Typographie: Unterschied zwischen den Versionen

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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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==„Wann“ und „Wie“ der Typo&shy;graphie==


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Typographie (griech. ‘τύπογραφία’, ‘typo&shy;graphía’, von [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'#‘Eikon’|‘τύπος’, ‘týpos’]] – ‘Schlag’, ‘Abdruck’, ‘Figur’, ‘Typ’; und ‘γράφειν’, ‘gráfein’ – ‘malen’, ‘schreiben’, ‘ritzen’) bezieht sich auf die Gestal&shy;tung repro&shy;duzier&shy;barer Schrift und auf deren gestal&shy;teri&shy;sche Anwen&shy;dung auf einen Text- oder Text-&#8203;Bild-&#8203;Zusam&shy;menhang. In der aktu&shy;ellen Begriffs&shy;verwen&shy;dung gewinnt neben den sprach&shy;über&shy;mitteln&shy;den, pragma&shy;tischen Zwecken zuneh&shy;mend die ganzheit&shy;liche ästhe&shy;tische Aufga&shy;be der visu&shy;ellen Gestal&shy;tung an Bedeu&shy;tung, durch die dem Text- oder Text-&#8203;Bild-&#8203;Zusam&shy;menhang ein bestimm&shy;ter ästhe&shy;tischer Charak&shy;ter verlie&shy;hen wird. Die zentra&shy;le gestal&shy;teri&shy;sche Aufgabe der Typo&shy;graphie ist demnach, Zweck und Inhalt eines Textwer&shy;kes zu verdeut&shy;lichen. So betrach&shy;tet eignet sich der Ausdruck ‘Typo&shy;graphie’ eher für die Benen&shy;nung des Ordnens und Struktu&shy;rierens der zu gestal&shy;tenden, weil notwen&shy;diger&shy;weise aisthe&shy;tisch wahrge&shy;nomme&shy;nen Fläche als für das bloße Lesbar&shy;machen eines Textes.
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
 
<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->
 
 
 
 
=====Engere Begriffsbestimmung=====


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->


==Gestaltung und Wahrnehmungs&shy;lenkung==
Damit Schrift Inhalte vermitteln kann, muss sie natür&shy;lich zunächst als bedeu&shy;tungsvol&shy;le [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen&shy;kette]] einge&shy;ordnet werden. Dieser Erken&shy;nungsvor&shy;gang scheint eben&shy;so trivial wie unmaß&shy;geblich zu sein, da er in Milli&shy;sekun&shy;den und zudem unbe&shy;wusst stattfin&shy;det. Er umfasst jedoch mehrstu&shy;fige und kogni&shy;tiv komple&shy;xe Bear&shy;beitungs&shy;prozes&shy;se, die kogni&shy;tionspsy&shy;cholo&shy;gisch schwer bestimm&shy;bar, zugleich aber emo&shy;tiv einfluss&shy;reich sind (vgl. <bib id='Wamposzyc 2012a'>Wam&shy;poszyc 2012a</bib>: S. 40ff.).  Durch die Typo&shy;graphie der jewei&shy;ligen Zeichen&shy;kette wird der Erken&shy;nungsvor&shy;gang ordnend gesteu&shy;ert, konno&shy;tativ sele&shy;giert und emo&shy;tiv gelei&shy;tet. Dadurch durch&shy;bricht die Typo&shy;graphie die line&shy;are Indif&shy;ferenz der Schrift&shy;ordnung durch ein Netz von hierar&shy;chisch geord&shy;neten, nichtli&shy;nearen visu&shy;ellen Attrak&shy;toren.
:
Die typographische Wahrnehmungs&shy;lenkung orien&shy;tiert sich an der zeitli&shy;chen Wahrneh&shy;mungs&shy;ebene der Lese&shy;richtung. Empi&shy;rische Unter&shy;suchun&shy;gen zeigen, dass auf dieser diachron-&#8203;linea&shy;ren Grundla&shy;ge die [[Aufmerksamkeit|Aufmerk&shy;samkeit]] des Betrach&shy;ters/&#8203;Lesers bei der Rezep&shy;tion einer typo&shy;graphisch gestal&shy;teten komple&shy;xen Mittei&shy;lungsein&shy;heit vom Großen zum Kleinen, vom Fetten zum Mage&shy;ren sowie vom Bunten zum Schwarz-&#8203;Weißen gelenkt wird (vgl. <bib id='Johnson & Prijatel 1999a'>Johnson & Prija&shy;tel 1999a</bib>: S. 222f.). Erst im Zusam&shy;menspiel dieser Oppo&shy;sitions&shy;paare entsteht eine geschlos&shy;sen-&#8203;synchro&shy;ne Wahrneh&shy;mungsganz&shy;heit der Schriftbild&shy;lichkeit der Typo&shy;graphie. Sie richtet sich dabei nach dem über&shy;geord&shy;neten Prinzip des visu&shy;ellen Kontras&shy;tes und folglich ist der gestal&shy;teri&shy;sche Einsatz von Propor&shy;tionen, Rhythmen und Harmo&shy;nien für die spezi&shy;fisch emo&shy;tive Wahrneh&shy;mungssteu&shy;erung von heraus&shy;ragen&shy;der Bedeu&shy;tung. So betrach&shy;tet, übernimmt die Typo&shy;graphie die Aufga&shy;be der visu&shy;ellen Diffe&shy;renzie&shy;rung der Mittei&shy;lungsge&shy;samtheit durch den Einsatz eines komple&shy;xen Wechsel&shy;spiels kontras&shy;tieren&shy;der schriftbild&shy;licher Mittel. Die basa&shy;len Gestal&shy;tungspa&shy;rame&shy;ter des Schrift-&#8203;Bilds können dabei beschrie&shy;ben werden als: (a) Schrift&shy;art, (b) Schrift&shy;größe, (c) Schrift&shy;schnitte, (d) Schrift&shy;ausrich&shy;tung, (e) Schrift&shy;farbe, (f) Lauf&shy;weite, (g) Zeilen&shy;breite, (h) Zeilen&shy;abstand, (i) Raster.<ref>Vgl. hier&shy;zu ins&shy;be&shy;son&shy;de&shy;re <bib id='Gerstner 1985a'>Gerst&shy;ner 1985a</bib>, <bib id='Wehde 2000a'>Weh&shy;de 2000a</bib>, des Wei&shy;te&shy;ren <bib id='Stöckl 2004a'>Stöckl 2004a</bib>.</ref>
:
Das Regelwerk der Typographie mit seinen Einschrän&shy;kungen der gestal&shy;teri&shy;schen Spielräu&shy;me spornt immer wieder die typo&shy;graphi&shy;sche Kreati&shy;vität an. So fordern z.B. die festge&shy;setzten Regeln zur opti&shy;schen Gliede&shy;rung der Buchsta&shy;ben, die der [http://www.myfonts.com/fonts/fontfont/ff-you-can-read-me/ Notwen&shy;digkeit der Erkenn&shy;barkeit] geschul&shy;det sind, immer wieder dazu heraus, die mit ihnen einher&shy;gehen&shy;den Beschrän&shy;kungen gestal&shy;terisch zu über&shy;winden.<ref>Vgl. <bib id='Hofstadter 1982a'>Hof&shy;stad&shy;ter 1982a</bib>: S. 17f. Des Wei&shy;te&shy;ren sie&shy;he auch die Am&shy;bi&shy;gram&shy;me des Au&shy;tors <bib id='Hofstadter 1988a'>Hof&shy;stad&shy;ter 1988a</bib>: S. 286f.</ref> Die visu&shy;ellen Darstel&shy;lungsfor&shy;men können in fast unbe&shy;grenzter Vari&shy;ation immer neu reali&shy;siert werden, solange die grundle&shy;gende Struktur zwischen den wahrge&shy;nomme&shy;nen Ele&shy;menten erhal&shy;ten bleibt. In Verbin&shy;dung mit den Ideen des Dekon&shy;strukti&shy;vismus und der Postmo&shy;derne führt dies vieler&shy;orts zum Bruch mit funda&shy;menta&shy;len Konven&shy;tionen in Bezug auf die Lesbar&shy;keit des Textes.<ref>Der De&shy;sign&shy;kri&shy;ti&shy;ker Rick Poy&shy;nor deu&shy;tet sie als ei&shy;ne lang fäl&shy;li&shy;ge Ge&shy;gen&shy;re&shy;ak&shy;ti&shy;on auf ein kon&shy;ser&shy;va&shy;ti&shy;ves Be&shy;har&shy;ren auf die Dog&shy;men der ty&shy;po&shy;gra&shy;phi&shy;schen Früh&shy;mo&shy;der&shy;ne und cha&shy;rak&shy;te&shy;ri&shy;siert sie als „[...] the main&shy;stream&shy;ing of ex&shy;per&shy;i&shy;men&shy;tal ap&shy;proach&shy;es to ty&shy;pog&shy;ra&shy;phy“ (<bib id='Poynor & Booth-Clibborn 1996a'>Poy&shy;nor & Booth-&#8203;Clib&shy;born 1996a</bib>: S. 6).</ref>


=====optional Beispiele=====


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==Konstruktion und Klassifi&shy;kation==


Der einzelner Buchstabe ist aus dieser Warte zuerst einmal als bloße Form, oder genau&shy;er als Kontrast&shy;bildung auf der Grundla&shy;ge der Konzi&shy;pierung der Auftrags&shy;fläche als einer gewis&shy;serma&shy;ßen unde&shy;finier&shy;ten, idea&shy;lischen Nega&shy;tivform zu betrach&shy;ten (⊳ [[Figur/Grund-Differenzierung|Figur/&#8203;Grund-&#8203;Diffe&shy;renzie&shy;rung]]). Zentra&shy;les Anlie&shy;gen der Konstruk&shy;tion der Buchsta&shy;ben ist es, opti&shy;male visu&shy;elle Propor&shy;tionen herzu&shy;stellen. Die [http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/17139/131/cache.off Großbuch&shy;staben] – Versa&shy;lien oder Majus&shy;keln genannt – sind aus den geome&shy;trischen Formen des Dreiecks, des Rechtecks und des Kreises aufge&shy;baut (vgl. <bib id='Luidl 1971a'>Luidl 1971a</bib>: S. 24f.).  Zusätz&shy;liche Spannung und Diffe&shy;renzie&shy;rung wird durch einge&shy;fügte Asym&shy;metrien erzeugt. Die Grundfor&shy;men der Buchsta&shy;ben, die deren Duktus bestim&shy;men, entste&shy;hen aus der Diffe&shy;renz von verti&shy;kalen und hori&shy;zonta&shy;len Strichen. Die Form bildet gemein&shy;sam mit ihrer Nega&shy;tivform die Grundstruk&shy;tur oder das “Skelett der Buch&shy;staben”<ref>Vom ‘Ske&shy;lett der Buch&shy;sta&shy;ben’ spricht zu&shy;erst <bib id='Tschichold 1932a'>Tschi&shy;chold 1932a</bib>: S. 104.</ref>, das deren Ausrich&shy;tung auf der Fläche vorgibt.
:
Der bis heute nicht aufge&shy;funde&shy;ne “heili&shy;ge Gral” der Typo&shy;graphie ist zweifels&shy;ohne die einheit&shy;liche Klassi&shy;fizie&shy;rung der Schrift&shy;arten. Erste Ansät&shy;ze hierzu sind aus der Anfangs&shy;zeit der Buchdruck&shy;kunst über&shy;liefert (vgl. <bib id='Giesecke 2006a'>Gie&shy;secke 2006a</bib>: S. 142ff.), die aktu&shy;ellsten kann man on&shy;line in typo&shy;graphi&shy;schen Diskus&shy;sionsfo&shy;ren abru&shy;fen.<ref>Ent&shy;spre&shy;chend on&shy;li&shy;ne [http://www.typosuche.de/01_index_serif.php «Ty&shy;po&shy;su&shy;che»] (Zu&shy;griff: 11.04.2011).</ref> Das Problem dabei ist die seit der Compu&shy;terre&shy;volu&shy;tion expo&shy;nentiell anstei&shy;gende Zunah&shy;me von Schriftfor&shy;men. Die Vielfalt der heute benutz&shy;ten Schriftar&shy;ten erschwert nicht nur deren Klassi&shy;fika&shy;tion, sondern auch deren Charak&shy;teri&shy;sierung sowie eine eindeu&shy;tige Iden&shy;tifi&shy;kation. Beschränk&shy;ten sich die Schriftschnit&shy;te des 18. Jahrhun&shy;derts noch auf normal, ''kursiv'' und '''fett''', so weist z.B. die [http://typophile.com/files/univers-matrix-39-to-83_4101.jpg «Uni&shy;vers»] von Adrian Fruti&shy;ger aus dem Jahr 1957 schon 21 Schnittva&shy;rianten auf, die in einer neuen, nume&shy;rischen Klassi&shy;fika&shy;tion ange&shy;ordnet wurden.


=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
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* [[Aufmerksamkeit]]
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* [[Figur/Grund-Differenzierung]]
* [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'|Griechisch: ‘agalma’, ‘phantasma’, ‘eidolon’, ‘typos’, ‘eikon’]]
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]]


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''Ausgabe 1: 2013''
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* [[Benutzer: Michael Wamposzyc|Wamposzyc, Michael ]]
 
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* [[Benutzer:Elisabeth Birk|Birk, Elisabeth]]
* [[Benutzer:Rainer Totzke|Totzke, Rainer]]
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<!--Das war's-->
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Aktuelle Version vom 22. Januar 2024, 13:53 Uhr

Unterpunkt zu: Schriftbildlichkeit


„Wann“ und „Wie“ der Typo­graphie

Typographie (griech. ‘τύπογραφία’, ‘typo­graphía’, von ‘τύπος’, ‘týpos’ – ‘Schlag’, ‘Abdruck’, ‘Figur’, ‘Typ’; und ‘γράφειν’, ‘gráfein’ – ‘malen’, ‘schreiben’, ‘ritzen’) bezieht sich auf die Gestal­tung repro­duzier­barer Schrift und auf deren gestal­teri­sche Anwen­dung auf einen Text- oder Text-​Bild-​Zusam­menhang. In der aktu­ellen Begriffs­verwen­dung gewinnt neben den sprach­über­mitteln­den, pragma­tischen Zwecken zuneh­mend die ganzheit­liche ästhe­tische Aufga­be der visu­ellen Gestal­tung an Bedeu­tung, durch die dem Text- oder Text-​Bild-​Zusam­menhang ein bestimm­ter ästhe­tischer Charak­ter verlie­hen wird. Die zentra­le gestal­teri­sche Aufgabe der Typo­graphie ist demnach, Zweck und Inhalt eines Textwer­kes zu verdeut­lichen. So betrach­tet eignet sich der Ausdruck ‘Typo­graphie’ eher für die Benen­nung des Ordnens und Struktu­rierens der zu gestal­tenden, weil notwen­diger­weise aisthe­tisch wahrge­nomme­nen Fläche als für das bloße Lesbar­machen eines Textes.


Gestaltung und Wahrnehmungs­lenkung

Damit Schrift Inhalte vermitteln kann, muss sie natür­lich zunächst als bedeu­tungsvol­le Zeichen­kette einge­ordnet werden. Dieser Erken­nungsvor­gang scheint eben­so trivial wie unmaß­geblich zu sein, da er in Milli­sekun­den und zudem unbe­wusst stattfin­det. Er umfasst jedoch mehrstu­fige und kogni­tiv komple­xe Bear­beitungs­prozes­se, die kogni­tionspsy­cholo­gisch schwer bestimm­bar, zugleich aber emo­tiv einfluss­reich sind (vgl. [Wamposzyc 2012a]Wamposzyc, Michael (2012): Das Gesicht der Zeitschrift. Typographie und visuelle Darstellungsformen von Titelblättern am Beispiel des​ «Spiegel»​ und der​ «Polityka». Universität Potsdam, Potsdam.
Notiz: Dissertationsschrift
: S. 40ff.). Durch die Typo­graphie der jewei­ligen Zeichen­kette wird der Erken­nungsvor­gang ordnend gesteu­ert, konno­tativ sele­giert und emo­tiv gelei­tet. Dadurch durch­bricht die Typo­graphie die line­are Indif­ferenz der Schrift­ordnung durch ein Netz von hierar­chisch geord­neten, nichtli­nearen visu­ellen Attrak­toren.

Die typographische Wahrnehmungs­lenkung orien­tiert sich an der zeitli­chen Wahrneh­mungs­ebene der Lese­richtung. Empi­rische Unter­suchun­gen zeigen, dass auf dieser diachron-​linea­ren Grundla­ge die Aufmerk­samkeit des Betrach­ters/​Lesers bei der Rezep­tion einer typo­graphisch gestal­teten komple­xen Mittei­lungsein­heit vom Großen zum Kleinen, vom Fetten zum Mage­ren sowie vom Bunten zum Schwarz-​Weißen gelenkt wird (vgl. [Johnson & Prijatel 1999a]Johnson, Sammye & Prijatel, Patricia (1999): The Magazine From Cover To Cover: Inside a Dynamic Industry. NTC, Lincolnwood.
: S. 222f.). Erst im Zusam­menspiel dieser Oppo­sitions­paare entsteht eine geschlos­sen-​synchro­ne Wahrneh­mungsganz­heit der Schriftbild­lichkeit der Typo­graphie. Sie richtet sich dabei nach dem über­geord­neten Prinzip des visu­ellen Kontras­tes und folglich ist der gestal­teri­sche Einsatz von Propor­tionen, Rhythmen und Harmo­nien für die spezi­fisch emo­tive Wahrneh­mungssteu­erung von heraus­ragen­der Bedeu­tung. So betrach­tet, übernimmt die Typo­graphie die Aufga­be der visu­ellen Diffe­renzie­rung der Mittei­lungsge­samtheit durch den Einsatz eines komple­xen Wechsel­spiels kontras­tieren­der schriftbild­licher Mittel. Die basa­len Gestal­tungspa­rame­ter des Schrift-​Bilds können dabei beschrie­ben werden als: (a) Schrift­art, (b) Schrift­größe, (c) Schrift­schnitte, (d) Schrift­ausrich­tung, (e) Schrift­farbe, (f) Lauf­weite, (g) Zeilen­breite, (h) Zeilen­abstand, (i) Raster.[1]

Das Regelwerk der Typographie mit seinen Einschrän­kungen der gestal­teri­schen Spielräu­me spornt immer wieder die typo­graphi­sche Kreati­vität an. So fordern z.B. die festge­setzten Regeln zur opti­schen Gliede­rung der Buchsta­ben, die der Notwen­digkeit der Erkenn­barkeit geschul­det sind, immer wieder dazu heraus, die mit ihnen einher­gehen­den Beschrän­kungen gestal­terisch zu über­winden.[2] Die visu­ellen Darstel­lungsfor­men können in fast unbe­grenzter Vari­ation immer neu reali­siert werden, solange die grundle­gende Struktur zwischen den wahrge­nomme­nen Ele­menten erhal­ten bleibt. In Verbin­dung mit den Ideen des Dekon­strukti­vismus und der Postmo­derne führt dies vieler­orts zum Bruch mit funda­menta­len Konven­tionen in Bezug auf die Lesbar­keit des Textes.[3]


Konstruktion und Klassifi­kation

Der einzelner Buchstabe ist aus dieser Warte zuerst einmal als bloße Form, oder genau­er als Kontrast­bildung auf der Grundla­ge der Konzi­pierung der Auftrags­fläche als einer gewis­serma­ßen unde­finier­ten, idea­lischen Nega­tivform zu betrach­ten (⊳ Figur/​Grund-​Diffe­renzie­rung). Zentra­les Anlie­gen der Konstruk­tion der Buchsta­ben ist es, opti­male visu­elle Propor­tionen herzu­stellen. Die Großbuch­staben – Versa­lien oder Majus­keln genannt – sind aus den geome­trischen Formen des Dreiecks, des Rechtecks und des Kreises aufge­baut (vgl. [Luidl 1971a]Luidl, Philipp (1971): Typografie neu. Kohlhammer, Stuttgart.
: S. 24f.). Zusätz­liche Spannung und Diffe­renzie­rung wird durch einge­fügte Asym­metrien erzeugt. Die Grundfor­men der Buchsta­ben, die deren Duktus bestim­men, entste­hen aus der Diffe­renz von verti­kalen und hori­zonta­len Strichen. Die Form bildet gemein­sam mit ihrer Nega­tivform die Grundstruk­tur oder das “Skelett der Buch­staben”[4], das deren Ausrich­tung auf der Fläche vorgibt.

Der bis heute nicht aufge­funde­ne “heili­ge Gral” der Typo­graphie ist zweifels­ohne die einheit­liche Klassi­fizie­rung der Schrift­arten. Erste Ansät­ze hierzu sind aus der Anfangs­zeit der Buchdruck­kunst über­liefert (vgl. [Giesecke 2006a]Giesecke, Michael (2006): Der Buchdruck in der frühen Neuzeit: Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 142ff.), die aktu­ellsten kann man on­line in typo­graphi­schen Diskus­sionsfo­ren abru­fen.[5] Das Problem dabei ist die seit der Compu­terre­volu­tion expo­nentiell anstei­gende Zunah­me von Schriftfor­men. Die Vielfalt der heute benutz­ten Schriftar­ten erschwert nicht nur deren Klassi­fika­tion, sondern auch deren Charak­teri­sierung sowie eine eindeu­tige Iden­tifi­kation. Beschränk­ten sich die Schriftschnit­te des 18. Jahrhun­derts noch auf normal, kursiv und fett, so weist z.B. die «Uni­vers» von Adrian Fruti­ger aus dem Jahr 1957 schon 21 Schnittva­rianten auf, die in einer neuen, nume­rischen Klassi­fika­tion ange­ordnet wurden.

Anmerkungen
  1. ↑ Vgl. hier­zu ins­be­son­de­re [Gerstner 1985a]Gerstner, Karl (1985): Kompendium für Alphabeten. Niggli, Teufen.
    , [Wehde 2000a]Wehde, Susanne (2000): Typographische Kultur. Niemeyer, Tübingen.
    , des Wei­te­ren [Stöckl 2004a]Stöckl, Hartmut (2004): Die Sprache im Bild – Das Bild in der Sprache. Zur Verknüpfung von Sprache und Bild im massenmedialen Text. de Gruyter, Berlin.
    .
  2. ↑ Vgl. [Hofstadter 1982a]Hofstadter, Douglas R. (1982): Metafont, Metamathematics, and Metaphysics. Indiana University, Indiana.
    Notiz: Technical Report No.136
    : S. 17f. Des Wei­te­ren sie­he auch die Am­bi­gram­me des Au­tors [Hofstadter 1988a]Hofstadter, Douglas R. (1988): Metamagicum: Fragen nach der Essenz von Geist und Struktur. Klett-Cotta, Stuttgart.
    : S. 286f.
  3. ↑ Der De­sign­kri­ti­ker Rick Poy­nor deu­tet sie als ei­ne lang fäl­li­ge Ge­gen­re­ak­ti­on auf ein kon­ser­va­ti­ves Be­har­ren auf die Dog­men der ty­po­gra­phi­schen Früh­mo­der­ne und cha­rak­te­ri­siert sie als „[...] the main­stream­ing of ex­per­i­men­tal ap­proach­es to ty­pog­ra­phy“ ([Poynor & Booth-Clibborn 1996a]Poynor, Rick & Booth-Clibborn, Edward (1996): Typography Now 2 – Implosion. North Light Books, London.
    : S. 6).
  4. ↑ Vom ‘Ske­lett der Buch­sta­ben’ spricht zu­erst [Tschichold 1932a]Tschichold, Jan (1991): Wo stehen wir heute (1932). In: Bose, G. & Brinkmann, E. (Hg.), Tschichold, Jan. Schriften 1925-1974, Bd.1. Brinkmann & Bose, Berlin.
    : S. 104.
  5. ↑ Ent­spre­chend on­li­ne «Ty­po­su­che» (Zu­griff: 11.04.2011).
Literatur
[Gerstner 1985a]Gerstner, Karl (1985): Kompendium für Alphabeten. Niggli, Teufen.[Giesecke 2006a]Giesecke, Michael (2006): Der Buchdruck in der frühen Neuzeit: Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Hofstadter 1982a]Hofstadter, Douglas R. (1982): Metafont, Metamathematics, and Metaphysics. Indiana University, Indiana.[Hofstadter 1988a]Hofstadter, Douglas R. (1988): Metamagicum: Fragen nach der Essenz von Geist und Struktur. Klett-Cotta, Stuttgart.[Johnson & Prijatel 1999a]Johnson, Sammye & Prijatel, Patricia (1999): The Magazine From Cover To Cover: Inside a Dynamic Industry. NTC, Lincolnwood.[Luidl 1971a]Luidl, Philipp (1971): Typografie neu. Kohlhammer, Stuttgart.[Poynor & Booth-Clibborn 1996a]Poynor, Rick & Booth-Clibborn, Edward (1996): Typography Now 2 – Implosion. North Light Books, London.[Stöckl 2004a]Stöckl, Hartmut (2004): Die Sprache im Bild – Das Bild in der Sprache. Zur Verknüpfung von Sprache und Bild im massenmedialen Text. de Gruyter, Berlin.[Tschichold 1932a]Tschichold, Jan (1991): Wo stehen wir heute (1932). In: Bose, G. & Brinkmann, E. (Hg.), Tschichold, Jan. Schriften 1925-1974, Bd.1. Brinkmann & Bose, Berlin.[Wamposzyc 2012a]Wamposzyc, Michael (2012): Das Gesicht der Zeitschrift. Typographie und visuelle Darstellungsformen von Titelblättern am Beispiel des​ «Spiegel»​ und der​ «Polityka». Universität Potsdam, Potsdam.[Wehde 2000a]Wehde, Susanne (2000): Typographische Kultur. Niemeyer, Tübingen.

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Zitierhinweis:

Wamposzyc, Michael (2013). Typographie. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Typographie].