohl von Vertretern post­hermeneu­tischer als auch zeichen­theoretischer Ansätze moniert (vgl. <bib id='Rautzenberg 2009a'></bib>, <bib id='Halawa 2009a'></bib>, <bib id='Finke & Halawa 2012a'></bib>). | Speziell in der ästhetischen und bild­theoretischen Forschungs­debatte wird die Hinwen­dung zu Materia­litäts­aspekten oft mit einer strengen Abgrenzung von etablierten herme­neutischen und semiotischen Theorie­ansätzen verknüpft. So wird die Möglichkeit einer komplementären Verflechtung von Theorien der Aisthesis und Semiosis bisweilen strikt negiert (vgl. <bib id='Gumbrecht 2004a'></bib>: S. 130). Dass durch diese Haltung zahl­reiche produktive Anschluss­möglich­keiten zwischen den Dimensionen von Aisthesis und Semiosis aus dem Blickfeld geraten, wird demgegen­über in jüngerer Zeit sowohl von Vertretern post­hermeneu­tischer als auch zeichen­theoretischer Ansätze moniert (vgl. <bib id='Rautzenberg 2009a'></bib>, <bib id='Halawa 2009a'></bib>, <bib id='Halawa 2012a'></bib>, <bib id='Finke & Halawa 2012a'></bib>). | ||
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==Materialität aus bildsyntaktischer Perspek­tive== | ==Materialität aus bildsyntaktischer Perspek­tive== | ||
Grundsätzlich lassen sich bildliche Zeichen auf einer [[Pragmatik, Semantik, Syntax|syntaktischen, semantischen und pragmatischen]] Ebene analysieren (vgl. <bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>: Kap. II). Auf der bild­pragmatischen Analyse­ebene steht die Wirkung und Verwendung bild­hafter Zeichen im Vorder­grund. Bild­semantische Analysen rekonstruieren die Arten und Weisen, wie mittels bild­licher Zeichen auf [[Gegenstand|Gegen­stände]] und [[Proposition|Sach­verhalte]] Bezug genommen wird. Ermittelt wird hier die Bedeutung bild­hafter Zeichen­relationen. In bild­syntak­tischen Analysen wird sodann der Frage nachge­gangen, inwieweit sich in bild­lichen Zeichen­systemen | Grundsätzlich lassen sich bildliche Zeichen auf einer [[Pragmatik, Semantik, Syntax|syntaktischen, semantischen und pragmatischen]] Ebene analysieren (vgl. <bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>: Kap. II). Auf der bild­pragmatischen Analyse­ebene steht die Wirkung und Verwendung bild­hafter Zeichen im Vorder­grund. Bild­semantische Analysen rekonstruieren die Arten und Weisen, wie mittels bild­licher Zeichen auf [[Gegenstand|Gegen­stände]] und [[Proposition|Sach­verhalte]] Bezug genommen wird. Ermittelt wird hier die Bedeutung bild­hafter Zeichen­relationen. In bild­syntak­tischen Analysen wird sodann der Frage nachge­gangen, inwieweit sich in bild­lichen Zeichen­systemen Eigen­schaften ausfindig machen lassen, „die Bilder unabhängig von ihrer Bedeutung und Verwendung besitzen“ (<bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>: S. 105). In einigen bild­syntak­tischen Analysen wird darüber hinaus untersucht, ob sich in bild­lichen Zeichen­systemen elementare Einheiten identi­fizieren lassen, die zu allgemeinen Regel­systemen verdichtet werden können, aus denen sich schließlich eine komplexe [[Bildgrammatik|Bild­grammatik]] bzw. ein elaboriertes Bild­alphabet generieren lässt (vgl. <bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>: ebd.). | ||
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Materielle Faktoren spielen auf allen | Materielle Faktoren spielen auf allen Analyse­ebenen eine gewisse Rolle. So ist die Verwendung und Bedeutung bild­licher Zeichen selbstredend immer auch durch materielle Eigen­schaften bedingt. Gleichwohl machen Aspekte des Materiellen auf der Ebene der Syntax wohl den größten Einfluss geltend, und dies vor allem an der Schnitt­stelle zur semantischen Dimension. So herrscht im Anschluss an Nelson Goodmans Symbol­theorie weitgehend Einig­keit darüber, dass bild­liche Zeichen solchen Symbol­systemen zuzuordnen sind, die sich auf syntak­tischer Ebene im Hinblick auf die Zeichen­inventare als nicht-disjunkt sowie nicht-differen­ziert identifi­zieren lassen (vgl. <bib id='Goodman 1997a'></bib>: Kap. IV; <bib id='Scholz 2004a'></bib>: Kap. 4; ⊳ [[syntaktische Dichte]]). Das soll heißen: Anders als zum Beispiel in alphabe­tischen Zeichen­systemen, die auf syntaktischer Ebene digital strukturiert sind, geben sich Bilder vor allem als analoge (d.h. durch­gängig nicht-differen­zierte) Symbolsysteme zu erkennen. Analog sind sie insofern, als sich in ihnen nicht ohne Weiteres einzelne Zeichen­elemente identi­fizieren lassen, die einem eindeutig differen­zierten syntaktischen Ordnungs­system zugehören. Darüber hinaus zeichnen sich Bilder durch das aus, was Goodman ‘Fülle’ nennt: Tendenziell kann jede Eigen­schaft eines bildlichen Zeichens einen semantischen Effekt nach sich ziehen. Besonders für [[Künstlerisches Bild und Alltagsbild|Kunst­bilder]] gilt, dass noch die feinsten materiellen Nuancen (der Auftrag der [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie|Farbe]], die Dicke der Linie, die Struktur der Lein­wand usw.) Einfluss auf die Bedeutung und Verwendung des betreffenden Bild­zeichens nehmen können. Hier werden semantische Unterschiede oft nicht durch [[Referenz, Denotation, Exemplifikation|denotationale]] Bezugnahmen erzielt (denn in den seltensten Fällen wird etwa die Art des Farb­auftrags selbst auf einen Gegen­stand in der Welt referieren); vielmehr sind es die Eigen­schaften der Darstellung selbst, auf die referiert wird. Goodman spricht hier von [[Referenz, Denotation, Exemplifikation|''Exemplifikation'']]: der Farb­auftrag stellt etwa im wört­lichen Sinne für den Betrachter die Eigen­schaften heraus, besonders dick oder unregel­mäßig zu sein, und dann im meta­phorischen Sinne vielleicht ‹kraft­voll› oder ‹unruhig›. Ein volles Symbol­system mit zahl­reichen potenziell bedeutsamen Darstellungsdimensionen eröffnet auf diese Weise viel­fältige Möglich­keiten des Aus­drucks (vgl. <bib id='Goodman 1997a'></bib>: Kap. II.3). | ||
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Die spezielle Bedeutung der Materialität für das Phänomen der | Die spezielle Bedeutung der Materialität für das Phänomen der Bild­lichkeit ergibt sich insofern aus den syntak­tischen Besonder­heiten bild­licher Zeichen­systeme (vgl. <bib id='Sachs-Hombach & Winter 2012a'></bib>). Aus alldem folgt, dass sich ein Prinzip der abstraktiven Relevanz, wie es für die signifikative Funktion sprachlicher Zeichen im Besonderen bzw. digitaler Zeichen­systeme im Allge­meinen eigen­tümlich ist, nicht ohne Weiteres auf bild­liche Zeichen­phänomene anwenden lässt. Zwar ist es denkbar, dass vor allem mit Blick auf sogenannte Gebrauchs­bilder von etlichen materiellen Aspekten abgesehen werden kann;<ref>Zum Begriff des Gebrauchs­bildes vgl. <bib id='Majetschak 2005b'></bib>.</ref> jedoch lassen sich kaum allgemeine Kriterien angeben, die für sämtliche Bild­formen bestimmen könnten, von welchen Eigen­schaften mit Blick auf die Ausübung der oben beschriebenen Zeichen­funktion bedenken­los abgesehen werden kann. Kurz: In Bezug auf die Über­nahme einer Zeichen­funktion sind tendenziell alle Eigen­schaften eines Bildes – insbesondere beim Kunst­bild – relevant (⊳ [[Bild in reflexiver Verwendung]]). | ||
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Generell sollte berücksichtigt werden, dass von einer | Generell sollte berücksichtigt werden, dass von einer Bild­syntax nicht im Sinne eines kombinatorischen Regel­systems gesprochen werden sollte (vgl. <bib id='Sachs-Hombach 2003a'></bib>: S. 102ff.). Von derlei Voraus­setzun­gen kann alleine im Hinblick auf sprachliche oder auf bestimmte notationale Zeichen­systeme die Rede sein, in denen der Aufbau wohlge­formter Zeichen­bezüge durch mehr oder weniger ein­deutig fest­gelegte Kombi­nations­regeln bestimmt wird, wie sie für Grammatiken mit Bezug auf Alpha­bete typisch sind. Demgegen­über lässt sich eine Bild­syntax lediglich im Sinne einer grund­legenden Reflexion auf die syntak­tischen Eigen­schaften bild­licher Zeichen­systeme begreifen, in denen die Materia­lität der bild­lichen Zeichen­träger selbst aller­dings für die Charakteristik bild­licher Bezug­nahmen eine tragende Rolle spielt.<ref>Vgl. aber auch die Lemmata [[Bildmorphologie|Bild­morpho­logie]], [[Raum und Geometrie|Raum und Geo­metrie]] und [[Syntaktisch unkorrekte Bilder]].</ref> | ||
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* [[Bild in reflexiver Verwendung]] | |||
* [[Bild, analoges/digitales]] | * [[Bild, analoges/digitales]] | ||
* [[Bildgrammatik]] | * [[Bildgrammatik]] | ||
* [[Bildmorphologie]] | |||
* [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie]] | * [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie]] | ||
* [[Gegenstand]] | * [[Gegenstand]] | ||
* [[Identität bildhafter Zeichen]] | * [[Identität bildhafter Zeichen]] | ||
* [[Ikonologie]] | * [[Ikonologie]] | ||
* [[Künstlerisches Bild und Alltagsbild]] | |||
* [[Morphologie und Syntax]] | * [[Morphologie und Syntax]] | ||
* [[Pragmatik, Semantik, Syntax]] | * [[Pragmatik, Semantik, Syntax]] | ||
* [[Proposition]] | * [[Proposition]] | ||
* [[Raum und Geometrie]] | |||
* [[Referenz, Denotation, Exemplifikation]] | * [[Referenz, Denotation, Exemplifikation]] | ||
* [[Syntaktische Dichte]] | * [[Syntaktische Dichte]] | ||
* [[Syntaktisch unkorrekte Bilder]] | |||
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]] | * [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]] | ||
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr
Unterpunkt zu: Bildsyntax
Materialität im Spiegel des ›material turn‹Spätestens seit den 1980er Jahren ziehen Fragen der Materialität in der geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschung eine besondere Aufmerksamkeit auf sich (vgl. [Gumbrecht & Pfeiffer 1988a]Gumbrecht, Hans Ulrich & Pfeiffer, K. Ludwig (Hg.) (1988): Materialität der Kommunikation. Suhrkamp, Frankfurt/M. Die steigende Beschäftigung mit Fragen der Materialität hat sowohl in klassischen als auch in jüngeren geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen (wenn auch nicht uneingeschränkt) zu einem Perspektivenwechsel geführt. So gibt es in der Kunstgeschichte – jener Disziplin, die traditionell ein Selbstverständnis pflegt, das an hermeneutischen und semiotischen Methoden geschult ist (⊳ Ikonologie) – Bestrebungen, die materiellen Bedingungen künstlerischer Praktiken zu einem Forschungsgegenstand eigenen Rechts zu erklären (vgl. [Wagner 2002a]Wagner, Monika (2002): Das Material der Kunst. Eine andere Geschichte der Moderne. C.H. Beck, München. Speziell in der ästhetischen und bildtheoretischen Forschungsdebatte wird die Hinwendung zu Materialitätsaspekten oft mit einer strengen Abgrenzung von etablierten hermeneutischen und semiotischen Theorieansätzen verknüpft. So wird die Möglichkeit einer komplementären Verflechtung von Theorien der Aisthesis und Semiosis bisweilen strikt negiert (vgl. [Gumbrecht 2004a]Gumbrecht, Hans Ulrich (2004): Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz. Suhrkamp, Frankfurt/M. Materialität aus semiotischer PerspektiveFragen der Materialität spielen in der Semiotik, der ein bildsyntaktischer Analysefokus zuzuordnen ist, bereits auf einer basalen Ebene eine bedeutende Rolle. Insofern die Interpretation eines Zeichens an die Wahrnehmung eines physischen Zeichenträgers gekoppelt ist, sind materielle Faktoren eine notwendige Bedingung des Zeichengebrauchs. Dies gilt zumindest unter der Annahme, dass die menschlichen Wahrnehmungsorgane keine “übersinnlichen Reize”, sondern immer nur physisch gebundene Reize aufnehmen können. Zwar wird in der semiotischen Forschung unter Verweis auf die Peircesche Zeichentheorie ebenso häufig wie zutreffend darauf hingewiesen, dass Zeichenverhältnisse nur dort bestehen können, wo etwas von einem interpretierenden Bewusstsein (Interpretanten) als Zeichen für etwas anderes aufgefasst wird (vgl. [Peirce 1983a]Peirce, Charles S. (1983): Phänomen und Logik der Zeichen. Suhrkamp, Frankfurt/M. Als eigenständiges Forschungsproblem tritt Materialität in der semiotischen Tradition hingegen für gewöhnlich nicht in Erscheinung. Wenn in semiotischen Theoriebildungen über Materialität reflektiert wird, geschieht dies zumeist unter eingeschränkten Voraussetzungen: Materialität ist nicht per se von Belang, sondern nur insoweit, wie sie zur Genese, Übermittlung und Deutung von abstrakten Sinngehalten dienstbar gemacht werden kann. Karl Bühler (1879-1963) hat diese Forschungsperspektive mit dem sogenannten Prinzip der abstraktiven Relevanz prägnant auf den Punkt gebracht. Wie er in seiner «Sprachtheorie» von 1934 deutlich macht, gilt nach seinem Dafürhalten für jedes Zeichen:
Mit diesen Bemerkungen bezieht sich Bühler hauptsächlich auf die menschliche Sprache. Gleichwohl ist in der Geschichte der Semiotik häufig der Versuch unternommen werden, ein Prinzip der abstraktiven Relevanz ebenfalls auf andere Zeichensysteme zu übertragen, darunter nicht zuletzt das Bild. Setzt man voraus, dass Zeichen im Allgemeinen und damit auch Bilder im Besonderen „solche wahrnehmbaren Dinge [sind], die genutzt werden, um daraus Schlüsse auf nicht unmittelbar Wahrnehmbares zu ziehen“ ([Blanke et al. 2005a]Blanke, Börries & Giannone, Antonella & Vaillant, Pascal (2005): Semiotik. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Materialität aus bildsyntaktischer PerspektiveGrundsätzlich lassen sich bildliche Zeichen auf einer syntaktischen, semantischen und pragmatischen Ebene analysieren (vgl. [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln. Materielle Faktoren spielen auf allen Analyseebenen eine gewisse Rolle. So ist die Verwendung und Bedeutung bildlicher Zeichen selbstredend immer auch durch materielle Eigenschaften bedingt. Gleichwohl machen Aspekte des Materiellen auf der Ebene der Syntax wohl den größten Einfluss geltend, und dies vor allem an der Schnittstelle zur semantischen Dimension. So herrscht im Anschluss an Nelson Goodmans Symboltheorie weitgehend Einigkeit darüber, dass bildliche Zeichen solchen Symbolsystemen zuzuordnen sind, die sich auf syntaktischer Ebene im Hinblick auf die Zeicheninventare als nicht-disjunkt sowie nicht-differenziert identifizieren lassen (vgl. [Goodman 1997a]Goodman, Nelson (1997): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M. Die spezielle Bedeutung der Materialität für das Phänomen der Bildlichkeit ergibt sich insofern aus den syntaktischen Besonderheiten bildlicher Zeichensysteme (vgl. [Sachs-Hombach & Winter 2012a]Sachs-Hombach, Klaus & Winter, Hellmut (2012): Funktionen der Materialität von Bildern. In: Finke, M. & Halawa, M. A. (Hg.), Materialität und Bildlichkeit. Visuelle Artefakte zwischen Aisthesis und Semiosis. Kadmos, Berlin. Generell sollte berücksichtigt werden, dass von einer Bildsyntax nicht im Sinne eines kombinatorischen Regelsystems gesprochen werden sollte (vgl. [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln. Siehe auch:
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Anmerkungen
Literatur
[Blanke et al. 2005a]Blanke, Börries & Giannone, Antonella & Vaillant, Pascal (2005): Semiotik. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Bühler 1999a]Bühler, Karl (1999): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Lucius & Lucius, Stuttgart.[Cancik-Kirschbaum 2012a]Cancik-Kirschbaum, Eva (2012): Phänomene von Schriftbildlichkeit in der keilschriftlichen Schreibkultur Mesopotamiens. In: Krämer, S. & Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.[Finke & Halawa 2012a]Finke, Marcel & Halawa, Mark A. (Hg.) (2012): Materialität und Bildlichkeit. Visuelle Artefakte zwischen Aisthesis und Semiosis. Kadmos, Berlin.[Giuriato & Kammer 2006a]Guiriato, Davide & Kammer, Stephan (Hg.) (2006): Bilder der Handschrift. Die graphische Dimension der Literatur. Stroemfeld/Nexus, Frankfurt/M.[Goodman 1997a]Goodman, Nelson (1997): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Gumbrecht & Pfeiffer 1988a]Gumbrecht, Hans Ulrich & Pfeiffer, K. Ludwig (Hg.) (1988): Materialität der Kommunikation. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Gumbrecht 2004a]Gumbrecht, Hans Ulrich (2004): Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Halawa 2009a]Halawa, Mark A. (2009): Widerständigkeit als Quellpunkt der Semiose. Materialität, Präsenz und Ereignis in der Semiotik von C. S. Peirce. Kodikas/Code. Ars Semeiotica. An International Journal of Semiotics, 32, 1.[Halawa 2012a]Halawa, Mark A. (2012): Die Bilderfrage als Machtfrage. Perspektiven einer Kritik des Bildes. Kadmos, Berlin.[Hicks & Beaudry 2010a]Hicks, Dan & Beaudry, Mary C. (Hg.) (2010): The Oxford Handbook of Material Culture Studies. Oxford University Press, Oxford.[Hilgert 2010a]Hilgert, Markus (2010): ‚Text-Anthropologie’: Die Erforschung von Materialität und Präsenz des Geschriebenen als hermeneutische Strategie. Mitteilungen der Deutschen Orientgesellschaft, 142.[Kittler 2003a]Kittler, Friedrich (2003): Aufschreibesysteme 1800/1900. Wilhelm Fink, München.[Krois 1995a]Krois, John Michael (1995): Semiotische Transformation der Philosophie: Verkörperung und Pluralismus bei Cassirer und Peirce. Dialektik, 1.[Krämer 2004b]Krämer, Sybille (2004): Was haben ‘Performativität’ und ‘Medialität’ miteinander zu tun? Plädoyer für eine in der ‘Aisthetisierung’ gründende Konzeption des Performativen. In: Krämer, S. (Hg.), Performativität und Medialität. Wilhelm Fink, München.[Majetschak 2005b]Majetschak, S. (Hg.) (2005): Von der Darstellungsmetaphysik zur Darstellungspragmatik. Eine historisch-systematische Untersuchung von Platon bis Davidson. Fink, München.[Mersch 2002a]Mersch, Dieter (2002): Was sich zeigt. Materialität, Präsenz, Ereignis. Fink, München.[Mersch 2002b]Mersch, Dieter (2002): Ereignis und Aura. Untersuchungen zu einer performativen Ästhetik. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Peirce 1983a]Peirce, Charles S. (1983): Phänomen und Logik der Zeichen. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Rautzenberg 2009a]Rautzenberg, Markus (2009): Die Gegenwendigkeit der Störung. Aspekte einer postmetaphysischen Präsenztheorie. Diaphanes, Zürich/Berlin.[Sachs-Hombach & Winter 2012a]Sachs-Hombach, Klaus & Winter, Hellmut (2012): Funktionen der Materialität von Bildern. In: Finke, M. & Halawa, M. A. (Hg.), Materialität und Bildlichkeit. Visuelle Artefakte zwischen Aisthesis und Semiosis. Kadmos, Berlin.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Wagner 2002a]Wagner, Monika (2002): Das Material der Kunst. Eine andere Geschichte der Moderne. C.H. Beck, München. Ausgabe 1: 2013 Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Mark A. Halawa und Marcel Lemmes — (Hinweis) Zitierhinweis: |